
Der Zeit-Impuls des Mantras 7 G ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 6 F
Es ist erstanden aus der Eigenheit Mein Selbst und findet sich Als Weltenoffenbarung In Zeit- und Raumeskräften; Die Welt, sie zeigt mir überall Als göttlich Urbild Des eignen Abbilds Wahrheit. … |
7 G
Mein Selbst, es drohet zu entfliehen, Vom Weltenlichte mächtig angezogen; Nun trete du mein Ahnen In deine Rechte kräftig ein, Ersetze mir des Denkens Macht, Dass in der Sinne Schein Sich selbst verlieren will. … |
8 H
Es wächst der Sinne Macht Im Bunde mit der Götter Schaffen, Sie drückt des Denkens Kraft Zur Traumesdumpfheit mir herab, Wenn göttlich Wesen Sich meiner Seele einen will, Muss menschlich Denken Im Traumessein sich still bescheiden. |
Der Zeitimpuls von 7 G: Umschwung — vom Denken zum Ahnen, von der irdischen Erkenntnis zur Geistoffenheit
vorbereitet durch die zweifache Selbsterkenntnis, die das Denken zur Imagination steigert (6 F)
vollendet durch die göttliche Vereinigung im Pfingstmantra (8 H)
Die Krisensprüche — der Eckstein und das zweischneidige Schwert
Das Mantra 7 G gehört zu der Gruppe der Krisensprüche, die im Seelenkalender-Jahreskreis jeweils die mittlere Woche ihres Vierteljahres bilden. Diese Mantren mit ihrer drohend düsteren Atmosphäre stehen als diagonales Kreuz mahnend vor dem Menschen. Da sie die jeweils mittleren Mantren ihres Vierteljahres von 13 Wochen sind, bilden sie auch die “Ecksteine” des Quadrats, das durch sie (7 G, 20 T, 33 g, 46 u) in den Seelenkalender-Jahreskreis eingezeichnet ist.

Die vier Krisensprüche als “Ecksteine” im Seelenkalender
Der Eckstein, Stein des Anstoßes
Der “Eckstein” oder “Stein des Anstoßes” wurde zur Redewendung durch die Übersetzung des Alten Testaments von Martin Luther. Seitdem bezeichnet der “Stein des Anstoßes” ein Objekt oder ein Thema, das im übertragenen Sinne das Zentrum oder den Auslöser eines Konflikts darstellt, also etwas, das bei anderen Anstoß verursacht.
Und im Neuen Testament wird diese Stelle wieder aufgegriffen.
Ich betrachte die vier Krisensprüche auch als die Kanten einer geistigen Pyramide. Wie auf einem schmalen Grat stehend geben nur diese Positionen den Blick frei auf zwei Pyramidenseiten. Diese Qualität der Doppelung fällt auch in den Zitaten des Alten und Neuen Testaments auf, wenn immer wieder von “Stein” und “Fels” die Rede ist. Das Alte Testament ergänzt das Bild noch durch “Fallstrick” und “Schlinge”. Von Petrus erfahren wir, dass es sich bei diesem imaginativen Bild um das Wort, also um die schöpferisch-ordnende, Leben hervorbringende Kraft des ewigen göttlichen Sohnes handelt. Diese Kraft liegt seit uralter Überzeugung dem Geheimnis der Zeit und damit dem Jahreskreis zugrunde. Lenkt das Bild des Steins bzw. Felsens den Blick mehr auf den räumlichen Aspekt der zyklischen Zeit — der Zeit als Raum, als Zeitraum -, so liegt im Bild des Fallstricks und der Schlinge der Fokus auf dem linearen Aspekt der verfließenden Zeit. Der Stein scheint mir den kleinen Zyklus des Tages zu meinen, der Fels den großen des Jahreskreises, der Fallstrick die lineare Zeit, die Schlinge die lineare Zeit, die sich zum Zyklus rundet.
