Bildquelle (bear­beit­et)

22 V

Das Licht aus Weltenweiten,

Im Innern lebt es kräftig fort:

Es wird zum Seelenlichte

Und leuchtet in die Geistestiefen,

Um Früchte zu entbinden,

Die Men­schenselb­st aus Weltenselbst

Im Zeit­en­laufe reifen lassen.

Um welches Licht handelt es sich beim “Licht aus Weltenweiten”?

Vier Mantren han­deln im See­lenkalen­der vom Licht, weshalb sie Licht­sprüche genan­nt wer­den. Es sind neben 22 V, dem jet­zi­gen: 5 E, 31 e und 48 w. Auf der Seite der absteigen­den Sonne im Jahreskreis beschreiben die Mantren (22 V und 31 e) jew­eils eine Lichtquelle, auf der Seite der auf­steigen­den Sonne (48 w und 5 E) das Beleuchtete. Im Mantra 22 V kommt das Licht aus Wel­tenweit­en, im Mantra 31 e aus Geistestiefen.

Was ist das für ein Licht, das aus Wel­tenweit­en kommt? Aus welch­er Quelle strömt dieses Licht? Es kommt aus dem ganzen Umkreis und strömt auf die Erde. Denke ich mir die Sonnene­in­strahlung auf die Erde durch einen ganzen Jahres­lauf, denke ich mir, wie die Sonne Tag für Tag von einem etwas anderen Punkt des Tierkreis­es ihr Licht der Erde schenkt, so gewinne ich ein Bild vom Licht aus Weltenweiten.

Die Wel­tenweit­en bilden im Erleben zum physich-Irdis­chen einen Gegen­satz. Mit den Wel­tenweit­en ist deshalb wohl eher das Imma­terielle, das Geistige gemeint. Das Licht aus Wel­tenweit­en ist ein geistiges Licht. Rudolf Stein­er beschreibt solch eine Ein­strahlung. Sie geschieht jede Nacht für den schlafend­en Men­schen: “Da ist es so, daß wenn wir hier die Gehirn‑, hier die Herzge­gend hät­ten, so würde für den okkul­ten Beobachter eine fortwährende Strö­mung von außen here­in, auch von rück­wärts here­in zum Herzen wahrnehm­bar sein. Diese Strö­mungen aber, die beim schlafend­en Men­schen von draußen, vom Wel­tenraum, aus dem Makrokos­mos in das Innere dessen, was da im Bette liegt als physis­ch­er und Äther­leib, here­in­strö­men, die stellen, wenn man sie unter­sucht, in der Tat etwas sehr Merk­würdi­ges dar. Diese Strahlen sind recht ver­schieden bei den ver­schiede­nen Menschen. …

In der Tat ist es so, daß sich im hohen Grade die moralis­chen Qual­itäten zeigen in der eige­nar­ti­gen Fär­bung dessen, was beim Schlafe in ihn ein­strömt, so daß der Men­sch, der niedere moralis­che Grund­sätze hat, eine ganz andere Strö­mung hat als ein Men­sch mit hohen Grund­sätzen. Da nützt es nichts, sich bei Tag zu ver­stellen. Den höheren Wel­ten­mächt­en gegenüber kann man sich nicht ver­stellen. Es ist so, daß in einem, der nur ganz leise Nei­gung hat zu nicht ganz moralis­chen Grund­sätzen, fortwährend ein­strö­men so bräun­lichrote und aller­lei son­stige nach dem Rot­bräun­lichen hin­neigende Strahlun­gen. Und lila-vio­lette Strahlun­gen treten auf bei den­jeni­gen, die hohe moralis­che Ide­ale haben.” (Lit.:GA 130, S. 89f)

Das Licht aus Wel­tenweit­en ist das Licht, das ins­beson­dere unser moralis­ches See­len­leben aus­macht, das Astrallicht.

Das Mantra 22 V ste­ht wie alle Licht­sprüche in der beschreiben­den drit­ten Per­son. Es gibt keinen bewussten Ich-Sprech­er, wie in den Krisen- und Zwis­chen­sprüchen. Das, was hier geschildert wird, geschieht ohne bewussten Mitvol­lzug des Men­schen. Das Geschehen hat einen unper­sön­lichen, objek­tiv­en Charak­ter. Was im Krisen­spruch 20 T von mir gewollt zuge­lassen wer­den musste, emp­fange ich nun als Geschenk, unbewusst.

