Der Zeit-Impuls des Mantras 9 I (großes i) ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
8 H

Es wächst der Sinne Macht

Im Bunde mit der Göt­ter Schaffen,

Sie drückt des Denkens Kraft

Zur Traumesdumpfheit mir herab,

Wenn göt­tlich Wesen

Sich mein­er Seele einen will,

Muss men­schlich Denken

Im Traumes­sein sich still bescheiden

9 I (großes i)

Vergessend meine Willenseigenheit

Erfül­let Wel­tenwärme Sommerkündend

Mir Geist und Seelenwesen;

Im Licht mich zu verlieren

Gebi­etet mir das Geistesschauen,

Und kraftvoll kün­det Ahnung mir:

Ver­liere dich, um dich zu finden.

10 K

Zu som­mer­lichen Höhen

Erhebt der Sonne leuch­t­end Wesen sich,

Es nimmt mein men­schlich Fühlen

In seine Raumesweit­en mit,

Erah­nend regt im Innern sich

Empfind­ung, dumpf mir kündend,

Erken­nen wirst du einst:

Dich fühlte jet­zt ein Gotteswe­sen.

 

Der Zeitim­puls von Fron­le­ich­nam, 9 I (großes i): Wandlung

vor­bere­it­et durch die Vere­ini­gung des Gottes mit dem Men­schen (8 H)

vol­len­det durch die Erhe­bung und füh­lende Wahrnehmung durch das göt­tliche Wesen (10 K)

Fronleichnam und das Ende der Osterscholle

Das Mantra 9 I (großes i) ist das let­zte Mantra der soge­nan­nten Oster­scholle, des “Mon­des im Jahr”. Damit sind die Wochen beze­ich­net, deren Feste an das Oster­da­tum gebun­den sind und dadurch eben­so von Jahr zu Jahr wari­ieren, wie das bewegliche Oster­fest. Die im weit­eren Ver­lauf des Jahres fol­gen­den Feste find­en zu fest­ste­hen­den Dat­en statt. Sie sind deshalb mit einem spez­i­fis­chen Son­nen­stand ver­bun­den. Diese bis zum Beginn der neuen Oster­scholle reichende Zeitspanne nenne ich deshalb die Son­nen­zeit im Jahr.

 Der Schritt vom Mantra 9 I zum Mantra 10 K ist also nicht ein­fach ein Schritt von ein­er Woche zur näch­sten. Es ist ein Schritt von der Mon­den­zeit zur Son­nen­zeit, von der in jedem Jahr neuen, indi­vidu­ellen, von Ostern bes­timmten Zeit zu der von der Sonne in gle­ich­bleiben­der Regelmäßigkeit regierten Zeit.

Rudolf Stein­er sagt, das Mon­den- und Son­nen­hafte im Men­schen macht ihn zum Wel­tenbürg­er: “… das Son­nen­we­sen ist dur­chaus übersinnlich, wie das Mon­den­we­sen unter­sinnlich ist. Dieses Übersinnliche und Unter­sinnliche des Plan­eten­sys­tems, wie sie konzen­tri­ert sind in Sonne und Mond, die begin­nen also zu wirken auf die men­schliche Organ­i­sa­tion von dem vierzehn­ten Leben­s­jahr an unge­fähr. Sie wirken erstens auf die Organ­i­sa­tion des Men­schen insofern, als das Mon­den­hafte mehr ver­wandt ist dem weib­lichen Ele­mente, allem Weib­lichen in der Welt, das Son­nen­hafte mehr ver­wandt ist dem Männlichen in der Welt. Aber sie wirken auch so, daß der Men­sch in alle­dem, was er erken­nt­nis­mäßig entwick­elt, in alle­dem, was er so entwick­elt, daß er denkt, ein Son­nen­haftes hat, in alle­dem, was er will, in allen Impulsen des Wol­lens, ein Mon­den­haftes hat. Sonne und Mond sind nicht nur da draußen im kos­mis­chen Raume, Sonne und Mond sind in uns. Und insofern wir denken, sind wir Son­nen­we­sen, insofern wir wollen, sind wir Mon­den­we­sen. Bess­er gesagt: Insofern wir in uns Organe aus­bilden, die die Ver­mit­tler des Denkens sind, wirken zur Aus­bil­dung dieser Organe von unserem vierzehn­ten Jahre an die Son­nenkräfte, das Übersinnliche; insofern wir Organe aus­bilden, die das Wollen ver­mit­teln, wirken in uns vom vierzehn­ten Jahre an die Mon­denkräfte, das Untersinnliche.

