
Der Zeit-Impuls des Mantras 10 K ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 9 i
Vergessend meine Willenseigenheit Erfüllet Weltenwärme Sommerkündend Mir Geist und Seelenwesen; Im Licht mich zu verlieren Gebietet mir das Geistesschauen, Und kraftvoll kündet Ahnung mir: Verliere dich, um dich zu finden. … |
.10 K
Zu sommerlichen Höhen Erhebt der Sonne leuchtend Wesen sich, Es nimmt mein menschlich Fühlen In seine Raumesweiten mit, Erahnend regt im Innern sich Empfindung, dumpf mir kündend, Erkennen wirst du einst: Dich fühlte jetzt ein Gotteswesen. |
11 L
Es ist in dieser Sonnenstunde An dir, die weise Kunde zu erkennen: An Weltenschönheit hingegeben, In dir dich fühlend zu durchleben: Verlieren kann das Menschen-Ich Und finden sich im Welten-Ich. … … |
Der Zeitimpuls von 10 K: die makrokosmische, große Seele
repräsentiert durch den Seelenraum aus Wollen (9 I), Fühlen (10 K), Denken (11 L)
zeitlich vorbereitet durch das Vergessen des Eigenwillens im Mantra 9 I (großes i)
vollendet durch das Hören der Kunde im Mantra 11 L
Die Osterscholle und das göttliche Auge
Mit dem Mantra 10 K beginnt das, was ich die Sonnenzeit des Jahres nenne, die Zeit, in der die christlichen Feste mit einem bestimmten Datum verbunden sind. Das war in der mit der Woche 9 I (großes i) zu Ende gehenden Zeit nicht so. Während der sogenannten Osterscholle variiert das Datum der Feste von Jahr zu Jahr, denn es bestimmt sich durch den Abstand zum Osterfest, das durch die Osterregel immer neu festgelegt wird. Diese von festen Daten relativ unabhängige Zeit beginnt sichtbar mit der Aschermittwochs-Woche sieben Wochen vor Ostern und endet mit der Fronleichnams-Woche neun Wochen nach Ostern. Da die Faschingszeit stets vor Aschermittwoch kulminiert und sich diese Zeit deshalb ebenso nach dem kommenden Osterfest richtet, gehe ich auch hier von neun Wochen aus. Das bedeutet, dass 18 Wochen unter dem Ostereinfluss stehen. Diese Zeit nenne ich den “Mond im Jahr”, weil sie — als “Osterscholle” in den Jahreskreis gezeichnet — sich wie eine Mondsichel ausnimmt.
Durch diese 18 Wochen der Osterscholle wird — cum grano salis — eine Drittelung im Jahreskreis bewirkt. Dadurch kann ein großes, gleichseitiges Dreieck im Jahreskreis erblickt werden, dessen Spitzen Anfang und Ende der Osterscholle sowie die Halbjahresschwelle im Herbst bilden. Dieses Dreieck kann als das Zeichen des geheimnisvollen göttlichen Auges betrachtet werden. Das ausstrahlende Zentrum des Jahreskreises, die geistige Sonne, entspricht dann dem göttlichen Auge im Dreieck.

Die Osterscholle bildet die Grundlage eines großen gleichseitigen Dreiecks im Jahreskreis — wodurch das Zentrum des Kreises als göttliches Auge erscheint
Über dieses vor allem aus der Freimaurerei bekannte Symbol sagt Rudolf Steiner mit angefügter Zeichnung: „Das Auge ist das göttliche Kraftauge hinter aller vergänglichen Wesenheit, ja noch hinter der siebengliedrigen Menschennatur. Man erlangt davon eine Vorstellung, wenn man sich erinnert an des Augustinus’ Worte:
«Der Mensch sieht die Dinge, wie sie sind.
Sie sind, wie Gott sie sieht.»
Das menschliche Sehen ist passiv, die Dinge müssen da sein, damit der Mensch sie sehen könne. Gottes Schauen schafft im Hinschauen die Dinge. Das Dreieck um das Auge ist
Geistselbst (Manas)
Lebensgeist (Budhi)
Geistesmensch (Atma)
Die Strahlen sind das «Ich» — es scheint die obere Dreiheit durch das Ich in die unteren Glieder der Menschennatur.
