
Der Zeit-Impuls des Mantras 9 I (großes i) ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 8 H
Es wächst der Sinne Macht Im Bunde mit der Götter Schaffen, Sie drückt des Denkens Kraft Zur Traumesdumpfheit mir herab, Wenn göttlich Wesen Sich meiner Seele einen will, Muss menschlich Denken Im Traumessein sich still bescheiden |
9 I (großes i)
Vergessend meine Willenseigenheit Erfüllet Weltenwärme Sommerkündend Mir Geist und Seelenwesen; Im Licht mich zu verlieren Gebietet mir das Geistesschauen, Und kraftvoll kündet Ahnung mir: Verliere dich, um dich zu finden. … |
10 K
Zu sommerlichen Höhen Erhebt der Sonne leuchtend Wesen sich, Es nimmt mein menschlich Fühlen In seine Raumesweiten mit, Erahnend regt im Innern sich Empfindung, dumpf mir kündend, Erkennen wirst du einst: Dich fühlte jetzt ein Gotteswesen. |
Der Zeitimpuls von Fronleichnam, 9 I (großes i): Wandlung
vorbereitet durch die Vereinigung des Gottes mit dem Menschen (8 H)
vollendet durch die Erhebung und fühlende Wahrnehmung durch das göttliche Wesen (10 K)
Fronleichnam und das Ende der Osterscholle
Das Mantra 9 I (großes i) ist das letzte Mantra der sogenannten Osterscholle, des “Mondes im Jahr”. Damit sind die Wochen bezeichnet, deren Feste an das Osterdatum gebunden sind und dadurch ebenso von Jahr zu Jahr wariieren, wie das bewegliche Osterfest. Die im weiteren Verlauf des Jahres folgenden Feste finden zu feststehenden Daten statt. Sie sind deshalb mit einem spezifischen Sonnenstand verbunden. Diese bis zum Beginn der neuen Osterscholle reichende Zeitspanne nenne ich deshalb die Sonnenzeit im Jahr.
Rudolf Steiner sagt, das Monden- und Sonnenhafte im Menschen macht ihn zum Weltenbürger: “… das Sonnenwesen ist durchaus übersinnlich, wie das Mondenwesen untersinnlich ist. Dieses Übersinnliche und Untersinnliche des Planetensystems, wie sie konzentriert sind in Sonne und Mond, die beginnen also zu wirken auf die menschliche Organisation von dem vierzehnten Lebensjahr an ungefähr. Sie wirken erstens auf die Organisation des Menschen insofern, als das Mondenhafte mehr verwandt ist dem weiblichen Elemente, allem Weiblichen in der Welt, das Sonnenhafte mehr verwandt ist dem Männlichen in der Welt. Aber sie wirken auch so, daß der Mensch in alledem, was er erkenntnismäßig entwickelt, in alledem, was er so entwickelt, daß er denkt, ein Sonnenhaftes hat, in alledem, was er will, in allen Impulsen des Wollens, ein Mondenhaftes hat. Sonne und Mond sind nicht nur da draußen im kosmischen Raume, Sonne und Mond sind in uns. Und insofern wir denken, sind wir Sonnenwesen, insofern wir wollen, sind wir Mondenwesen. Besser gesagt: Insofern wir in uns Organe ausbilden, die die Vermittler des Denkens sind, wirken zur Ausbildung dieser Organe von unserem vierzehnten Jahre an die Sonnenkräfte, das Übersinnliche; insofern wir Organe ausbilden, die das Wollen vermitteln, wirken in uns vom vierzehnten Jahre an die Mondenkräfte, das Untersinnliche.
So können wir, wenn wir eine solche Erkenntnis in lebendiges Wesen verwandeln, in uns fühlen: Du Mensch, du bist so, daß in dir lebt nicht nur, was hier auf der Erde ist, daß in dir lebt, was Sonne und Mond konstituiert. Sonne und Mond sind in dir. Du bist ein Weltenbürger. Du wärest nicht, was du bist als Mensch, wenn nicht das Weltenall in dir wirkte.“ (GA 191, S. 51f)
Das Fühlen wird an dieser Stelle von Rudolf Steiner nicht thematisiert, doch sagt er im weiteren Verlauf des Vortrags, dass der Mensch nur tragfähige, soziale Ideen entwickeln kann, wenn er das geistige Wirken von Mond und Sonne in sich erlebt.