So kön­nen wir, wenn wir eine solche Erken­nt­nis in lebendi­ges Wesen ver­wan­deln, in uns fühlen: Du Men­sch, du bist so, daß in dir lebt nicht nur, was hier auf der Erde ist, daß in dir lebt, was Sonne und Mond kon­sti­tu­iert. Sonne und Mond sind in dir. Du bist ein Wel­tenbürg­er. Du wärest nicht, was du bist als Men­sch, wenn nicht das Wel­te­nall in dir wirk­te.“ (GA 191, S. 51f)

Das Fühlen wird an dieser Stelle von Rudolf Stein­er nicht the­ma­tisiert, doch sagt er im weit­eren Ver­lauf des Vor­trags, dass der Men­sch nur tragfähige, soziale Ideen entwick­eln kann, wenn er das geistige Wirken von Mond und Sonne in sich erlebt.

Tat­säch­lich entspricht die Oster­scholle, der Mond im Jahr, dem Wil­lens­bere­ich der Maria auf der Mond­sichel. Dem Denken ist dort der Stern­bere­ich im Herb­st zuge­ord­net. Doch gehört das Denken zum Son­nen­bere­ich, wenn lediglich die Oster­scholle und der Rest des Jahres betra­chtet werden.

Das Zahlengeheimnis von Fronleichnam

Das Mantra 9 I ist das Mantra der Fron­le­ich­namswoche. Warum dieses Fest im See­lenkalen­der zu beacht­en ist, kann im Bolg-Artikel zum Mantra 9 I nachge­le­sen wer­den. Fron­le­ich­nam ist nach Christi Him­melfahrt (40. Tag) und Pfin­g­sten (50. Tag) das let­zte der an das Oster­da­tum gebun­de­nen Fest und find­et am 61. Tag statt. Durch seinen Wochen­tag, dem Don­ner­stag, ist Fron­le­ich­nam sowohl mit Grün­don­ner­stag, dem Tag der Ein­set­zung der Eur­charistie, als auch mit Him­melfahrt verbunden.

Neben dieser offen­sichtlichen Beziehung gibt es noch eine ver­bor­gene. Zählt man nach der 52. Woche, also einem ganzen Jahreszyk­lus ein­fach weit­er, so ist die Woche 9 I die 61. Woche (52 + 9 = 61). Damit gibt es für den Fron­le­ich­nam­stag eine zahlen­mäßige Übere­in­stim­mung von Tag und Woche: 61 Tage nach Ostern und 61 Wochen-Schritte seit dem Ostern des Vor­jahres. Und auch vor Ostern gibt es einen Fest­tag, der eine ganz ähn­liche Syn­chro­niz­ität von Tag und Woch aufweist. Das ist Ascher­mittwoch, der erste Fest­tag, der durch den Abstand zum kom­menden Oster­fest bes­timmt wird. Ascher­mittwoch liegt (sofern zu Beginn der Oster­scholle für das kom­mende Oster­fest angepasst wird) in der siebten Woche vor Ostern und wie sein Name sagt stets an einem Mittwoch. Das entsprechende Mantra ist der Krisen­spruch 46 u. Das bedeutet, das let­zte Oster­fest liegt 46 Mantren-Schritte zurück. Gle­ichzeit­ig sind es bis zum Ende der Kar­woche, also bis Ostern genau 46 Tage.

Ascher­mittwoch und Fron­le­ich­nam — das erste und let­zte Fest der Osterscholle

Sowohl beim ersten als auch beim let­zten Fest der Oster­scholle gibt es eine Entsprechung von Tagen und Wochen. Das ist bes­timmt kein Zufall, doch was bedeutet es? Die zahlen­mäßi­gen Übere­in­stim­mungen kön­nten sym­bol­isch für die “eigen­willige” Oster­scholle wie zwei “Schnittstellen” fungieren, um sich mit der streng geord­neten Son­nen­zeit im Jahr zu har­mon­isieren. Ich kann diese Übere­in­stim­mung auch als heilige Vere­ini­gung betra­cht­en vom kleinen Tageszyk­lus mit dem großen Jahreszyk­lus — vertreten durch die Woche; also als mys­tis­che Hochzeit des taghellen Bewusst­seins mit dem viel machtvolleren strö­menden Leben.

