Der Zeit-Impuls des Mantras 7 G ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
6 F

Es ist erstanden aus der Eigenheit

Mein Selb­st und find­et sich

Als Wel­tenof­fen­barung

In Zeit- und Raumeskräften;

Die Welt, sie zeigt mir überall

Als göt­tlich Urbild

Des eignen Abbilds Wahrheit.

7 G

Mein Selb­st, es dro­het zu entfliehen,

Vom Wel­tenlichte mächtig angezogen;

Nun trete du mein Ahnen

In deine Rechte kräftig ein,

Erset­ze mir des Denkens Macht,

Dass in der Sinne Schein

Sich selb­st ver­lieren will.

8 H

Es wächst der Sinne Macht

Im Bunde mit der Göt­ter Schaffen,

Sie drückt des Denkens Kraft

Zur Traumes­dumpfheit mir herab,

Wenn göt­tlich Wesen

Sich mein­er Seele einen will,

Muss men­schlich Denken

Im Traumes­sein sich still bescheiden.

Der Zeitim­puls von 7 G: Umschwung — vom Denken zum Ahnen, von der irdis­chen Erken­nt­nis zur Geistoffenheit

vor­bere­it­et durch die zweifache Selb­sterken­nt­nis, die das Denken zur Imag­i­na­tion steigert (6 F)

vol­len­det durch die göt­tliche Vere­ini­gung im Pfin­gst­mantra (8 H)

Die Krisensprüche — der Eckstein und das zweischneidige Schwert

Das Mantra 7 G gehört zu der Gruppe der Krisen­sprüche, die im See­lenkalen­der-Jahreskreis jew­eils die mit­tlere Woche ihres Viertel­jahres bilden. Diese Mantren mit ihrer dro­hend düsteren Atmo­sphäre ste­hen als diag­o­nales Kreuz mah­nend vor dem Men­schen. Da sie die jew­eils mit­tleren Mantren ihres Viertel­jahres von 13 Wochen sind, bilden sie auch die “Eck­steine” des Quadrats, das durch sie (7 G, 20 T, 33 g, 46 u) in den See­lenkalen­der-Jahreskreis eingeze­ich­net ist.

Die vier Krisen­sprüche als “Eck­steine” im Seelenkalender

Der Eckstein, Stein des Anstoßes

Der “Eck­stein” oder “Stein des Anstoßes” wurde zur Redewen­dung durch die Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments von Mar­tin Luther. Seit­dem beze­ich­net der “Stein des Anstoßes” ein Objekt oder ein The­ma, das im über­tra­ge­nen Sinne das Zen­trum oder den Aus­lös­er eines Kon­flik­ts darstellt, also etwas, das bei anderen Anstoß verursacht.

Jesa­ja hat­te prophezeit: „Er [der erwartete Mes­sias] wird ein Fall­strick sein und ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärg­erniss­es für die bei­den Häuser Israel, ein Fall­strick und eine Schlinge für die Bürg­er Jerusalems, […].“ (Jes 8,14 LUT)

Und im Neuen Tes­ta­ment wird diese Stelle wieder aufgegriffen.

  • Paulus sagt: „Sie stießen sich am Stein des Anstoßes, […].“ (Röm 9,32 EU)
  • Petrus erk­lärt: „[…] ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärg­erniss­es; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bes­timmt sind.“ (1 Petr 2,8 LUT)