Was wird im Mantra 22 V sichtbar?

Das Licht kommt aus Wel­tenweit­en, aus dem Umkreis, von außen, aus allen Rich­tun­gen und strahlt ins Zen­trum. Es lebt im Innern. Das Licht ist Wesen­haft, es lebt. Es lebt kräftig. Das Licht wird zum Seelenlicht.

Die Worte “lebt” “kräftig” und “See­len­lichte” lassen die Beze­ich­nun­gen der drei ober­sten Regio­nen der Astral­welt anklin­gen. Diese Astral­welt ist laut Rudolf Stein­er in sieben Regio­nen gegliedert, die die Seele in auf­steigen­der Rei­hen­folge, sich Stufe um Stufe läuternd, nach dem Tod durch­schre­it­et. Die an die Erde gebun­de­nen Begier­den und die in der Seele lebende Antipathie muss hier immer umfassender über­wun­den wer­den. Die drei ober­sten Regio­nen heißen in absteigen­der Rei­hen­folge: Region des See­lenlebens, Region der täti­gen See­lenkraft und Region des See­len­lichtes. Nach mein­er Auf­fas­sung ergibt sich dem­nach eine Ver­wand­lung dieses Licht­es, das den Wel­tenweit­en entstammt. Es trans­formiert sich in drei aufeinan­der fol­gen­den Stufen, indem es die drei Regio­nen der Astral­welt durch­misst. In der Region des See­len­licht­es erleben wir es als solches.

Um das, was mit dem See­len­licht im Mantra gemeint ist, klar­er erfassen zu kön­nen, sollen Rudolf Stein­ers Mit­telun­gen über die nach­todlichen Lern­prozesse in der Region des See­len­licht­es ein­be­zo­gen wer­den. „Die fün­fte Stufe der See­len­welt ist die des See­len­licht­es. Die Sym­pa­thie mit anderem hat in ihr bere­its eine hohe Gel­tung. Mit ihr sind die See­len ver­wandt, insofern sie während des physis­chen Lebens nicht in der Befriedi­gung nieder­er Bedürfnisse aufge­gan­gen sind, son­dern Freude, Lust an ihrer Umwelt gehabt haben. Die Naturschwärmerei, insofern sie einen sinnlichen Charak­ter an sich getra­gen hat, unter­liegt zum Beispiel hier der Läuterung. … ihre Seele ist … [noch] auf die Sin­nen­welt gerichtet und muß durch die in der fün­ften Region der seel­is­chen Welt herrschende Kraft der Sym­pa­thie, der diese äußeren Befriedi­gungsmit­tel fehlen, geheilt wer­den. Die Seele erken­nt hier allmäh­lich, daß diese Sym­pa­thie andere Wege nehmen muß. Und diese Wege wer­den gefun­den in der durch die Sym­pa­thie mit der See­lenumge­bung bewirk­ten Aus­gießung der Seele in den See­len­raum.” (Lit.:GA 9, S. 116f) .

“In den höheren Regio­nen herrscht freies Hin­strahlen, Ergießen. (Mit Recht beze­ich­net man das Wesen dieses Gebi­etes als ein «Hin­strahlen», denn die Sym­pa­thie, welche entwick­elt wird, wirkt so, daß man als Sinnbild dafür den Aus­druck gebrauchen kann, der von der Wirkung des Licht­es genom­men ist.) Wie eine Pflanze im Keller verküm­mert, so die See­lenge­bilde ohne die sie beleben­den See­len-Stoffe der höheren Regio­nen. See­len­licht, tätige See­lenkraft und das eigentliche See­len­leben im engeren Sinne gehören diesen Regio­nen an und teilen sich von hier aus den See­len­we­sen mit.“ (Lit.:GA 9, S. 102f)

Das See­len­licht in sein­er reinen, ide­alen Form zeigt sich dadurch als ausstrahlende Sym­pa­thie. Heute wür­den wir vielle­icht auch Hingabe sagen. Das See­len­licht erlebe ich als mein sich hingeben­des Bewusst­sein. Das heißt, ich erlebe ine Bewusst­sein, micht beseelt ein Bewusst­sein, das keine Antipathie mehr benötigt, um sich sein­er gewahr zu wer­den. Ein Bewusst­sein, dass die Wahrnehmung ohne Vorurteil aufn­immt und dadurch durch den physis­chen Schein hin­durch­schauen kann.