Das zweischneidige Schwert
Ein weiteres überliefertes Bild der Widersprüchlichkeit ist das zweischneidige Schwert aus der Apokalypse des Johannes. “12 Da wandte ich mich um, weil ich die Stimme erblicken wollte, die zu mir sprach. Als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und mitten unter den Leuchtern einen gleich einem Menschensohn; er war bekleidet mit einem Gewand bis auf die Füße und um die Brust trug er einen Gürtel aus Gold. 14 Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen; 15 seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wassermassen. 16 In seiner Rechten hielt er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne.“ (Offenbarung des Johannes: 1,12–16)
Rudolf Steiner deutet dieses Bild als das Ich des Menschen, dass sozusagen am Scheideweg steht: „Wer nicht begreift, daß dieses Ich ein zweischneidiges Schwert ist, der wird kaum den ganzen Sinn der Menschheits- und Weltenentwickelung verstehen. Auf der einen Seite ist dieses Ich die Ursache dessen, daß die Menschen in sich selbst sich verhärten, daß sie alles, was ihnen zur Verfügung stehen kann an äußeren Dingen und inneren Gütern, in den Dienst dieses ihres Ichs einbeziehen wollen. Es ist dieses Ich die Ursache, daß sich alle Wünsche des Menschen darauf richten, dieses Ich als solches zu befriedigen. Wie dieses Ich danach strebt, einen Teil des gemeinsamen Erdenbesitzes an sich heranzubringen als sein Eigentum, wie dieses Ich danach strebt, aus seinem Gebiete alle anderen Iche hinwegzutreiben, sie zu bekriegen, zu bekämpfen: das ist die eine Seite des Ichs. Aber auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, daß dieses Ich zugleich dasjenige ist, was dem Menschen seine Selbständigkeit, seine innere Freiheit gibt, was den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes erhöht. In diesem Ich ist seine Würde begründet. Es ist die Anlage zum Göttlichen im Menschen […]
So wird das Ich das Unterpfand sein des höchsten Zieles des Menschen. So ist es aber zu gleicher Zeit, wenn es nicht die Liebe findet, wenn es sich in sich verhärtet, der Verführer, der ihn in den Abgrund stürzt. Dann ist es dasjenige, was die Menschen voneinander trennt, was sie aufruft zum großen Krieg aller gegen alle … Auf allen Gebieten des Lebens wird also das Ich zum Zankapfel werden, und daher dürfen wir sagen, daß das Ich auf der einen Seite zum Höchsten und auf der anderen zum Tiefsten führen kann. Deshalb ist es ein scharfes, zweischneidiges Schwert. Und derjenige, der da den Menschen gebracht hat das volle Ich-Bewußtsein, der Christus Jesus, er wird, wie wir gesehen haben, symbolisch in unserer Apokalypse mit Recht dargestellt als derjenige, der das scharfe, zweischneidige Schwert im Munde hat.
… Und daß dieses scharfe, zweischneidige Schwert aus dem Munde des Menschensohnes geht, das ist wieder begreiflich, denn als der Mensch mit vollem Bewußtsein aussprechen gelernt hat das Ich, da war es ihm gegeben, auf das Höchste hinaufzusteigen, in das Tiefste hinunterzusinken. Das scharfe, zweischneidige Schwert ist eines der wichtigsten Symbole, die uns in der Apokalypse entgegentreten.“ (Lit.: GA 104, S. 156ff, Hervorhebung A.F.)
Im Bild des Ecksteins wird der Widerspruch zum Objekt, im Bild des zweischneidigen Schwertes zum Subjekt, das unterscheiden, trennen und sich für eine Seite entscheiden muss. Jeder der vier Krisensprüche weist beide Aspekte auf. In der jeweils zum Problem gewordenen Situation ist der Eckstein zu erkennen, im Ich-Sprecher, der in jedem Krisenspruch diese Situation erkennt und aufgerufen ist, eine Lösung zu finden, eine Entscheidung zu treffen, ist der Ich-Mensch dargestellt, aus dessen Mund das zweischneidige Schwert geht.
