
Die spiegelnden Zwischenspruch-Mantren 6 F und 47 v
|
6 F Es ist erstanden aus der Eigenheit Mein Selbst und findet sich Als Weltenoffenbarung In Zeit- und Raumeskräften; Die Welt, sie zeigt mir überall Als göttlich Urbild Des eignen Abbilds Wahrheit. |
47 v Es will erstehen aus dem Weltenschoße, Den Sinnenschein erquickend, Werdelust. …. ….. Sie finde meines Denkens Kraft Gerüstet durch die Gotteskräfte, Die kräftig mir im Innern leben.….. |
Musik zum Mantra 6 F — unerbittlich-streng — komponiert von Herbert Lippmann
Musik zum Mantra 47 v — folkloristisch — komponiert von Herbert Lippmann
Gedanken zu den zwischen Licht- und Krisensprüchen stehenden Zwischensprüchen
Die Spiegelsprüche 6 F und 47 v erhalten durch ihre benachbarten Mantren, die jeweils auf der einen Seite ein Licht- und auf der anderen ein Krisenspruch sind, ihre herausragende Stellung. Sie liegen also beide zwischen einem Licht- und einem Krisenspruch, weshalb ich sie Zwischensprüche nenne. Dadurch nehmen sie eine vermittelnde Stellung ein.
Am Donnerstag in der Woche 6 F wird Christi Himmelfahrt gefeiert, genau 40 Tage nach Ostern. In der Woche 47 v ist mir dagegen kein Fest bekannt. Die in der Abbildung verwendete Wolke zur Kennzeichnung der vier im Seelenkalender zu findenden Zwischensprüche soll ihre Eigenschaft der Vermittlung verweisen, zum einen, wie die Wolke zwischen Himmel und Erde zu vermittelt und zum anderen auf die Wolke, die den Auferstandenen den Blicken der Jünger entzog bei seiner Himmelfahrt.

Die Zwischensprüche zwischen Licht- und Krisenspruch, gekennzeichnet durch eine Wolke
Aus der Gesamtschau des Seelenkalender-Jahreskreises ergibt sich ein weiterer Aspekt der Vermittlung. Die Krisensprüche 7 G und 46 u, (ebenso wie die Krisensprüche 20 T und 33 g) markieren die Mitte ihrer Vierteljahre mit je 13 Wochen. Sie stehen jeweils an siebter und damit an mittlerer Stelle. Die Lichtsprüche 5 E und 48 w (ebenso wie die Lichtsprüche 22 V und 31 e) markieren gleichwohl eine Mitte. Sie bilden die Mitte ihres Sechstels im Jahr.
Die Viertelung des Jahres ist durch die vier Jahreszeiten offensichtlich. Doch — gibt es auch eine Sechsgliedrigkeit im Jahr? — Und wie kommt sie zustande? Die Sechsgliederung entsteht durch die bewegliche Osterzeit. Das Maß dieser Zeit wird gebildet durch das, was ich Ur-Sechstel nenne: durch die neun Wochen von Ostern bis Fronleichnam. Fronleichnam ist das letzte Fest, das durch den Abstand zum Osterfest und nicht durch ein gleichbleibendes Datum bestimmt ist. In dieser neunwöchigen Spanne bildet die fünfte Woche, die Lichtspruchwoche 5 E, die Mitte. Vier Wochen gehen ihr einschließlich der Osterwoche voraus, vier weitere folgen mit der Fronleichnams Woche.

Licht- und Krisensprüche sind jeweils die Mitte ihres Segments
Die Zwischensprüche, die Mantren 6 F und 47 v (ebenso 21 U und 32 f), stehen — wie bereits vorausgeschickt — zwischen Licht- und Krisenspruch. Sie stehen zwischen den beiden Mantren, die jeweils die Mitte ihrer Gliederung bildenden. Sie können dadurch als Vermittler zwischen der Gliederung des Jahres in Sechstel und derjenigen in Viertel verstanden werden. Sie vermitteln sozusagen zwischen der himmlischen Sechsgliedrigkeit, die der Lichtspruch krönt und der irdischen Viergliedrigkeit, die ihren Ausdruck im Krisenspruch findet.