Diese sind symbolisiert:
- durch den beleuchteten Teil der Wolken: der Astralleib
- durch den unbeleuchteten Teil der Wolken: der Ätherleib
- durch die darumliegende Finsternis: der physische Leib.“ (Lit.: GA 265, S. 371)

Das göttliche Auge (GA 265, S. 371, leicht bearbeitet) im Seelenkalender
Der Mensch als Monden- und Sonnenform
Rudolf Steiner zeigt wiederholt, dass der Mensch aus der Sonnen‑, d.h. Kreis- bzw. Kugelform, und der Mondenform aufgebaut ist. „Wir können dasjenige, … auch so bezeichnen, wir können sagen: Betrachten wir den ganzen, vollen Menschen, wie er in der Welt vor uns steht, zunächst als Gliedmaßenmenschen, so zeigt er sich als solcher nach Geist, Seele und Leib. Betrachten wir ihn als Brustmenschen, so zeigt er sich uns als Seele und Leib.

Die große Kugel: Geist, Leib, Seele; die kleinere Kugel: Leib, Seele; die kleinste Kugel [der Kopf]: bloß Leib.“ (GA 293, S. 137)
Im Nachwort findet sich die Ergänzung, dass die vier geraden Strahlen vier Abschnitten eines Kreises entsprechen mit unendlich großem Kreisumfang und Radius.
An anderer Stelle sagt Rudolf Steiner über die Mondenform, dass sie wiederum zum vollen Kreis ergänzt werden muss: „Aber so können wir schon den Menschen auffassen gewissermaßen als Kugelform und als Mondenform. Das hat eine tief-innerliche Berechtigung; …
Nun ist das Haupt des Menschen ein wirklicher Apparat zunächst für die geistige Betätigung. Für alles dasjenige, was der Mensch aufbringen kann an menschlichen Gedanken, menschlichen Empfindungen ist das Haupt, der Kopf der Apparat. Aber wenn wir angewiesen wären auf dasjenige, was der Kopf als Apparat leisten kann im Denken, Empfinden, würden wir niemals imstande sein, das Wesen des Menschen wirklich zu verstehen. Wenn wir überhaupt angewiesen wären, nur den Kopf als Werkzeug unseres Geisteslebens zu benützen, würden wir niemals imstande sein, zu uns wirklich Ich zu sagen. Denn, was ist dieser Kopf? Dieser Kopf ist in Wahrheit, so wie er uns in seiner Kugelform entgegentritt, ein Abbild des ganzen Kosmos, wie Ihnen der Kosmos zunächst erscheint mit all seinen Sternen, Fixsternen, Planeten und Kometen, sogar Meteorsteinen die Unregelmäßigkeiten spuken ja in manchen Köpfen. Der menschliche Kopf ist ein Abbild des Makrokosmos, ist ein Abbild der ganzen Welt. Und nur das Vorurteil unserer Zeit … weiß nichts davon, daß die ganze Welt daran beteiligt ist, daß ein menschliches Haupt zustande kommt.
Aber wenn dieses menschliche Haupt nun durch die Vererbung, durch die Geburt auf die Erde versetzt ist, so kann dieses menschliche Haupt kein Apparat sein, um die Wesenheit des Menschen selbst zu begreifen. Uns wird gewissermaßen in unserem Haupte ein Apparat gegeben, der wie ein Extrakt der ganzen Welt ist, der aber nicht imstande ist, den Menschen zu begreifen. Warum? Ja, aus dem Grunde, weil der Mensch mehr ist als alles dasjenige, was wir sehen, denken können durch unsern Kopf. Heute sagen viele Leute, das menschliche Erkennen hätte Grenzen, man könne nicht weiter über diese Grenzen hinauskommen. Das rührt aber nur davon her, weil diese Menschen bloß die Weisheit des Kopfes gelten lassen wollen, und die Weisheit des Kopfes geht allerdings nicht über gewisse Grenzen hinaus. … Die griechischen Götter sind aus der Weisheit des Kopfes hervorgegangen. Sie sind die oberen Götter; sie sind daher nur Götter für alles dasjenige, was der Kopf des Menschen mit seiner Weisheit umspannen kann.