Die näch­ste Zeile schließt mit einem “Und” an. Es ist ein Zweites, was nun geschildert wird. Das annehmende, sich ver­schenk­ende See­len­licht leuchtet in die Geis­testiefen. Hier sind nicht die See­len­tiefen gemeint, mein Unter­be­wusst­sein. Die Geis­testiefen kann ich ver­ste­hen als die Grund­lage der geisti­gen Struk­turen und Geset­ze, die hin­ter allen Erschei­n­un­gen ste­hen. Nichts auf der Welt ist ohne diese Ord­nung. Jede Blüte ist auf eine ganz bes­timmte Art gebildet und jed­er Kristall. Wir wür­den mit unserem Intellekt nichts zum Ver­ste­hen find­en, wäre die Welt nicht durch­drun­gen von Regelmäßigkeit und inner­er Ord­nung. In diese Geis­testiefen leuchtet das See­len­licht. Es hat dort ein Ziel. Die Weisheit, die hin­ter allen Erschei­n­un­gen ste­ht, will von der Seele errun­gen werden.

Es entste­ht das Bild eines Licht­strahls, der in einen tiefen Brun­nen fällt, in die Dunkel­heit, in den Schoß der Erde. Dort unten aus den Geis­testiefen, wo die geisti­gen Geset­ze in ihrer Wirk­samkeit zu find­en sind, wird etwas bewirkt durch das See­len­licht. Das See­len­licht leuchtet in die Geis­testiefen, um Früchte zu ent­binden. Eine Ent­bindung ist eine Geburt. Die Früchte sollen her­aus­gelöst wer­den aus ihrem Zusam­men­hang, der sie wach­sen ließ. Sie sollen, wenn sie reif sind, geboren wer­den durch das Licht.

Um welche Früchte wird es sich hier han­deln? Wie oben schon erwäh­nt, ist das zum einen alle Weisheit, alles Ver­ständ­nis, das der Men­sch sich auf Erden errin­gen kann. Dieses See­len­licht, das aus Wel­tenweit­en kam, ist jedoch nicht nur das Licht unseres Ver­standes. Es ist viel mehr. Es ist unser Lebenslicht, das Licht unser­er füh­lend leben­den und han­del­nden Seele. Zum anderen han­delt es sich bei den Frücht­en deshalb auch um alle moralis­chen Werte, die der Men­sch errin­gen kann.

Als han­del­nde Wesen müssen wir im Leben die vielfältig­sten Entschei­dun­gen tre­f­fen. Oft ist es alles andere als ein­deutig, was das Beste oder das Richtige ist. Wir lassen uns durch unsere indi­vidu­ellen Norm- und Moralvorstel­lun­gen leit­en, streben mehr oder weniger nach dem eige­nen Vorteil. An den viel­er­lei Ver­suchun­gen, denen die Seele im Laufe des Lebens aus­ge­set­zt ist, sollen ihre Tugen­den her­an­reifen. Diese Tugen­den betra­chte ich als die weit­eren Früchte, die ent­bun­den, indi­vidu­ell im Men­schen her­aus­ge­bildet wer­den sollen.

Wir kön­nen heute nicht­mehr nach tradierten Moralvorstel­lun­gen leben. Jede Norm, jed­er Anspruch an sich sel­ber muss durch­fühlt und indi­vid­u­al­isiert wer­den. Jed­er muss sich seine eige­nen Wert­maßstäbe schaf­fen. In den eige­nen Geis­testiefen muss die Moral wurzeln. Indi­vidu­ell gelebte Tugen­den sind reife Früchte der Entwicklung.