Da die Sechsgliedrigkeit so unbekannt ist, will ich diesen Aspekt vertiefen. Das Ursechstel der nachösterlichen neun Wochen wird ergänzt durch die ebenso vom Osterdatum abhängigen vor Ostern liegenden Wochen. Auch Aschermittwoch und die davor liegende Karnevals-/ Faschingszeit ist durch den Abstand zum Osterfest und nicht durch ein gleichbleibendes Datu bestimmt. Da die spiegelnden Mantren darauf hinweisen, dass Symmetrie im Seelenkalender Bedeutung hat, gehe ich davon aus, dass die vorösterliche Zeit ebenso neun Wochen und damit ein Sechstel des Jahres umfasst. Diese Wochen liegen bildlich gesprochen wie eine Mondsichel im Jahreskreis. Wird dieser Jahreskreis so vorgestellt, dass das Osterfest unten liegt (wie der linke Jahreskreis in obiger Abbildung), entsteht durch die Sechstel eine geschichtete Drittelung des Jahres. Die Ebene über der Mondsichel wird von zwei Sechsteln ohne Licht- und Krisensprüche gebildet, eines rechts, eines links. Diese Sechstel enthalten den Kreismittelpunkt, weshalb ich sie den Sonnenbereich des Jahres nenne. Darüber liegen wiederum zwei zusammenhängende Sechstel, der Sternbereich, der ebenso wie der Mondbereich Licht- Zwischen- und Krisensprüche enthält. Diese Darstellung der Sechstel bildet die Grundlage dafür, dass ikonographisch die Maria auf der Mondsichel, das Weib der Apokalypse des Johannes im Jahreskreis erscheint. Ihr Strahlengewandt ist der Sonnenbereich, ihre Krone von zwölf Sternen entspricht dem Sternbereich und der Mond bzw. Drache unter ihren Füßen wird in der Osterscholle sichtbar.
Dieses Weib erschauten die Menschen der alten Atlantis in der Sonne, wie Rudolf Steiner sagt: “In der Mitte der atlantischen Zeit empfand man so etwas wie das Sonnendasein natürlich ganz anders als heute. … Man sah wirklich das mit der Sonne bekleidete Weib, den Drachen unter ihren Füßen, ein Knäblein gebärend. Diejenigen, die so etwas sahen und verstanden, sagten sich: Das ist für den Himmel die Geburt des Christus, das ist für uns die Geburt unseres Ich — auch wenn dieses Ich erst viel später in das Innere des Menschen einzog.“ (Lit.: GA 346, S. 172ff)
Und dann gibt es noch einen Hinweis von Rudolf Steiner, dass die Sechs zur Sonne — und damit auch zu dem von der Sonne hervorgebrachten Jahreslauf gehört. Rudolf Steiner spricht von sechs Elohim, die auf der Sonne wohnen. “Auf dieser Sonne konnten sich entwickeln sieben Hauptlichtgeister, die zu gleicher Zeit die gebenden Geister der Liebe waren. Nur sechs von ihnen nahmen auf der Sonne Wohnung; und das, was uns im Lichte der Sonne physisch zuströmt, enthält in sich die geistigen Liebeskräfte dieser sechs Lichtgeister oder der sechs Elohim, wie wir sie in der Bibel finden. Einer spaltete sich ab und ging einen anderen Weg zum Heile des Menschen, er wählte sich nicht die Sonne, sondern den Mond zu seinem Aufenthalte. Und dieser eine der Lichtgeister, der freiwillig auf das Sonnendasein verzichtete und sich den Mond wählte, ist kein anderer als derjenige, den das Alte Testament «Jahve » oder «Jehova » nennt. Dieser eine, der sich den Mond zum Aufenthalt wählte, ist derjenige, der vom Monde aus die reife Weisheit auf die Erde strömte und dadurch die Liebe vorbereitete.“ (Lit.: GA 103, S. 53f)
“Was ist daher diese Wesenheit, die uns im Beginne unserer Zeitrechnung als der Christus Jesus entgegentrat? Sie ist nichts anderes als die Verkörperung des Logos, der sechs anderen Elohim, denen vorbereitend der eine, der Jahve-Gott vorangegangen ist. Und diese eine Gestalt des Jesus von Nazareth, in welcher der Christus oder der Logos inkarniert war, bringt daher das, was früher immer nur von der Sonne auf die Erde herniederströmte, was nur im Sonnenlichte enthalten ist, sie bringt es in das Menschenleben, in die Menschheitsgeschichte selbst hinein: «Der Logos ward Fleisch». Das ist das, worauf das Johannes-Evangelium den größten Wert legt.“ (Lit.: GA 103, S. 54ff)
Könnte es also sein, dass die Vierteilung des Jahres zu Jahve/Jehova gehört, zumal auch der Mond als sein Wohnplatz einen viergegliederten Zyklus aufweist? Könnte es deshalb sein, dass die zwischen Licht- und Krisenspruch liegenden Mantren 6 F und 47 v (sowie 21 U und 32 f), die ich Zwischensprüche nenne, die Aufgabe haben, zwischen Sonne und Mond, zwischen Christus und Jahve zu vermitteln? Könnte es sein, dass sie die Macht der Sonne, die im Hexagonalen und im Lichtspruch erscheint, mit der Macht des Mondes, die in der Tetragonalität und im Krisenspruch erscheint harmonisieren — in Balance bringen?
