Die Gegensprüche 22 V und 47 v

22 V

Das Licht aus Weltenweiten,

Im Innern lebt es kräftig fort:

Es wird zum Seelenlichte

Und leuchtet in die Geistestiefen,

Um Früchte zu entbinden,

Die Men­schenselb­st aus Weltenselbst

Im Zeit­en­laufe reifen lassen.

47 v

Es will erste­hen aus dem Weltenschoße,

Den Sin­nen­schein erquick­end, Werdelust.

Sie finde meines Denkens Kraft

Gerüstet durch die Gotteskräfte,

Die kräftig mir im Innern leben.

Die Eurythmieformen zu den Mantren 22 V und 47 v

 

Über den Buchstaben “V”

Das V ist im Deutschen ein schein­bar über­flüs­siger Buch­stabe. Mal lautet es wie F, mal wie W. Beispiele für die F‑Lautung sind: ‘Vater’, ‘Vieh’, ‘viel’, ‘vier’, ‘Ver­lust’, ‘Vogel’, ‘Volk’, ‘vor’ und Beispiele für die W‑Lautung sind: ‘Vase’, ‘Vanille’, ‘Verb’, ‘Ven­ti­la­tor’, ‘vio­lett’, ‘Vil­la’, ‘Vibra­tion’, ‘Vol­u­men’. Ste­ht das V im Wort, wird es meist als W gesprochen (‘Pullover’, ‘Lava’, doch in ‘Eva’ als F), ste­ht es am Ende, als F (‘Vesuv’, ‘Nerv’, ‘fik­tiv’). Viele Wörter mit V stam­men aus der lateinis­chen Sprache, denn diese war nicht nur eine auf U ges­timmte Sprache (siehe Blog 21 U — 46 u), son­dern auch eine mit vie­len V‑Wörtern, zumal U und V durch das­selbe Zeichen wiedergegeben wurden.

Anders als die recht ein­deuti­gen Laut-Buch­staben Zuord­nun­gen wie z.B. T und R gibt es für das F — V — W und U eher flu­ide Gren­zen. Das V ste­ht im Alpha­bet direkt vor dem W, weist jedoch geschichtlich betra­chtet auch zum F eine Beziehung auf, das viel früher im Alpha­bet seinen Platz hat. Das V ste­ht im Alpha­bet also zwis­chen F und W und kann bei­de Lau­tun­gen annehmen. So stellt sich die Frage nach seinem eige­nen Wesen, das durch den Laut eher vor­bor­gen als offen­bart wird.

Zunächst zur Geschichte des V: Im Lateinis­chen zeigt sich das V mit dem U ver­wandt, denn bei­de Laute wur­den, wie schon erwäh­nt, durch das­selbe Zeichen repräsen­tiert, durch V. Der Name des V, also ‘Vau’, stammt aus dem phönizisch-griechis­chen Alpha­bet, wo es den V‑W-Laut beze­ich­nete. Hier war er auch noch dem B ver­wandt, sodass sein Name ‘Bau’ bzw. ‘Vau’ lautete. Im griechis­chen Alpha­bet ver­schwand der Buch­stabe. In die deutsche Sprache kam das V durch die gelehrte Über­liefer­ung der irischen Mönche. Die Form des zu Anfang im griechis­chen Alpha­bet vorhan­de­nen Vau (Ϝ, ϝ) ist dem des lateinis­chen F ähn­lich, weshalb es auch Digam­ma (Zwei-Gam­ma (Γ), zwei “Gal­gen” — in ver­schieden­er Höhe) genan­nt wurde. Das lateinis­che Alpha­bet über­nahm dieses Zeichen, doch aus dem griechis­chen ver­schwand es.

Der Name Vau stammt vom hebräis­chen Schriftze­ichen (ו) ‘Vav’ (vv) — auch Waw tran­skri­biert — und bedeutet ‘Nagel’ oder auch ‘Hak­en’. Mit ‘Vav’ war der gold­ene (aus ander­er Quelle sil­berne) Nagel gemeint, mit dem der Vorhang vor dem Aller­heilig­sten im Tem­pel befes­tigt war.

Es ist ein Buch­stabe, der auch (je nach hinzuge­fügten Punk­ten) als Vokalze­ichen für das lange O oder U genutzt wer­den kann. Die Posi­tion, an der das Vav das erste Mal im Text der Tora vorkommt, wird als eine Botschaft sein­er Qual­ität ver­standen. Da das hebräis­che Alpha­bet aus 22 Buch­staben beste­ht und Vav als der 22. Buch­stabe in der Tora ste­ht — vor dem sech­sten Wort (וְאֵת), spielt er auf die schöpferische Verbindung zwis­chen allen Buch­staben an:

Im Anfang schuf Gott die Him­mel und die Erde

בְּרֵאשִׁית בָּרָא אֱלֹהִים אֵת הַשָּׁמַיִם וְאֵת הָאָרֶץ

Diese verbindende Kraft zeigt sich auch im hebräis­chen Wort ‘und’, das ‘ve’ lautet und nur mit einem Vav geschrieben wird. Das Vav ist daher die verbindende Kraft Gottes, der göt­tliche “Nagel”, der Him­mel und Erde, Geist und Materie miteinan­der verbindet. Außer­dem wer­den in der Tora 17 Buch­staben im Fließ­text ver­streut beson­ders her­vorge­hoben. Der neunte und mit­tlere dieser her­aus­gestell­ten Buch­staben befind­et sich im 3. Buch Moses (11,42) im Wort ‘Bauch’ (גָּחוֹן ‘Gachon’) und ist ein Vav. Dieses Vav (das hier für O ste­ht) ist beson­ders groß geschrieben (גָּחוֹן ‘Gachon’). Nur zweimal kommt dieses Wort in der Tora vor. Vor diesem her­vorge­hobe­nen Wort beze­ich­net ‘Gachon’ den Bauch der Schlange, auf dem diese nach dem Sün­den­fall kriechen muss (1. Mos 3,14).

Für mich wird dadurch die Assozi­a­tion des Bauchn­abels als “Bauch-Nagel” geweckt, um den im über­tra­ge­nen Sinne das Wohl und Wehe des Men­schen kreist. Um den Polarstern kreist das ganze Fir­ma­ment, weshalb er in schaman­is­chen Kul­turen als Him­mel­snagel ange­se­hen wurde, denn hier scheint das Him­mels­gewölbe befes­tigt zu sein.

Die Über­tra­gene Bedeu­tung von Vav ist im Hebräis­chen die Verbindung. “Wenn man nun das Waw an den Beginn eines jeden anderen Wortes set­zt, so erhält man, auf ein­er syn­tak­tis­chen Ebene, die Bedeu­tung „und“; z. B. ‘v’eileh’ bedeutet ‘und diese Dinge’. In einem Satz ist das ‘und’ der Hak­en [bzw. Nagel], welch­er ein Wort, oder einen Satz, mit dem näch­sten verbindet. Wenn man nun das Vav mit einem Verb verbindet, so verän­dert das Verb seine Zeit­form, entwed­er von der Ver­gan­gen­heit in die Zukun­ft oder von der Zukun­ft in die Ver­gan­gen­heit. Zum Beispiel bedeutet das hebräis­che Wort ‘hoiya’ – ‘es war’. Das Wort ‘v’hoiya’ bedeutet’ ‘es wird sein’. Durch bloßes anfü­gen des Waw wird die Ver­gan­gen­heit in die Zukun­ft ver­wan­delt. Hier­für betra­cht­en wir das Wort ‘yehi’, welch­es ‘es wird sein’ bedeutet, wie in ‘yehi or’ – [Und Gott sagte,] ‘Es werde Licht’. Set­zen wir nun das Waw davor – ‘vayehi’ – und die Bedeu­tung verän­dert sich zu, ‘Es wurde Licht’, also die Ver­gan­gen­heit.” (Jüdische.info)

Da Vav der sech­ste Buch­stabe im hebräis­chen Alpha­bet ist, wird er mit dem sech­sten Schöp­fungstag und damit im Beson­deren mit dem Men­schen ver­bun­den, denn am sech­sten Tag schuf Gott den Men­schen. Das sech­ste der zehn Gebote (in der jüdis­chen und christlich ortho­dox­en Zäh­lung) ist wiederum: “Du sollst nicht töten.” Dadurch kommt Vav in einen Zusam­men­hang mit den Nägeln der Kreuzigung.

Das hebräis­che Vav ste­ht nach Faul­mann in Zusam­men­hang mit dem ägyp­tis­chen ‘ua’ (also ‘va’), das ‘Speer’ und ‘Waffe’ bedeutet. (Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 416) Das F ist laut Rudolf Stein­er der Laut der in der Welt wal­tenden Weisheit. Wird daraus men­schliche Erken­nt­nis, muss diese gewon­nen, errun­gen, erkämpft wer­den. Vav kann deshalb als die Waffe betra­chtet wer­den, um Erken­nt­nis zu gewin­nen. Vav ist das Fes­t­nageln, das Auf-die-Erde-brin­gen der kos­mis­chen Weisheit, wenn sie men­schlich­es Wis­sen wird. Doch damit erstirbt sie. So sagt man “das trifft den Nagel auf den Kopf”, wenn eine Erken­nt­nis zutrifft. Ist jemand zu eng­stirnig, so ist er vol­lkom­men “ver­nagelt”. Das Vau bzw. Bau zim­mert das geistige Gedankenge­bäude, sodass die eben­so mögliche Lau­tung mit B — nun zwar in deutsch­er Sprache — stim­mig ist.

Das Bild des Nagels vere­int drei Aspek­te, die auch der Zeit eigen sind: die Ger­ade des Stifts — die lin­eare Zeit; das Runde des Kopfes — die zyk­lis­che Zeit; das Punk­tar­tige der Spitze — die Gegen­wär­tigkeit. Die F‑Lautung des V, das ger­ade und schmale Her­auss­chießen der Luft, entspricht im Bild des Nagels seinem Stift; die W‑Lautung, der weichere, umhül­lende, bewegte Klang, entspricht dem Kopf des Nagels, sofern an das Runde, “Umkreisende” der Form gedacht wird. Und an die Spitze des Nagels erin­nert die lateinis­che Form des V selb­st. Als U gesprochen ist es die Furcht, die Gegen­wär­tigkeit wachruft.