Tatsächlich entspricht die Osterscholle, der Mond im Jahr, dem Willensbereich der Maria auf der Mondsichel. Dem Denken ist dort der Sternbereich im Herbst zugeordnet. Doch gehört das Denken zum Sonnenbereich, wenn lediglich die Osterscholle und der Rest des Jahres betrachtet werden.
Das Zahlengeheimnis von Fronleichnam
Das Mantra 9 I ist das Mantra der Fronleichnamswoche. Warum dieses Fest im Seelenkalender zu beachten ist, kann im Bolg-Artikel zum Mantra 9 I nachgelesen werden. Fronleichnam ist nach Christi Himmelfahrt (40. Tag) und Pfingsten (50. Tag) das letzte der an das Osterdatum gebundenen Fest und findet am 61. Tag statt. Durch seinen Wochentag, dem Donnerstag, ist Fronleichnam sowohl mit Gründonnerstag, dem Tag der Einsetzung der Eurcharistie, als auch mit Himmelfahrt verbunden.
Neben dieser offensichtlichen Beziehung gibt es noch eine verborgene. Zählt man nach der 52. Woche, also einem ganzen Jahreszyklus einfach weiter, so ist die Woche 9 I die 61. Woche (52 + 9 = 61). Damit gibt es für den Fronleichnamstag eine zahlenmäßige Übereinstimmung von Tag und Woche: 61 Tage nach Ostern und 61 Wochen-Schritte seit dem Ostern des Vorjahres. Und auch vor Ostern gibt es einen Festtag, der eine ganz ähnliche Synchronizität von Tag und Woch aufweist. Das ist Aschermittwoch, der erste Festtag, der durch den Abstand zum kommenden Osterfest bestimmt wird. Aschermittwoch liegt (sofern zu Beginn der Osterscholle für das kommende Osterfest angepasst wird) in der siebten Woche vor Ostern und wie sein Name sagt stets an einem Mittwoch. Das entsprechende Mantra ist der Krisenspruch 46 u. Das bedeutet, das letzte Osterfest liegt 46 Mantren-Schritte zurück. Gleichzeitig sind es bis zum Ende der Karwoche, also bis Ostern genau 46 Tage.

Aschermittwoch und Fronleichnam — das erste und letzte Fest der Osterscholle
Sowohl beim ersten als auch beim letzten Fest der Osterscholle gibt es eine Entsprechung von Tagen und Wochen. Das ist bestimmt kein Zufall, doch was bedeutet es? Die zahlenmäßigen Übereinstimmungen könnten symbolisch für die “eigenwillige” Osterscholle wie zwei “Schnittstellen” fungieren, um sich mit der streng geordneten Sonnenzeit im Jahr zu harmonisieren. Ich kann diese Übereinstimmung auch als heilige Vereinigung betrachten vom kleinen Tageszyklus mit dem großen Jahreszyklus — vertreten durch die Woche; also als mystische Hochzeit des taghellen Bewusstseins mit dem viel machtvolleren strömenden Leben.
Das Festgeheimnis von Fronleichnam
Fronleichnam ist das “Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi” und wie erwähnt durch seinen Wochentag mit dem letzten Abendmahl verbunden. Hier schenkte Christus den Jüngern und damit der ganzen Menschheit seine Anwesenheit im Sakrament von Brot und Wein. Er begründete eine neue Durchgöttlichung der Materie — ihre Vergeistigung. Für Rudolf Steiner war die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi bei der Feier der Eucharistie ein reales Erlebnis. „Sie mögen über das, was ich Ihnen jetzt sage, denken wie Sie wollen, aber ich kann ja nur von meinem Gesichtspunkt, vom Gesichtspunkte meiner Erfahrung aus sprechen. Ich habe viel beobachtet die Transsubstantiation [die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi]. … aber immerhin habe ich doch gesehen, … wie während der Wandlung, während der Transsubstantiation, die Hostie eine Aura bekam. Also ich habe den objektiven Vorgang, der sich, wenn die Wandlung würdig vollzogen wird, vollzieht, durchaus als eine Realität kennengelernt.“ (Lit.: GA 343a, S. 146f)
Der Prozess der Wandlung von “geistleerer” irdischer Materie zu durchgöttlichter Substanz gehört zu einem vierschrittigen Prozess, der den vier Teilen der Messe zugrunde liegt. Diese vier Teile haben sich im frühen Christentum herausgebildet durch eine Erneuerung der alten Mysterien. Die Einweihung in dieselben vollzog sich in vier Stufen:
1. Didaché, Lehre: Der Schüler wurde über den Zusammenhang von Gott, Mensch und Welt belehrt. Die Schöpfung wurde als Weltwerdung Gottes aufgefasst.