7 G — das Mantra der Woche: Im Mantra 7 G nimmt der Ich-Sprecher wahr, dass sein Selbst droht zu entfliehen, weil das Weltenlicht übermächtig geworden ist und das Selbst ansaugt — es von der Erde und vom Ich-Sprecher wegsaugt. Dieses Weltenlicht konnte ich im Blog-Artikel zu den Mantren 5 E — 6 F — 7 G als den Heiligen Geist identifizieren, der so lange drohend wirkt, wie der Mensch noch nicht reif ist, die geistige Welt zu betreten. Dort muss er sein Selbst bzw. sein Ich-Bewusstsein auch ohne physischen Leib aufrechterhalten können. Wenn diese innere Sicherheit und Geschlossenheit der Seele noch nicht errungen ist, saugt und verführt das Weltenlicht und wirkt luziferisch. Dies, so sagt Rudolf Steiner, ist die negative Seite des zweischneidigen Schwertes (siehe Hervorhebung im vorhergehenden Zitat).
Diese verführende Kraft liegt im menschlichen Denken, weshalb der Ich-Sprecher sein Ahnen zur Rettung aufruft. Das Mantra 7 G gehört zu der herausgehobenen Dreiergruppe aus Licht- Zwischen- und Krisenspruch, in denen der chemische Äther wirkt. Der chemische- oder Ton-Äther wird auch der Zahlenäther genannt, denn er proportioniert und bemisst und sorgt so für das rechte Verhältnis sowohl bei den Stoffzusammensetzungen als auch bei den Harmonien. Von der Zähl- und Messbarkeit der Welt lässt sich das Denken all zu leicht verführen, nur noch auf die Quantität zu achten, die Quantität jedoch als subjektiv und unwissenschaftlich zu übergehen. Das Denken lässt sich vom Schein der Sinne täuschen und verliert sich in immer noch differenzierteren Theorien.
Dieses Problem erkennt der Ich-Sprecher und greift zu einer radikalen Lösung. Er ruft sein Ahnen auf, um die Macht des Denkens zu ersetzen. Er weiß, dass neben dem Denken auch das Ahnen eine berechtigte Kraft des Menschen ist. Wie denken geht, lernt heute jeder in der Schule. Doch wie geht ahnen? Ist es ein Voraustasten der Zukunft, ehe sie eingetreten ist? Oder ist es eine Geistverbindung, die durch die Vorfahren, die Ahnen zustande kommt? Ist es vielleicht eine Erkenntnis-Kraft, die dem Glauben entspricht und die auch im Traumessein (8 H), im wahrnehmenden Bilderleben noch wirksam sein kann, wenn das logische Gehirn-Denken sich still bescheiden muss?
Das Mantra 7 G kann wie eine Wasserscheide betrachtet werden. Bis zu diesem Mantra ging es um Selbst- und Welt-Erkenntnis durch die Kraft des Denkens. Begonnen hatte diese Entwicklung mit dem letzten Krisenspruch 46 u, in dem die Erinnerung als Rettung aufgerufen wurde von der drohenden Betäubung durch die Welt. Im darauffolgenden Zwischenspruch 47 v sollte das Denken gerüstet sein durch Gotteskräfte und im Lichtspruch 48 w war die Sicherheit des Weltendenkens aufgerufen, im Licht aus Weltenhöhen zu erscheinen.
Seit dem Beginn des Sommer-Halbjahres wirkte die Kraft der Wahrnehmung zunehmend in das Denken hinein, doch bis hierher übernahm das Denken die Führung. Das ändert sich nun. Die Möglichkeiten des Denkens, etwas Positives zum Fortschritt der Entwicklung beizutragen, haben sich erschöpft. Die zweifache Selbsterkenntnis im Mantra 6 F, das Erkennen des Selbst in den Zeit- und Raumeskräften ist die höchste Blüte dieser Denk-Kräfte. Was nun an Erkenntnis folgt, muss durch Ahnung gewonnen werden, jedoch ohne vom Weltenlicht davongerissen zu werden. Denn nun geht es darum, dem Göttlichen in sich Raum zu geben, das Göttliche urteilsfrei in sich zu empfangen — wie jede Wahrnehmung ein Empfangen von außen ist, das der Mensch nicht beeinflussen kann.