Das Festgeheimnis von Fronleichnam

Fron­le­ich­nam ist das “Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi” und wie erwäh­nt durch seinen Wochen­tag mit dem let­zten Abendmahl ver­bun­den. Hier schenk­te Chris­tus den Jüngern und damit der ganzen Men­schheit seine Anwe­sen­heit im Sakra­ment von Brot und Wein. Er begrün­dete eine neue Durchgöt­tlichung der Materie — ihre Vergeis­ti­gung. Für Rudolf Stein­er war die Wand­lung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi bei der Feier der Eucharistie ein reales Erleb­nis. „Sie mögen über das, was ich Ihnen jet­zt sage, denken wie Sie wollen, aber ich kann ja nur von meinem Gesicht­spunkt, vom Gesicht­spunk­te mein­er Erfahrung aus sprechen. Ich habe viel beobachtet die Transsub­stan­ti­a­tion [die Wand­lung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi]. … aber immer­hin habe ich doch gese­hen, … wie während der Wand­lung, während der Transsub­stan­ti­a­tion, die Hostie eine Aura bekam. Also ich habe den objek­tiv­en Vor­gang, der sich, wenn die Wand­lung würdig vol­l­zo­gen wird, vol­lzieht, dur­chaus als eine Real­ität ken­nen­gel­ernt.“ (Lit.: GA 343a, S. 146f)

Der Prozess der Wand­lung von “geistleer­er” irdis­ch­er Materie zu durchgöt­tlichter Sub­stanz gehört zu einem vier­schrit­ti­gen Prozess, der den vier Teilen der Messe zugrunde liegt. Diese vier Teile haben sich im frühen Chris­ten­tum her­aus­ge­bildet durch eine Erneuerung der alten Mys­te­rien. Die Ein­wei­hung in diesel­ben vol­l­zog sich in vier Stufen:

1. Didaché, Lehre: Der Schüler wurde über den Zusam­men­hang von Gott, Men­sch und Welt belehrt. Die Schöp­fung wurde als Weltwer­dung Gottes aufgefasst.

2. Kathar­sis, Läuterung: Damit ist alles gemeint, was der Neo­phyt in sein­er harten, lan­gen Aus­bil­dung zu durch­leben hat­te in Form von Übun­gen und Prüfungen.

3. Pho­tismos, Erleuch­tung: Das Herzstück der Ein­wei­hung bildet eine Phase par­tieller Exkar­na­tion durch beson­dere Prak­tiken, z.B. durch den todähn­lichen Ein­wei­hungss­chlaf. Hier erlebte sich der Einzuwei­hende in einem beson­deren Bewusst­sein­szu­s­tand. Er war bewusster Teil­nehmer in der geisti­gen Welt unter den schöpferischen Wesenheiten.

4. Heno­sis, Vere­ini­gung: Damit ist die Wiedervere­ini­gung des Schülers mit seinem physis­chen Kör­p­er gemeint, seine “Erdung” und Ver­ankerung der Ein­wei­hungser­leb­nisse im physis­chen Körper.

(A. Suck­au, in: Kul­tus und Erken­nt­nis, Hrg: E. Mef­fert, S. 94)

In der vorchristlichen Ein­wei­hung, die nur ganz weni­gen Men­schen zuteil wurde, ging es vor allem um die Erweiterung und Ver­tiefung der Erken­nt­nis, also um eine beson­dere Schu­lung des Denkens, das dann hand­lungswirk­sam wer­den sollte. Im christlichen Kul­tus, der sich an die Gemeinde, also an Viele richtet und eine Gemein­schaftsini­ti­a­tion ist, geht es dage­gen um rit­uell, erlebte Hand­lung, dem wiederum das Denken nach und nach ler­nen muss zu folgen.

Erken­nt­nis und Kul­tus vol­lziehen sich bei­de in vier Stufen, denn durch bei­de wirkt der Logos. In der Erken­nt­nis wirkt er im einzel­nen Men­schen, in dessen Geist. Im Kul­tus erscheint er als wirk­same Kraft, und zwar nun so, wie sie in der Welt schaf­fend und umgestal­tend das Leben her­vor­brin­gend wirkt. Das Gewor­dene, Brot und Wein, wer­den in erneuernde Werdekräfte, in Leib und Blut Christi verwandelt.