2. Katharsis, Läuterung: Damit ist alles gemeint, was der Neophyt in seiner harten, langen Ausbildung zu durchleben hatte in Form von Übungen und Prüfungen.
3. Photismos, Erleuchtung: Das Herzstück der Einweihung bildet eine Phase partieller Exkarnation durch besondere Praktiken, z.B. durch den todähnlichen Einweihungsschlaf. Hier erlebte sich der Einzuweihende in einem besonderen Bewusstseinszustand. Er war bewusster Teilnehmer in der geistigen Welt unter den schöpferischen Wesenheiten.
4. Henosis, Vereinigung: Damit ist die Wiedervereinigung des Schülers mit seinem physischen Körper gemeint, seine “Erdung” und Verankerung der Einweihungserlebnisse im physischen Körper.
(A. Suckau, in: Kultus und Erkenntnis, Hrg: E. Meffert, S. 94)
In der vorchristlichen Einweihung, die nur ganz wenigen Menschen zuteil wurde, ging es vor allem um die Erweiterung und Vertiefung der Erkenntnis, also um eine besondere Schulung des Denkens, das dann handlungswirksam werden sollte. Im christlichen Kultus, der sich an die Gemeinde, also an Viele richtet und eine Gemeinschaftsinitiation ist, geht es dagegen um rituell, erlebte Handlung, dem wiederum das Denken nach und nach lernen muss zu folgen.
Erkenntnis und Kultus vollziehen sich beide in vier Stufen, denn durch beide wirkt der Logos. In der Erkenntnis wirkt er im einzelnen Menschen, in dessen Geist. Im Kultus erscheint er als wirksame Kraft, und zwar nun so, wie sie in der Welt schaffend und umgestaltend das Leben hervorbringend wirkt. Das Gewordene, Brot und Wein, werden in erneuernde Werdekräfte, in Leib und Blut Christi verwandelt.
Die vier Stufen der Geisterkenntnis und des Kultus sind folgende:
| Geisterkenntnis | Kultus |
| 1. Studium, gegenstandsfreies Denken | 1. Evangelien Verkündigung |
| 2. Imagination zeigt etwas wie die Außenseite der geistigen Welt | 2. Opferung |
| 3. Inspiration führt in das Innere der geistigen Welt | 3. Wandlung |
| 4. Intuition ist Gemeinschaft mit den Wesen der geistgen Welt in Wesensdurchdringung | 4. Kommunion |
Rudolf Steiner empfahl einem katholischen Priester (vermutlich um 1907), der bei ihm Rat suchte, folgendes:
“Im Laufe des Tages ist die Seele zu versenken in die vier Teile der Messe:
- Evangelium, wobei man sich darunter vorzustellen hat, dass durch dasselbe für den Intellekt <Gottes Wort> zu den Menschen kommt.
- Offertorium [Opferung], wobei man sich vorzustellen hat, dass man dasjenige, was man von Gottes Wesen schon in sich hat, freiwillig Gott zum Opfer bringt.
- Transsubstantiation [Wandlung], wobei man sich vorzustellen hat, dass sich das geopferte Menschliche in wahrhaft Göttliches umwandelt.
- Communion, wobei man sich vereinigt denkt mit Gott” (Beiträge Nr. 110, S. 11)
9 I (großes i) — das Mantra der Woche: Im vorausgeganenen Blogartikel 7 G — 8 H — 9 I habe ich das Mantra 9 I als Prozess des Sterbens beschrieben. Das ist auch jetzt richtig, doch möchte ich es nun unter dem Aspekt der Wandlung betrachten, die ja auch das Sterben des alten Seins voraussetzt. Und mit dieser Wandlung begegnet auch das irdische Denkvermögen einer Grenze. Rudolf Steiner beschreibt sie im Zusammenhang mit dem Faust-Thema:
Wo Sinneswissen endet,
Da stehet erst die Pforte,
Die Lebens Wirklichkeiten
Dem Seelensein eröffnet;
Den Schlüssel schafft die Seele,
Wenn sie in sich erstarkt
Im Kampf, den Weltenmächte
Auf ihrem eignen Grunde
Mit Menschenkräften führen,
Wenn sie durch sich vertreibt
Den Schlaf, der Wissenskräfte
An ihren Sinnesgrenzen
Mit Geistesnacht umhüllt.