6 F — die Vorbereitung: Das Mantra 6 F ist das Mantra der Himmelfahrts-Woche. Während 40 Tagen, bis zum Donnerstag der Woche 6 F war der Auferstandene den Jüngern wahrnehmbar, danach nicht mehr. Nun erschien er den Jüngern nicht mehr, sie konnten ihn nicht mehr im gegenwärtigen Moment erkennen, sondern mussten sich ihm durch die Kraft des Glaubens nahen. Doch mit Glauben war ursprünglich nicht das unsichere Verstehen, das nur geglaubte Wissen gemeint, so wie das heute der Fall ist. Glaube war ein dem irdischen Erkennen ebenbürtiger Geisteszustand.
Etymologisch hängt das Wort „glauben“ über die westgerm. Form *ga–laub–on und germ.*(ga)laubija– „glauben“ zusammen mit *ga–lauba– „vertrauenerweckend, zutraulich“. Eine Zugehörigkeit zur Wortgruppe von Laub (Blätter der Bäume) wird vermutet im Sinne von „Laub als Lockmittel für Tiere“, das sich dann zu „zutraulich, zahm“ entwickelte. Diesen in der Literatur vermuteten Zusammenhang von Glaube und Laub halte ich für wahrscheinlich, auch wenn er nicht so pragmatische gedacht werden kann. Könnte es sein, dass Glauben eine für uns heute ungewohnte Art zu Denken meint, eine Denkweise, die anderen Gesetzen folgt als der rationalen Logik? Könnte Glaube ein Denken meinen, bei dem ein Gedanke durch Metamorphose aus dem anderen Folgt, wie eine Pflanze Blatt nach Blatt entstehen lässt, bis sich die Blätter zur Blüte wandeln? Könnte dieses Denken sich gestalten wie Blätter, die nun nicht aus dem Ast, sondern aus dem Kopf wachsen? Ein Denken, das sich lebendig entwickelt, dessen Ideen miteinander verbunden bleiben müssen, da sie sonst wie „Blätter“ verdorren? Dieses Denken ist vielleicht besser mit einer meditativ-ahnenden, tastenden Bewusstseinshaltung zu beschreiben. Und vielleicht meint Glauben genau dieses in Meditation wache, erkennende Bewusstsein.
Diesen Zusammenhang scheint mir eine Himmelfahrtsdarstellung anzudeuten. Wo der Christus gerade noch gestanden haben muss, wachsen zwei Blatt-Bäume und weisen die Jünger auf die fortan benötigte Erkenntniskraft hin.

Christi Himmelfahrt aus einer mir unbekannten, mittelalterlichen Handschrift
Im Sakrament der Eucharistie der Christengemeinschaft wird der Leib Christi als das neue Bekenntnis bezeichnet, das Blut als der neue Glaube. Ein Bekenntnis ist die Bestätigung von etwas, das bekannt ist, dem man begegnet ist. Und so schildert das Glaubensbekenntnis das Leben und Sterben Jesu Christi als Tatsache, die auf Erden durch äußere Sinne von den Zeitgenossen wahrgenommen werden konnte. Seitdem kann man Kenntnis davon haben und diese Kenntnis ist dem irdischen Denken zugänglich. Doch neben dem Brot gibt es im Sakrament der Eucharistie den Wein. Das Christusgeheimnis ist ein Zweifaches. Zum Bekenntnis muss der Glaube hinzutreten.
Was Glaube sein könnte, möchte ich anhand des Seelenkalenders verdeutlichen. Ich habe die Erfahrung, dass nur mit einem glaubenden, wie Blätter wachsenden Denken die Mantren des Seelenkalenders verstanden werden können. Bekennbare, feststellbare Tatsachen schildern sie nicht. Und sie verhalten sich auch nicht wie Texte mit feststellbaren Tatsachen. Die Mantren sind wie Wasser in der hohlen Hand. Kaum hat man ein Mantra zu Ende gelesen, ist sein Inhalt auch schon aus dem Bewusstsein geflossen. Zu ihrem Verständnis ist ein Bewusstsein nötig, dass Gedanken zu Gefäßen formt, zu Imaginationen, die das Unaussprechliche glaubend bergen können.
