Rakotzbrücke, Teufels­brücke

(im Aza­leen- und Rhodo­den­dron­park Kromlau)

20 T

So fühl ich erst mein Sein,

Das fern vom Welten-Dasein

In sich, sich selb­st erlöschen

Und bauend nur auf eignem Grunde

In sich, sich selb­st ertöten müsste.

20 T ist ein Krisenspruch

Das Mantra 20 T ist der zweite von vier im Jahreskreis liegen­den Krisen- Droh- oder Warn­sprüchen. Ganz anders als die anderen Mantren des Jahres haben diese einen dun­klen, bedrohlich wirk­enden Charak­ter. Es sind Mantren, die uns ein­dringlich wachrufen, die uns sagen wollen, dass wir so nicht weit­er­ma­chen kön­nen. Sie tra­gen die Stim­mung des Rufers in der Wüste, des Johannes in sich, der den Men­schen zuruft: Ändert euren Sinn!

Anders als beim let­zten Krisen­spruch, dem Mantra 7 G, wird hier im Mantra 20 T keine ret­tende Kraft aufgerufen. Die Ein­sicht muss aus mir sel­ber kom­men, um die Gefahr abzuwen­den. Dies ist eine Charak­ter­is­tik, die im ersten Krisen-Mantra des Win­ter-Hal­b­jahrs (33 g) wiederkehren wird. Das vierte und let­zte Krisen-Mantra im Jahreskreis (46 u) ähnelt dage­gen wieder dem ersten (7 G). Eine über­greifende Ord­nung wird dadurch sicht­bar: In den Krisen­sprüchen, die zum Hal­b­jahr der auf­steigen­den Sonne gehören, gibt es jew­eils eine ret­tende Kraft, die gerufen wird, in den Krisen­sprüchen, die zum Hal­b­jahr der absteigen­den Sonne gehören gibt es das nicht. Der Gefahr begeg­ne ich durch meine Ein­sicht. Sie ist die verän­dernde Kraft. Geis­tes­ge­gen­wart ist gefragt.

Die Warnung des Mantras 20 T

„So fühl ich erst mein Sein“ – worauf ver­weist das „so“? Was ist ger­ade jet­zt so und nicht anders? Welch­er Zus­tand ist hier gemeint, der das Fühlen erst ermöglicht? Erst wenn ein Prozess zu einem gewis­sen Abschluss gekom­men ist, lässt sich darauf zurück­blick­en. Erst wenn ich mir sel­ber gegenübertrete, wenn ich Abstand zu mir bekomme, kann ich mich erkennen.

In dem „So“ klin­gen die Stufen mit, die ich seit Beginn des See­lenkalen­der-Jahres, seit der Woche 1 A gegan­gen bin. Das Som­mer-Hal­b­jahr beschreibt die Stufen des Wahrnehmung­sprozess­es. Ich wurde 13 Stufen aus mir her­aus­ge­führt auf die Wahrnehmung zu. Seit dem Schwellen­spruch 14 N kehre ich Schritt für Schritt bere­ichert und beschenkt in mich zurück. Mit dem Mantra 20 T ist eine Gren­ze erre­icht. Ich kön­nte salopp for­mulieren, die Geschenke sind nun nicht mehr nur „nice to have“, sie sind lebenswichtig. Wie sich noch zeigen wird, bin ich in meinem Über­leben abhängig von dem, was die Welt mir geben will.

Obwohl diese Bewe­gung des nach-innen-Nehmens noch weit­er anhal­ten wird, ist mit diesem „So“ nun ein Stand erre­icht, der es mir ermöglicht, auf mich sel­ber zu schauen, mein Sein füh­lend zu erken­nen. Dieses Sein ist mehr als ein Zus­tand. Es reicht viel tiefer. Es meint meine Exis­tenz, meine Basis, und noch mehr. Mit dem Sein ist das gemeint, was ich bin, noch bevor ich irgendwelche Eigen­schaften habe.

Ich füh­le mein Sein. Mein Sein fühlen kann ich nur, wenn ich ganz in meinem Kör­p­er anwe­send bin, und es gle­ichzeit­ig in mir eine still beobach­t­ende Instanz gibt, die dieses Sein wahrn­immt. Es ist ein denk­freies Fühlen, denn der Ver­stand kann das Sein nicht wirk­lich erfassen. Er stellt nur immer ein Haben fest wie Hunger, Freude, Wärme oder Erken­nt­nisse. Diese Zustände durch­lebe ich, aber es ist nicht mein Sein. Mit meinem Kör­p­er lebe ich tief ver­bun­den mit den Zyklen der Zeit. Durch meinen Kör­p­er schlafe ich nachts, wache tags und altere im Laufe der Jahre. Wenn ich mein Sein füh­le, indem ich wirk­lich in meinem Kör­p­er anwe­send bin, gelange ich über das Materiell-Kör­per­liche hin­aus durch das Erleben der Verbindung des Kör­pers mit der Zeit.