Aus vorchristlich­er Zeit sind die Tugen­den Gerechtigkeit, Maßhal­ten, Mut und Weisheit über­liefert. Glaube, Liebe und Hoff­nung sind die drei großen christlichen Tugen­den. Ich erlebe auch Dankbarkeit, Geduld, Acht­samkeit, Fokussiertheit, Ver­trauen und Hingabe als Tugen­den. Die Liste lässt sich ergänzen.

Rudolf Stein­er benen­nt die sieben klas­sis­chen Tugen­den als Entwick­lungsauf­gaben des Men­schen für die ganze Erden­zeit. Um ein plas­tis­cheres Bild dieser bedeut­samen Entwick­lungsziele zu erhal­ten, füge ich ein län­geres Zitat ein:

„Es sind ganz bes­timmte Auf­gaben, welche das men­schliche Selb­st zu übernehmen und durchzuführen hat inner­halb sein­er Erden­pil­ger­schaft. Der Men­sch hat bes­timmte Tugen­den auszu­bilden, die er nicht außer­halb der Erden­pil­ger­schaft aus­bilden kann. Sieben solch­er Tugen­den sind es. Mit den Anla­gen zu diesen Tugen­den kam der Men­sch auf die Erde, und am Ende sein­er Erden­pil­ger­schaft soll er diese sieben Tugen­den voll entwick­elt haben…

Die Anla­gen zu sieben solch­er Tugen­den liegen im Men­schen bei sein­er ersten Verkör­pe­rung. Nach Mil­lio­nen von Jahren wird er wieder hin­ausziehen aus sein­er Erden­pil­ger­schaft, und diese Anla­gen wer­den dann zu Tugen­den aus­ge­bildet sein. Er wird dann diese Fähigkeit­en ver­wen­den kön­nen in ein­er zukün­fti­gen plan­e­tarischen Entwick­lung. Diese sieben Tugen­den sind:

  1. Gerechtigkeit
  2. Urteilsen­thalt­samkeit
  3. Stark­mut
  4. Klugheit

Das sind die vier niederen Tugen­den. Die Klugheit faßt alles das zusam­men, was uns befähigt, über unsere irdis­chen Ver­hält­nisse ein Urteil zu fällen und dadurch selb­st einzu­greifen in den Gang der irdis­chen Ver­hält­nisse. Durch das Sich-Erar­beit­en dieser Fähigkeit­en gewin­nt der Men­sch die Kraft, durch die er kraftvoll und führend in die Welt ein­greifen kann. Die drei höheren Tugen­den sind:

  • Glaube
  • Hoff­nung
  • Liebe.

Goethe hat es aus­ge­drückt mit den Worten: «Alles Vergängliche ist nur ein Gle­ich­nis». Wenn der Men­sch in allem, was er sehen und hören kann, nur ein Sinnbild sieht für ein Ewiges, das es aus­drückt, dann hat er den «Glauben». Das ist die erste der drei höheren Tugen­den. Die zweite ist, ein Gefühl dafür zu entwick­eln, daß der Men­sch nie auf dem Punk­te ste­hen­bleiben soll, auf dem er ste­ht, ein Gefühl dafür, daß wir heute Men­schen der fün­ften Rasse sind, später aber uns höher­en­twick­eln wer­den. Das ist die Hoff­nung. Wir haben also den Glauben an das Ewige, und dann das Ver­trauen, die Hoff­nung auf die höhere Entwick­lung. Die let­zte Tugend ist die, welche als let­ztes Ziel unseres Kos­mos auszu­bilden ist, es ist die Liebe. Deshalb nen­nen wir auch unsere Erde den «Kos­mos der Liebe». Was wir in uns entwick­eln müssen, indem wir der Erde ange­hören, das ist die Liebe, und wenn wir unsere Erden­pil­ger­schaft vol­len­det haben wer­den, dann wird die Erde ein Kos­mos der Liebe sein. Die Liebe wird dann eine selb­stver­ständliche Kraft aller men­schlichen Wesen sein. Sie wird mit ein­er solchen Selb­stver­ständlichkeit auftreten, wie beim Mag­neten die mag­netis­che Kraft der Anziehung und Abstoßung selb­stver­ständlich ist.