Ich betra­chte die vier Krisen­sprüche auch als die Kan­ten ein­er geisti­gen Pyra­mide. Wie auf einem schmalen Grat ste­hend geben nur diese Posi­tio­nen den Blick frei auf zwei Pyra­mi­den­seit­en. Diese Qual­ität der Dop­pelung fällt auch in den Zitat­en des Alten und Neuen Tes­ta­ments auf, wenn immer wieder von “Stein” und “Fels” die Rede ist. Das Alte Tes­ta­ment ergänzt das Bild noch durch “Fall­strick” und “Schlinge”. Von Petrus erfahren wir, dass es sich bei diesem imag­i­na­tiv­en Bild um das Wort, also um die schöpferisch-ord­nende, Leben her­vor­brin­gende Kraft des ewigen göt­tlichen Sohnes han­delt. Diese Kraft liegt seit ural­ter Überzeu­gung dem Geheim­nis der Zeit und damit dem Jahreskreis zugrunde. Lenkt das Bild des Steins bzw. Felsens den Blick mehr auf den räum­lichen Aspekt der zyk­lis­chen Zeit — der Zeit als Raum, als Zeitraum -, so liegt im Bild des Fall­stricks und der Schlinge der Fokus auf dem lin­earen Aspekt der ver­fließen­den Zeit. Der Stein scheint mir den kleinen Zyk­lus des Tages zu meinen, der Fels den großen des Jahreskreis­es, der Fall­strick die lin­eare Zeit, die Schlinge die lin­eare Zeit, die sich zum Zyk­lus rundet.

Das zweischneidige Schwert

Ein weit­eres über­liefertes Bild der Wider­sprüch­lichkeit ist das zweis­chnei­di­ge Schw­ert aus der Apoka­lypse des Johannes. “12 Da wandte ich mich um, weil ich die Stimme erblick­en wollte, die zu mir sprach. Als ich mich umwandte, sah ich sieben gold­ene Leuchter 13 und mit­ten unter den Leuchtern einen gle­ich einem Men­schen­sohn; er war bek­lei­det mit einem Gewand bis auf die Füße und um die Brust trug er einen Gür­tel aus Gold. 14 Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie Feuer­flam­men; 15 seine Beine glänzten wie Gold­erz, das im Schmel­zofen glüht, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wasser­massen. 16 In sein­er Recht­en hielt er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein schar­fes, zweis­chnei­di­ges Schw­ert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne.“ (Offen­barung des Johannes: 1,12–16)

Rudolf Stein­er deutet dieses Bild als das Ich des Men­schen, dass sozusagen am Schei­deweg ste­ht: „Wer nicht begreift, daß dieses Ich ein zweis­chnei­di­ges Schw­ert ist, der wird kaum den ganzen Sinn der Men­schheits- und Wel­te­nen­twick­elung ver­ste­hen. Auf der einen Seite ist dieses Ich die Ursache dessen, daß die Men­schen in sich selb­st sich ver­härten, daß sie alles, was ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen kann an äußeren Din­gen und inneren Gütern, in den Dienst dieses ihres Ichs ein­beziehen wollen. Es ist dieses Ich die Ursache, daß sich alle Wün­sche des Men­schen darauf richt­en, dieses Ich als solch­es zu befriedi­gen. Wie dieses Ich danach strebt, einen Teil des gemein­samen Erdenbe­sitzes an sich her­anzubrin­gen als sein Eigen­tum, wie dieses Ich danach strebt, aus seinem Gebi­ete alle anderen Iche hin­wegzutreiben, sie zu bekriegen, zu bekämpfen: das ist die eine Seite des Ichs. Aber auf der anderen Seite dür­fen wir nicht vergessen, daß dieses Ich zugle­ich das­jenige ist, was dem Men­schen seine Selb­ständigkeit, seine innere Frei­heit gibt, was den Men­schen im wahrsten Sinne des Wortes erhöht. In diesem Ich ist seine Würde begrün­det. Es ist die Anlage zum Göt­tlichen im Menschen […]

So wird das Ich das Unterp­fand sein des höch­sten Zieles des Men­schen. So ist es aber zu gle­ich­er Zeit, wenn es nicht die Liebe find­et, wenn es sich in sich ver­härtet, der Ver­führer, der ihn in den Abgrund stürzt. Dann ist es das­jenige, was die Men­schen voneinan­der tren­nt, was sie aufruft zum großen Krieg aller gegen alle … Auf allen Gebi­eten des Lebens wird also das Ich zum Zankapfel wer­den, und daher dür­fen wir sagen, daß das Ich auf der einen Seite zum Höch­sten und auf der anderen zum Tief­sten führen kann. Deshalb ist es ein schar­fes, zweis­chnei­di­ges Schw­ert. Und der­jenige, der da den Men­schen gebracht hat das volle Ich-Bewußt­sein, der Chris­tus Jesus, er wird, wie wir gese­hen haben, sym­bol­isch in unser­er Apoka­lypse mit Recht dargestellt als der­jenige, der das scharfe, zweis­chnei­di­ge Schw­ert im Munde hat.

