Das Gewicht des Osterfestes für den Jahreslauf

… gehört das Ei, das eben­so zur Deko­ra­tion aufge­hängt, real gegessen und als Süßigkeit über­all ange­boten wird. Diesen bei­den Sym­bol­en in ihrem Zusam­men­hang wird so wenig Aufmerk­samkeit gewid­met, das es sog­ar sprich­wörtlich heißt: „Das bekommt man für´n Appel und n´ Ei“, will sagen für sehr wenig Geld, es ist nichts wert. Doch der Anschein täuscht.

Den Kreis als zwei­di­men­sion­alen Aus­druck der Kugel habe ich bere­its in vielfältiger Weise als Bewusst­sein­sraum und Jahreskreis beschrieben. Auch das Ei stellt eine Bewusst­sein­sart und eine Ansicht des Jahres­laufs dar. Im Fol­gen­den gehe ich auf bei­de For­men ein.

 

Wie die Osterzeit das Jahr in Sechstel gliedert

Ostern ist mit der Oster­woche nicht vorüber. Weit­ere acht Wochen fol­gen, denn ihre Feste sind durch den Abstand zum Oster­son­ntag definiert, nicht durch ein Datum. Him­melfahrt, Pfin­g­sten und Fron­le­ich­nam ver­schieben sich jedes Jahr entsprechend dem Oster­da­tum. Diese Wochen bilden dadurch einen beson­deren Bere­ich im Jahr. Neun Wochen entsprechen etwa einem Sech­s­tel des ganzen Jahres (52 : 9 = 5,7). Auch vor Ostern ist eine Anzahl an Wochen mit Ostern ver­bun­den. Sicht­bar wird dies z.B. am Ascher­mittwoch, der nicht durch ein Datum fix­iert ist, son­dern immer in der siebten Woche vor Ostern liegt. Nehme ich an, dass sich der Oster­im­puls eben­so lange vor­bere­it­et, wie er nach­wirkt, so gehören eben­so neun Wochen zu dieser voröster­lichen Zeit. Diese Wochen sind miteinan­der fest ver­bun­den und bewe­gen sich gemein­sam (bis zu einem gewis­sen Grad) unab­hängig vom Sonnen-Jahr.

Das Sech­s­tel von Ostern bis Fron­le­ich­nam nenne ich das Ursech­s­tel. Durch Spiegelung nach unten ergibt sich das zweite Sech­s­tel der voröster­lichen Zeit. Bei­de zusam­men bilden die Oster­scholle mit 18 Wochen – etwa einem Drit­tel des Jahres. Ich zeichne diese zwei mal neun Woche als blauen Mond in den Jahres­lauf, denn es ist der Voll­mond (nach der Früh­lings-Tag-und-Nacht­gle­iche), der mit dem darauf­fol­gen­den Son­ntag die Bewe­gung des Oster­da­tums im Son­nen­jahr her­vor­ruft. Dadurch wird dem Jahreskreis neben der Teilung in Hal­b­jahre und in Viertel­jahre auch eine Drei- bzw. Sechs­gliedrigkeit eingeprägt, wie die Abbil­dung zeigt.

 

Die Sechsgliedrigkeit und die Sonne

Was bedeutet eine Sechs­gliedrigkeit im Jahres­lauf? Sie scheint wenig mit dem realen Erleben zu tun zu haben. Der Jahres­lauf, der im inneren Bild als Kreis­lauf erscheint, wird durch die Sonne geschaf­fen. Man kön­nte sagen, er bildet die Sonne auf Erden ab. Zur Sonne gehören aber sechs Son­nen-Elo­him, wie die Anthro­poso­phie lehrt. „Im physis­chen Son­nen­licht weben die Liebeskräfte von sechs der Elo­him, weshalb sie Rudolf Stein­er auch als Licht­geis­ter beze­ich­net. Der siebente, Jahve, nahm den Mond zum Wohn­sitz und sendet von dort der Erde die reife Weisheit zu, um dadurch die Auf­nahme der Liebe vorzu­bere­it­en. Jahve repräsen­tiert aber auch das gemein­same Ein­heits­be­wusst­sein der sieben Elo­him, das diese dadurch erlangt haben, dass sie im Zuge des Sech­stagew­erks den Men­schen nach ihrem Eben­bild erschaf­fen hat­ten“ (Anthrowiki.at, Elo­him). In der Sechs­gliedrigkeit des Jahres­laufs ist diesem das Sigel der sechs Sonnenelo­him eingeprägt. Dies geschieht durch die zwei Sech­s­tel der Oster­scholle, dem „Mond“ im Jahr, die wie Jahve eine rel­a­tive Eigen­ständigkeit im Ver­gle­ich zum Son­nen­jahr haben.