… In den Mysterien verehrten die Griechen außer den himmlischen Göttern noch andere Götter, die chthonischen Götter. Und von demjenigen, der in die Mysterien eingeweiht wurde, sagte man mit Recht: Er lernt kennen die oberen und die unteren Götter. — Die oberen Götter, das waren diejenigen des Zeuskreises; aber sie haben nur Herrschaft über dasjenige, was vor den Sinnen ausgebreitet ist und was der Verstand begreifen kann. Der Mensch ist mehr als dieses. Der Mensch wurzelt mit seiner Wesenheit im Reiche der unteren Götter, im Reiche der chthonischen Götter.
Aber man kommt nicht zurecht, wenn man nur dasjenige vom Menschen ins Auge faßt, was ich schematisch hier aufgezeichnet habe. Wenn man das Wurzeln des Menschen im Bereiche der unteren Götter ins Auge fassen will, dann muß man schon diese Zeichnung vervollständigen und muß sie so machen: Man muß auch gewissermaßen den nicht belichteten Mond einbeziehen.

Man muß, mit anderen Worten, den Kopf des Menschen anders betrachten als den übrigen Organismus. Beim übrigen Organismus muß man viel mehr ins Auge fassen dasjenige, was geistig ist, was übersinnlich, was unsichtbar ist. Der Kopf des Menschen ist äußerlich, so wie er uns entgegentritt, gewissermaßen eine Vollkommenheit. Alles, was geistig ist, hat sich ein Abbild geschaffen im Kopfe. Im übrigen Menschen ist das nicht der Fall. Der übrige Mensch ist nur ein Fragment als physischer Mensch, und man kommt nicht zurecht mit dem übrigen Menschen, wenn man dieses fleischige Fragment nimmt, das sichtbar auf der Erde herumwandelt.
… Der Kopf ist der Apparat unserer Weisheit; … Der Kopf entwickelt sich rasch, der übrige Organismus langsam. Verhältnismäßig ist der Kopf schon ganz ausgebildet beim Kinde, entwickelt sich viel weniger weiter. Der übrige Organismus ist noch wenig ausgebildet, macht langsam seine Stadien durch. Das hängt zusammen damit, daß wir in der Tat ein Doppelmensch auch im Leben sind. Nicht nur unser Skelett zeigt den Kopf und den übrigen Menschen, sondern unser Leben zeigt selbst diese Zwienatur unseres Wesens: unser Kopf entwickelt sich schnell, unser übriger Organismus entwickelt sich langsam. Unser Kopf macht in unserer Zeit ungefähr schon bis zu unserem achtundzwanzigsten oder siebenundzwanzigsten Jahre seine Entwickelung durch, der übrige Organismus braucht dazu das ganze Leben bis zum Tode. Erleben nämlich kann man dasjenige, was der Kopf verhältnismäßig in kurzer Zeit sich aneignet, nur im ganzen Leben. Es hängt das mit vielen Geheimnissen zusammen.