Der Speer des ägyp­tis­chen ‘ua’ akzen­tu­iert ein­seit­ig den Stift des Nagels und verdeut­licht dadurch den lin­earen Zeitaspekt, der für die artikulierte Sprache notwendig ist. Der Göt­ter­vater der nordis­chen Mytholo­gie ist Odhin und seine Waffe ist der Speer Gung­nir (der Vor­wärts­drän­gende), der nie sein Ziel ver­fehlt. Dieser Speer ist Bild der vom Men­schen her­aus­geschleud­erten Worte, der Sprache, die andere Men­schen erre­icht. (siehe: Gun­du­la Jäger, Die Bild­sprache der Edda, S. 46) Diesen Speer schleud­erte Odhin ins Reich der Wanengöt­ter, woraufhin der erste Krieg in der Welt aus­brach. Der lin­eare Aspekt der Zeit bekam im Bewusst­sein des Men­schen eine Vor­ma­cht­stel­lung, wodurch sich das irdisch-logis­che Denken entwick­eln kon­nte. Seit­dem wirkt die Sprache nicht nur vere­inend, son­dern im Stre­it auch ver­let­zend. Die blutige Lanze ist Sym­bol der Schuld des Gral­skönigs Amphortas.

Die Alten emp­fan­den nicht ihr Denken als Quelle von Weisheit, son­dern sie empfin­gen diese. Sie wehte ihnen zu mit dem Wind. So kann man, schreibt Her­mann Beckh, im F‑V-W-Laut erleben “den reinen kos­mis­che Urton, das reine Prinzip des Wel­tenwe­hens und Wel­tenwebens, und wir kön­nen von hier aus ver­ste­hen, wie dieser Laut ger­adezu zum Zeichen des Wel­ten-Wortes wer­den kann. … V als Zeichen des Wel­tenwortes wird dann zum Anlaut von [san­scrit] ‘vâc’, das ‘Wort’, die ‘Rede’, lateinisch ‘vox’, vocis’, wo sich das Ursym­bol V mit dem schöpferischen K, das im C palatal­isiert ist, verbindet. … ‘Wort’ heißt im Indis­chen auch ‘vacas’, griechisch ‘épos’, ursprünglich vépos’. Es ist bemerkenswert, dass das Griechis­che den hier in Rede ste­hen­den, als Zeichen des Urwortes dienen­den Laut, der dort ursprünglich als Digam­ma vorhan­den war, ganz ver­loren hat, … wie er ja auch im Hebräis­chen nur noch sel­ten im Anlaut der Wörter, und auch im Wortin­nern, mit weni­gen Aus­nah­men, nicht mehr als eigentlich­er Laut, son­dern nur noch als Zeichen zu find­en ist, sodass damit das Wesen dieses Lautes sich als etwas Beson­deres vor allen anderen Laut­en charak­ter­is­tisch her­aushebt.” (in Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 415)

Das V ist als Blase­laut Aus­druck von Bewe­gung. Die Bewe­gung, die in der Vor­silbe ‘ver-’ liegt, beschreibt Rudolf Stein­er als ein Hin­be­we­gen: “Nehmen Sie das Wort ‘ver­we­sen’ für das­jenige, was nach dem Tode geschieht: ‘ver-wesen’; die Vor­silbe ‘ver-’ ist immer ein Hin­be­we­gen zu dem­jeni­gen, was das Wort aus­drückt; ‘ver­brüdern’ heißt, sich nach der Rich­tung des Brud­er­w­er­dens bewe­gen. … ‘Ver­we­sen’ bedeutet im Volksmund nicht ‘auflösen’, nicht ‘aufhören’, son­dern ‘in das Wesen hinein sich bewe­gen’! Solche, mit dem geisti­gen Erfassen der Welt während eines instink­tiv­en Erken­nens zusam­men­hän­gende Wort­bil­dung wur­den sehr sel­ten.” (GA 76, /204/277 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 417)

Tätigkeit, Weisheit, Wille — drei Stufen in denen das Dasein verfließt

Das Mantra 47 v spricht vom Wel­tenwer­den, von der ver­wan­del­nden Macht der Zeit. Sie offen­bart sich dem Men­schen in drei Bildern, in der lin­earen Zeit, der zyk­lis­chen Zeit und im Zeit­punkt. Obwohl Rudolf Stein­er diese drei Zeitaspek­te nicht erwäh­nt, habe ich den Ein­druck, dass er sich auf sie bezieht. Er spricht von drei Vorstel­lun­gen, die er für so wichtig hält, dass sie einen Leit­faden bilden für die ganze Welt und die men­schliche Natur.