 

Die Schraubenbewegung

Wie schon ange­merkt, lassen sich die 52 Wochen des Jahres nicht glatt durch sechs teilen; es fehlen zwei Wochen. Doch mit Hil­fe von Spiegel- und Gegen­spruch kann das Ursech­s­tel der eigentlichen Osterzeit auf das ganze Jahr über­tra­gen wer­den. Dadurch kön­nen die Gren­zen der weit­eren Sech­s­tel bes­timmt werden.

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Abbildung
Die Sechstel und die Schraubenbewegung im Seelenkalender von 1912/13
Die Grenze des Ur-Sechstels der Osterzeit zwischen 9‑i / 10‑K heruntergespiegelt zu 43‑r / 44‑s und durch den Gegenspruch übertragen auf 35‑i / 36‑k. Von letzteren ausgehende Spiegel- und Gegensprüche ergeben nicht die gleiche Grenze, sondern zwei: vom Gegenspruch von 43‑r / 44‑s gelangt man zu 18‑R / 19‑S – aber vom Spiegelspruch 35‑i / 36‑k zu 17‑Q / 18‑R.

Da 52 nicht glatt durch sechs teil­bar ist, ergibt sich bei der Schritt-für-Schritt Über­tra­gung, wie sie dargestellt ist, für den Spruch 18 R eine Über­lap­pung. Der Spruch 18 R hat ent­ge­gen aller anderen Sprüche eine dop­pelte Zuge­hörigkeit, sozusagen zwei Gesichter. Frage ich mich, welche Aus­sage darin liegen kön­nte, so finde ich eine Antwort, wenn ich das Zus­tandekom­men dieses gle­ichzeit­i­gen Anfang- und Ende-Sein des Spruchs 18 R als Ergeb­nis ein­er Bewe­gung erlebe. Diese Bewe­gung nimmt an einem Punkt ihren Anfang und kehrt, um die Erfahrung des Weges bere­ichert, an ihren Anfang zurück­kehrt: der Spruch 18 R ist der erste Spruch des drit­ten Som­mer­hal­b­jahres-Sech­s­tels. Nach­dem dieses Sech­s­tel Woche für Woche durch­schrit­ten ist, fol­gen im Jahres­lauf die weit­eren Sech­s­tel, bis zum mit­tleren Som­mer­hal­b­jahres-Sech­s­tel, dessen let­zter Spruch wieder 18 R ist.

Eine Schrauben­be­we­gung entste­ht, die den zyk­lis­chen Aspekt des Jahres, die Wieder­hol­ung des immer Gle­ichen, mit dem lin­earen Zeitaspekt, der Ein­ma­ligkeit des Augen­blicks, verbindet. Dies entspricht dem realen Zeit­er­leben, denn die Wiederkehr der gle­ichen Woche im neuen Jahr ist für uns natür­lich nicht die Wieder­hol­ung des ewig gle­ichen. Dies entspricht dem Bild des Jahres­laufs als Sonne auf Erden, denn die Sonne ste­ht laut Rudolf Stein­er für ewigen Fortschritt. Am Phänomen der Schrauben­be­we­gung, der dop­pel­ten Zuge­hörigkeit des Spruchs 18 R, wird ihr Poten­tial der ewigen Entwick­lung sicht­bar. In der Natur begin­nt zur Zeit der Woche 18 R die Knospen- und Samen­bil­dung, die im Ver­bor­ge­nen einen neuen Entwick­lungszyk­lus vorbereitet.

Der zyk­lis­che Aspekt des Jahres, die Wieder­hol­ung des ewig Gle­ichen, wird am naht­losen Über­gang des let­zten Spruch 52 z (Kar­woche) zum ersten 1 A (Oster­woche) des neuen See­lenkalen­der-Jahres sichtbar.

 

Das tibetische Rad des Lebens als Bild des Seelenraums

Die oben gefun­de­nen Sech­s­tel kön­nen auch im tibetis­chen Leben­srad wieder­erkan­nt wer­den. Es gliedert sich in sechs Län­der der Wiederge­burt, die im Kreis ange­ord­net sind. Das tibetis­che Leben­srad (Bha­va-cakra) ist eine kom­plexe Darstel­lung religiös­er Überzeu­gun­gen. Erst bei näher­er Betra­ch­tung erschließen sich Par­al­le­len zum Jahreslauf.