… Und daß dieses scharfe, zweis­chnei­di­ge Schw­ert aus dem Munde des Men­schen­sohnes geht, das ist wieder begrei­flich, denn als der Men­sch mit vollem Bewußt­sein aussprechen gel­ernt hat das Ich, da war es ihm gegeben, auf das Höch­ste hin­aufzusteigen, in das Tief­ste hin­un­terzusinken. Das scharfe, zweis­chnei­di­ge Schw­ert ist eines der wichtig­sten Sym­bole, die uns in der Apoka­lypse ent­ge­gen­treten.“ (Lit.: GA 104, S. 156ff, Her­vorhe­bung A.F.)

Im Bild des Eck­steins wird der Wider­spruch zum Objekt, im Bild des zweis­chnei­di­gen Schw­ertes zum Sub­jekt, das unter­schei­den, tren­nen und sich für eine Seite entschei­den muss. Jed­er der vier Krisen­sprüche weist bei­de Aspek­te auf. In der jew­eils zum Prob­lem gewor­de­nen Sit­u­a­tion ist der Eck­stein zu erken­nen, im Ich-Sprech­er, der in jedem Krisen­spruch diese Sit­u­a­tion erken­nt und aufgerufen ist, eine Lösung zu find­en, eine Entschei­dung zu tre­f­fen, ist der Ich-Men­sch dargestellt, aus dessen Mund das zweis­chnei­di­ge Schw­ert geht.

7 G — das Mantra der Woche: Im Mantra 7 G nimmt der Ich-Sprech­er wahr, dass sein Selb­st dro­ht zu ent­fliehen, weil das Wel­tenlicht über­mächtig gewor­den ist und das Selb­st ansaugt — es von der Erde und vom Ich-Sprech­er wegsaugt. Dieses Wel­tenlicht kon­nte ich im Blog-Artikel zu den Mantren 5 E — 6 F — 7 G als den Heili­gen Geist iden­ti­fizieren, der so lange dro­hend wirkt, wie der Men­sch noch nicht reif ist, die geistige Welt zu betreten. Dort muss er sein Selb­st bzw. sein Ich-Bewusst­sein auch ohne physis­chen Leib aufrechter­hal­ten kön­nen. Wenn diese innere Sicher­heit und Geschlossen­heit der Seele noch nicht errun­gen ist, saugt und ver­führt das Wel­tenlicht und wirkt luz­iferisch. Dies, so sagt Rudolf Stein­er, ist die neg­a­tive Seite des zweis­chnei­di­gen Schw­ertes (siehe Her­vorhe­bung im vorherge­hen­den Zitat).

Diese ver­führende Kraft liegt im men­schlichen Denken, weshalb der Ich-Sprech­er sein Ahnen zur Ret­tung aufruft. Das Mantra 7 G gehört zu der her­aus­ge­hobe­nen Dreier­gruppe aus Licht- Zwis­chen- und Krisen­spruch, in denen der chemis­che Äther wirkt. Der chemis­che- oder Ton-Äther wird auch der Zahlenäther genan­nt, denn er pro­por­tion­iert und bemisst und sorgt so für das rechte Ver­hält­nis sowohl bei den Stof­fzusam­menset­zun­gen als auch bei den Har­monien. Von der Zähl- und Mess­barkeit der Welt lässt sich das Denken all zu leicht ver­führen, nur noch auf die Quan­tität zu acht­en, die Quan­tität jedoch als sub­jek­tiv und unwis­senschaftlich zu überge­hen. Das Denken lässt sich vom Schein der Sinne täuschen und ver­liert sich in immer noch dif­feren­ziert­eren Theorien.