Um das innere Stehen zwischen den Gegensätzen, um das labile Gleichgewicht des Bewusstseins scheint es mir im spiegelnden Mantrenpaar 6 F und 47 v zu gehen.
Über die Spiegelsprüche 6 F und 47 v
Nach der ersten ganz offensichtlich spiegelnden Zeile verlieren sich die Entsprechungen. Nur einige lockere Anklänge finden sich noch. Die Fäden zwischen beiden Mantren sind verhältnismäßig freilassend gewoben. Beide Mantren sind aus der Perspektive eines bewussten Ich-Sprechers geschrieben. Sie thematisieren deshalb Seelenaspekte, die vom Menschen bewusst gehandhabt werden müssen.
Das Mantra 6 F beginnt: “Es ist erstanden” und beschreibt damit einen eingetretenen Zustand. Dieses große “Ist” setzt sich durch das ganze Mantra fort. Das Mantra 47 v beginnt: “Es will erstehen” und beschreibt damit etwas Zukünftiges, sich prozesshaft Vorbereitendes. Und auch diese Zukunftsorientierung durchzieht das ganze Mantra.
Was meint das in beiden Mantren verwendete recht ungewöhnliche Verb “erstehen”? Stehen, aufstehen, entstehen, überstehen oder auferstehen sind Verben, die ein eindeutiges inneres Bild des Vorgangs erzeugen. Aber erstehen? Die Vorsilbe “er” findet sich in Worten, die einen neuen Zustand, ein Ankommen am Ziel beschreiben: er-kennen, er-raten, er-reichen, er-blicken, er-spüren oder er-tasten. “Erstehen” erzeugt in mir ein Bild des Stehens, das gleichzeitig fortgesetztes Erreichen der Aufrichte, ein Strecken beinhaltet. Im Wort “auferstehen” ist “erstehen” enthalten. Doch “erstehen” fehlt die Vorsilbe “auf” und deshalb mangelt ihm die auffliegende Bewegung, die in “auferstehen” vorhanden ist.
Im Mantra 6 F ist das Selbst aus der Eigenheit erstanden. Der Prozess ist vollendet. Im Mantra 47 v liegt er noch in der Zukunft, die Werdelust will erst noch aus dem Weltenschoß erstehen. Aus der Eigenheit (6 F) zu erstehen klingt nach Weitung und Befreiung. Aus dem Weltenschoß zu erstehen erzeugt in mir ein Hervorgehen aus einem Umkreishaften. Was ist also das aus der Eigenheit erstandene Selbst und was ist die aus dem Weltenschoß erstehen wollende Werdelust?
Das Selbst (6 F) definiert Rudolf Steiner einmal als die Abspiegelung des rein geistigen Ichs am physischen Leib. “Und was der Mensch sein Selbst nennt, ist nicht das wirkliche Ich, ist das Ich, wie es sich spiegelt im physischen Leib.” (GA 145, S. 188)
Wenn das Selbst also aus der Eigenheit, aus der Begrenzung auf den eigenen Körper, erstanden ist, benötigt das Ich eine neue Möglichkeit der Abbildung. Und so findet sich das Selbst anschließend neu. Das Selbst findet sich als Weltenoffenbarung in den Kräften von Zeit und Raum. Zeit und Raum geben dem Ich nun die Grundlage, als körperloses Selbst in Erscheinung zu treten. Der Seelenkalender ist genau das: ein zeitlicher Begleiter durch das Jahr, der den Seelenraum beschreibt, in dem sich der Leser erkennen kann, wie es der Ich-Sprecher im Mantra über das eigene Selbst sagt.