Nach und nach, durch ver­schiedene Verkör­pe­run­gen hin­durch, muß der Men­sch diese Tugen­den entwick­eln. Unge­fähr auf der Mitte dieses Weges ist er jet­zt ange­langt. Was diese Tugen­den ein­mal sein wer­den, ist von der christlichen The­olo­gie richtig so beze­ich­net wor­den: «Was kein Auge gese­hen und kein Ohr gehöret hat und keinem Men­schen ins Herz gekom­men ist»; das soll bedeuten, daß nie­mand sich eine Vorstel­lung machen kann, in welch vol­len­de­ter Weise diese Tugen­den ein­mal in dem Vol­len­de­ten vorhan­den sein wer­den. Von Stufe zu Stufe arbeit­en wir uns in den ver­schiede­nen Verkör­pe­run­gen. Wir steigen gle­ich­sam mit der Anlage zu diesen sieben Tugen­den aus der geisti­gen Welt herunter und müssen diese Tugen­den im Leben aus­bilden, um sie dann wirk­lich zu haben. So ist das irdis­che Leben nichts anderes als das Hin­durchziehen durch ein Land, um daran zu arbeit­en, die Anla­gen in wahre Fähigkeit­en umzuset­zen. Wer hineinzieht in dieses Land, der muß sich zunächst hingeben an die Arbeit, und während der Arbeit wird er vielle­icht nicht hin­blick­en kön­nen auf jenes hohe Ziel. Er entwick­elt die Tugen­den, indem er mit den anderen Men­schen in Verbindung tritt, um so Stark­mut, Gerechtigkeit, Hoff­nung, Liebe und so weit­er auszu­bilden. Er kommt mit anderen Men­schen zusam­men, und er muß diese Begeg­nun­gen benützen zur Aus­bil­dung der Tugen­den. Um die Tugen­den auszu­bilden, muß der Men­sch herun­ter­steigen aus der geisti­gen Welt in die physis­che Welt. Er wird ver­strickt in das­jenige, was die physis­che Welt enthält, und immer enthält diese auch das Astrale, die Welt der Begier­den, der Lüste .…

Wie die irdisch-physis­che Welt aus ver­schiede­nen Gebi­eten beste­ht, so beste­ht auch die astrale Welt aus ver­schiede­nen Gebi­eten, und diese kön­nen wir gliedern nach den sieben Tugen­den, die ich genan­nt habe. Dadurch, daß wir diese Tugen­den aus­bilden, sind wir in ein­er ganz bes­timmten Weise mit der Welt des Astralis­chen ver­strickt und verkettet.

Der Men­sch muß ler­nen, Gerechtigkeit bewußt zu üben. Das kann er nur durch Über­winden der astralen Kräfte. Gerechtigkeit kann es nur geben in ein­er Welt, wo die Einzel­nen Son­der­we­sen sind; nur von Einzel­we­sen zu Einzel­we­sen ist Gerechtigkeit möglich. Bewußt muß ich mich zu anderen Einzel­we­sen [gerecht] ver­hal­ten. Ich muß mich also zuerst als Son­der­we­sen fühlen, um gegenüber den Mit­men­schen Gerechtigkeit üben zu kön­nen. … Der Kampf ums Dasein ist der Gegen­satz, der ent­ge­genge­set­zte Pol zur Gerechtigkeit, er muß über­wun­den wer­den durch die Tugend der Gerechtigkeit. Abstreifen muß der Men­sch alles, was gegen den anderen Men­schen sich stellt, abstreifen alle Untu­gen­den, welche aus dem Kampf ums Dasein entsprin­gen. Die Region, in der die Kräfte des Kampfs ums Dasein wal­ten, ist die dunkel­ste Region des Kamaloka. …

Die Enthalt­samkeit des Urteils, die Urteilsen­thalt­samkeit gegenüber der Umge­bung, das ist die zweite Tugend, die geübt wer­den muß. Gewöhn­lich urteilt der Men­sch nach Sym­pa­thie und Antipathie, mit der er anderen gegenüber­ste­ht. Nach und nach lernt er erken­nen, daß, wenn man einen Men­schen begreifen will, man über Sym­pa­thie und Antipathie hin­auskom­men muß, sie über­winden muß. Und wie die Gerechtigkeit als Gegen­pol den Kampf uns Dasein hat, so hat die Enthalt­samkeit des Urteils als ent­ge­genge­set­zte Untu­gend das Sich-Hingeben an alle Reize der Außen­welt. Antipathie und Sym­pa­thie müssen abgestreift wer­den in der zweit­en Region von Kamaloka.