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Das tibetische Lebensrad mit integriertem Seelenkalender-Jahreskreis mit Sechsteln

Das Bild des Leben­srads beste­ht aus ver­schiede­nen konzen­trischen Kreisen: im Zen­trum find­en sich Hahn (Gier), Schwein (Verblendung) und Schlange (Hass) als Aus­druck der Kräfte, die das Rad des Lebens, den Inkar­na­tion­skreis­lauf, am Laufen hal­ten. Der Kreis ist hier gedrit­telt, wie es im Jahres­lauf durch die bei­den zu Ostern gehören­den Sech­s­tel geschieht. Darum herum sind das auf­steigende, helle und das absteigende, dun­kle Kar­ma als zwei Kreishälften dargestellt. Das auf­steigende, helle Kar­ma kor­re­spondiert mit der auf­steigen­den Sonne, der Erd­sphäre, das absteigende dun­kle Kar­ma mit der absteigen­den Sonne, der Geist­sphäre. (In Tibet gibt es die vier Jahreszeit­en mit zu- und abnehmender Tages­länge, der auf- und absteigen­den Sonne, sodass diese Phänomene zum Ver­ständ­nis des Leben­srades herange­zo­gen wer­den können.)

Der näch­ste Ring beste­ht aus sechs Sech­steln, mit der Darstel­lung der sechs Län­der der Wiederge­burt. Betra­chte ich diese nicht als Orte physis­ch­er Wiederge­burt, son­dern als seel­is­che Bere­iche, als sechs grundle­gende The­men meines See­len­lebens, so kann ich das Ganze als meinen See­len­raum erleben, in dem ich in einem Bere­ich beson­ders zu Hause bin. Fol­gende Inter­pre­ta­tion ist möglich:

Som­mer-Hal­b­jahr — obere Kreis-Hälfte – erstrebenswerte Län­der der Wiedergeburt:

Reich der Men­schen – Bere­ich des Ler­nens und der Entwicklung

Reich der Göt­ter – Bere­ich mein­er mit­ge­bracht­en Begabungen

Reich der Hal­bgöt­ter – Bere­ich des Übens ohne sicht­baren Erfolg,

Vor­bere­itung der Früchte des näch­sten Lebens

Win­ter-Hal­b­jahr — untere Kreis-Hälfte – zu ver­mei­dende Län­der der Wiedergeburt:

Reich der Tiere – Bere­ich der Dunkel­heit, des Unerkan­nten, Unbewussten

Reich der Hölle – Bere­ich des Jet­zt, wo mich mein Kar­ma trifft

Reich der Hungergeis­ter – Bere­ich des Man­gels und der Opfer-Haltung

Ganz außen ist die 12-Gliedrige Kette abhängi­gen Entste­hens zu sehen, die oben am Scheit­elpunkt des Rades begin­nt und sich in Son­nen-Rich­tung fort­set­zt. Auch wir ken­nen eine 12-Gliedrigkeit des Wer­dens und Verge­hens im Jahres­lauf durch die 12 Monate. Das Bild des Leben­srades zeigt ganz außen, das Rad hal­tend, Yama, den Tod (oder Mara, den Versucher).

Alles Leben, das die Sonne auf der Erde her­vor­lockt, ist dem Tod gewei­ht. Der Jahres­lauf wird durch die Sonne geschaf­fen. Das tibetis­che Leben­srad kann als Darstel­lung der Son­nen­wirkung auf die men­schliche Seele und auf ihr Kar­ma betra­chtet wer­den, denn die Sonne im See­len­leben ist die Kraft des hellen Bewusst­seins. Möglicher­weise ist das tibetis­che Leben­srad ein gemal­ter See­lenkalen­der. Umgekehrt ist der See­lenkalen­der unter Umstän­den eine detail­lierte Anleitung für die Stufen des Lebens auf der Erde und in der geisti­gen Welt bis zu ein­er neuen Geburt – eben ein Kalen­der, der angibt, welch­er Prozess ger­ade dran ist. Tat­säch­lich find­en sich dazu Anhalt­spunk­te im See­lenkalen­der, doch ihre Darstel­lung würde den Rah­men dieser Ein­führung sprengen.

 

Die Maria auf der Monsichel, im Strahlenkranz und die denkende und wollende Seele

Es gibt viele Darstel­lun­gen der Maria auf der Mond­sichel. Eine davon zeigt eine erstaunliche Par­al­lele zum tibetis­chen Leben­srad, denn hier sind eben­so Hände und Füße (ein­er anson­sten unsicht­bar bleiben­den Per­son) zu sehen. Diese sind in die Man­dor­la aus Rosen inte­gri­ert und weisen sich durch die Nagel­male als Hände und Füße des Chris­tus aus. Die Aura der Maria erscheint dadurch auf ähn­lich Art gehal­ten, wie Yama, der Tod, das tibetis­che Leben­srad hält.

Im tibetis­chen Leben­srad kom­men die Bewusst­seins­bere­iche des Men­schen zum Aus­druck. Alles Bewusst­sein beruht auf gerin­gen Tode­sprozessen, denn der im Kör­p­er wirk­ende, inkarnierte Geist ist Leben. Erst wenn er wieder exkarniert, entste­ht freier Geist, der als Bewusst­sein in Erschei­n­ung tritt. Deshalb ist es sachgemäß dargestellt, dass der Toten­gott Yama das Rad der ver­schiede­nen Bewusst­seins­bere­iche hält.