Die Werdelust (47 v) stelle ich mir wie einen mächtig strömenden Flusses vor, den Weltenschoß wie den scheinbar in vollkommener Ruhe verharrenden Quelltopf. In die Bilder der Zeit übertragen ist die Werdelust die lineare Zeit, die aus der zyklischen Zeit, aus dem Weltenschoß, hervorströmt. Der Zyklus, ohne die lineare Zeit mitzudenken, ist die ewige Wiederholung des Gleichen. Die Lineare Zeit ist stete Veränderung, denn kein Moment wiederholt sich jemals. Aus dem Göttlich-Ewigen, das hier eher weiblich zu denken ist, aus dem Weltenschoß, will die Werdelust, das Leben selber erstehen. Dieses Erstehen-wollen der Werdelust geht einher mit Erquickung des Sinnenscheins — mit Erneuerung, Erfrischung Verjüngung der Gefäße des Lebens, der Körper und damit des sichtbar werdenden, des Erscheinenden in der Welt. Diese irdische Welt ist von der geistigen Perspektive aus betrachtet Maya, Trug und Schein, der vom Menschen durchschaut werden sollte. Auch hier folgt nun ein Finden. Doch nicht die Werdelust muss sich neu finden, sondern die Denkkraft des im Mantra auftretenden Ich-Sprechers. Seine Denkkraft muss gerüstet sein, damit das Eintreffen der Werdelust diese Denkkraft nicht unvorbereitet vorfindet und sie mit einer Überfülle an neuen Sinnesreizen überrennt.
Im Mantra 6 F folgt nach dem Finden des Selbst als Weltenoffenbarung in Zeit- und Raumeskräften ein genauerer Blick auf diese neue Abspiegelung des Selbst. Dem Ich wird dadurch die Wahrheit dieses Bildes erkennbar. Die Welt zeigt dem Ich-Sprecher überall das göttliche Urbild. Nach diesem Urbild, so erkennt der Ich-Sprecher, ist der Mensch als Abbild geschaffen. Die Welt zeigt ihm den makrokosmischen Menschen. Das eigene Abbild, das das Ich in Zeit und Raum erschaut, ist deshalb wahr. Und die Welt erscheint dadurch ebenso transparent, und zwar durch das Erstehen des Selbst aus der Eigenheit. Die Welt wird für den Ich-Sprecher in ihrer Göttlichkeit, als göttliches Urbild erlebbar. Für den Ich-Sprecher ist eingetreten, was Erleuchtung genannt wird.
Im Mantra 46 v teilt der Ich-Sprecher mit, was nötig ist, damit seine Denkkraft dem Ansturm der Werdelust standhalten kann. Eine Dreiheit an Kraft-Worten folgt nun: Denkens Kraft, Gotteskräfte und kräftig.
Zunächst zum ersten dieser Kraft-Worte: Nicht seine Denkfähigkeit, sondern die Kraft seines Denkens muss gerüstet, vorbereitet sein. Was ist die Kraft des Denkens? Ich denke hier an Konzentrationskraft, Vorstellungskraft, die Kraft Zweifel zu ertragen, Fragen zu formulieren und geduldig auf Antwort zu warten, bis sie sich schenken. Und ganz konkret denke ich daran, dass jeder Inhalt stets vor einem Hintergrund betrachtet wird, der oft unbewusst bleibt, die Schlussfolgerungen aber maßgeblich beeinflusst. Je nach “framing”, je nach erschaffenem Rahmen und zugrunde gelegter Annahmen, ergeben sich andere Denkergebnisse. Bewusst genutzt bietet diese Technik die Möglichkeit, den einen Inhalt durch den anderen besser zu verstehen.
Als Beispiel sei die vierkantige Pyramide in bzw. auf den Seelenkalender-Jahreskreis gestellt und die Ecken der Pyramide so ausrichte, dass sie auf den Krisensprüchen stehen. Dadurch treten die Krisensprüche in Beziehung zu den Kanten der Pyramide, sie werden verbildlicht durch diese Kanten. Hier wende ich die Technik des Framings an. Doch nicht immer ist die Übereinstimmung beider Bilder von vornherein sichtbar. Dann müssen beide im Bewusstsein gehalten werden. Die Kraft, die dieses im Bewusstsein-halten benötigt, bis sich die Lösung plötzlich zeigt, ist für mich die Kraft des Denkens.
Nun zum zweiten der Kraft-Worte: Gotteskräfte sind notwendig, um die Kraft des Denkens vorzubereiten, zu rüsten für den Ansturm der Werdelust. Was sind also die Gotteskräfte, die das Denken unangreifbar machen, ohne die es der Werdelust unmöglich gewachsen ist? Sogar eine Mehrzahl an göttlichen Kräften sind nötig, mindestens zwei. Vielleicht liegt die Antwort im spiegelnden Mantra 6 F. Vielleicht sind die geistigen Urbild-Kräfte von Zeit und Raum die Gotteskräfte, die das Denken unangreifbar machen für die Werdelust, die stetig neuen Sinnenschein hervorbringt. Die lineare Zeit entspricht dem folgerichtig logischen, geradlinigen Denken. Der geistige Raum, den die zyklische Zeit umfasst, bildet Ganzheit, rundet ab und fragt nach dem Urbild.