„Wir wollen uns heute beschäfti­gen mit drei wichti­gen Vorstel­lun­gen, die zusam­men­hän­gen mit den Teilen der men­schlichen Natur. Sie bilden sozusagen einen Leit­faden durch die ganze Welt. Es sind dies: [erstens] Tätigkeit oder Bewe­gung, [zweit­ens] Weisheit, die auch Wort genan­nt wird und drit­tens Wille.

1. Wenn wir von Tätigkeit sprechen, meinen wir damit eigentlich etwas sehr All­ge­meines. Der Eso­terik­er aber sieht in der Tätigkeit zunächst die Grund­lage des ganzen Wel­te­nalls, wie es uns umgibt. Die erste Gestalt des Wel­te­nalls ist für den Eso­terik­er ein Pro­dukt der Tätigkeit. Für den gewöhn­lichen Men­schensinn erscheint die Welt als etwas Fer­tiges; der Eso­terik­er aber sagt sich, was vor­liegt, ist ein Pro­dukt der Tätigkeit, ein Durch­gangspunkt. Die ganze Welt ist fortwährend in Tätigkeit. Diese Tätigkeit ist eigentlich Karma.

Wenn man vom Men­schen spricht, spricht man von seinem Astralkör­p­er als von Kar­ma, als von Tätigkeit. Eigentlich ist der Astralkör­p­er das­jenige, was dem Men­schen am näch­sten ste­ht. Was der Men­sch erlebt, so dass es entschei­det über sein Wohl und Wehe, über Lust und Leid, das geht von seinem Astralkör­p­er aus. Liebe, Lei­den­schaft, Freude, Schmerz, Ide­al, Pflicht hän­gen zusam­men mit dem Astralkör­p­er. Wenn man von Lust und Leid, Trieben, Wün­sche und Begier­den spricht, so spricht man vom Astralkör­p­er. Der Men­sch erlebt fortwährend den Astralkör­p­er, der Seher aber sieht die Form des Astralkör­pers. Dieser Astralkör­p­er ist in ein­er fortwähren­den Umwand­lung begrif­f­en. Zuerst ist er undif­feren­ziert, solange der Men­sch noch nicht daran gear­beit­et hat. Der Men­sch arbeit­et aber fortwährend daran in unser­er Zeit. Wenn er unter­schei­det zwis­chen Erlaubtem und Ver­boten­em, arbeit­et der Men­sch von seinem Ich aus hinein. Seit der Mitte der lemurischen Zeit bis zur Mitte der sech­sten Wurzel­rasse arbeit­et der Men­sch an seinem Astralkörper.

Warum arbeit­et der Men­sch daran? Er arbeit­et deshalb an seinem Astralköper, weil auf dem Gebi­et der Tätigkeit jede einzelne Tätigkeit einen Gen­gen­schlag her­vor­ruft. Wenn wir mit der Hand über die Tis­ch­plat­te fahren, so wird sie heiß. Die Wärme ist der Gegen­schlag zu unser­er Tätigkeit. So ruft jede Tätigkeit eine andere hervor. ….

Der men­schliche Astralköper ist in fortwähren­der Tätigkeit. Darin beste­ht sein Leben. Diese Tätigkeit nen­nt man im engeren Sinne das men­schliche Kar­ma. Was ich heute tue, hat seinen Aus­druck im Astralkör­p­er. Wenn ich jeman­den schlage, ist das Tätigkeit und ruft einen Gegen­schlag her­vor. Das ist die aus­gle­ichende Gerechtigkeit: Kar­ma. Tätigkeit ist ein Schlag, der einen Gegen­schlag her­vor­ruft. Damit muss dann der Begriff von Ursache und Wirkung ver­bun­den wer­den. Im Kar­ma ist immer etwas Unaus­geglich­enes; es fordert immer etwas anderes.

2. Das zweite in der men­schlichen Natur und im Wel­te­nall ist: Weisheit. Eben­so wie Kar­ma etwas Unaus­geglich­enes ist, hat Weisheit etwas von Ruhe, Aus­geglichen­heit. Darum nen­nt man sie auch Rhyth­mus. Alle Weisheit ist der Form nach Rhyth­mus. Im Astralkör­p­er ist vielle­icht viel Sym­pa­thie, dann ist viel Grünes in der Aura. Dieses Grün wurde ein­mal als Gegen­farbe her­aus­ge­fordert. Dem Grü­nen entsprach ursprünglich ein Rot, ein selb­st­süchtiger Instinkt. Das hat sich durch Tätigkeit, Kar­ma, in Grün ver­wan­delt. In der Weisheit, im Rhyth­mus ist alles fer­tig, aus­geglichen. Im Men­schen ist alles Rhyth­mis­che, Weisheitsvolle im Ätherkör­p­er. Der Ätherkör­p­er ist daher das am Men­schen, was die Weisheit repräsen­tiert. Im Ätherkör­p­er herrscht Ruhe, Rhythmus.