Dieses Prob­lem erken­nt der Ich-Sprech­er und greift zu ein­er radikalen Lösung. Er ruft sein Ahnen auf, um die Macht des Denkens zu erset­zen. Er weiß, dass neben dem Denken auch das Ahnen eine berechtigte Kraft des Men­schen ist. Wie denken geht, lernt heute jed­er in der Schule. Doch wie geht ahnen? Ist es ein Voraus­tas­ten der Zukun­ft, ehe sie einge­treten ist? Oder ist es eine Geistverbindung, die durch die Vor­fahren, die Ahnen zus­tande kommt? Ist es vielle­icht eine Erken­nt­nis-Kraft, die dem Glauben entspricht und die auch im Traumes­sein (8 H), im wahrnehmenden Bilder­leben noch wirk­sam sein kann, wenn das logis­che Gehirn-Denken sich still beschei­den muss?

Das Mantra 7 G kann wie eine Wasser­schei­de betra­chtet wer­den. Bis zu diesem Mantra ging es um Selb­st- und Welt-Erken­nt­nis durch die Kraft des Denkens. Begonnen hat­te diese Entwick­lung mit dem let­zten Krisen­spruch 46 u, in dem die Erin­nerung als Ret­tung aufgerufen wurde von der dro­hen­den Betäubung durch die Welt. Im darauf­fol­gen­den Zwis­chen­spruch 47 v sollte das Denken gerüstet sein durch Gotteskräfte und im Licht­spruch 48 w war die Sicher­heit des Wel­tendenkens aufgerufen, im Licht aus Wel­tenhöhen zu erscheinen.

Seit dem Beginn des Som­mer-Hal­b­jahres wirk­te die Kraft der Wahrnehmung zunehmend in das Denken hinein, doch bis hier­her über­nahm das Denken die Führung. Das ändert sich nun. Die Möglichkeit­en des Denkens, etwas Pos­i­tives zum Fortschritt der Entwick­lung beizu­tra­gen, haben sich erschöpft. Die zweifache Selb­sterken­nt­nis im Mantra 6 F, das Erken­nen des Selb­st in den Zeit- und Raumeskräften ist die höch­ste Blüte dieser Denk-Kräfte. Was nun an Erken­nt­nis fol­gt, muss durch Ahnung gewon­nen wer­den, jedoch ohne vom Wel­tenlicht davon­geris­sen zu wer­den. Denn nun geht es darum, dem Göt­tlichen in sich Raum zu geben, das Göt­tliche urteils­frei in sich zu emp­fan­gen — wie jede Wahrnehmung ein Emp­fan­gen von außen ist, das der Men­sch nicht bee­in­flussen kann.

6 F — die Vor­bere­itung: Das Mantra 6 F ist das Mantra der Him­melfahrts-Woche. Während 40 Tagen, bis zum Don­ner­stag der Woche 6 F war der Aufer­standene den Jüngern wahrnehm­bar, danach nicht mehr. Nun erschien er den Jüngern nicht mehr, sie kon­nten ihn nicht mehr im gegen­wär­ti­gen Moment erken­nen, son­dern mussten sich ihm durch die Kraft des Glaubens nahen. Doch mit Glauben war ursprünglich nicht das unsichere Ver­ste­hen, das nur geglaubte Wis­sen gemeint, so wie das heute der Fall ist. Glaube war ein dem irdis­chen Erken­nen eben­bür­tiger Geisteszustand.

Ety­mol­o­gisch hängt das Wort „glauben“ über die west­germ. Form *ga–laub–on und germ.*(ga)laubija– „glauben“ zusam­men mit *ga–lauba– „ver­trauen­er­weck­end, zutraulich“. Eine Zuge­hörigkeit zur Wort­gruppe von Laub (Blät­ter der Bäume) wird ver­mutet im Sinne von „Laub als Lock­mit­tel für Tiere“, das sich dann zu „zutraulich, zahm“ entwick­elte. Diesen in der Lit­er­atur ver­muteten Zusam­men­hang von Glaube und Laub halte ich für wahrschein­lich, auch wenn er nicht so prag­ma­tis­che gedacht wer­den kann. Kön­nte es sein, dass Glauben eine für uns heute unge­wohnte Art zu Denken meint, eine Denkweise, die anderen Geset­zen fol­gt als der ratio­nalen Logik? Kön­nte Glaube ein Denken meinen, bei dem ein Gedanke durch Meta­mor­phose aus dem anderen Fol­gt, wie eine Pflanze Blatt nach Blatt entste­hen lässt, bis sich die Blät­ter zur Blüte wan­deln? Kön­nte dieses Denken sich gestal­ten wie Blät­ter, die nun nicht aus dem Ast, son­dern aus dem Kopf wach­sen? Ein Denken, das sich lebendig entwick­elt, dessen Ideen miteinan­der ver­bun­den bleiben müssen, da sie son­st wie „Blät­ter“ ver­dor­ren? Dieses Denken ist vielle­icht bess­er mit ein­er med­i­ta­tiv-ahnen­den, tas­ten­den Bewusst­sein­shal­tung zu beschreiben. Und vielle­icht meint Glauben genau dieses in Med­i­ta­tion wache, erken­nende Bewusstsein.