Ganz anders ist es bei der Maria auf der Mond­sichel. Hier geht es um das Leben der Seele, das Leben, das den Tod über­winden kann. Das Kind auf Marias Arm ist die Ver­heißung dieser See­lenkraft, die sich von der Physis unab­hängig machen, die aufer­ste­hen kann.

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Maria auf der Mondsichel, im Strahlenkranz
Marienaltar des St. Johanniskloster vor Schleswig, das Stiftungsjahr ist 1693, die Darstellung selber ist deutlich älter (Postkarte)

Das große kos­mis­che Vor­bild dieser Marien­darstel­lun­gen find­et sich in der Apoka­lypse des Johannes, (Offen­barung 12.1). Es ist das Weib, den Mond unter ihren Füßen, mit der Sonne bek­lei­det und gekrönt durch zwölf Sterne. Bei den Marien­darstel­lun­gen wird dies so ver­wirk­licht, dass Maria auf dem Mond ste­ht, der Strahlenkranz stellt ihr Son­nen­kleid dar. Die Kro­ne auf ihrem Haupt wird all­ge­mein als die erwäh­nte Ster­nenkro­ne gedeutet. Sie ste­ht für die zwölf Stern­bilder und ist ein Hin­weis, dass das Bewusst­sein der Maria so groß ist wie der Tierkreis — mithin der Jahreslauf.

 

Maria auf der Mondsichel im Jahreslauf

Die Maria auf der Mond­sichel, im Strahlenkranz, kann im Jahres­lauf wiederge­fun­den wer­den. Die Mond­sichel, auf der Maria ste­ht, kann in dem Zeitraum erblickt wer­den, der fest mit Ostern ver­bun­den ist. Diese an Ostern gebun­de­nen Wochen, die ich Oster­scholle nenne, zeigen durch ihre Beweglichkeit eine gewisse Eigen­ständigkeit im Jahr. Sie gle­ichen einem Mond, der im Son­nen­jahr inte­gri­ert ist. Ihr Strahlen­kleid kann in den 52 Wochen oder auch 365 Tagen gese­hen wer­den, die den ganzen Jahres­lauf bilden. Jed­er Tag, jede Woche erscheint wie ein Son­nen­strahl, der vom Zen­trum des Jahreskreis­es, von der Quelle aus­ge­ht. Drei Attribute sind der Maria beigegeben. Der Mond unter ihren Füßen, das Son­nen­kleid und die Ster­nenkro­ne. Da die Oster­scholle etwa ein Drit­tel des Jahres umfasst, ist es nahe­liegend, in den anderen Drit­teln die weit­eren Attribute zu ver­muten. Dies gelingt, wenn die Drit­tel als übere­inan­der liegende Bere­iche im Jahr betra­chtet wer­den, nicht als hin­tere­inan­der ablaufende Phasen. Gegenüber dem Mond, der Oster­scholle liegt das Drit­tel, das zu der Ster­nenkro­ne der Maria gehört. Es ist die Zeit vor und nach Michaeli. Zwis­chen diesen zwei zusam­men­hän­gen­den Drit­teln liegen zwei Sech­s­tel, eins im Som­mer- und eins im Win­ter-Hal­b­jahr. Diese bei­den Sech­s­tel bergen das Zen­trum des Jahreskreis­es, den Vere­ini­gungspunkt aller regelmäßi­gen Zeit­gliederun­gen, hier der Wochen. Diese Quelle jed­er Gegen­wart bildet die Sonne, das Son­nen­kleid der Maria. Es sind auch die Sech­s­tel, in denen die Schwellen­sprüche und die Son­nen­wen­den liegen.

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Der Monden- Sonnen- und Sternenbereich im Jahreskreis

 

Die neue Ausrichtung des Jahres

Die Mond­sichel wird wie eine Schale unter Marias Füßen liegend dargestellt. Soll Maria aufrecht ste­hend im Jahreskreis erscheinen, kann der Jahres­lauf nicht wie bish­er dargestellt wer­den. Bis­lang lag das Win­ter-Hal­b­jahr unten, das Som­mer-Hal­b­jahr oben und Wei­h­nacht­en mit dem Jahreswech­sel markierte die tief­ste Stelle dieses Kreis­es. Nun muss der Jahres­lauf um 45o gedreht wer­den, sodass die Kar­woche und Ostern die Basis bilden. Das erscheint zunächst willkür­lich, doch auch hier ist ganz unten ein Jahre­san­fang, Das See­lenkalen­der­jahr begin­nt mit der Oster­woche 1 A.