Die vier Stufen der Geis­terken­nt­nis und des Kul­tus sind folgende:

Geis­terken­nt­nis Kul­tus
1. Studi­um, gegen­stands­freies Denken 1. Evan­gelien Verkündigung
2. Imag­i­na­tion zeigt etwas wie die Außen­seite der geisti­gen Welt 2. Opfer­ung
3. Inspi­ra­tion führt in das Innere der geisti­gen Welt 3. Wand­lung
4. Intu­ition ist Gemein­schaft mit den Wesen der geist­gen Welt in Wesensdurchdringung 4. Kom­mu­nion

Rudolf Stein­er emp­fahl einem katholis­chen Priester (ver­mut­lich um 1907), der bei ihm Rat suchte, folgendes:

“Im Laufe des Tages ist die Seele zu versenken in die vier Teile der Messe:

  1. Evan­geli­um, wobei man sich darunter vorzustellen hat, dass durch das­selbe für den Intellekt <Gottes Wort> zu den Men­schen kommt.
  2. Offer­to­ri­um [Opfer­ung], wobei man sich vorzustellen hat, dass man das­jenige, was man von Gottes Wesen schon in sich hat, frei­willig Gott zum Opfer bringt.
  3. Transsub­stan­ti­a­tion [Wand­lung], wobei man sich vorzustellen hat, dass sich das geopferte Men­schliche in wahrhaft Göt­tlich­es umwandelt.
  4. Com­mu­nion, wobei man sich vere­inigt denkt mit Gott” (Beiträge Nr. 110, S. 11)

9 I (großes i) — das Mantra der Woche: Im voraus­ge­gane­nen Blog­a­r­tikel 7 G — 8 H — 9 I habe ich das Mantra 9 I als Prozess des Ster­bens beschrieben. Das ist auch jet­zt richtig, doch möchte ich es nun unter dem Aspekt der Wand­lung betra­cht­en, die ja auch das Ster­ben des alten Seins voraus­set­zt. Und mit dieser Wand­lung begeg­net auch das irdis­che Denkver­mö­gen ein­er Gren­ze. Rudolf Stein­er beschreibt sie im Zusam­men­hang mit dem Faust-Thema:

Wo Sinneswis­sen endet,
Da ste­het erst die Pforte,
Die Lebens Wirklichkeiten
Dem See­len­sein eröffnet;
Den Schlüs­sel schafft die Seele,
Wenn sie in sich erstarkt
Im Kampf, den Weltenmächte
Auf ihrem eignen Grunde
Mit Men­schenkräften führen,
Wenn sie durch sich vertreibt
Den Schlaf, der Wissenskräfte
An ihren Sinnesgrenzen
Mit Geis­tes­nacht umhüllt.
(GA 272, S. 118)

Im Mantra 9 I gibt es einen Ich-Sprech­er. Diesen Ich-Sprech­er denke ich mir als die Sub­stanzen von Brot und Wein während dem Prozess der Wandlung.

Zu Beginn der Wand­lung, wie sie im Kul­tus vol­l­zo­gen wird, muss die Materie, konkret das Brot und der Wein, zunächst ihre “Wil­len­seigen­heit” vergessen. Dann kann das Göt­tliche in Gestalt der Wel­tenwärme sie durch­drin­gen — und zwar deren Geist und See­len­we­sen. Eine irdis­che Verän­derung von Brot und Wein, die physikalisch oder chemisch mess­bar wäre, find­et nicht statt.

Nun gebi­etet das Geistess­chauen. Das Mantra lässt sich auch so lesen, dass die gebi­etende Macht der Geist, also Gott ist durch sein Anschauen. Sein Blick auf Brot und Wein gebi­etet. Das Ange­blick­twer­den bewirkt schon Verän­derung. Es gebi­etet den Sub­stanzen, sich im Licht zu ver­lieren, ihre Stof­flichkeit im Licht aufzulösen, wie die Raupe ihre Leib­lichkeit auflöst, bevor sie Schmetter­ling wer­den kann.

Das neue Sein, als Leib und Blut Christi in Erschei­n­ung zu treten, ist noch nicht da. Doch die Ahnung kün­det kraftvoll. Sie “schub­st” sozusagen Brot und Wein über die “Gren­ze”, die der men­schliche Ver­stand zieht, mit den Worten: Ver­liere dich, um dich zu finden.