Dies gelingt dem Ich-Sprecher des Mantras 6 F, indem er sein erstandenes, von der Physis gelöstes Selbst als zweifache Weltenoffenbarung in den Zeit- und in den Raumeskräften wiederfindet. Darin zeigt nun die Welt dem Ich-Sprecher sein Urbild. Durch diese Wahrnehmung erkennt er, dass sein eigenes Bild ein Abbild von einem größeren Urbild ist — und dadurch bewahrheitet ist. Indem der Ich-Sprecher sich im Großen, im Makrokosmos erkennt, schenkt ihm die Kraft des Glaubens die Sicherheit, dass sein mikrokosmisches Sein wahr ist.
Das Bekenntnis gehört zur Raum-Welt, denn was im Raum, auf der Erde einmal gelebt hat, ist dem Raum eingeschrieben und kann bezeugt werden. Der Glaube steht dagegen in Beziehung zur fließenden Zeit-Welt, dem “Strom der Zeit”, zu der Welt, die noch im Werden ist, die mit der göttlichen Welt noch Eins ist. Diese Welt beschreiben die Mantren des Seelenkalenders, ohne einer Religion das Wort zu reden, ohne Rückverbindung, Re-ligio zu brauchen. Diese Verbindung ist durch den “Strom der Zeit” vom Urbeginn an durchgängig vorhanden. Und wenn der Doppelstrom der Zeit, von dem Rudolf Steiner spricht, einbezogen wird, so ist ebenso die Verbindung zum Erdenziel, zum göttlichen Plan niemals unterbrochen.
Das Mantra 6 F führt von der Erkenntnis des Selbst in der zweifachen Weltenoffenbarung zur Wahrnehmung des Ich-Urbilds und damit zur höchstmöglichen durch das Denken zu gewinnenden Erkenntnis.
8 H — die Vollendung: Das Mantra 8 H ist das Pfingst-Mantra. Doch die inspirierte Begeisterung, die flammende, charismatische Ausstrahlung, die von den Jüngern in der Apostelgeschichte berichtet wird, sucht man hier vergebens.
Das Mantra zeigt einen Ich-Sprecher, der sich selbst beobachtet und feststellt, dass die Macht der Sinne, die Macht, die die Wahrnehmung über sein Bewusstsein ausübt, kontinuierlich wächst. Dadurch verliert die Kraft seines Denkens an Klarheit und die Wachheit seines Bewusstseins wird zur Dumpfheit des Traumes herabgedrückt. Der Ich-Sprecher bemerkt, dass er gerade dabei ist, einzuschlafen. Doch hier liegt kein Mangel an Bewusstsein vor, sonst würde der Ich-Sprecher ja diesen Prozess nicht selbst beschreiben können. Im Gegenteil — der Ich-Sprecher bemerkt, dass die wachsende Macht der Sinne im Zusammenhang steht mit dem Schaffen der Götter. Viele Götter sind verbunden mit der Zunahme der Sinnesmacht. Mensch und Götter — oder eher Götter und Mensch — haben einen Bund geschlossen. Doch worum handelt es sich hier?
Das christliche Pfingstfest am 50. Tag nach der Auferstehung beruht auf dem jüdischen Fest Schawout, dem Wochenfest, das 50 Tage nach Passah gefeiert wurde, dem jüdischen Pendant des Osterfestes. Zu Passah wird im Judentum des Auszugs aus Ägypten, aus der ägyptischen Gefangenschaft gedacht. Die 40 Tage bis Christi Himmelfahrt erscheinen wie eine Spiegelung der 40 Jahre, die das jüdische Volk durch die Wüste wandern musste, um von innen heraus neu zu werden.
Zu Beginn der Wüstenwanderung empfing Moses am Sinai die Zehn Gebote, doch zerstörte er sie wieder, weil das Volk sich ein goldenes Kalb gemacht hatte und den Bund mit Jhave brach. Doch Moses empfing die Gebote von Neuem. Nach kabbalistischer Weisheit bedeuten die Zehn Gebote die Kurzfassung von Gottes Willen, die Thora, das ganze Alte Testament dagegen die ausführliche. So gilt das Fest Schawout nicht nur dem dauerhaften Empfang der Zehn Gebote, sondern der ganzen Thora. Schawout ist das Fest des bleibenden Bundes mit Gott. Das Licht Gottes strahlt von der Thora aus, weshalb gläubige Juden sie fleißig studieren. Ebenso wie im christlichen Kultus das Evangelium, wird die Tora abschnittweise wöchentlich gelesen.