Das dritte Kraft-Wort ist die Beschreibung, wie die Gotteskräfte im Innern leben sollen. die Gotteskräfte sollen im Innern nicht nur anwesend, also bewusst sein, sie sollen dort auch kräftig leben. Sie sollen im Denken Anwendung finden.
Das Mantra 6 F schildert in einem großen Jetzt, das durch die Erwähnung des erschauten göttlichen Urbilds auch die ferne Vergangenheit einschließt, das Heraustreten aus der Zeit, den Zustand der Erleuchtung. Die Zeit scheint hier stillzustehen in dem Augenblick der vollkommenen Überschau und Klarsicht. Doch die Zeit bleibt niemals stehen. Diesem Vorwärtsschreiten der Zeit muss begegnet werden können. Es reicht nicht aus, die Zeit einmal angehalten und die Klarsicht einmal gewonnen zu haben. Diesem Vorwärtsschreiten der Zeit wendet sich das Mantra 47 v zu. Es geht von der stetig erstehenden, erstehen wollenden Zeit aus und schildert, was notwendig ist, damit der Erleuchtungszustand auch zukünftig, unter veränderten zeitlichen Bedingungen, neu gewonnen werden kann.
Beide Mantren beschreiben die Wahrnehmung eines Ichs, das sich im Raum und in der Zeit wach erhalten kann. Im Mantra 6 F erschaut der Ich-Sprecher sein Selbst, indem er sich nicht nach innen, sondern der Welt zuwendet. Er erkennt ihre Göttlichkeit sowie die Wahrheit des eigenen Abbild-Seins. Im Mantra 47 v blickt der Ich-Sprecher nach innen, nachdem ihm die stetig sich entrollende Zeit mit ihrer Vielzahl an neu hervorgebrachten Sinneseindrücken bewusst geworden ist. Der Ich-Sprecher erkennt, dass er sich von der Zeit, der Werdelust nicht wegreißen und von den Sinneseindrücken nicht blenden lassen darf.
Die drei Bilder der Zeit und die drei Logoi
Der Begriff des Logos umfasst das göttliche Schöpferwort, das Weltenwort, aus dem die gesamte Schöpfung hervorgegangen ist und weiterhin hervorgeht und gleichzeitig auch seine Offenbarung im Menschen durch dessen Sprach- und Denkfähigkeit. Wie das Göttliche im Christentum differenziert in der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist erschaut wird, differenziert sich auch der Logos in drei Logoi.
Für mich stellte sich die Frage, ob die dreifältig erlebte Zeit, genauer die zyklische, lineare und in Gegenwärtigkeit erlebte Zeit ein Schlüssel sein kann zum Verständnis der drei Logoi.
Rudolf Steiner sagt über die drei Logoi: “Das Erste, woraus alles andere hervorging, ist die unmanifestierte Gottheit. Aus dieser ging dann hervor das Zweite, das Leben oder auch die unmanifestierte schöpferische Substanz. Dieses Leben geht dann hindurch durch die mannigfaltigsten Formen und wird benannt in den Formen Akasha oder Mahat. Dieses Akasha oder Mahat enthält alles, was es an Formen des Lebens in der Welt gibt. Die ganzen Hierarchien der Throne, Cherubim, Seraphim, der Gewalten, Urkräfte, Erzengel und Engel gingen hervor durch das Leben und bilden die Formen, unter denen dies eine Leben erscheint.
Die erste Kraft, die unmanifestierte Gottheit, wird auch der Vater genannt; die zweite Kraft ist der Sohn, der zugleich Leben und schöpferische Substanz ist, und die dritte Kraft ist der Geist. Zusammen erscheinen diese drei Urkräfte also als Vater, Sohn und Geist, als Bewußtsein, Leben und Form. Die Kraft des Lebens steht unter der Leitung Michaels, dessen, der zur Sonne gehört, die Kraft der Form steht unter der Leitung Samaels, der zum Vulkan gehört, wo alles Leben umgesetzt sein wird in lebendige Formen. Die Kraft des Bewußtseins steht unter der Leitung Anaels, der alles umfaßt, was da ist.” (Lit.: GA 89, S. 256)
Weiterhin gibt Rudolf Steiner an, dass zu allen Zeiten diese drei Logoi durch den Kreis, den Sechsstern und den Fünfstern ausgedrückt wurden (GA 94, S. 92) Der Kreis steht für Gott, der Sechsstern für den Makrokosmos und der Fünfstern für den Mikrokosmos. Außerdem gibt er in einem Weiteren Vortrag eine Darstellung mit den Bezeichnungen a, b und c (GA 89, S. 194ff).