(GA 272, S. 118)
Im Mantra 9 I gibt es einen Ich-Sprecher. Diesen Ich-Sprecher denke ich mir als die Substanzen von Brot und Wein während dem Prozess der Wandlung.
Zu Beginn der Wandlung, wie sie im Kultus vollzogen wird, muss die Materie, konkret das Brot und der Wein, zunächst ihre “Willenseigenheit” vergessen. Dann kann das Göttliche in Gestalt der Weltenwärme sie durchdringen — und zwar deren Geist und Seelenwesen. Eine irdische Veränderung von Brot und Wein, die physikalisch oder chemisch messbar wäre, findet nicht statt.
Nun gebietet das Geistesschauen. Das Mantra lässt sich auch so lesen, dass die gebietende Macht der Geist, also Gott ist durch sein Anschauen. Sein Blick auf Brot und Wein gebietet. Das Angeblicktwerden bewirkt schon Veränderung. Es gebietet den Substanzen, sich im Licht zu verlieren, ihre Stofflichkeit im Licht aufzulösen, wie die Raupe ihre Leiblichkeit auflöst, bevor sie Schmetterling werden kann.
Das neue Sein, als Leib und Blut Christi in Erscheinung zu treten, ist noch nicht da. Doch die Ahnung kündet kraftvoll. Sie “schubst” sozusagen Brot und Wein über die “Grenze”, die der menschliche Verstand zieht, mit den Worten: Verliere dich, um dich zu finden.
Ermutigt fühle ich mich zu dieser recht kühnen Deutung des Mantras 9 I durch die Ausführung Rudolf Steiners: „Solange man wußte, daß es sich in dem Christus um ein Wesen von der Sonne handelt, hatte die Monstranz mit der Hostie darin seinen guten Sinn. Darin ist zusammengebackenes Mehl. Dieses Mehl konnte dadurch entstehen, daß die Sonne Licht und Wärme auf die Erde fallen läßt, daß Getreide wächst und aus dem Getreide das Mehl wird. Es ist wirklich, wenn man es so ausdrücken will: Körper, vom Sonnenlicht gemacht. Solange man das gewußt hat, so lange hatte das Ganze einen Sinn.“ (Lit.: GA 353, S. 118)
Im Mantra 9 I deutet nichts direkt auf eine in ihm wirkende göttliche Macht hin, wie sie in den umgebenden Mantren direkt angesprochen wird.
Im Mantra 8 H wirken Götter verbunden mit der menschlichen Wahrnehmung sowie der eine Gott, der sich der Seele einen will. Die Voraussetzung für die Vereinigung ist, dass das menschliche Denken in einen träumend-dumpfen Zustand versetzt werden muss. Das göttliche Wirken stellt sich in diesem Mantra als eine Bewegung von oben nach unten dar.
Im Mantra 10 K erhebt sich das leuchtende Wesen der Sonne und trägt auch das menschliche Fühlen mit hinauf in die Weite des Raumes. Das Sonnenwesen, das ich als ein göttliches Wesen ansehe, trägt also das von der Erde kommende Fühlen des Menschen hinauf und weitet es. Dem antwortet aus dem Innern, dem Zentrum des Menschen, sein noch dumpfes, wohl gerade erwachendes Bewusstsein, sein Empfinden. Die Empfindung kündet, sie kündigt an, was der Mensch später in der Lage sein wird, zu erkennen. Später wird er erkennen, dass ihn ein Gott fühlte, während dieser Gott in Gestalt des Sonnenwesens sein Fühlen hinauftrug.