Die Tugend des Stark­mutes kann nur der entwick­eln, der nicht bewahrt ist vor Ver­suchung. Wir kön­nen diese Tugend nur dadurch entwick­eln, daß die ihr ent­ge­genset­zten Pole da sind und wir in sie hinein­ver­strickt sind. Tag für Tag, Stunde für Stunde sind wir den Ver­suchun­gen aus­ge­set­zt. Das müssen wir auf der drit­ten Stufe able­gen, indem wir in dieser Region die Tugend des Stark­mutes entwickeln.

Klugheit kann nur dadurch aus­ge­bildet wer­den, daß der Men­sch durch unzäh­lige Irrtümer hin­durchge­ht. Goethe sagt: «Es irrt der Men­sch, solang er strebt.» — So wie das Kind dadurch lernt, daß es sich beim Fall­en ver­let­zt, so haben alle großen Men­schen aus Erfahrun­gen gel­ernt, die sie durch Irrtümer gemacht haben. Das geschieht in der vierten Region des Kamaloka.

Nun die höheren Tugen­den. Die erste ist der Glaube; das ist das Erken­nen des Ewigen im Zeitlichen und Irdis­chen, die Anschau­ung, daß alles Vergängliche nur ein Gle­ich­nis ist. Die ver­schiede­nen Weltan­schau­un­gen sind fort­laufende Ver­suche, die Men­schen da oder dort, dieser oder jen­er Nation, auf den ver­schieden­sten Wegen zur Erken­nt­nis des Ewigen zu führen. Der Men­sch muß durch den Buch­staben zum Geist vor­drin­gen, vom Dog­ma zur wahren, inneren Erken­nt­nis. Der Men­sch wird immer in Ver­suchung kom­men, in ein umgren­ztes Buch­staben­feld ver­strickt zu sein. Weil wir im Leben notwendi­ger­weise ein Glied eines bes­timmten Zeital­ters sind, so müssen wir erst das able­gen, was unser­er Zeit zum Dog­ma gewor­den ist, um zu der Wahrheit zu kom­men, welche sich in allen Weltan­schau­un­gen und Reli­gio­nen ausspricht. In der fün­ften Region tre­f­fen wir die From­men, die Buch­stabengläu­bi­gen aller religiösen Beken­nt­nisse, aller Weltan­schau­un­gen: buch­stabengläu­bige Hin­dus, buch­stabengläu­bige Mohammedan­er, buch­stabengläu­bige Chris­ten und auch Theosophen, die an den Buch­staben glauben.

Die näch­ste Tugend ist diejenige, die das Chris­ten­tum «Hoff­nung» genan­nt hat. Hoff­nung kann der Men­sch nur aus­bilden, wenn er an eine For­ten­twick­lung glaubt. Nach und nach kön­nen wir das begreifen ler­nen durch die theosophis­che Lehre, die uns hin­führt zu dem Gedanken der For­ten­twick­lung. Gewaltig war schon die men­schliche Entwick­lung vor unser­er Zeit. Noch größer ist der Aus­blick in eine zukün­ftige höhere Entwick­lung für den Chela [Geistess­chüler]. Er entwick­elt ein Gefühl dafür, daß der Men­sch nicht ste­hen­bleiben darf bei den endlichen, den begren­zten Ide­alen, bei den Ide­alen, die nur sein­er Zeit ange­hören. … Diese Beschränkung auf eine Zeit oder auf ein Volk, das muß der Men­sch in dieser lichtvollen sech­sten Region des Kamalo­ka abstreifen.

Damit der Men­sch die «Liebe» lernt, muß er im Endlichen anfan­gen. Um einen höheren Begriff der Liebe zu ler­nen, muß er mit dem Kleinen anfan­gen, mit dem Vergänglichen und dem Endlichen und sich weit­er­en­twick­eln. Die Liebe muß eine Selb­stver­ständlichkeit, eine selb­stver­ständliche Kraft wer­den. Sie muß das Ziel sein und das Streben der Men­schen. Wenn der Men­sch die Liebe entwick­elt, dann erlebt er sich in der sieben­ten und höch­sten Region des Kamaloka.