Ermutigt füh­le ich mich zu dieser recht küh­nen Deu­tung des Mantras 9 I durch die Aus­führung Rudolf Stein­ers: „Solange man wußte, daß es sich in dem Chris­tus um ein Wesen von der Sonne han­delt, hat­te die Mon­stranz mit der Hostie darin seinen guten Sinn. Darin ist zusam­menge­back­enes Mehl. Dieses Mehl kon­nte dadurch entste­hen, daß die Sonne Licht und Wärme auf die Erde fall­en läßt, daß Getrei­de wächst und aus dem Getrei­de das Mehl wird. Es ist wirk­lich, wenn man es so aus­drück­en will: Kör­p­er, vom Son­nen­licht gemacht. Solange man das gewußt hat, so lange hat­te das Ganze einen Sinn.“ (Lit.: GA 353, S. 118)

Im Mantra 9 I deutet nichts direkt auf eine in ihm wirk­ende göt­tliche Macht hin, wie sie in den umgeben­den Mantren direkt ange­sprochen wird.

Im Mantra 8 H wirken Göt­ter ver­bun­den mit der men­schlichen Wahrnehmung sowie der eine Gott, der sich der Seele einen will. Die Voraus­set­zung für die Vere­ini­gung ist, dass das men­schliche Denken in einen träu­mend-dumpfen Zus­tand ver­set­zt wer­den muss. Das göt­tliche Wirken stellt sich in diesem Mantra als eine Bewe­gung von oben nach unten dar.

Im Mantra 10 K erhebt sich das leuch­t­ende Wesen der Sonne und trägt auch das men­schliche Fühlen mit hin­auf in die Weite des Raumes. Das Son­nen­we­sen, das ich als ein göt­tlich­es Wesen anse­he, trägt also das von der Erde kom­mende Fühlen des Men­schen hin­auf und weit­et es. Dem antwortet aus dem Innern, dem Zen­trum des Men­schen, sein noch dumpfes, wohl ger­ade erwachen­des Bewusst­sein, sein Empfind­en. Die Empfind­ung kün­det, sie kündigt an, was der Men­sch später in der Lage sein wird, zu erken­nen. Später wird er erken­nen, dass ihn ein Gott fühlte, während dieser Gott in Gestalt des Son­nen­we­sens sein Fühlen hinauftrug.

Das Mantra 9 I ist also umgeben von zwei Gottes­be­we­gun­gen; in der ersten kommt Gott herab und eint sich mit der Seele (8 H), er opfert sich dadurch; in der zweit­en trägt Gott den Men­schen hin­auf, erhebt ihn, und nimmt ihn füh­lend wahr (10 K), sodass er ihn wie durch­leuchtet — wie die erhobene Hostie. In den bei­den das Mantra 9 I umgeben­den Mantren kommt das Wort “dumpf” vor. Im Mantra 8 H ist es die Traumesdumpfheit, im Mantra 10 K kün­det die Empfind­ung dumpf. Damit ist auf einen Bewusst­sein­szu­s­tand gedeutet, der nicht hell und wach ist, son­dern däm­mernd, an der Gren­ze zwis­chen Tag und Nacht, Wachen und Schlafen. Im Mantra 8 H wird das men­schliche Bewusst­sein in diesen Zus­tand ver­set­zt, im Mantra 10 K erwacht es wohl ger­ade daraus, doch ist es noch zu kein­er Erken­nt­nis fähig. Daraus fol­gt, dass sich das men­schliche Bewusst­sein im Mantra 9 I im Tief­schlaf befind­et, obwohl eine beobach­t­ende Instanz, ein Ich-Sprech­er, anwe­send ist.

8 H — die Vor­bere­itung: Das Mantra 8 H ist das Mantra der Pfin­gst­woche und damit das Mantra der Her­abkun­ft des Heili­gen Geistes.

Der Betra­ch­tung des Mantras möchte ich eine Pas­sage von Rudolf Stein­er voranstellen, in der er die Wand­lung im Zusam­men­hang mit Vater­gott, Sohn und Heiligem Geist beschreibt.