Der Geistesforscher erkennt diese Dinge insbesondere dann, wenn er einmal den Blick richtet auf einen Unglücksfall. Es klingt wiederum paradox, aber es entspricht der völligen Wahrheit. Denken Sie sich einmal, ein Mensch wird erschlagen, er geht durch einen Unglücksfall zugrunde. Nehmen wir an, ein Mensch wird in seinem dreißigsten Jahre erschlagen. Für die äußere physische Betrachtung ist solch ein plötzlicher Tod eine Art Zufall; aber es ist vor der geisteswissenschaftlichen Betrachtung einfach lächerlich, eine solche Sache als Zufall zu betrachten. Denn in dem Momente, wo durch eine äußere Veranlassung, von außen her, ein Mensch plötzlich in den Tod kommt, geht rasch ungeheuer viel mit ihm vor sich. Denken Sie sich, im gewöhnlichen Zusammenhange der Dinge wäre dieser selbe Mensch, der mit dreißig Jahren erschlagen worden ist, vielleicht siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt geworden. Da hätte er dadurch, daß er vom dreißigsten bis neunzigsten Jahre noch gelebt hätte, langsam hintereinander mancherlei im Leben zugenommen an Lebenserfahrung. Das, was er so in sechzig Jahren durchgemacht hätte an Lebenserfahrung, macht er, wenn er im dreißigsten Jahre erschlagen wird, kurz, vielleicht in einer halben Minute könnte es sein, durch. Die Zeitverhältnisse sind, wenn die geistige Welt in Betracht kommt, eben andere als sie uns hier im physischen Plan erscheinen. Ein rascher Tod, der durch äußere Verhältnisse herbeigeführt wird — man muß die Sache ganz genau nehmen -, kann unter Umständen rasch die Erfahrung, die Erfahrung sage ich, die Lebensweisheit des ganzen Lebens durchmachen lassen, das noch hätte kommen können.
Daran kann man studieren, wie das ist, was der Mensch sein Leben hindurch an Lebensweisheit, an Lebenserfahrung sich aneignet. Und man kann daran studieren, wie sich verhält dasjenige, was der Kopf leisten kann mit seiner kurzen Entwickelung, gegenüber dem, was der übrige Mensch leisten kann mit seiner langen Entwickelung im sozialen Leben. Es ist wirklich so, daß der Mensch während seiner Jugendzeit gewisse Begriffe, gewisse Vorstellungen aufnimmt, die er lernt; aber er lernt sie eben da nur. Sie sind dann Kopfwissen. Das übrige Leben, das langsamer verläuft, ist dazu bestimmt, das Kopfwissen umzuwandeln allmählich in Herzwissen — ich nenne jetzt den andern Menschen nicht den Kopfmenschen, ich nenne ihn den Herzensmenschen -, umzuwandeln das Kopfwissen in Herzenswissen, in Wissen, an dem der ganze Mensch beteiligt ist, nicht nur der Kopf.
Um das Kopfwissen in Herzenswissen umzuwandeln, brauchen wir viel länger, als um uns das Kopfwissen anzueignen. Um uns das Kopfwissen anzueignen — wenn es schon ein ganz besonders gescheites Wissen ist, braucht man heute die Zeit bis in die Zwanzigerjahre hinein. Nicht wahr, dann wird man ein ganz gescheiter Mensch, akademisch ganz gescheiter Mensch, aber um dieses Wissen wirklich mit dem ganzen Menschen zu vereinigen, muß man beweglich bleiben sein Leben hindurch. Und man braucht, um das Kopfwissen in Herzenswissen umzuwandeln, eben um so viel länger, als man länger lebt als bis zum siebenundzwanzigsten oder sechsundzwanzigsten Jahre. Insofern ist man auch als Mensch eine Zwienatur. Man eignet sich rasch das Kopfwissen an und kann es dann umwandeln im Laufe des Lebens in Herzenswissen.
… Das bloße Weisheitswissen wird umgewandelt durch die aus dem Menschen aufsteigende Herzenswärme oder Liebe. Weisheit wird im Menschen von der Liebe befruchtet. …
Und das ist in der Tat ein tiefes, bedeutsames Lebensgesetz. …
Weil die Menschen die innerliche Lebendigkeit sich nicht erhalten, da erkaltet ihr Herz; es strömt die Herzenswärme nicht nach dem Kopfe hinauf, es befruchtet die Liebe, die aus dem übrigen Organismus kommt, den Kopf nicht. Das Kopfwissen bleibt kalte Theorie. Aber es braucht nicht kalte Theorie zu bleiben, es kann alles Kopfwissen umgewandelt werden in Herzenswissen. Und das ist gerade die Aufgabe der Zukunft, daß das Kopfwissen allmählich in Herzenswissen umgewandelt wird. Da wird ein wirkliches Wunder geschehen, wenn das Kopfwissen in Herzenswissen umgewandelt wird.” (GA 180, 13. Vortrag 12.1.1918)
Die Mondenform in der Zeichnung von Rudolf Steiner meint den menschlichen Körper. Doch seine wahre geistige Gestalt ist ebenso ein Kreis bzw. eine Kugel, wie es der Kopf ist. Sie bildet sich, indem sich sein Leben mit dem Tod rundet. Betrachte ich den Tageszyklus als den Kopf, erscheint der Jahreskreis mit der Osterscholle als Körper.