Auf dieses Fühlen meines Seins scheint mir beson­ders zu passen, was Rudolf Stein­er in der Ein­leitung zum See­lenkalen­der schreibt: „Es ist an ein füh­len­des Selb­sterken­nen gedacht. Dieses füh­lende Selb­sterken­nen kann an den angegebe­nen Wochen­sätzen den Kreis­lauf des See­len­lebens als zeit­losen an der Zeit erleben. Aus­drück­lich sei gesagt, es ist damit an eine Möglichkeit eines Selb­sterken­nt­nisweges gedacht“ (Aus dem Vor­wort zur ersten Aus­gabe des See­lenkalen­ders 1912/13).

Den Kreis­lauf des See­len­lebens als mein Sein zu erken­nen, wie Rudolf Stein­er es durch die Mantren des See­lenkalen­ders anregt, eröffnet mir eine Per­spek­tive, die weit über die Iden­ti­fika­tion mit dem Kör­p­er dieses Lebens hin­aus­ge­ht. Der Kreis­lauf des See­len­lebens ist der Weg der Seele von Geburt zu Geburt. Während der Zeit im außerkör­per­lichen Zus­tand ist der Kreis­lauf der Seele zeit­los. Im Jahres­lauf als Kreis­lauf, nun inner­halb der Zeit, kann dieser Weg nachvol­l­zo­gen wer­den. Der Jahreskreis bildet den Kreis­lauf der Seele ab. Das Sein so zu fühlen, gibt ihm Weite und Tiefe. Es ermöglicht ein „Bewusst-sein“, das durch den Kör­p­er über ihn hin­aus­führt. Das scheint mir gemeint zu sein mit dem „So fühl ich erst mein Sein“.

Nun fol­gt im Mantra die Schilderung der Gefahr, in der ich mich befinde. Diese Gefahr ist eine dop­pelte. Ist mein Sein fern vom Wel­ten-Dasein, löscht es sich sel­ber im eige­nen Innern aus. Baue ich nur auf eigen­em Grunde, würde mein Sein sich in sich sel­ber ertöten, sich abtöten.

Beim ersten Lesen wirken die bei­den Aus­sagen wie eine Ver­dop­pelung ein und der­sel­ben Gefahr: der Selb­st­tö­tung. Bei genauerem Hin­se­hen zeigen sich darin zwei unter­schiedliche Gefahren. Es wer­den zwei Bilder meines Seins gezeigt, die unter­schiedlich bedro­ht sind.

  1. Wenn mein Sein dro­ht zu erlöschen, ist mein Sein eine Flamme, es ist ein bren­nen­des Feuer.
  2. Dro­ht mein Sein zu ertöten, so kann ich es als Leben erkennen.

Mein Sein ist Feuer und Leben, es beste­ht aus zwei Prozessen: Feuer ist Bild des Abbaus, des Ver­bren­nens, Leben ist Auf­bau, Gestal­tung. Gemein­sam entste­ht das Bild mein­er Lebens­flamme, meines Lebenslicht­es. Dieses innere Licht ist mein Bewusst­sein und meine Lebendigkeit, mein Leben. Bedro­ht wird es zweifach.

Mein inneres Feuer, mein Bewusst­sein bildet sich, wie Rudolf Stein­er aus­führt, durch leise Abbauprozesse, durch das Frei-Wer­den des Geistes, der vorher den Auf­bau gestal­tete. Über­wiegt der Auf­bau, so schwindet mein Bewusst­sein, wie es jede Nacht geschieht. Im Schlaf bin ich fern vom Wel­ten-Dasein. Bin ich wach, so bin ich nah dem Wel­ten-Dasein. Durch jede Sinneswahrnehmung wird mein inneres Feuer, mein Bewusst­sein genährt von der Welt und dadurch wachgehalten.