„Eine richtige Eccle­sia umfaßt in ihrer äußeren Real­ität die Gläu­bi­gen, und die Priester­schaft muß sich anse­hen als diejenige Wesen­schaft inner­halb der Eccle­sia, über deren Wirken das Geistige in die Men­schheit fließt. Dazu bedarf es schon mit richtigem Ver­ständ­nis auch der kleinen Sakra­mentenkapelle mit dem Sank­tis­si­mum, dem Sank­tis­si­mum, wo eben enthal­ten ist das Geheim­nis der Transsub­stan­ti­a­tion. Stellen wir uns vor, wir haben den Kelch, inner­halb dessen die Transsub­stan­ti­a­tion sich vol­lzieht. Die Men­schen suchen durch die Transsub­stan­ti­a­tion den Weg zum Vater, zu jen­er Urwelt-Schöpfer­ma­cht, die in aller Real­ität darin weset, die daher nicht gefun­den wer­den kann, wenn man ein­seit­ig nur nach dem Geisti­gen oder ein­seit­ig nur nach dem Materiellen geht, son­dern die gefun­den wird, wenn man die Ein­heit des Geisti­gen mit dem Materiellen unmit­tel­bar ent­deckt. Es ist eben heute wirk­lich­es Ver­ständ­nis für die Welt nur vorhan­den, wenn auf dem Altar die Transsub­stan­ti­a­tion vol­l­zo­gen wird. Da vol­lzieht sich in der Tat das Heilige, daß der Vater gesucht wird und der Sohn den Men­schen den Weg weist zu dem Vater, der Sohn, der nun eben den Weg ver­mit­telt zum Geiste.

Und so kann der Men­sch, indem er hin­blickt auf das­jenige, was sich über­all im Physis­chen darstellt, bei der Transsub­stan­ti­a­tion find­en das ganz ver­bor­gene Geistige im Physis­chen, das Wal­ten der Seraphim, der Cheru­bim, der Throne, deren ver­bor­genes Wal­ten erscheint als physis­che Sub­stanz. Will man es als Geistiges haben, so muß man den Weg zum Vater gehen. Den Weg zum Vater weist der Sohn, der dann dazu führt, daß das Geistige erscheint aus dem Physischen.

Das Brot — wenn wir nur von diesem aus­ge­hen, denn es kann auch für den Wein gezeigt wer­den -, das Brot ist Brot, aber der Vater kann in ihm gesucht wer­den. Chris­tus weist den Weg, das Brot umgibt sich mit der Aura durch die Transsub­stan­ti­a­tion, der Men­sch erlebt in der Aura den Geist. Es ist so, daß der Wein nur die Ver­stärkung desjeni­gen aus­macht, was im Brote liegt.

Und so kann gesagt wer­den: Die Sehn­sucht nach dem Vater lebt im sinnlichen Anblick, wo ver­bor­gen sind Seraphim, Cheru­bim, Throne. Chris­tus führt den Men­schen auf den Weg, so daß vor ihm in der gestern angedeuteten Weise wirk­sam wer­den Kyri­otetes, Dynameis, Exu­si­ai [Elo­him], und er auf­steigt in das­jenige Gebi­et, wo er heute die geistige Welt in ihrer Geistigkeit nur betra­cht­en kann, wo aber der Heilige Geist mit­ten drin­nen ist: Angeloi, Archangeloi, Archai.“ (Lit.: GA 346, S. 266f)

Das Mantra 8 H spricht vom Schaf­fen der Göt­ter. Und mit ihrem Schaf­fen ste­ht die wach­sende Macht der Sinne in Zusam­men­hang. Wer sind die Göt­ter, die durch ihr fortwähren­des Erschaf­fen der Welt den Sin­nen des Men­schen immer mehr Macht geben? Mit Göt­tern sind oft Erzen­gel gemeint und hier lässt sich an die vier Erzen­gel denken, die Rudolf Stein­er in beson­der­er Weise mit dem Jahreskreis ver­bun­den hat: Michael, Gabriel, Raphael und Uriel. Doch gemäß obigem Zitat sind es weit höhere Hier­ar­chien, deren Wirken die irdis­che Materie, die Vater-Welt als die wahrnehm­bare äußere Welt erschaf­fen: Seraphim, Cheru­bim und Throne.