Der “Monden”-Körper — ergänzt durch die Lebenserfahrung — der Jahreskreis mit Osterscholle
Die Sonnenzeit des Jahres entspricht dann der Ergänzung des mondförmig dargestellten Körper-Fragments und bedeutet das Sammeln der Lebenserfahrung während des ganzen Lebensweges. Das Ziel dieses großen Zyklus ist die Umwandlung des Kopfwissens in erfahrenes Herzwissen. Beispielsweise muss die Kenntnis, dass ein Jahr 52 Wochen zählt, in die Erfahrung von 52 qualitativ vollkommen unterschiedlicher Wochen umgewandelt werden. Mir scheint, genau dafür hat Rudolf Steiner den Seelenkalender geschaffen. Die als erste dargestellte Zeichnung von Rudolf Steiner (GA 293) weist die mittlere Kugel als Brustmenschen aus und diese hat ebenso die Mondenform integriert. Dieser Kugel weist er Leib und Seele zu.
10 K — das Mantra der Woche: Das Mantra 10 K ist das erste Mantra der Sonnenzeit des Jahres. Auch wenn die Wochen ohne unser Zutun wechseln und wir jedes Jahr, ob wir es wollen oder nicht, den Schritt von der Mondenzeit — der Osterscholle — zur Sonnenzeit machen, bedeutet dieser Schritt eine gewaltige Veränderung. Es ist der Schritt von der getrennten und selbstbestimmten Persönlichkeit zur Allverbundenheit. Für das irdische Bewusstsein zeigt sich dies durch den Wechsel der kalendarischen Modi von Feiertagen, von den variablen zu den gleichbleibenden. Zwar folgen auch die Feste der Osterzeit klaren Regeln und diese sind keineswegs vom einzelnen Menschen zu beeinflussen, doch kann im beweglichen Osterdaten ein Äquivalent zum Eigenwillen der Persönlichkeit erlebt werden. Und dieser Eigenwille musste für den Schritt in die Sonnenzeit aufgegeben werden, denn nun gibt es für die Feste keine Variabilität mehr. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass eine größere Macht den Menschen zu tragen beginnt, ihn bestimmt. Diese Macht ist die Sonne.
Das Mantra 10 K spricht von der Sonne und diese Sonne ist ein leuchtendes Wesen. Sie erhebt sich zu sommerlichen Höhen. Ihre ganze Macht — und Kraft — kommt in der Erhöhung zum Ausdruck. Und das Sonnenwesen nimmt das menschliche Fühlen des Ich-Sprechers mit in die von ihm in der Erhebung beherrschten Raumesweiten. Die Weite steht in “Raumesweiten” in der Mehrzahl. Das weckt das Bild eines Raumes, der sich in immer neuen Wellen weiter und weiter ausweitet — sich dehnt in immer neue Räume. Und deshalb sind die Raumesweiten zwar als Raum, aber nicht als begrenzt anzusehen.
Das Mantra 10 K stellt das menschliche Fühlen in den Mittelpunkt und verbindet es mit der Sonne, denn das Sonnenwesen nimmt dieses Fühlen mit in die Höhe und Weite. In der Darstellung des dreigliedrigen Seelenraumes — dem Ei — gehört das Fühlen zum Sonnenbereich, zum sonnengleich ausstrahlenden Kreiszentrum.