Es gibt noch einen weit­eren Hin­weis, dass diese Darstel­lung berechtigt ist. In zwei See­lenkalen­der-Sprüchen spricht das Wel­tenwort. Es sind die Sprüche 17‑Q und 36‑k. Das Wel­tenwort ist die Kraft, durch die alles ins Sein tritt. Es ist eine Beze­ich­nung für den Schöpfer Jesus Chris­tus. Die bei­den spiegel­nden Wel­tenwort-Sprüche liegen ger­ade in der Höhe des Kreis­es, in der ein Hin­weis auf das Kind der Maria erwartet wer­den kann. Diese dop­pelte Präsenz wird in Marien­darstel­lun­gen so real­isiert, dass sie das Kind mal auf dem recht­en und mal auf dem linken Arm trägt.

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Maria auf der Mondsichel im Strahlenkranz im Seelenkalender 1912/13
Haus Habsburg, 15./16. Jahrhundert

 

Die aktive, denkende und wollende Seele

Wenn ich in meinem Bewusst­sein­sraum rein füh­lend präsent bin, in Gegen­wär­tigkeit ruhend, hat dieser Raum die Form ein­er Kugel bzw. auf der imag­i­na­tiv­en Ebene die eines Kreis­es. In der Venus von Wil­len­dorf ist dieses im Gewahr­sein ruhende Bewusst­sein beson­ders präg­nant dargestellt. An dieser Darstel­lung ist erkennbar, wie der Jahres­lauf als Bild des Bewusst­sein­sraums hier gemeint ist. Das für alle Wahrnehmung ste­hende Som­mer-Hal­b­jahr ist in den nähren­den Brüsten zu sehen, die Fähigkeit zu Denken im Win­ter-Hal­b­jahr, in den Fortschritt brin­gen­den Beinen (siehe dort). Das ist die Aus­rich­tung des Jahres­laufes, die ich bis zur Maria auf der Mond­sichel benutzt habe: das Som­mer-Hal­b­jahr ist oben, das Win­ter-Hal­b­jahr unten. Das ist der durch die Zeit gegebene Leib der großen Göt­tin des Seins.

Doch gibt es nicht nur die füh­lende, in Gegen­wär­tigkeit ruhende Seele. Es gibt auch die denk­ende und wol­lende, die aktive Seele. Der son­st kre­is­för­mige Bewusst­sein­sraum verän­dert sich durch aktives Denken oder Wollen. Seine Form ändert sich durch die gerichteten Impulse dieser bei­den See­len­fähigkeit­en. Durch den Willen entste­ht ein Gewicht im See­len­raum, das zur Ver­wirk­lichung, zur Erde zieht. Im Denken wird ein Gedanken­faden ver­fol­gt, der Aus­rich­tung mit sich bringt. Diese bei­den Ver­for­mungen des Bewusst­seins-Kreis­es kann ich in der Ei-Form wieder­erken­nen. Das untere Ende ist run­der, schw­er­er und gibt dem Wil­len­sim­puls Aus­druck. Das obere Ende ist schmaler, gerichteter und zeigt die konzen­tri­erte Aus­rich­tung des Denkens.

Diese aktive Seele kann sich ver­wandt mit der Maria auf der Mond­sichel fühlen, die ihr Kind zur Erde trägt. Die neu gefun­dene Aus­rich­tung des Jahres­laufs verbindet sich nun zusät­zlich mit der neuen Form des Bewusst­sein­sraums, dem Ei. Dieser durch die Maria auf der Mond­sichel ver­bildlichte aktive See­len­raum gliedert sich wie die Seele in drei Bere­iche: Der Wille stammt aus dem tief­sten, unbe­wusstesten Bere­ich der Seel, das Fühlen nimmt eine Mit­tel­stel­lung ein und das (aktive) Denken lebt im hellen Bewusst­sein sozusagen ganz oben. Der Mond unter Marias Füßen trägt sie, wie unsere aus dem Willen her­vorge­gan­genen Tat­en uns im Leben Schritt für Schritt weit­er­tra­gen. Das Fühlen strahlt wie die Sonne Energie aus und hat die Macht, unser Umfeld mit Liebe zu erwär­men. In zwölf Weltan­schau­un­gen kann sich unser Denken üben, entsprechend der Kro­ne aus zwölf Ster­nen, mit der Maria gekrönt ist.