Wir kön­nen nicht nur in der äußeren Welt wach sein, son­dern auch in der inneren. Wenn ich mich auf mich sel­ber zurückziehe und mich von der Welt mit ihren äußeren Sin­nes­reizen durch Konzen­tra­tion abschließe, ent­ferne ich mich vom Wel­ten-Dasein. Ich erhalte mein Bewusst­sein wach, indem dieses Licht meine innere Welt beleuchtet. Ich „sehe“ meine Gedanken wie Fis­che durch das Bewusst­sein­swass­er schwimmen.

Licht braucht immer ein Objekt, das es beleucht­en kann, son­st bleibt das Licht unsicht­bar. So ist es auch mit meinem Bewusst­seins-Licht. Um mein reines Bewusst­sein, im Bild das Wass­er, in dem die Gedanken-Fis­che schwim­men, wach zu erleben, muss mir mein Bewusst­sein als Raum erleb­bar wer­den. Auf diese Weise halte ich das Wel­ten-Dasein auch ohne zu beleuch­t­ende Gedanken-Objek­te nah. Während ich so meine Innen­welt erlebe, ver­stre­icht immer Zeit. Sie ist die Verbindung zum Wel­ten-Dasein der großen, äußeren Welt. Am Erleben der ver­stre­ichen­den Zeit, in der Gegen­wär­tigkeit, bewahre ich mein Bewusst­seinslicht vor dem Verlöschen.

Mein Bewusst­seinslicht ist immer in Gefahr zu erlöschen, wenn ich fern vom Wel­ten-Dasein bin. Während ich mein Sein füh­le, muss ich erken­nen, dass ich in Beziehung ste­he zur Welt, dass ich auf sie angewiesen bin.

Mein Bewusst­seinslicht entzün­det sich durch den steti­gen Abbau-Prozess im Kör­p­er. Es wird genährt und sicht­bar bren­nend erhal­ten durch die zu beleuch­t­en­den Objek­te im Außen und Innen. Der ini­tiale Abbau ist ein Herb­st-Prozess. Er geschieht ganz aus mir. Er kann nur stat­tfind­en, wenn es zuvor einen leib­lichen Auf­bau, einen Früh­lings-Prozess gab.

Zumeist erleben wir unser Leben als ein Geschenk. Für den Auf­bau fühlen wir uns nicht ver­ant­wortlich, er geschieht ein­fach während wir schlafen. Im Mantra 20 T wird uns auch für diesen Früh­lings-Auf­bau-Prozess die Ver­ant­wor­tung übergeben. Ihm dro­ht die zweite Gefahr. Er geschieht stetig, im Mantra ist die Ver­laufs­form gewählt: „Und bauend nur auf eignem Grunde in sich, sich selb­st ertöten müsste.“ Mein Sein ertötet sich in sich sel­ber, wenn es nur auf eigen­em Grunde baut.

Durch den ersten Prozess, durch mein geweck­tes, denk­end-wahrnehmendes Bewusst­sein baue ich mir Überzeu­gun­gen auf. Mein Glaube entste­ht und sagt wir for­t­an, was ich für wahr halte. Baue ich diese Erken­nt­nisse nur auf eigen­em Grunde, nur durch das, was mir meine äußere Wahrnehmung und mein Denken liefern, bin ich Mate­ri­al­ist. Ich begreife nur das Tote. Dadurch ertötet sich in mir mein Sein. Der Zyk­lus des Lebens von Auf- und Abbau, Früh­lings- und Herb­st-Prozess kommt zum Erliegen, wenn ich meinen Glauben nur auf das stütze, was ich aus mir her­vor­brin­gen kann.

Anders ist es, wenn ich mein Sein größer denke als diesen Kör­p­er und dieses Leben. Der Jahres­lauf ist nicht mein Leben. Er ist fremder Grund. Erkenne ich mein Sein abge­bildet im Jahreskreis, erkenne ich in ihm den Weg der Seele von Geburt zu Geburt, so baue ich meinen Glauben nicht nur auf eigen­em Grunde. So füh­le ich, dass sich mein Sein nicht in mir ertötet.

Glaube ist die erste der drei christlichen Tugen­den, die bei­den anderen sind Liebe und Hoff­nung. Liebe schafft Nähe und verbindet mich mit dem Anderen, mit dem Außen. Durch Glaube, der nicht nur auf eigen­em Grunde baut und Liebe, die das Wel­ten-Dasein nah hält, entste­ht die begrün­dete Hoff­nung, dass mein Leben fortbeste­ht, auch wenn mein kör­per­lich fühlbares Sein stirbt.