Das Mantra fährt fort, dass die so gewach­sene Macht der Sinne die Kraft des Denkens her­ab­drückt in den Zus­tand des Träu­mens. Das helle Tages­be­wusst­sein tritt in den Zwis­chen­zu­s­tand des Traum­be­wusst­sein ein. Und in diesem im Grenzbere­ich zwis­chen Wachen und Schlafen befind­lichen Bewusst­sein kann auch im Men­schen das Wirken nun eines einzi­gen göt­tlichen Wesens wahrgenom­men wer­den. Dieser eine Gott kann sicher­lich als Elo­him ange­sprochen wer­den. Jahve gilt als der siebte, mit dem Mond ver­bun­dene Elo­him, die anderen sechs sind der Sonne zuge­hörig. Und Jahve offen­barte sich Mose im Feuer als der “Ich bin der ich bin.” Wenn also diese gewaltige, dem Men­schen immer mehr sein Ich schenk­ende Macht sich mit ihm einen will, dann muss das men­schliche Denken zurück­treten und träumen.

Im obi­gen Zitat spricht Rudolf Stein­er davon, dass die mit­tlere Hier­ar­chie, zu der die Elo­him gehören, vor dem Men­schen wirk­sam wer­den. Durch Chris­tus, der dem Men­schen den Weg zum Vater weist, leuchtet die Materie auf, erstrahlt die Hostie in göt­tlich­er Aura. Die Chris­tus-Elo­him Kraft hat sich ver­bun­den mit der Materie, mit dem was vor dem Men­schen erscheint, mit der Wahrnehmungswelt.

Doch nur, wenn die dritte Hier­ar­chie, die Archai, Erzen­gel und Engel im Men­schenin­neren wirken, wenn das Denken träumt und nicht vom Men­schen sel­ber ergrif­f­en und gelenkt wird, dann kann die Aura, der Geist in oder hin­ter der Materie sicht­bar wer­den. Dann erlebt der Men­sch — sagt das Mantra — dass ihm sel­ber geschieht, was in der zu Gottes Leib gewor­de­nen Hostie sicht­bar wird. Das göt­tliche Wesen verbindet sich mit ihm, dem irdis­chen Men­schen. Es wir eins mit ihm.

10 K — die Vol­len­dung: Wenn das Mantra 9 I als das innere Erleben des Ster­bevor­gangs betra­chtet wird, entsprich das Mantra 10 K der dre­itägi­gen Phase des Leben­sta­bleaus. Rudolf Stein­er sagt: „… für die Erin­nerun­gen bedi­enen wir uns als eines Werkzeuges des ätherischen Leibes. Wir wür­den nicht durch die Zeit, die zwis­chen dem Tode und der neuen Geburt ver­läuft, die Erin­nerun­gen an unser Leben über diese Zeit hinüber­tra­gen kön­nen, wenn nicht etwas ganz Bes­timmtes ein­treten würde: wenn wir nicht eine Zeit­lang, nach­dem wir mit dem Tode den physis­chen Leib ver­lassen haben, im Äther- oder Lebensleibe bleiben wür­den. Das ist eben die Zeit …, in welch­er das ver­flossene Leben nach unserem Tode vor uns liegt wie ein großes Panora­ma, wie ein großes Tableau. … Denn dieser Äther­leib ist dur­chaus eben das Werkzeug für die Erin­nerun­gen. … Während wir dieses Leben­sta­bleau nach unserem Tode in unser­er Seele haben, wird dieses ganze Leben­sta­bleau einge­tra­gen, ein­graviert gle­ich­sam — wenn ich mich dieses Aus­druck­es bedi­enen darf — in den all­ge­meinen, den Raum durch­drin­gen­den Leben­säther. Nun ist es da drin­nen. Was wir erst einige Tage hin­durch hiel­ten, ist nun gle­ich­sam aufgeze­ich­net in den all­ge­meinen Leben­säther, in dem wir leben, in dem wir immer sind. Dadurch, dass es da aufgeze­ich­net ist, dass es da drin­nen ist, ist es für unser weit­eres Leben zwis­chen dem Tode und der neuen Geburt eben vorhan­den. Und wir nehmen einen Extrakt aus unserem Äther­leibe mit, das wis­sen wir, damit wir immer eine Verbindung her­stellen kön­nen zwis­chen uns selb­st und diesem in den all­ge­meinen Leben­säther einge­tra­ge­nen Leben­sta­bleau. Das ist gle­ich­sam unser fort­laufend­es Organ, wodurch wir die Erin­nerun­gen an unser let­ztes Leben immer haben kön­nen. (GA 133, S. 136–137)