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Der Jahreslauf als Ei — mit der Maria auf der Mondsichel im Strahlenkranz (Seelenkalender 1912/13)

Das Urbild der Seele kann in den Marien, die auf der Mond­sichel ste­hend im Strahlenkranz dargestellt sind, erkan­nt wer­den. Im Jahres­lauf erlebe ich mich in der zu Ostern gehören­den Zeit durch ihren Wil­lens­bere­ich lebend, in der Hochsom­mer- und Tiefwin­ter-Zeit strahlt mir die äußere, oder die innere Sonne und in der Herb­st-Michaeli-Zeit ist laut Rudolf Stein­er das klarste Denken möglich. Mein See­len­raum mit meinen drei Aktivierungsmöglichkeit­en Denken, Fühlen und Wollen bildet sich im christlichen Jahres­lauf ab.

An dieser Stelle sei auf die oben abge­bildete Vogel- und Mut­ter-Göt­tin der Steinzeit ver­wiesen, die häu­fig mit dem diag­o­nalen Kreuz verse­hen wurde. Die Licht­sprüche bilden ein entsprechen­des Kreuz im See­lenkalen­der, wenn diese neue  Aus­rich­tung des Jahres­laufes gewählt wird.

 

Das kosmische Kreuz und das goldene Dreieck

Das Urbild der Seele im Jahres­lauf zu erken­nen, erscheint auf den ersten Blick gewagt. Doch hat Rudolf Stein­er auf diese Möglichkeit hingewiesen. Er schildert für die vier Jahreszeit­en vier kos­mis­che Erzen­gel-Imag­i­na­tio­nen (Rudolf Stein­er, GA 229). Eben diese als Urkräfte beze­ich­neten Erzen­gel bringt er an ander­er Stelle in Zusam­men­hang mit den vier Him­mel­srich­tun­gen. Es sind Uriel, Raphael, Gabriel und Michael. Jed­er von ihnen leit­ete eine Erd-Inkar­na­tion: Uriel war der Lenker des alten Sat­urn, Raphael der alten Sonne, Gabriel des alten Mon­des. Michael leit­et die Entwick­lung der ganzen Erden-Zeit. Durch diese Auf­gabe ist jed­er mit einem Wesens­glied des Men­schen ver­bun­den: Uriel mit dem physis­chen Leib, Raphael mit dem Äther­leib, Gabriel mit dem Astralleib. Michael vere­inigt die Kräfte der anderen drei Erzen­gel und führt sie in die Zukun­ft, indem er dem Men­schen ermöglicht, sie durch sein Ich zu Geist­selb­st, Lebens­geist und Geist­men­sch umzugestalten.

 

Das kosmische Kreuz und die Seele der Menschheit

Rudolf Stein­er schildert die vier Urkräfte-Erzen­gel in einem gewalti­gen kos­mis­chen Bild: “Vier gewaltige, erhabene Gestal­ten ste­hen im Wel­tenraume, ein jed­er nach ein­er der vier Rich­tun­gen. So for­men sie das kos­mis­che Kreuz. Sie lenken und leit­en die Wel­tenvorgänge und sind die Diener des Einen, der das Leben der Sonne ist. Während eines jeden kos­mis­chen Tages wer­den sie abwech­sel­nd von dem Son­nengeist inspiri­ert. Sie sind die Urkräfte, welche sich spiegeln in den drei Kräften des Denkens, Füh­lens und Wol­lens im Kos­mos und in der men­schlichen Seele. Der eine, der am mächtig­sten ist, enthält in sich die Kräfte der drei anderen, er ist der vol­lkom­men­ste, durch ihn kön­nen die andern erst geschaut und ver­standen wer­den. Er ist der direk­te Diener des großen Son­nengeistes und leit­et die Zukun­ft, auf dass sie zur Gegen­wart wird. Die Strahlen seines Licht­es brin­gen den men­schlichen See­len Erken­nt­nis. Wie einen neuen Tag ankündi­gend, leuchtet sein Licht aus dem Osten. … An sein­er recht­en Seite, in der Rich­tung des Nor­dens, ste­ht der­jenige, welch­er ins­beson­dere verknüpft ist mit der Sat­urn-Entwick­elung. Sein Licht leuchtet in bläulichem Glanze, schwäch­er wie das der anderen. Eine erhabene, strenge Gestalt, wird er mit dem Namen des Uriel genan­nt. In der Rich­tung des West­ens ste­ht der­jenige, welch­er zu der Son­nen-Entwick­elung in Beziehung ste­ht. Im gold­e­nen Glanze strahlt sein Licht. Eine erhabene, kraftvolle Gestalt, wird er mit dem Namen des Raphael beze­ich­net. In der Rich­tung des Südens ste­ht der, welch­er ver­bun­den ist mit der Entwick­elung des alten Mon­des. Im sil­ber­nen weißen Lichte erglänzt sein Wesen. Eine erhabene, liebevolle Gestalt, wird er mit dem Namen des Gabriel genan­nt. Der vierte, welch­er die Kräfte der anderen in sich enthält und seine eigene Kraft hinzufügt, strahlt sein Licht von dem Osten aus in rosa­far­biger Nuance und gold­en­em Glanze. Er leit­et und lenkt die Entwick­elung der Erde und wirkt deshalb in die Zukun­ft hinein. Eine erhabene, siegre­iche Gestalt, welche die Eigen­schaften der drei anderen in sich trägt, wird er mit dem Namen des Michael genan­nt. So ste­hen da die vier mächti­gen Erzen­gel und leit­en die Wel­tenvorgänge“ (Rudolf Stein­er, GA 265, S. 336ff, Anthrowiki.at, Himmelsrichtungen)