Diesen Zusam­men­hang scheint mir eine Him­melfahrts­darstel­lung anzudeuten. Wo der Chris­tus ger­ade noch ges­tanden haben muss, wach­sen zwei Blatt-Bäume und weisen die Jünger auf die for­t­an benötigte  Erken­nt­niskraft hin.

Christi Him­melfahrt aus ein­er mir unbekan­nten, mit­te­lal­ter­lichen Handschrift

Im Sakra­ment der Eucharistie der Chris­tenge­mein­schaft wird der Leib Christi als das neue Beken­nt­nis beze­ich­net, das Blut als der neue Glaube. Ein Beken­nt­nis ist die Bestä­ti­gung von etwas, das bekan­nt ist, dem man begeg­net ist. Und so schildert das Glaubensbeken­nt­nis das Leben und Ster­ben Jesu Christi als Tat­sache, die auf Erden durch äußere Sinne von den Zeitgenossen wahrgenom­men wer­den kon­nte. Seit­dem kann man Ken­nt­nis davon haben und diese Ken­nt­nis ist dem irdis­chen Denken zugänglich. Doch neben dem Brot gibt es im Sakra­ment der Eucharistie den Wein. Das Chris­tus­ge­heim­nis ist ein Zweifach­es. Zum Beken­nt­nis muss der Glaube hinzutreten.

Was Glaube sein kön­nte, möchte ich anhand des See­lenkalen­ders verdeut­lichen. Ich habe die Erfahrung, dass nur mit einem glauben­den, wie Blät­ter wach­senden Denken die Mantren des See­lenkalen­ders ver­standen wer­den kön­nen. Bekennbare, fest­stell­bare Tat­sachen schildern sie nicht. Und sie ver­hal­ten sich auch nicht wie Texte mit fest­stell­baren Tat­sachen. Die Mantren sind wie Wass­er in der hohlen Hand. Kaum hat man ein Mantra zu Ende gele­sen, ist sein Inhalt auch schon aus dem Bewusst­sein geflossen. Zu ihrem Ver­ständ­nis ist ein Bewusst­sein nötig, dass Gedanken zu Gefäßen formt, zu Imag­i­na­tio­nen, die das Unaussprech­liche glaubend bergen können.

Dies gelingt dem Ich-Sprech­er des Mantras 6 F, indem er sein erstandenes, von der Physis gelöstes Selb­st als zweifache Wel­tenof­fen­barung in den Zeit- und in den Raumeskräften wiederfind­et. Darin zeigt nun die Welt dem Ich-Sprech­er sein Urbild. Durch diese Wahrnehmung erken­nt er, dass sein eigenes Bild ein Abbild von einem größeren Urbild ist — und dadurch bewahrheit­et ist. Indem der Ich-Sprech­er sich im Großen, im Makrokos­mos erken­nt, schenkt ihm die Kraft des Glaubens die Sicher­heit, dass sein mikrokos­mis­ches Sein wahr ist.