Das Mantra 9 I ist also umgeben von zwei Gottesbewegungen; in der ersten kommt Gott herab und eint sich mit der Seele (8 H), er opfert sich dadurch; in der zweiten trägt Gott den Menschen hinauf, erhebt ihn, und nimmt ihn fühlend wahr (10 K), sodass er ihn wie durchleuchtet — wie die erhobene Hostie. In den beiden das Mantra 9 I umgebenden Mantren kommt das Wort “dumpf” vor. Im Mantra 8 H ist es die Traumesdumpfheit, im Mantra 10 K kündet die Empfindung dumpf. Damit ist auf einen Bewusstseinszustand gedeutet, der nicht hell und wach ist, sondern dämmernd, an der Grenze zwischen Tag und Nacht, Wachen und Schlafen. Im Mantra 8 H wird das menschliche Bewusstsein in diesen Zustand versetzt, im Mantra 10 K erwacht es wohl gerade daraus, doch ist es noch zu keiner Erkenntnis fähig. Daraus folgt, dass sich das menschliche Bewusstsein im Mantra 9 I im Tiefschlaf befindet, obwohl eine beobachtende Instanz, ein Ich-Sprecher, anwesend ist.
8 H — die Vorbereitung: Das Mantra 8 H ist das Mantra der Pfingstwoche und damit das Mantra der Herabkunft des Heiligen Geistes.
Der Betrachtung des Mantras möchte ich eine Passage von Rudolf Steiner voranstellen, in der er die Wandlung im Zusammenhang mit Vatergott, Sohn und Heiligem Geist beschreibt.
„Eine richtige Ecclesia umfaßt in ihrer äußeren Realität die Gläubigen, und die Priesterschaft muß sich ansehen als diejenige Wesenschaft innerhalb der Ecclesia, über deren Wirken das Geistige in die Menschheit fließt. Dazu bedarf es schon mit richtigem Verständnis auch der kleinen Sakramentenkapelle mit dem Sanktissimum, dem Sanktissimum, wo eben enthalten ist das Geheimnis der Transsubstantiation. Stellen wir uns vor, wir haben den Kelch, innerhalb dessen die Transsubstantiation sich vollzieht. Die Menschen suchen durch die Transsubstantiation den Weg zum Vater, zu jener Urwelt-Schöpfermacht, die in aller Realität darin weset, die daher nicht gefunden werden kann, wenn man einseitig nur nach dem Geistigen oder einseitig nur nach dem Materiellen geht, sondern die gefunden wird, wenn man die Einheit des Geistigen mit dem Materiellen unmittelbar entdeckt. Es ist eben heute wirkliches Verständnis für die Welt nur vorhanden, wenn auf dem Altar die Transsubstantiation vollzogen wird. Da vollzieht sich in der Tat das Heilige, daß der Vater gesucht wird und der Sohn den Menschen den Weg weist zu dem Vater, der Sohn, der nun eben den Weg vermittelt zum Geiste.
Und so kann der Mensch, indem er hinblickt auf dasjenige, was sich überall im Physischen darstellt, bei der Transsubstantiation finden das ganz verborgene Geistige im Physischen, das Walten der Seraphim, der Cherubim, der Throne, deren verborgenes Walten erscheint als physische Substanz. Will man es als Geistiges haben, so muß man den Weg zum Vater gehen. Den Weg zum Vater weist der Sohn, der dann dazu führt, daß das Geistige erscheint aus dem Physischen.
Das Brot — wenn wir nur von diesem ausgehen, denn es kann auch für den Wein gezeigt werden -, das Brot ist Brot, aber der Vater kann in ihm gesucht werden. Christus weist den Weg, das Brot umgibt sich mit der Aura durch die Transsubstantiation, der Mensch erlebt in der Aura den Geist. Es ist so, daß der Wein nur die Verstärkung desjenigen ausmacht, was im Brote liegt.