Die drei Logoi — dargestellt im Seelenkalender-Jahreskreis
Weiterhin sagt er: “Das Hervorgehen der Welt aus dem Logos muß eine freie Tat des Logos sein, nicht eine Tat der Notwendigkeit.
Durch ein Bild nur kann das Schöpferische des Logos bezeichnet werden, indem man sich ein Wesen und sein Spiegelbild vorstellt. Man muß sich sagen: In dem Spiegelbild ist alles das enthalten, was in dem Wesen selbst vorhanden ist. Es sieht genauso aus, aber es ist nicht lebendig, es enthält nicht das Lebensprinzip. Wollen wir begreifen, wie das Spiegelbild dem Wesen gleich werden kann, so müssen wir uns denken, es ist nur dadurch möglich, daß das Wesen sein Leben, seine Existenz, dem Spiegelbild abgibt — dann hat man den Begriff des ersten Opfers. Die Hingabe der eigenen Existenz, die Übertragung des eigenen Lebens an das Spiegelbild, das ist das ursprüngliche Opfer.
… Das ist die Tat des ersten Logos. Der zweite Logos ist genau dasselbe wie der erste Logos, nur daß er seine Existenz durch ein Opfer erhalten hat. Wenn man nun die Wirkung des zweiten Logos studiert, so findet man, daß das Wesen des zweiten Logos darin besteht, daß er das Wesen des ersten Logos nach dem ersten Logos hinstrahlt, zurückstrahlt. So ist der zweite Logos eine Widerspiegelung des ersten Logos, von dem er sein eigenes Leben erhalten hat, das Leben, welches vom ersten Logos ausströmte.
Zuerst spiegelt sich der erste Logos wider, dann gibt er dem Spiegelbild sein Leben. Während im ersten Logos alles sich nach außen richtet, die Existenz nach außen wirkt, hat der zweite Logos erstens die Existenz, die er erhalten hat und zweitens die Eigenschaft, seinen Inhalt zurückzustrahlen auf den ersten Logos. Damit haben wir nun im zweiten Logos eine Zweiheit. Das Leben und der Inhalt des zweiten Logos sind zweierlei. Der Inhalt ist dasselbe wie bei dem ersten Logos, aber das Leben ist etwas anderes als im ersten Logos:

Der Strich in der Mitte des zweiten Kreises bedeutet, daß im zweiten Logos Leben und Inhalt zweierlei sind, daß sie geteilt sind. Wenn es sich um den Inhalt handelt, ist Bild und Spiegelbild bei beiden gleich, das Leben aber ist zweierlei.
Dies würde als solches noch kein Weltsystem ergeben können, denn hier würde sich nur der eine Logos zum andern verhalten; eine Mannigfaltigkeit würde da nicht hineinkommen. Mannigfaltigkeit kann nur hineinkommen durch ein weiteres Opfer. Eine nochmalige Spiegelung muß stattfinden: das Verhältnis, das die beiden zueinander haben, muß sich auch spiegeln.
Erstens spiegelt sich der erste Logos noch einmal zweitens spiegelt sich die Spiegelung. Dadurch entsteht dann der dritte Logos als die Widerspiegelung der zwei andern Logoi. Es enthält also der dritte Logos:
-
-
- 1. das Spiegelbild des ersten Logos
- 2. das Spiegelbild dessen, was der erste Logos im zweiten Logos bewirkt hat, nämlich sein Leben
- 3. das Spiegelbild davon, was der zweite Logos zum ersten zurückstrahlt.
-
Stellen wir uns nun vor: Der erste Logos ist gespiegelt in a. Wenn der erste Logos die nach außen strebende, schöpferische Tätigkeit ist, so ist sein Spiegelbild im dritten Logos gerade die umgekehrte Tätigkeit des ersten Logos. Im ersten Logos ist a das höchste geistige Weltlicht; im dritten Logos ist a die äußerste geistige Finsternis.
b ist im zweiten Logos das Leben, das der zweite Logos vom ersten Logos erhalten hat. Es ist nicht das Leben, das sich hinopfert, sondern dasjenige, das angenommen worden ist. Das Leben, das sich im ersten Logos hinopfert, ist die Liebe. Das Gegenteil davon im dritten Logos ist das absolute Verlangen, Sehnsucht, Streben nach Logos, b ist also im dritten Logos das absolute Verlangen.
c ist im zweiten Logos das Spiegelbild des ersten Logos, welches der zweite Logos zurückstrahlt.