Das Beken­nt­nis gehört zur Raum-Welt, denn was im Raum, auf der Erde ein­mal gelebt hat, ist dem Raum eingeschrieben und kann bezeugt wer­den. Der Glaube ste­ht dage­gen in Beziehung zur fließen­den Zeit-Welt, dem “Strom der Zeit”, zu der Welt, die noch im Wer­den ist, die mit der göt­tlichen Welt noch Eins ist. Diese Welt beschreiben die Mantren des See­lenkalen­ders, ohne ein­er Reli­gion das Wort zu reden, ohne Rück­verbindung, Re-ligio zu brauchen. Diese Verbindung ist durch den “Strom der Zeit” vom Urbe­ginn an durchgängig vorhan­den. Und wenn der Dop­pel­strom der Zeit, von dem Rudolf Stein­er spricht, ein­be­zo­gen wird, so ist eben­so die Verbindung zum Erden­ziel, zum göt­tlichen Plan niemals unterbrochen.

Das Mantra 6 F führt von der Erken­nt­nis des Selb­st in der zweifachen Wel­tenof­fen­barung zur Wahrnehmung des Ich-Urbilds und damit zur höch­st­möglichen durch das Denken zu gewin­nen­den Erkenntnis.

8 H — die Vol­len­dung: Das Mantra 8 H ist das Pfin­gst-Mantra. Doch die inspiri­erte Begeis­terung, die flam­mende, charis­ma­tis­che Ausstrahlung, die von den Jüngern in der Apos­telgeschichte berichtet wird, sucht man hier vergebens.

Das Mantra zeigt einen Ich-Sprech­er, der sich selb­st beobachtet und fest­stellt, dass die Macht der Sinne, die Macht, die die Wahrnehmung über sein Bewusst­sein ausübt, kon­tinuier­lich wächst. Dadurch ver­liert die Kraft seines Denkens an Klarheit und die Wach­heit seines Bewusst­seins wird zur Dumpfheit des Traumes her­abge­drückt. Der Ich-Sprech­er bemerkt, dass er ger­ade dabei ist, einzuschlafen. Doch hier liegt kein Man­gel an Bewusst­sein vor, son­st würde der Ich-Sprech­er ja diesen Prozess nicht selb­st beschreiben kön­nen. Im Gegen­teil — der Ich-Sprech­er bemerkt, dass die wach­sende Macht der Sinne im Zusam­men­hang ste­ht mit dem Schaf­fen der Göt­ter. Viele Göt­ter sind ver­bun­den mit der Zunahme der Sin­nes­macht. Men­sch und Göt­ter — oder eher Göt­ter und Men­sch — haben einen Bund geschlossen. Doch worum han­delt es sich hier?

Das christliche Pfin­gst­fest am 50. Tag nach der Aufer­ste­hung beruht auf dem jüdis­chen Fest Scha­wout, dem Wochen­fest, das 50 Tage nach Pas­sah gefeiert wurde, dem jüdis­chen Pen­dant des Oster­festes. Zu Pas­sah wird im Juden­tum des Auszugs aus Ägypten, aus der ägyp­tis­chen Gefan­gen­schaft gedacht. Die 40 Tage bis Christi Him­melfahrt erscheinen wie eine Spiegelung der 40 Jahre, die das jüdis­che Volk durch die Wüste wan­dern musste, um von innen her­aus neu zu werden.

Zu Beginn der Wüsten­wan­derung empf­ing Moses am Sinai die Zehn Gebote, doch zer­störte er sie wieder, weil das Volk sich ein gold­enes Kalb gemacht hat­te und den Bund mit Jhave brach. Doch Moses empf­ing die Gebote von Neuem. Nach kab­bal­is­tis­ch­er Weisheit bedeuten die Zehn Gebote die Kurz­fas­sung von Gottes Willen, die Tho­ra, das ganze Alte Tes­ta­ment dage­gen die aus­führliche. So gilt das Fest Scha­wout nicht nur dem dauer­haften Emp­fang der Zehn Gebote, son­dern der ganzen Tho­ra. Scha­wout ist das Fest des bleiben­den Bun­des mit Gott. Das Licht Gottes strahlt von der Tho­ra aus, weshalb gläu­bige Juden sie fleißig studieren. Eben­so wie im christlichen Kul­tus das Evan­geli­um, wird die Tora abschnit­tweise wöchentlich gelesen.