Und so kann gesagt werden: Die Sehnsucht nach dem Vater lebt im sinnlichen Anblick, wo verborgen sind Seraphim, Cherubim, Throne. Christus führt den Menschen auf den Weg, so daß vor ihm in der gestern angedeuteten Weise wirksam werden Kyriotetes, Dynameis, Exusiai [Elohim], und er aufsteigt in dasjenige Gebiet, wo er heute die geistige Welt in ihrer Geistigkeit nur betrachten kann, wo aber der Heilige Geist mitten drinnen ist: Angeloi, Archangeloi, Archai.“ (Lit.: GA 346, S. 266f)
Das Mantra 8 H spricht vom Schaffen der Götter. Und mit ihrem Schaffen steht die wachsende Macht der Sinne in Zusammenhang. Wer sind die Götter, die durch ihr fortwährendes Erschaffen der Welt den Sinnen des Menschen immer mehr Macht geben? Mit Göttern sind oft Erzengel gemeint und hier lässt sich an die vier Erzengel denken, die Rudolf Steiner in besonderer Weise mit dem Jahreskreis verbunden hat: Michael, Gabriel, Raphael und Uriel. Doch gemäß obigem Zitat sind es weit höhere Hierarchien, deren Wirken die irdische Materie, die Vater-Welt als die wahrnehmbare äußere Welt erschaffen: Seraphim, Cherubim und Throne.
Das Mantra fährt fort, dass die so gewachsene Macht der Sinne die Kraft des Denkens herabdrückt in den Zustand des Träumens. Das helle Tagesbewusstsein tritt in den Zwischenzustand des Traumbewusstsein ein. Und in diesem im Grenzbereich zwischen Wachen und Schlafen befindlichen Bewusstsein kann auch im Menschen das Wirken nun eines einzigen göttlichen Wesens wahrgenommen werden. Dieser eine Gott kann sicherlich als Elohim angesprochen werden. Jahve gilt als der siebte, mit dem Mond verbundene Elohim, die anderen sechs sind der Sonne zugehörig. Und Jahve offenbarte sich Mose im Feuer als der “Ich bin der ich bin.” Wenn also diese gewaltige, dem Menschen immer mehr sein Ich schenkende Macht sich mit ihm einen will, dann muss das menschliche Denken zurücktreten und träumen.
Im obigen Zitat spricht Rudolf Steiner davon, dass die mittlere Hierarchie, zu der die Elohim gehören, vor dem Menschen wirksam werden. Durch Christus, der dem Menschen den Weg zum Vater weist, leuchtet die Materie auf, erstrahlt die Hostie in göttlicher Aura. Die Christus-Elohim Kraft hat sich verbunden mit der Materie, mit dem was vor dem Menschen erscheint, mit der Wahrnehmungswelt.
Doch nur, wenn die dritte Hierarchie, die Archai, Erzengel und Engel im Menscheninneren wirken, wenn das Denken träumt und nicht vom Menschen selber ergriffen und gelenkt wird, dann kann die Aura, der Geist in oder hinter der Materie sichtbar werden. Dann erlebt der Mensch — sagt das Mantra — dass ihm selber geschieht, was in der zu Gottes Leib gewordenen Hostie sichtbar wird. Das göttliche Wesen verbindet sich mit ihm, dem irdischen Menschen. Es wir eins mit ihm.
10 K — die Vollendung: Wenn das Mantra 9 I als das innere Erleben des Sterbevorgangs betrachtet wird, entsprich das Mantra 10 K der dreitägigen Phase des Lebenstableaus. Rudolf Steiner sagt: „… für die Erinnerungen bedienen wir uns als eines Werkzeuges des ätherischen Leibes. Wir würden nicht durch die Zeit, die zwischen dem Tode und der neuen Geburt verläuft, die Erinnerungen an unser Leben über diese Zeit hinübertragen können, wenn nicht etwas ganz Bestimmtes eintreten würde: wenn wir nicht eine Zeitlang, nachdem wir mit dem Tode den physischen Leib verlassen haben, im Äther- oder Lebensleibe bleiben würden. Das ist eben die Zeit …, in welcher das verflossene Leben nach unserem Tode vor uns liegt wie ein großes Panorama, wie ein großes Tableau. … Denn dieser Ätherleib ist durchaus eben das Werkzeug für die Erinnerungen. … Während wir dieses Lebenstableau nach unserem Tode in unserer Seele haben, wird dieses ganze Lebenstableau eingetragen, eingraviert gleichsam — wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf — in den allgemeinen, den Raum durchdringenden Lebensäther. Nun ist es da drinnen. Was wir erst einige Tage hindurch hielten, ist nun gleichsam aufgezeichnet in den allgemeinen Lebensäther, in dem wir leben, in dem wir immer sind. Dadurch, dass es da aufgezeichnet ist, dass es da drinnen ist, ist es für unser weiteres Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt eben vorhanden. Und wir nehmen einen Extrakt aus unserem Ätherleibe mit, das wissen wir, damit wir immer eine Verbindung herstellen können zwischen uns selbst und diesem in den allgemeinen Lebensäther eingetragenen Lebenstableau. Das ist gleichsam unser fortlaufendes Organ, wodurch wir die Erinnerungen an unser letztes Leben immer haben können. (GA 133, S. 136–137)
Im Mantra 10 K gibt es wie in den beiden vorhergehenden Mantren einen Ich-Sprecher. Dieser Ich-Sprecher zeigt sich jedoch nur teilbewusst. Er nimmt wahr, dass die Sonne — genauer das leuchtende Wesen der Sonne — sein menschliches Fühlen mitnimmt und in sommerliche Höhen, in die Raumesweiten hinaufträgt. Ohne dass es gesagt wird, ist der Ich-Sprecher überleuchtet vom Sonnenwesen und sein Blick erfasst immer größere Horizonte, je höher er hinaufgetragen wird vom Sonnenwesen.