Im Mantra 10 K gibt es wie in den bei­den vorherge­hen­den Mantren einen Ich-Sprech­er. Dieser Ich-Sprech­er zeigt sich jedoch nur teil­be­wusst. Er nimmt wahr, dass die Sonne — genauer das leuch­t­ende Wesen der Sonne — sein men­schlich­es Fühlen mit­nimmt und in som­mer­liche Höhen, in die Raumesweit­en hin­aufträgt. Ohne dass es gesagt wird, ist der Ich-Sprech­er über­leuchtet vom Son­nen­we­sen und sein Blick erfasst immer größere Hor­i­zonte, je höher er hin­aufge­tra­gen wird vom Sonnenwesen.

Je höher der Ich-Sprech­er hin­aufge­tra­gen wird, desto freier wird möglicher­weise sein Äther­leib, desto umfassender zeigt sich ihm sein Lebenspanora­ma. Der Äther­leib ent­stand während der Erdinkar­na­tion der alten Sonne und ist deshalb mit der Sonne ver­bun­den. Und er ist auch mit der irdis­chen Sonne ver­bun­den, denn der Äther­leib ist der Zeit­en­leib und die Sonne kann als die Her­rin der Zeit und damit auch des Wel­tenäthers betra­chtet wer­den. Deshalb erlebe ich in diesem Mantra sowohl die Verk­lärung der Hostie, ihre Aura nach der Wand­lung, als auch die Stufe des Lebenspanora­mas nach dem Tod.

Nach­dem das men­schliche Fühlen in die Raumesweit­en hin­aufge­tra­gen wor­den war vom Son­nen­we­sen — nach­dem es ganz Umkreis gewor­den war — regt sich nun im Innern, im Zen­trum eine ahnende Empfind­ung. Das Bewusst­sein erwacht, doch ist es dumpf. Die Botschaft der Empfind­ung erre­icht nur knapp die Bewusst­seinss­chwelle. Und doch hört der Ich-Sprech­er sie wie eine Verkündi­gung, eine Prophetie, dass er einst — also in Zukun­ft — etwas erken­nen wird, das ihm gegen­wär­tig ver­bor­gen ist. Die Erken­nt­nis, die sich ihm später erschließen wird ist, dass ihn jet­zt in diesem Momen ein Gotteswe­sen fühlt.

Ist das Son­nen­we­sen in diesem Moment dabei, die während des Lebens im Inneren bewahrten Erin­nerun­gen, die nun im Lebenspanora­ma überblickt wer­den, in den Wel­tenäther einzuschreiben?

Die der Wand­lung im Kul­tus entsprechende Stufe der alten Ein­wei­hung heißt Pho­tismos, die Erleuch­tung. Und deshalb ist es sicher­lich auch richtig, im Mantra 10 K die Stufe der Erleuch­tung, ihr inner­lich­es Miter­leben zu sehen.

Bestätigt füh­le ich mich durch die Tat­sache, dass Paulus sein Lebensverän­dern­des Lichter­leb­nis mit­tags hat­te — also, wenn das Son­nen­we­sen som­mer­liche Höhen erk­lom­men hat. Rudolf Stein­er sagt: „Das neue Ein­wei­hung­sprinzip, das von jet­zt ab an keine physis­che Eigen­schaft gebun­den ist, sehen wir bei Paulus sel­ber angedeutet: Er wird im Licht eingewei­ht, nicht im Dunkel des Tem­pels. (GA 97, S. 149) Und an ander­er Stelle: “Die plöt­zliche Ini­ti­a­tion — wie bei Paulus — wäre früher nie möglich gewe­sen. Sie ist dadurch möglich gewor­den, daß durch das Fließen des Blutes Christi die ganze Men­schheit zu einem gemein­schaftlichen Selb­st gewor­den ist. Damals floß das Selb­st aus dem Blute der Wun­den Jesu.” (GA 97, S. 75)

Das Blut des Chris­tus ver­band sich mit der Erde und ver­wan­delte sie. Seit­dem trägt das leuch­t­ende Son­nen­we­sen das Irdisch-Stof­fliche wieder hin­auf und verbindet sich füh­lend mit ihm. Kann der Men­sch der großen Bewe­gung des Gottes, seinem opfer­n­den Abstieg und leuch­t­en­den Auf­stieg fol­gen, wird er in diesem Licht eingewei­ht wie Paulus.