3. Der physis­che Kör­p­er repräsen­tiert eigentlich den Willen. Wille ist im Gegen­satz zur bloßen Ruhe das Schöpferische, das her­vor­bringt. So haben wir fol­gen­den Auf­stieg: erstens Kar­ma, Tätigkeit, das Unaus­geglich­ene; zweit­ens Weisheit, das zur Ruhe Gekommene; drit­tens Wille, ein so über­volles Dasein, dass es sich hingeben kann. Also Tätigkeit, Weisheit, Wille sind die drei Stufen, in denen alles Dasein ver­fließt“ (Stein­er, GA 93a, 2. Vor­trag, 27. 9. 1905, S. 22ff, Her­vorhe­bun­gen, Aufzäh­lung und Absätze A.F.).

Tätigkeit, Weisheit und Wille als Auf­stieg im Seelenraum

Rudolf Stein­er sagt, dass Tätigkeit, Weisheit und Wille die drei Stufen sind, in denen das Dasein ver­fließt. Das bedeutet, dass die Zeit in diesen drei Stufen auf ver­schiedene Art wirkt.

In der lin­earen Zeit kommt die Ursachen-Wirkungs­kette und damit Kar­ma zum Aus­druck. Zum einen ist die Oster­scholle Bild der lin­earen Zeit, denn sie hat Anfang und Ende. Zum anderen teilen die bei­den Alpha­bete das Jahr in Hal­b­jahre, in zwei Säulen. Die Gegen­sprüche beziehen die Hal­b­jahre als lin­eare Zeit in Schlag und Gegen­schlag aufeinan­der. Ziel dieses „Spiels“ ist die Ruhe der Weisheit.

Die zyk­lis­che Zeit bildet den lin­earen Zeit­strom zum gedacht­en Kreis, der einen Zeitraum, z.B. ein Jahr, umfasst. Die Sonne, sagt Rudolf Stein­er, erschafft den Raum, sie strahlt den Raum aus. “Die Sonne strahlt nicht nur das Licht aus, die Sonne macht auch den Raum.” (GA 236 S. 249f) Und zwar macht sie den geisti­gen Raum, in den der Ver­stor­bene ein­tritt. Die zyk­lis­che Zeit, der Zeit-Raum, bildet diesen geisti­gen Raum ab und damit auch die Ewigkeit und die Weisheit. Weisheit ist auch das Wort, dessen etabliertes Bild das zweis­chnei­di­ge Schw­ert ist. Die Spiegel­sprüche kön­nen als Aus­druck der Wirk­samkeit dieses zweis­chnei­di­gen Schw­ertes ange­se­hen wer­den. Ihre Zusam­menge­hörigkeit beruht auf der Gram­matik, der Sprache, dem Wort. Ihre über­ge­ord­nete Ein­heit ist zerteilt in die spiegel­nden Mantren der Halbjahre.

Gegen­wär­tigkeit muss wiederum gewollt wer­den. Im Stern­bere­ich des Denkens kann der Punkt der Gegen­wart bewusst­wer­den. Das sich hingebende, das über­volle Dasein erkenne ich im Ausstrahlen des Bewusst­seins. Dieses Bewusst­sein, dass vom Zen­trum, vom Punkt, sein Licht in den Umkreis strahlt, kann nur in Gegen­wär­tigkeit erlebt wer­den. Und nur in der Gegen­wart kann gehan­delt wer­den, kann der Wille sich aus­drück­en. Das Mantra der Woche ist jew­eils Gegenwart.

Der Wille, das schöpferische, über­volle Dasein ste­ht in der Graphik im Stern­bere­ich, der an sich das Denken repräsen­tiert (wie der Mond­bere­ich für den Willen und der Son­nen­bere­ich für das Fühlen). Deshalb füge ich eine Aus­sage von Rudolf Stein­er an, die das Schöpferische im Bild der Sonne dem Ver­stand zuweist. “Denn die Schöp­fung des Ver­standes ist mit der Tätigkeit der Sonne ver­wandt. Das Aufge­hen des Ver­standes in der Men­schen­natur ist das Aufleucht­en ein­er inneren Sonne. Dies ist nicht nur im bildlichen, son­dern ganz im wirk­lichen Sinne gesprochen.” (GA 11, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 416)

Über die Gegensprüche 22 V und 47 v

Das Mantra 22 V ist ein Licht­spruch und ist wie alle Licht­sprüche (5 E, 22 V, 31 e, 48 w) in der beschreiben­den drit­ten Per­son ver­fasst. Das Mantra 47 v ist ein Zwis­chen­spruch, das heißt, dieses Mantra ste­ht zwis­chen einem Licht- und einem Krisen­spruch. Wie die anderen Zwis­chen­sprüche (6 F, 21 U, 32 f) ist auch das Mantra 47 v aus der Per­spek­tive eines Ich-Sprech­ers, d.h. in der ersten Per­son geschrieben. Das Mantra 22 V beschreibt deshalb einen Prozess, der dem Tages­be­wusst­sein des ich-haften Men­schen nicht zugänglich ist, das Mantra 47 v dage­gen einen solchen, der bewusst nachvol­l­zo­gen wer­den kann.