Sieben Läuterungs­feuer gibt es im Kamalo­ka, durch die die Seele hin­durchziehen muß. Dann steigt sie auf in das Devachan [in den Him­mel], wo es wiederum sieben Regio­nen gibt. Nur das, was Frucht [Her­vorhe­bung A.F.] eines hohen Ideals ist, das kann mit hinübergenom­men wer­den in ein neues Dasein, in eine neue Verkör­pe­rung. Was an Ort und Zeit gebun­den ist, das muß abfall­en im Kamalo­ka. So hat der Men­sch, je nach­dem, ob er die eine oder die andere Läuterung durchzu­machen hat, die sieben Regio­nen des Kamalo­ka zu durch­laufen. Wenn ein Men­sch zum Beispiel Stark­mut aus­bilden und deshalb gestärkt wer­den muß gegenüber Wün­schen und Ver­lan­gen, so wird er in der Region, in der er das Neg­a­tive läutern kann, erwachen. Die übri­gen Regio­nen wird er mehr schlafend durchge­hen. Das ist das­jenige, was die Theoso­phie den Aufen­thalt im Kamalo­ka nen­nt. Was wir auf der Pil­ger­fahrt unseres irdis­chen Lebens durchzu­machen haben, ermöglicht uns, daß wir von Entwick­lungsstufe zu Entwick­lungsstufe gehen und daß wir in den Zwis­chen­zustän­den [zwis­chen dem Tod und ein­er neuen Geburt] durch See­len­läuterung­sorte hin­durchge­hen müssen und die Schlack­en im Kamalo­ka abstreifen.“ (Lit.:GA 88, S. 81ff)

Auch das Ent­binden der Früchte hat ein Ziel. Durch das Frei­w­er­den der Tugend-Früchte soll das Men­schenselb­st aus dem Wel­tenselb­st her­aus­reifen. Das bedeutet zum einen, dass wir immer noch gebor­gen im Wel­tenselb­st sind, denn der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Zum anderen macht es deut­lich, dass nicht nur der Men­sch ein Selb­st ist, son­dern auch die Welt. Damit stellt sich die Frage: wer ist dieses Wel­tenselb­st? Aus wem oder was gehen wir hervor?

Im Mantra 6 F habe ich Rudolf Stein­er zitiert. Dort heißt es: “Und was der Men­sch sein Selb­st nen­nt, ist nicht das wirk­liche Ich, ist das Ich, wie es sich spiegelt im physis­chen Leib.” (GA 145, S. 188). Daraus fol­gt, dass das Wel­tenselb­st die Spiegelung des Wel­tenichs an der physis­chen Welt ist. Das Urbild des Jahres­laufs, der Jahreskreis mit seinen immer wiederkehren­den Geset­zmäßigkeit­en, kann ich als diese Spiegelung anse­hen. Tat­säch­lich emp­fiehlt Rudolf Stein­er den Jahres­lauf, um den lebendi­gen, den ätherischen Chris­tus wahrnehmen zu ler­nen. Auf die Frage, wie man sich für das Schauen des ätherischen Chris­tus am besten vor­bere­it­en könne, antwortete Rudolf Stein­er Friedrich Rit­telmey­er, einem der Grün­dung­s­priester der Chris­tenge­mein­schaft: “durch das med­i­ta­tive Miter­leben des Jahres­laufes” (in Emil Bock, Rudolf Stein­er, Stu­di­en zu seinem Lebens­gang und Lebenswerk, Vorträge vom 15.12 und 27.2.1949).

Wir reifen aus dem Wel­tenselb­st im Zeit­en­lauf. Der Zeit­en­lauf ist die stetig sich vol­lziehende Ver­wirk­lichung des Jahreskreis-Urbilds. Der Zeit­en­lauf ist der konkrete Mut­ter­schoß. Hier reifen wir, um ein Selb­st zu wer­den, dass dem Wel­tenselb­st entspricht.