Thora und Evangelium — beide werden von den Gläubigern als Träger göttlichen Lichtes erlebt, das durch den Wochenabschnitt die Woche durchstrahlt. Sie erscheinen mir deshalb als Vorläufer der Seelenkalender-Mantren.
Jhave war ein eifersüchtiger Gott. Er duldete keine anderen Götter neben sich. Doch das Mantra spricht von Göttern, von einer Vielzahl, die im Bunde sind mit der wachsenden Macht der Sinne des Menschen.
Durch die Sinneswahrnehmung begegnet der Mensch hier also nicht nur der äußeren Welt, sondern auch den Spuren des Götterschaffens. Sind es vielleicht die Götter der in den Raum einstrahlenden Wochen-Energien, die mit den von Innen ausstrahlenden Sinnen des Menschen einen Bund geschlossen haben? Sind damit vielleicht die Licht hervorbringenden Wesen gemeint, die als Gesamtheit der Heilige Geist sind und die das geistige Licht der Evangelien ebenso wie der Thora durchstrahlen?
Wenn der Mensch in dieser Weise vorbereitet ist durch die zunehmende Macht der Sinne, die das Denken herabdämpft — sich das Denken also im Traumessein still und bescheiden im Hintergrund hält — dann kann über die Vielheit der Götter hinaus, auch der Eine Gott sich mit der Seele einen — sofern Er dies selber will. Wer ist dieser Gott im Unterschied zu den vielen Göttern? Mit der Vielheit der Götter steht der Mensch durch die Wahrnehmung in Beziehung. Diese Götter sind “Götter des Umkreises”. Der Eine Gott will sich mit der Seele einen. Er will eins werden mit ihr, in sie einziehen und innerer Gott sein.
Rudolf Steiner sagt über diesen Gott: „Kein äußerer Name kann «mich», dieses Wesen, benennen; ein ganz anderer Name nur kann das ausdrücken: «Ich bin der Ich-bin!» Es gibt keine Möglichkeit, woanders den Namen zu finden des Sonnengeistes als in dem Menschen. Das, was als Ich im Menschen lebt, das ist das Christus-Wesen.“ (Lit.: GA 109, S. 154)
Von Paulus ist dieses Erlebnis im Neuen Testament überliefert. Er erlebte den Gott, den Christus im Innern. Der Ausspruch lautet wörtlich übersetzt: „Ich lebe, aber nicht mehr das Ego, sondern es lebt in mir Christus.“ (Gal 2,20)
Alle drei Mantren 6 F, 7 G und 8 H weisen einen Ich-Sprecher auf, der seine Situation mit wachem Tagesbewusstsein reflektiert. Im Mantra 6 F, dem Mantra von Christi Himmelfahrt, erkennt dieser Ich-Sprecher sein Selbst als Weltenoffenbarung in zweifacher Gestalt. Im Mantra 7 G, der auf das Himmelfahrtsereignis folgenden Woche, erlebt der Ich-Sprecher die Gefährdung des Selbst durch das Weltenlicht und erkennt, dass das am Sinnenschein klebende Denken Teil des Problems ist. Nur das Ahnen kann über die Verhaftung im Materialismus hinausführen. Im Mantra 8 H, dem Pfingst-Mantra, bewirkt die wachsende Macht der Sinne im Zusammenhang mit den Göttern, dass die Kraft des Denkens abnimmt, dass das menschliche Denken in den Traumzustand versetzt wird. Dies ist die Voraussetzung, dass der Eine Gott eins werden kann mit der Seele, in sie einziehen kann. Dies alles schildert der Ich-Sprecher des Mantras und bezeugt dadurch, dass sein Bewusstsein nicht zusammen mit dem Denken herabgedämpft wurde, sondern klar beobachten kann.