Alle Licht­sprüche sprechen vom Licht, die Mantren 22 V und 31 e vom Licht sel­ber, die Mantren 6 F und 48 w von dem, was im Licht erscheint, von ihm beleuchtet wird. Aus der jew­eils genan­nten Herkun­ft des Licht­es lässt sich ein Weg des Licht­es erken­nen und dieser Weg begin­nt im Mantra 22 V und im Mantra 48 w endet er — also im Mantra, das auf das hier in Rede ste­hende Mantra 47 v fol­gt. Dazwis­chen liegen die bei­den Licht­sprüche mit gle­ichem Buch­staben, mit E.

Der Weg des Licht­es in den Lichtsprüchen

Damit begin­nt der Weg des Licht­es in der Lautkraft des V, geht durch bei­de E‑Laute und endet in der Kraft des W. Das “Licht-Wort” lautet also V‑e-E‑w (22 V — 31 e — 5 E — 48 w) und erin­nert von Ferne an den griechis­chen Mys­te­rien­gruß Evoe. (Die Groß und Klein­schrei­bung entspricht den Hal­b­jahren. Rudolf Stein­er gab den Alpha­beten bei­der Hal­b­jahre große Buch­staben, set­zte jedoch im Win­ter-Hal­b­jahr einen Quer­strich über jeden Buch­staben.) Die Mantren mit F sind keine Licht­sprüche son­dern Zwischensprüche.

Wie dargestellt bildet das Mantra 22 V den Anfang eines über­ge­ord­neten Licht­prozess­es. In der Natur zeigt sich dieser Anfang, indem der schein­bare Still­stand der Som­mer-Natur über­wun­den wird und sich die ersten Anze­ichen des Herb­stes, die ersten gold­e­nen Blät­ter zeigen. Mit dem Krisen­spruch 20 T wurde die Notwendigkeit dieses Umschwungs deut­lich, denn das Sein des Men­schen ste­ht in Gefahr zu erlöschen, wenn es nur auf eigen­em Grund baut — wenn die Inter­ak­tion mit dem Anderen abgelehnt, das Fremde aus­ge­gren­zt wird. Dieser Schritt wird im Mantra 21 U vol­l­zo­gen, denn hier wirkt eine nicht genauer benan­nte fremde Macht fruch­t­end, befruch­t­end. Mit dem von außen, aus Wel­tenweit­en ein­strö­menden Licht (22 V), wird das Fremde als dieses Licht sicht­bar. Der Men­sch, der mit seinen eige­nen Kräften an ein Ende gekom­men war, wird durch das aus dem ganzen Kos­mos zusam­men­strö­mende Licht beschenkt. Wird er durch diesen Licht­strom als seel­isch-geistiges Wesen jährlich erneuert — neu gezeugt? Es ist ja dieses ins Innere strahlende Licht, das zum See­len­licht wird. Und dieses Licht hat das (ferne) Ziel, den Men­schen reifen zu lassen. Er soll als Menschen-(Geist-)selbst aus dem Wel­tenselb­st pflanzen­fruchthaft herausentwickeln.

In einem fik­tiv­en Lehrge­spräch lässt Rudolf Stein­er einen eingewei­ht­en Rosenkreuzer zum Schüler sprechen: “Sieh die Pflanze an, wie sie mit ihrer Wurzel in den Boden treibt und wie sie den Blütenkelch, den Sitz der Befruch­tung­sor­gane dem Son­nen­licht zuwen­det. Der Blütenkelch wird vom Son­nen­strahl in Keuschheit geküßt, und hier­durch entste­ht ein neues Wesen. Der Son­nen­strahl wird auch die heilige Liebeslanze genan­nt.” (GA 97, S. 221, Her­vorhe­bung A.F.) Ist das Licht aus Wel­tenweit­en vielle­icht diese heilige Liebeslanze der geisti­gen Sonne — groß wie das ganze Weltall? Han­delt es sich vielle­icht beim Licht aus Wel­tenweit­en um einen keuschen Befruch­tungsvor­gang des Menschenwesens?

Im Mantra 22 V wird beschrieben, wie das Licht, das aus Wel­tenweit­en kommt, im Innern weit­er­lebt als See­len­licht und in die Geis­testiefen leuchtet. Nichts weniger als die Herkun­ft des See­len­licht­es wird hier the­ma­tisiert. Es kommt aus Wel­tenweit­en, aus dem ganzen Umkreis — ich denke aus dem Tierkreis. Und der Tierkreis repräsen­tiert den kos­mis­chen Men­schen, den Adam Kad­mon. Das wird seit alten Zeit­en so dargestellt, indem jedes Tierkreisze­ichen für eine Kör­per­re­gion steht.