Von Angelus Silesius stammt der Satz: „Setz dich in’n Mittelpunkt, so siehst du all’s zugleich: was jetzt und dann geschieht, hier und im Himmelreich.“ Sehr deutlich kommt für mich darin zum Ausdruck, dass das Geheimnis der zyklischen Zeit, des Zeit-Raums, in den man eintreten kann, bekannt war. Rudolf Steiner kommentiert diesen Ausspruch (und weitere) so: “Die Höhe ist damit erstiegen, auf welcher der Mensch hinausschreitet über sein individuelles Ich und jeden Gegensatz zwischen der Welt und sich aufhebt. Ein höheres Leben beginnt für ihn. Wie der Tod des alten und eine Auferstehung im neuen Leben erscheint ihm das innere Erlebnis, das ihn überkommt.” (GA 7, S. 96) Daran schließt er ein weiteres Zitat von Angelus Silesius: «Wann du dich über dich erhebst und läßt Gott walten: so wird in deinem Geist die Himmelfahrt gehalten.»
Der Ich-Sprecher im Mantra 10 K zeigt sich in diesem geistigen Raum, in dieser Höhe und Weite weniger Bewusst, als Angelus Silesius dies für das geistige Himmelfahrts-Erlebnis voraussetzt. Im Ich-Sprecher regt sich lediglich eine Empfindung, die eine Ahnung aufsteigen lässt. Die Ahnung kündet dumpf, also kaum ins Bewusstsein tretend und doch als eine eigene geistige Instanz. Sie spricht den Ich-Sprecher als Du an und verheißt ihm Erkenntnis, die sich einst einstellen wird, also wenn die Zeit dafür reif ist. Und diese Erkenntnis wird dann sein, dass ihn, den Ich-Sprecher, — das im Augenblick gegenwärtige Bewusstsein — jetzt ein Gotteswesen fühlt. Und diese Erkenntnis scheint nicht im Augenblick des Geschehens, sondern nur rückblickend möglich zu sein.
Wie fühlt ein Gotteswesen den Menschen? Gleicht sein Fühlen vielleicht einem Anblicken? Ist hier möglicherweise die Imagination des göttlichen Auges die richtige Vorstellung? Das bedeutet, dass mein ausstrahlendes Bewusstsein, was in seinem Ursprung ein fühlendes Gewahrsein ist und stets aus meinem Zentrum strahlt, in jedem Jetzt gefühlt, wahrgenommen wird vom göttlichen Bewusstsein. Auch das Gotteswesen strahlt sein Bewusstsein vom Zentrum aus und mit diesem Ausstrahlen, so denke ich mir, erschafft es den Zyklus dieses Zeitraumes — durch seine Gegenwärtigkeit, die gleichzeitig ein erschaffendes Wahrnehmen ist.
9 I (großes i) - die Vorbereitung: Im Mantra 9 I steht der Mensch wie gesagt vor dem alles verändernden Schritt in die Sonnenzeit des Jahres. Die Woche 9 I ist die Fronleichnams-Woche, die letzte Woche der Osterscholle, denn Fronleichnam ist das letzte Fest, dessen Datum durch den Abstand zum vergangenen Osterfest definiert wird.
Der Ich-Sprecher im Mantra 9 I schildert, wie er seine Willenseigenheit im Begriff ist zu vergessen. Dieses Vergessen entspricht dem Schritt von der Monden- zur Sonnenzeit des Jahres. Im folgenden Gedicht wird diese Seelensituation mit anderen Worten und Bildern ausgedrückt.
Stell Dich der Luft
sei wie ein Narr
luftverwurzelt
und steh weit offen
Betroffen rück bis an
den Rand des
Unbeschreiblichen
und dann spring
Im Unausweichlichen
ist Halt
(Meinert Steensen)
Der Eigenwille ist verbunden mit der eigenen Blutwärme. Wird der Eigenwille vergessen, wie es das Mantra 9 I schildert, weicht offensichtlich auch die Eigenwärme, denn nun erfüllt die Weltenwärme den Geist und das Wesen der Seele dieses Ich-Sprechers. Dieses Ereignis kündet vom Sommer. Mir scheint, dass der Sommer das nachtodliche Leben bedeutet. Das Sommer-Halbjahr steht für die Hingabe an die Wahrnehmungswelt, an das maximale Aus-sich-Herausgehen und das bedeutet zu sterben.