Abbildung
Vier erhabene Engel um das Christusmonogramm mit den Evangelistensymbolen, wie sie sich im Jahreslauf finden
Gewölbemosaik in der Kapelle des Erzbischhöflichen Palasts in Ravenna, um 500 n.Chr.

In der Seele und im Kos­mos spiegeln sich die Kräfte der Erzen­gel in Denken, Fühlen und Wollen „Vom Osten strö­men die Ver­standeskräfte der Erde zu. …dort ist der Kopf der Erde. Wen­den wir uns zum Süden: Von dort strahlen die heili­gen Herzen­skräfte, die Kräfte der Liebe und Hingabe der Erde zu. Von West­en ergießt sich der heilige Wille in die Erde, der die Glieder durch­strömt, woraus die Hand­lun­gen fließen“ (Rudolf Stein­er, GA 265, S. 316f, Anthrowiki.at, Him­mel­srich­tun­gen). Vom Osten wirkt Michael, vom West­en Raphael, vom Süden Gabriel. Uriel wird hier nicht erwähnt.

Warum wird der mit dem physis­chen Leib ver­bun­dene Erzen­gel Uriel nicht erwäh­nt? Wer ist das Wesen, dessen Denken von Micheals kos­mis­ch­er Intel­li­genz durch­strömt wird, dessen Fühlen die heili­gen Herzen­skräfte Gabriels ausstrahlt und in dessen Glieder sich der heilige Wille Raphaels ergießt? Trägt dieses Wesen möglicher­weise garkeinen physis­chen Leib an sich? Die Maria auf der Mond­sichel, mit der Sonne bek­lei­det und den zwölf Ster­nen als Kro­ne auf ihrem Haupt vere­int als Seele der Men­schheit die Kräfte der drei Erzen­gel in sich. Sie erscheint im Jahres­lauf, wenn die mit Ostern fest ver­bun­de­nen Wochen als der Wil­lens­bere­ich Raphaels ange­se­hen wer­den, als der Mond unter ihren Füßen. Ihr Son­nenge­wand erhält sie durch Gabriels Liebesstrahlen und ihr Kopf wird von Michaels Ver­standeskräften durchströmt.

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Maria auf der Mondsichel im kosmischen Kreuz der Erzengel
(Erzengel, Himmelsrichtungen und Jahreszeit nach Rudolf Steiners Angaben)

Das goldene Dreieck und die Dreiheit der Sprüche im Seelenkalender

Auch die kom­menden Erd-Inkar­na­tio­nen wer­den durch hohe geistige Wesen geleit­et, die heute schon wirken, von Rudolf Stein­er aber nicht namentlich benan­nt wer­den: „Aus den vier Gliedern wird er drei her­vorwach­sen lassen als eine höhere Drei­heit. Außer­halb des Men­schen, im Kos­mos, ist diese höhere Drei­heit schon da, aber der Men­sch muss sie allmäh­lich her­anziehen, so dass sie sich in ihm verin­ner­licht. Wie die vier Glieder des Men­schen in Beziehung ste­hen zu den vier Erzen­geln, unter deren Ein­fluss sie ver­an­lagt wur­den, so gibt es kos­mis­che Mächte, welche mit den drei höheren Gliedern der men­schlichen Natur ver­bun­den sind. Die zukün­fti­gen plan­e­tarischen Entwick­elungszustände wer­den eben­so geleit­et und gelenkt wer­den von erhabenen geisti­gen Wesen­heit­en. Sie ste­hen nicht in den vier Rich­tun­gen des Raumes wie die vier Erzen­gel, die das kos­mis­che Kreuz for­men, so als hät­ten sie sich von einem gemein­samen Mit­telpunk­te her­aus voneinan­der ent­fer­nt, son­dern sie sind so miteinan­der ver­bun­den, dass sie ein Dreieck for­men, strahlend in gold­en­em Glanze. In dem «Ich bin der da war, der da ist, der da sein wird» verbinden sie die drei Punk­te der Zeit: Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft und weben diese zur Ein­heit. In die Vier hinein wer­den sie ihre Kraft ergießen, indem sie nicht neben den Vier, son­dern über den Vier ste­hen“ (Rudolf Stein­er, GA 265, S. 336ff, s.o.).