Schon in diesem Mantra wird es See­len­licht, das heißt das per­sön­liche Licht jedes einzel­nen Men­schen. Es ver­liert seine Uni­ver­sal­ität und wird irrtums­fähig. Das See­len­licht hat ein Ziel, warum es in die Geis­testiefen leuchtet, warum es die Weite und Höhe sein­er Herkun­ft mit der Tiefe verbindet. Dieser Licht­prozess hat das Ziel, Früchte zu ent­binden. Diese Früchte sollen die Men­schen-Selb­ste im Zeit­en­lauf reifen lassen. Die Men­schenselb­ste sind also “selb­st” die Früchte, die aus dem Wel­tenselb­st her­aus reifen durch das Wirken der Zeit.

Die oben erläuterte Verbindung des Vav und dem Bauch der Schlange, die Adam und Eva von der Frucht der Erken­nt­nis kosten ließ, mit diesem V‑Mantra, ist erstaunlich. Der Prozess, der mit der Frucht des Sün­den­falls begann, kommt zum Abschluss indem das Men­schenselb­st ein­mal zu dieser reifen Frucht wer­den soll. Die Verbindung von Anfang und Ziel, von Wel­tenweit­en und Geis­testiefen ist das The­ma des Vav, ist der Nagel mit Umkreis-Kopf (Wel­tenweit­en) und Stift (leucht­en in Geis­testiefen). Dieses Leucht­en in die Geis­testiefen ist auch der ägyp­tis­che Speer, die Waffe der Erken­nt­nis. Doch das Licht sucht nicht den Kampf, es will zur Reife brin­gen und ent­binden. Es will die Men­schenselb­st-Früchte reifen lassen und vom gemein­schaftlichen Wel­tenselb­st los­binden, selb­ständig machen.

Der Ich-Sprech­er beobachtet im Mantra 47 v, wie die Werdelust aus dem Wel­tenschoß erste­hen will. Der Wel­tenschoß, der Mut­ter­leib der Welt und das Ent­binden des Mantras 22 V ver­weisen auf den gle­ichen Bildzusam­men­hang der Geburt. Damit nehme ich auch an, dass Werdelust (47 v) ein Aspekt des Zeit­en­laufs (22 V) ist — genauer das Wirken der Zeit im Früh­ling. Das Wirk­same, das im Mantra 22 V das Licht war und See­len­licht wurde, das ist im Mantra 47 v die Werdelust, die Kraft der Her­vor­bringung, die sich ver­wirk­lichende Leben­skraft der Welt. Dieser Vielfalt erschaf­fend­en Kraft ste­ht der Ich-Sprech­er gegenüber. Ihr muss seine Kraft des Denkens gewach­sen sein, um nicht ver­wirrt zu wer­den durch die Man­nig­faltigkeit der Erschei­n­un­gen. Die Kraft im Denken ist die aufzuwen­dende Anstren­gung, der wirk­ende Wille im Denken. Dieser muss gerüstet sein durch die Gotteskräfte. Der Kamp­faspekt des V als Speer ist an dieser Stelle erleb­bar. Um Erken­nt­nis muss gerun­gen, sie muss erkämpft wer­den. Doch was sind die Gotteskräfte, die die Denk-Kraft für diesen Kampf rüsten? Gotteskräfte meinen min­destens zwei göt­tliche Kräfte. Die Zwei­heit dieser Kräfte kön­nte die Leben erschaf­fende Inkar­na­tions- und die Bewusst­sein erschaf­fende Exkar­na­tion­skraft sein.

Eine andere Möglichkeit bietet die Aus­führung Rudolf Stein­ers über Tätigkeit, Weisheit und Wille. Im Men­schen lässt sich die Werdelust als Tätigkeit, als Kar­makraft wiederfind­en — als lin­eare Zeit. Sie ist sozusagen der Gegen­schlag zur Tätigkeit des ein­strö­menden Licht­es aus Wel­tenweit­en (22 V), der Licht-Lanze. Die Schlag und Gegen­schlag bewirk­ende Kar­makraft kön­nte also die eine Gotteskraft sein, die sich als lin­eare Zeit dar­lebt. Im Denken reflek­tiert sich diese Kraft, indem das Gesetz von Ursache und Wirkung angewen­det wer­den muss, im Wenn-Dann-Zusam­men­hang der logis­chen Kette von Schlussfolgerungen.

Die andere Gotteskraft kön­nte die Weisheit sein, das Wort. Dieses geistige Wort aus den Erschei­n­un­gen der Natur zu erlauschen, muss der Ich-Sprech­er im Mantra 47 v gel­ernt haben. Wenn es richtig ist, dass die Weisheit sich als ein zusam­men­hän­gen­des Bild bzw. als ein “Wort” in der Zeit als Raum zeigt, so wird sie auf einen “Blick” als Ganzheit erkan­nt. Die zyk­lis­che Zeit gibt dieser Gotteskraft die Form. Das See­len­licht (22 V) schafft die Voraus­set­zung, indem es diesen Raum erhellt und führt in die Geis­testiefen, zur geisti­gen Erkenntnis.

Die dritte Stufe bei Rudolf Stein­er, der Wille, das über­volle Dasein, entspricht dann der Denkkraft des Ich-Sprech­ers sel­ber (47 v). Im Mantra 22 V entspricht sie dem göt­tlichen Willen, das Men­schenselb­st aus dem Wel­tenselb­st her­aus­reifen zu lassen. Dies geschieht jew­eils in men­schlich­er bzw. göt­tlich­er Gegenwärtigkeit.