Je höher der Ich-Sprecher hinaufgetragen wird, desto freier wird möglicherweise sein Ätherleib, desto umfassender zeigt sich ihm sein Lebenspanorama. Der Ätherleib entstand während der Erdinkarnation der alten Sonne und ist deshalb mit der Sonne verbunden. Und er ist auch mit der irdischen Sonne verbunden, denn der Ätherleib ist der Zeitenleib und die Sonne kann als die Herrin der Zeit und damit auch des Weltenäthers betrachtet werden. Deshalb erlebe ich in diesem Mantra sowohl die Verklärung der Hostie, ihre Aura nach der Wandlung, als auch die Stufe des Lebenspanoramas nach dem Tod.
Nachdem das menschliche Fühlen in die Raumesweiten hinaufgetragen worden war vom Sonnenwesen — nachdem es ganz Umkreis geworden war — regt sich nun im Innern, im Zentrum eine ahnende Empfindung. Das Bewusstsein erwacht, doch ist es dumpf. Die Botschaft der Empfindung erreicht nur knapp die Bewusstseinsschwelle. Und doch hört der Ich-Sprecher sie wie eine Verkündigung, eine Prophetie, dass er einst — also in Zukunft — etwas erkennen wird, das ihm gegenwärtig verborgen ist. Die Erkenntnis, die sich ihm später erschließen wird ist, dass ihn jetzt in diesem Momen ein Gotteswesen fühlt.
Ist das Sonnenwesen in diesem Moment dabei, die während des Lebens im Inneren bewahrten Erinnerungen, die nun im Lebenspanorama überblickt werden, in den Weltenäther einzuschreiben?
Die der Wandlung im Kultus entsprechende Stufe der alten Einweihung heißt Photismos, die Erleuchtung. Und deshalb ist es sicherlich auch richtig, im Mantra 10 K die Stufe der Erleuchtung, ihr innerliches Miterleben zu sehen.
Bestätigt fühle ich mich durch die Tatsache, dass Paulus sein Lebensveränderndes Lichterlebnis mittags hatte — also, wenn das Sonnenwesen sommerliche Höhen erklommen hat. Rudolf Steiner sagt: „Das neue Einweihungsprinzip, das von jetzt ab an keine physische Eigenschaft gebunden ist, sehen wir bei Paulus selber angedeutet: Er wird im Licht eingeweiht, nicht im Dunkel des Tempels. (GA 97, S. 149) Und an anderer Stelle: “Die plötzliche Initiation — wie bei Paulus — wäre früher nie möglich gewesen. Sie ist dadurch möglich geworden, daß durch das Fließen des Blutes Christi die ganze Menschheit zu einem gemeinschaftlichen Selbst geworden ist. Damals floß das Selbst aus dem Blute der Wunden Jesu.” (GA 97, S. 75)
Das Blut des Christus verband sich mit der Erde und verwandelte sie. Seitdem trägt das leuchtende Sonnenwesen das Irdisch-Stoffliche wieder hinauf und verbindet sich fühlend mit ihm. Kann der Mensch der großen Bewegung des Gottes, seinem opfernden Abstieg und leuchtenden Aufstieg folgen, wird er in diesem Licht eingeweiht wie Paulus.