Bei unserem eigenen Spiegelbild unterscheiden wir:
-
-
- 1. Das ausgestrahlte Bild, das aus der Finsternis zurückkommt.
- 2. Das, was wir hingegeben haben, kommt zurück als Verlangen.
- 3. Das Bild selbst, das wir selbst sind.
-
Dies entspricht im dritten Logos den drei Teilen:
Tamas, Rajas, Sattwa sind die drei Gunas, die drei Teile des dritten Logos.
Zunächst sind a, b und c vorhanden. Wenn a allein vorhanden ist, ist es eben Tamas. Wenn a — die geistige Finsternis oder Tamas — sich kombiniert mit b — Rajas, dem absoluten Verlangen -, kombiniert sich Finsternis mit Verlangen, und es ist ein Hinstreben nach dem ersten Logos. Wenn a und c — Tamas und Sattwa — kombiniert werden, haben wir das Bild des ersten Logos, aus der Finsternis heraus geschaffen. Ebenso können wir b mit c kombinieren. Es kann jedes für sich auftreten und mit einem der andern kombiniert werden. Alle drei miteinander kombiniert, sind, was der erste Logos selbst ist. Wir haben sieben mögliche Kombinationen der drei Gunas:

Dies sind also die sieben verschiedenen Kombinationen der Gunas. Man stelle sich diese sieben möglichen Kombinationen vor als das nächste weltschöpferische Prinzip, das aus den drei Gunas hervorgehen kann. Diese sieben Wesenheiten existieren wirklich. Es sind die sogenannten sieben schöpferischen Geister vor dem Throne Gottes, nach den drei Logoi die sieben nächsten schöpferischen Kräfte:”
![]()
Im folgenden beschreibt Rudolf Steiner den zweiten Logos nicht als den göttlichen Sohn, sondern als das Weibliche. Hier nimmt er nicht die Perspektive des angenommenen Lebens ein, sondern die der schöpferischen Ursubstanz, der noch geistigen Erde Gäa. Der dritte Logos ist nun der Sohn und den benennt Rudolf Steiner als Kronos, die Zeit.
„Alles Leben in mannigfaltigen Formen ist aus der Einheit, dem einen Logos hervorgegangen. In ihm ruht alle Mannigfaltigkeit noch ungeschieden, undifferenziert verborgen. So wie er erkennbar wird, sich als Selbst wahrnimmt, tritt er aus dem Absoluten, aus dem Unterschiedslosen heraus und schafft das Nicht-Selbst, sein Spiegelbild, den zweiten Logos. Dieses Spiegelbild beseelt und belebt er, es ist sein dritter Aspekt, der dritte Logos.
So wäre der erste Logos das Undifferenzierte, in dem Leben und Form ungeschieden ruhen, als der Vater zu betrachten. Mit seinem Dasein beginnt die Zeit; er trennt sein Spiegelbild von sich ab, die Form, das Weibliche, das er mit seinem Leben erfüllt, der zweite Logos; und aus dieser Beseelung geht der dritte Logos als Sohn, als belebte Form hervor. So haben sich alle Religionen ihren Gott in dreifacher Gestalt gedacht, als Vater, Mutter und Sohn. So Uranos und Gäa, die mütterliche Erde; und Kronos, die Zeit, ist als Sohn aus ihrem Schoße hervorgegangen; Osiris, Isis und Horus und so weiter.
Das Opfer des Logos ist: Der Geist steigt hernieder in die Materie, beseelt sein Spiegelbild, und damit ist auch der Welt belebter Formen ihr Dasein gegeben, die alle ihr Sonderdasein führen und den Zyklus der Evolution durchmachen, um als höchstentwickelte Individualitäten wieder eins mit dem Logos zu werden, der durch sie den Erfahrungsreichtum empfängt. Hätte er sich nicht ausgegossen, um alle diese Formen zu beleben, so würde es kein selbständiges Wachsen und Werden geben. Alle Bewegung, alles Entstehen würde kein Eigenleben haben, es würde sich nur regen und bewegen nach der Direktion des Gottes.“ (Lit.: GA 88, S. 167)
Wenn der dritte Logos die Zeit ist, lassen sich dann auch alle sieben Quellgeister, wie Jakob Böhme sie in seiner Aurora nennt, alle sieben schöpferischen Geister, die aus dem Heiligen Geist hervorgehen, durch die drei Bilder der Zeit verstehen?