In dieser neuen Situation herrscht die Wahrnehmung, sie gebietet in Gestalt des Geistesschauens, dass sich der Ich-Sprecher im Licht verlieren soll. Er soll seine bisher bestehende irdische Identität im Licht auflösen. Und mit anderen Worten kündet ihm die Ahnung, hier eine kraftvolle, sozusagen vitale Instanz, etwas ganz Ähnliches. Der Ich-Sprecher soll sich verlieren, um sich zu finden. Mit Nachdruck wird er an eine Grenze geschoben, die im irdischen Leben nicht vorstellbar ist, sie zu überschreiten.
Das Geistesschauen gebietet, die Ahnung kündet, doch tun muss es der Ich-Sprecher selber. Er muss die neue Situation ergreifen, sie wollen, obwohl er seinen Eigenwillen doch gerade vergisst. Er muss bereit sein, sich führen zu lassen.
Das Mantra thematisiert den Willen, die “irdischste” der Seelenfähigkeiten, doch nicht so, wie der Mensch auf der Erde seinen Willen als Eigenwillen erlebt, sondern als Aufforderung zur Kooperation zum einen mit dem Geistesschauen, zum anderen mit der Ahnung. Verbergen sich dahinter vielleicht die geistigen Korrelate von Wahrnehmung und Denken?
11 L — die Vollendung: Im Mantra 11 L spricht eine ungenannte Instanz ein Du an und damit den vorausgesetzten Ich-Sprecher. Doch dessen Reaktion erfährt der Leser nicht, denn das ganze Mantra ist eine einzige wörtliche Rede. Das Mantra liest sich deshalb wie ein Teil eines inneren Dialogs — eines inneren Denkprozesses. Doch so wie der Wille im Mantra 9 I kein irdischer Wille mehr ist, so zeigt sich auch das Denken nicht mit der zweifelnden Unsicherheit behaftet, wie es im irdischen Leben erscheint. Das Bewusstsein des Ich-Sprechers lauscht einer strengen, autoritär belehrenden Stimme, die mit göttlicher Vollmacht zu sprechen scheint.
Es ist Sonnenstunde. Eine nicht genannte Glocke läutet sozusagen die Mittagszeit ein. Und zu diesem Zeitpunkt ist es notwendig, dass der Angesprochene etwas erkennt. Es ist an ihm — die Verantwortung liegt bei ihm — und es ist “kurz vor zwölf” dafür. Jetzt muss er die weise Kunde erkennen. Wer eine Kunde kennt, ist ein Kundiger. Der Angesprochene soll offensichtlich ein Kenner der Seele werden — und zwar der von der Wahrnehmung angeregten Seele. Während er an die Weltenschönheit hingegeben ist, soll er sich gleichzeitig in sich selber fühlend durchleben. Er soll sein Bewusstsein maximal ausdehnen. Er soll sich der göttlich geschaffenen Wahrnehmungswelt, der Weltenschönheit, hingeben und gleichzeitig in sich selber das eigene Fühlen bewusst durchleben. Damit soll er die Kunde erkennen, dass das Erleben der irdischen Realität eine Schöpfung des menschlichen, urteilenden Geistes ist, denn diese Realität beruht auf den vorgenommenen Bewertungen der gemachten Wahrnehmungen. Der angeredete Ich-Sprecher soll Kenntnis davon erlangen, was Viktor Frankl (1905 — 1997) in die Worte fasst: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl, unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Damit ist ausgedrückt, dass der Reiz, die Wahrnehmung vom Menschen mit einer aus dem Innern, dem Denken kommenden Reaktion beantwortet wird und diese Antwort ist nicht vorbestimmt, sondern vom Menschen wählbar.