Tho­ra und Evan­geli­um — bei­de wer­den von den Gläu­bigern als Träger göt­tlichen Licht­es erlebt, das durch den Wochen­ab­schnitt die Woche durch­strahlt. Sie erscheinen mir deshalb als Vor­läufer der Seelenkalender-Mantren.

Jhave war ein eifer­süchtiger Gott. Er duldete keine anderen Göt­ter neben sich. Doch das Mantra spricht von Göt­tern, von ein­er Vielzahl, die im Bunde sind mit der wach­senden Macht der Sinne des Menschen.

Durch die Sinneswahrnehmung begeg­net der Men­sch hier also nicht nur der äußeren Welt, son­dern auch den Spuren des Göt­ter­schaf­fens. Sind es vielle­icht die Göt­ter der in den Raum ein­strahlen­den Wochen-Energien, die mit den von Innen ausstrahlen­den Sin­nen des Men­schen einen Bund geschlossen haben? Sind damit vielle­icht die Licht her­vor­brin­gen­den Wesen gemeint, die als Gesamtheit der Heilige Geist sind und die das geistige Licht der Evan­gelien eben­so wie der Tho­ra durchstrahlen?

Wenn der Men­sch in dieser Weise vor­bere­it­et ist durch die zunehmende Macht der Sinne, die das Denken her­ab­dämpft — sich das Denken also im Traumes­sein still und beschei­den im Hin­ter­grund hält — dann kann über die Viel­heit der Göt­ter hin­aus, auch der Eine Gott sich mit der Seele einen — sofern Er dies sel­ber will. Wer ist dieser Gott im Unter­schied zu den vie­len Göt­tern? Mit der Viel­heit der Göt­ter ste­ht der Men­sch durch die Wahrnehmung in Beziehung. Diese Göt­ter sind “Göt­ter des Umkreis­es”. Der Eine Gott will sich mit der Seele einen. Er will eins wer­den mit ihr, in sie einziehen und inner­er Gott sein.

Rudolf Stein­er sagt über diesen Gott: „Kein äußer­er Name kann «mich», dieses Wesen, benen­nen; ein ganz ander­er Name nur kann das aus­drück­en: «Ich bin der Ich-bin!» Es gibt keine Möglichkeit, woan­ders den Namen zu find­en des Son­nengeistes als in dem Men­schen. Das, was als Ich im Men­schen lebt, das ist das Chris­tus-Wesen.“ (Lit.: GA 109, S. 154)

Von Paulus ist dieses Erleb­nis im Neuen Tes­ta­ment über­liefert. Er erlebte den Gott, den Chris­tus im Innern. Der Ausspruch lautet wörtlich über­set­zt: „Ich lebe, aber nicht mehr das Ego, son­dern es lebt in mir Chris­tus.“ (Gal 2,20)

Alle drei Mantren 6 F, 7 G und 8 H weisen einen Ich-Sprech­er auf, der seine Sit­u­a­tion mit wachem Tages­be­wusst­sein reflek­tiert. Im Mantra 6 F, dem Mantra von Christi Him­melfahrt, erken­nt dieser Ich-Sprech­er sein Selb­st als Wel­tenof­fen­barung in zweifach­er Gestalt. Im Mantra 7 G, der auf das Him­melfahrt­sereig­nis fol­gen­den Woche, erlebt der Ich-Sprech­er die Gefährdung des Selb­st durch das Wel­tenlicht und erken­nt, dass das am Sin­nen­schein klebende Denken Teil des Prob­lems ist. Nur das Ahnen kann über die Ver­haf­tung im Mate­ri­al­is­mus hin­aus­führen. Im Mantra 8 H, dem Pfin­gst-Mantra, bewirkt die wach­sende Macht der Sinne im Zusam­men­hang mit den Göt­tern, dass die Kraft des Denkens abn­immt, dass das men­schliche Denken in den Traumzu­s­tand ver­set­zt wird. Dies ist die Voraus­set­zung, dass der Eine Gott eins wer­den kann mit der Seele, in sie einziehen kann. Dies alles schildert der Ich-Sprech­er des Mantras und bezeugt dadurch, dass sein Bewusst­sein nicht zusam­men mit dem Denken her­abgedämpft wurde, son­dern klar beobacht­en kann.