Rudolf Steiner erwähnt, dass das Leben, also der zweite Logos, durch Michael geleitet wird, der zur Sonne gehört. Die Kraft der Form, die Kraft des Heiligen Geistes, des dritten Logos, steht unter der Leitung Samaels, der zur letzten Inkarnation der Erde, zum Erdenziel, dem Vulkan gehört, wo alles Leben lebendige Form geworden sein wird. Und die Kraft des Bewusstseins, die Kraft des Vaters, des ersten Logos steht unter der Leitung Anaels, der alles umfasst, was ist, der also alle sieben Erdinkarnationen umgreift. Samael, Anael und Michael gehören zu den sieben Erzengel-Regenten, die für jeweils ca. 300 — 350 Jahre die Geschicke der Erde lenken. Samael ist hier der Planetengeist des Mars, Anael derjenige der Venus. Für jeden der sieben Erzengel-Regenten gibt Rudolf Steiner einen der sieben Planeten an. Ihre zeitliche Abfolge entspricht den Wochentagen und der Darstellung im Siebensterns, dem sogenannten mystischen Lamm. Dieses Symbol der Vereinigung der Planetenkräfte beschreibt den kosmischen Christus, der sein Leben der Welt hinopfert. Samael und Anael stehen hier einander gegenüber und bilden mit Michael ein Dreieck.

Der Siebenstern, das mystische Lamm mit den Erzengel-Regenten, die den dort angegebenen Planeten zugeordnet sind — eingefügt im Seelenkalender-Jahreskreis
Wird dieses Symbol nun in den Seelenkalender-Jahreskreis eingefügt, zeigt sich, dass Samael und Anael mit den beiden Schwellensprüchen 14 N und 39 n bzw. mit der Kulmination des Wahrnehmungs- und Denk-Halbjahres in Beziehung stehen. Samael, dessen Namen von hebräisch ’sami’, ‘blind’ kommt, ist das an die Sinneswelt sich hingebende, “blinde” Bewusstsein der Gegenwärtigkeit, sattwa, die Klarheit, der Heilige Geist. Anael ist das vatergöttliche, den Raum erschaffende Bewusstsein der Ewigkeit, deren Licht im dritten Logos tamas, die Finsternis ist. Im Menschen ist es der Seelenraum. Da der Vatergott sein Leben hingeschenkt hat, steht dieser “Zyklus” als Raum und als Ewigkeit still. Michael ist verbunden mit dem Fluss des Lebens, der ewigen Entwicklung, mit der linearen Zeit, mit rajas, dem Verlangen.
Tamas, rajas und sattwa sind die drei Grundkräfte, die in der Samkhya-Philosophie die drei Gunas genannt werden, die drei Teile von Pakriti, der noch rein geistigen Urmaterie. In ihrer Kombination bilden sie die sieben schöpferischen Geister. Was das bedeuten könnte, habe ich versucht in nachfolgender Abbildung zu ergründen.

Die sieben Schöpfergeister, die aus dem dritten Logos hervorgehen interpretiert als Kombinationen der drei Bilder der Zeit
Rudolf Steiner beschreibt weiterhin sieben Lebensprozesse, (GA 170, S. 105ff) die er ebenfalls mit den sieben Planeten verbindet, nun jedoch in anderer Reihenfolge (siehe Nummerierung auf der Abbildung unten). Eine weitere Bereicherung des Bildes stammt von Michaela Glöckler. Sie bringt bei einem Vortrag (YouTube) die sieben Lebensprozesse in Zusammenhang mit den sieben Lebensgeheimnissen (GA 264, S. 253/Ga 94, S. 111) und den sieben Kulturepochen. Zwar werden die Kulturepochen, die jeweils 2160 Jahre andauern, stets von einem Archai regiert, doch könnte für sie eine entsprechende Ordnung gelten, wie für die Erzengel-Regenten bzw. wie sie das mystische Lamm darstellt. So ergibt sich ein interessantes Bild, dem ich meine Interpretation der sieben Quellgeister ausgedrückt als Kombinationen der drei Bilder der Zeit hinzugefügt habe.

Die sieben Lebensprozesse, Lebensgeheimnisse und Kulturepochen und die sieben Quellgeister
Diese letzte Abbildung stellt einen Versuch dar, denn abgesehen von Rudolf Steiners Zuordnung von Samael zu c, Anael zu a und Michael zu b sind die Kombinationen (ab, ac, bc und abc) zu den weiteren Erzengeln meine Vermutungen.