Der Angesprochene soll erkennen, dass er das, was er bisher für seine Identität, für sein Ich hielt, dass er dieses im Urteilen, im Denken erfasste Menschen-Ich verlieren kann. Und dass dies ihm ermöglicht, sich im Welten-Ich zu finden. Rudolf Steiner sagt über diesen Sachverhalt: “Man muß schon sein Erden-Ich verlieren, um sein wirkliches wahres Ich in der Anschauung zu bekommen. Und derjenige, der nicht diese Hingabe entwickeln würde, der kann eben an dieses wahre Ich nicht herankommen. Man möchte sagen: Das wahre Ich will nicht gesucht sein, wenn es erscheinen soll, wenn es sich offenbaren soll; und es verbirgt sich, wenn es gesucht wird. Denn es wird nur in der Liebe gefunden. Und Liebe ist Hingabe des eigenen Wesens an das fremde Wesen. Daher muß das wahre Ich wie ein fremdes Wesen gefunden werden.“ (GA 84, S. 142)
Das Mantra schildert eine Möglichkeit. Und diese Möglichkeit hängt offensichtlich mit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zusammen — ob er zur rechten Stunde die weise Kunde erkennt. Das Welten-Ich ist laut Rudolf Steiner der Christus und dieser will vom Menschen erkannt werden. „Christus ist das Welten-Ich, das Weltenleben. Das hat sichtbar unter den Menschen gelebt.“ (GA 91, S. 58) Seit dem kann der Mensch sich finden im Welten-Ich und sein eigenes Bewusstsein bewahren, obwohl er sein irdisches Menschen-Ich an der Schwelle zur geistigen Welt verlieren muss.
In den Mantren 9 I, 10 K und 11 L erkenne ich eine große, über die drei Mantren ausgebreitete, makrokosmische Seele. Jedes Mantra thematisiert eine Seelenfähigkeiten und deren Aufgabe in der geistigen Welt.
Das Mantra 9 I handelt vom Willen, es steht dort, wo sich der Impuls der großen Seele vorbereitet und das Mantra beginnt in der Verlaufsform der Gegenwart (Vergessend …). Das Mantra 11 L, welches das Denken behandelt, das hier als Erkennen der Kunde umschrieben wird, steht dort, wo sich der Impuls vollendet und es beginnt mit abgeschlossener Gegenwart (Es ist …). Den Höhepunkt dieses Impulses, seine Gegenwart, bildet das Mantra 10 K. Es spricht vom Fühlen in der schlichten, beschreibenden Gegenwart.
Sowohl der Wille als auch das Denken müssen ihr Selbst- bzw. Ich-Erleben verlieren und neu finden. Allein das Fühlen erlebt die direkte Begegnung mit dem Göttlichen. Das Gotteswesen nimmt das menschliche Fühlen in die Raumesweiten mit und fühlt den Menschen. Der Mensch erlebt dadurch eine Weitung seines Fühlens in kosmisch-göttliche Dimensionen, wodurch er für das Gotteswesen wahrnehmbar wird. Für das Gotteswesen kann vielleicht komplementär-entsprechend eine konzentrierende, in das Menschenwesen einziehende Bewegung als Entsprechung angenommen werden, sodass der Mensch später, einst, das ihn fühlende Gotteswesen erkennt.
In allen drei Mantren fällt die Variation eines Wortes auf: “künden” — “kündend” — “Kunde”. Im Mantra 9 I kündet die Ahnung und weist auf die Zukunft, die wie von außen auf den Menschen zukommt. Im Mantra 10 K regt die Empfindung sich im Innern und kündet dumpf, vorbewusst. Sie kündigt eine noch nicht ins Bewusstsein getretene Erkenntnis an. Und im Mantra 11 L ist es die weise Kunde, die erkannt werden soll. Was Kunde, also bewusstes Wissen werden soll, wird zunächst wie von außen durch die Ahnung dem Menschen mitgeteilt. Dann ringt sich diese Erkenntnis als eigene Einsicht aus dem Innern ins Bewusstsein hinauf, kündigt sich nur dumpf an, um schließlich als weise Kund vom tagwachen Bewusstsein erkannt zu werden. Die im Mantra 9 I kündende Ahnung scheint mir zum Kopf, zum Verstand zu sprechen. Die dumpf kündende Empfindung (10 K), die sich im Innern regt, ist die erlebte Lebenserfahrung, die noch dabei ist, Herzwissen zu werden. Erkennt der Ich-Sprecher die weise Kunde (11 L), ist das Herzwissen aufgestiegen und bewusst geworden.