In bei­den Mantren wird die im Men­schen wirk­ende Weisheit beschrieben. Im Mantra 22 V erscheint sie als Licht, das zum See­len­licht wird. Im Mantra 47 v ver­wirk­licht sie sich in der Werdelust, in der Zeit, die im Raum wirkt. Sie umfasst die drei oben dargestell­ten Stufen: Tätigkeit, Weisheit, Wille. Diese Stufen muss das Denken des Ich-Sprech­ers (47 v) mitvol­lziehen kön­nen. Das men­schliche Denken muss ihnen gewach­sen sein. Der Ich-Sprech­er muss bildlich gesprochen durch seinen Willen den Nagel ein­schla­gen, damit das Uni­ver­sum seine Weisheit darum kreisend offen­baren kann. Die Logik wiederum muss tätig schaf­fend Schlag um Schlag führen, um aus der ganzheitlichen Weisheits-Erken­nt­nis die im Leben anwend­baren Detail-Aspek­te herauszuholen.

Das V als gestal­tende Macht hin­ter den Mantren zu ent­deck­en, ist wegen sein­er Wand­lungskraft beson­ders her­aus­fordernd. Die Macht des V scheint mir in der hinab und wieder her­auf­führen­den Lin­ie seines Zeichens am besten zusam­menge­fasst. Diesen Weg beschreibt das Mantra 22 V begin­nend mit der “Zeu­gung” des geistig-seel­is­chen Men­schen durch die Licht-Lanze, das ein­strö­mende Licht und führt Men­schheit­sziel, zum Reifen des (geisti­gen) Men­schenselb­st — des Geistselbst.

Das Mantra 47 v beschreibt die zwis­chen Anfangs- und End­punkt liegende, auf der Erde zu leis­tende Arbeit des Men­schen, damit der Umschwung stat­tfind­en kann. Hier muss sich der Men­sch durch Gotteskräfte, die in seinem Innern leben, der machtvoll im Außen wirk­enden Zeit gewach­sen zeigen. Er muss seinen geistig begrün­de­ten Stand­punkt wahren kön­nen und sich nicht wegreißen lassen von der irdis­chen Werdelust. Das fol­gende Gedicht zeigt eine See­len­hal­tung, der die Gotteskräfte in der geschilderten Naturbegeg­nung fehlen.

Ergänzung zum Mantra 47 v

Das Gedicht­es von Marie Euge­nie Delle Gra­zie schildert die Natur, bzw. die in ihr wirk­ende Zeit so, wie die Werdelust im Mantras 47 v erlebt wer­den kann, wenn das Denken nicht durch Gotteskräfte gerüstet ist.

Rudolf Stein­er kan­nte die Dich­terin Marie Euge­nie Delle Gra­zie per­sön­lich. Er war fasziniert von der Kraft ihrer lei­den­schaftlichen Empfind­un­gen und Bilder, teilte aber ihren Pes­simis­mus nicht.

DIE NATUR
Mit ehernen Ban­den hält
Und ket­tet an Staub und Verwesung
Natur, Deine Zeug’rin, Dich fest;
Natur, das lock­ende Ungeheuer,
Bald lächel­nd und sonnengoldig
Zu wüten­der Daseins­freude Dich spornend, bald
Entset­zen und Not gebärend,
Mit der Rute des Jam­mers Dich peitschend,
Doch immer ver­nich­t­end und rät­sel­haft, immer
Medusa und Sphinx zugleich.
Durch Deine Pulse jagt
Und rast in fiebern­den Takten
Ihr unbarmherz’ges Gesetz,
Das ew’ge Gesetz der Zerstörung;
Sie gab Dir Wille und Kraft,
Dich selb­st zu ver­nicht­en — Dich selbst
Zu ret­ten aber ver­magst Du nie und nimmer!
An ihrem Tri­umph­wa­gen zieh’n
Wir Alle: keuchend, schweiß­be­trieft und dennoch
Auch selig: denn als Fata Mor­gana schaukelt
Die Hoff­nung vor uns und das Glück, und jeglich­es Blendwerk,
Das uns zum Hohn sie geschaffen,
Und wir, das sehn­suchtsvergiftete Sklavenheer,
Ide­ale nen­nen. — So stür­men in lechzen­der Eile
Und toller Jagd wir dahin, bis tückisch
Die Kraft uns ver­läßt, der Odem schwindet und ferner
Denn je unser Ziel auf goldigen Wolken schwebt,
Bis hil­f­los und keuchend wir
Zusam­men­brechen — dann jauchzt dämonisch sie auf,
Dann ruft sie ihr grausames «Evoe!» und lenkt
Zer­mal­mend über tausend Opfer hinweg
Die ehernen Spe­ichen ihrer Biga …

(Marie Euge­nie Delle Gra­zie — 14.8.1864–19.2.1931 — in GA 30, S. 623)