Die Beschrei­bung dieser drei Erzen­gel, die das gold­en glänzende Dreieck for­men und die Punk­te der Zeit zur Ein­heit verbinden, erscheint im Ver­gle­ich zum kos­mis­chen Kreuz unkonkret und schw­er greif­bar. Bin ich aber mit dem See­lenkalen­der ver­traut, so finde ich das Dreieck in den drei zusam­menge­hören­den Sprüchen. Der Gegen­warts-Fühlspruch bildet mit dem Spiegel-Ver­gan­gen­heits- und dem Zukun­fts-Gegen­spruch im See­lenkalen­der ein Dreieck.

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Die Dreiheit der Sprüche, Fühlspruch (blau), Gegenspruch (rot) und Spiegelspruch (grün) bilden im Jahreslauf jeweils Dreiecke

Lebe ich jede Woche nicht nur mit dem Spruch der Woche, son­dern auch mit dem Spiegel- und Gegen­spruch, so ver­weben sich für mich die drei Punk­te der Zeit zur Ein­heit. Dann kann ich begin­nen, aus den Kräften der Zukun­ft zu leben.

 

Abrundung

Durch die ver­schiede­nen Beispiele möchte ich verdeut­lichen, in welch­er Art zunächst die Struk­tur des See­lenkalen­ders und des Jahres betra­chtet wer­den kann, bevor die Sprüche sel­ber in den Mit­telpunkt gestellt wer­den. Durch die ver­schiede­nen Gesicht­spunk­te treten jew­eils andere Zusam­men­hänge in den Vorder­grund und machen Neues sicht­bar. Die beobachteten Struk­turen kön­nen Gedanken­bilder anre­gen, die die großen Offen­barun­gen der Men­schheit neu aufleucht­en lassen.

 

Aus dem Vorwort zur ersten Auflage des Seelenkalenders

Die Worte, die Rudolf Stein­er dem See­lenkalen­der mit­gab, erhal­ten vor dem Hin­ter­grund dieser Aus­führun­gen eine ver­tiefte, und ganz konkrete Bedeu­tung: „Es kann vielmehr fühlen der Men­sch sein an die Sinne und ihre Wahrnehmungen hingegebenes Wesen als entsprechend der licht- und wärme-durch­wobe­nen Som­mer­natur. Das Gegrün­det­sein in sich sel­ber und das Leben in der eige­nen Gedanken- und Wil­lenswelt kann er empfind­en als Win­ter­da­sein. So wird bei ihm zum Rhyth­mus von Außen und Innen­leben, was in der Natur in der Zeit­en Wech­selfolge als Som­mer und Win­ter sich darstellt. Es kön­nen ihm aber große Geheimnisse des Daseins aufge­hen, wenn er seinen zeit­losen Wahrnehmungs- und Gedanken­rhyth­mus in entsprechen­der Weise zum Zeit­en­rhyth­mus der Natur in Beziehung bringt. So wird das Jahr zum Urbilde men­schlich­er See­len­tätigkeit und damit zu ein­er frucht­baren Quelle echter Selb­sterken­nt­nis“ (Rudolf Stein­er, Aus dem Vor­wort zur ersten Auflage des See­lenkalen­ders 1912/13).

Die Beispiele stam­men aus ver­schiede­nen Zeit­en und Kul­turen, in denen es selb­stver­ständlich den See­lenkalen­der nicht gab. Doch Leben ist immer und über­all ein zyk­lis­ches Geschehen, das Quelle und Ziel des Strebens nach Weisheit ist. Weisheit wird durch das Nachsin­nen über das Leben gewon­nen mit dem Ziel, das­selbe zu fördern. Im Jahres­lauf ste­hen die Zyklen des Lebens jedem anschaulich vor der Seele. Jed­er Zeit und jed­er Kul­tur stand und ste­ht der Jahres­lauf als offen­bare Quelle dieser Weisheit zur Ver­fü­gung. Der See­lenkalen­der kann als beson­ders dif­feren­ziert­er Aus­druck und Ver­mit­tler der­sel­ben ange­se­hen wer­den. Durch den See­lenkalen­der kön­nen wir wieder einen Zugang zur Weisheitssprache ver­gan­gener Kul­turen gewin­nen. Wir kön­nen ihre Aus­druck­sweise „lesen“ ler­nen und dadurch eine Real­itäts­be­grün­dete Beziehung zu den dargestell­ten Geist­we­sen find­en. Wir kön­nen ler­nen, ihnen auf neue Weise begrün­det zu ver­trauen, zu glauben. Dieser Glaube beruht auf eigen­em Wis­sen und Erken­nen. Er ist weit ent­fer­nt von Autoritäts-Nach­folge oder sehn­suchtsvollem gefühlsmäßigem Wünschen.