Die Gegensprüche 21 U und 46 u

21 U

Ich füh­le fruch­t­end fremde Macht

Sich stärk­end mir mich selb­st verleihn,

Den Keim empfind ich reifend

Und Ahnung lichtvoll weben

Im Innern an der Selb­s­theit Macht.

46 u

Die Welt, sie dro­het zu betäuben

Der Seele einge­borene Kraft;

Nun trete du, Erinnerung,

Aus Geis­testiefen leuch­t­end auf

Und stärke mir das Schauen,

Das nur durch Willenskräfte

Sich selb­st erhal­ten kann.

 

 

Die Eurythmieformen zu den Mantren 21 U und 46 u

Über den Buchstaben “U”

Das U ist der let­zte der fünf Vokale im Alpha­bet. Schon das T markierte einen Abschluss, eine Gren­ze. Im hebräis­chen Alpha­bet bildet das Tav tat­säch­lich den let­zten der 22 Kon­so­nan­ten-Zeichen. Das U ist gewis­ser­maßen der Laut der Gren­züber­schre­itung. Die Form des lateinis­chen Buch­stabens, in Schreib­rich­tung gedacht und auch als eury­th­mis­che Chore­o­gra­phie, zeigt einen Weg in die Tiefe, einen Wen­depunkt und danach einen Auf­stieg. Wie sich zeigen wird, ist damit präg­nant aus­ge­drückt, was das U ausmacht.

Das durch U aus­ge­drück­te Gefühl ist die Furcht, die Furcht vor dem Unbekan­nten, Ungewis­sen, Unheim­lichen. Wie sich der Men­sch im A max­i­mal öffnet, ver­schließt er sich im U in sich selb­st. Rudolf Stein­er sagt: “Der völ­lige Gegen­satz des A ist das U. Indem Sie das U aussprechen, schließen Sie vom Munde alles ab, was nur zu schließen ist und lassen den Laut durchge­hen: U. Am meis­ten wird beim U geschlossen” (GA 282 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 402)

Bei der Artiku­la­tion des U wer­den die Lip­pen ges­pan­nt vorgestülpt, der hin­tere Teil der Zunge wird gehoben und der vordere Teil bildet eine gerun­dete Mulde, sodass eine röhrenähn­liche Form entste­ht. Zusät­zlich senkt sich der Kehlkopf in seine tief­ste Stel­lung.  Das U ist schon von diesen Gesicht­spunk­ten her das ‘Unten’ in all seinen Vari­anten: die tiefe ‘Schlucht’, der ‘Schlund’, der ‘Sund’, der ‘Strudel’, der ‘Brun­nen’, der ‘Sumpf’ und auch der ‘Turm’, die ‘Truhe’, die ‘Burg’ oder die ‘Wunde’, die ‘Schrun­den’ oder der ‘Schmutz’. Seel­is­che Aspek­te dieser Tiefe zeigen der ‘Busen’, der ‘Bund’, die ‘Ruhe’ und auch die ‘Schuld’.

Der slaw­is­che Name des U (У у) ist ‘Uk’, im altkyril­lis­chen Alpha­bet (Ѹ ѹ / Ꙋ ꙋ) ‘Ukŭ’ mit der Bedeu­tung ‘gelehrt’. Gelehrt ist jemand, der sich in sein Gebi­et ver­tieft und von allen Ablenkun­gen abgeschlossen hat, der in der ‘Stube’ saß und ein ‘Buch’ ’studiert’ hat. Es ist jemand, der in beson­derem Maße verin­ner­licht hat, was die Sinne oder auch andere Men­schen an Vorstel­lun­gen liefern, der diese Infor­ma­tio­nen in sich bewegt und “ver­daut” hat, sie ‘durch’-sich-‘hindurchgehen’-lassen hat, bis sie zur reifen ‘Frucht’ wurden.

Das U ist mit dem Plan­eten Sat­urn, dem äußer­sten der “alten” Plan­eten ver­bun­den. Nach mit­te­lal­ter­lich­er Vorstel­lung kam danach die Fixstern­sphäre. Zu diesem Plan­eten sagt Rudolf Stein­er, nach­dem er sie alle charak­ter­isiert hat: “Und zulet­zt haben wir das, was ins Melan­cholis­che hineinge­ht, in das Innere Hal­ten, in den Tief­sinn: Sat­urn: U.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 402) Und: “Der Name Sat­urn wurde ursprünglich aus dem Okkul­tismus her­aus auf alles das angewen­det, was eine Außen­welt abschließt von einem Sys­tem, das sich in sich sel­ber rhyth­misch gestal­tet.” (GA 128 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 403) Mit dem U verbindet Rudolf Stein­er weit­er­hein ein Gefühl, das wir “dem Leeren oder auch dem Schwarzen, das ja mit dem Leeren ver­wandt ist, gegenüber haben oder alle­dem gegenüber haben, das mit dem Schwarzen ver­wandt ist: Es ist die Furcht-Nuance, die Angst-Nuance. Sie drückt sich aus durch das U”. (GA 293 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 402)

Mit dem U ver­bun­den ist die ‘Gruft’ und die ‘Unter­welt’, das Toten­re­ich. Über das Wort ‘Fuß’ sagt Rudolf Stein­er: “Wenn wir im Deutschen das Wort ‘Fuß’ haben, so hängt es damit zusam­men; Wir treten auf, wir machen ein Leeres, eine Furche. Fuß hängt mit Furche zusam­men. Wir nehmen die Beze­ich­nung des Fußes von dem, was er tut, von ‘Furche-machen’.” (GA 293 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 403)

Seit der griechis­chen Mytholo­gie ist Sat­urn, Chronos, mit der Zeit ver­bun­den und zwar als der dun­kle Ver­nichter von den Schöp­fungswerken der licht­en Sonne. In der Zeit nehmen die in der Ewigkeit zeit­losen Ideen für eine kleine Weile irdisch-vergängliche For­men an. Auch die erste Inkar­na­tion der Erde ist nach diesem Plan­eten als “alter Sat­urn” benan­nt, denn hier trat die Erde in den Strom der Entwick­lung ein, zunächst in die Qual­ität der Dauer. Deshalb for­muliert Rudolf Stein­er schein­bar wider­sprüch­lich: “Mit dem Sat­urn begin­nt erst das, was wir Zeit nen­nen, da gab es nur Ewigkeit, Dauer. In der­jeni­gen Wel­tenlage, wo nur Dauer ist, da gibt es auch keine Bewe­gung, denn zur Bewe­gung gehört Zeit; da ist selige Ruhe in der Dauer.” (GA 146 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 403) Die Dauer tritt hier als kom­ple­men­tär­er Pol auf, der seinen Gegen­pol, die Verän­derung her­vor­bringt. Um dieses so ganz andere Wesen des Sat­urn ken­nen­zuler­nen, muss der Geis­tes­forsch­er, so Rudolf Stein­er, “ler­nen, Schaud­er, Furcht empfind­en zu kön­nen vor der unendlichen Leere, die sich da auf­tut um uns herum und muss zu gle­ich­er Zeit in der Lage sein, diese Furcht durch innere Fes­tigkeit und Sicher­heit seines Wesens über­winden zu kön­nen.” (GA 132 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 404)

Das U tendiert zu diesem Ewigen. Dem U‑Erlebnis, sagt Rudolf Stein­er, “liegt immer etwas von Furcht- oder Ang­stempfind­ung zugrunde.” (GA 282 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 404) Und: “Das U kann emp­fun­den wer­den als das­jenige, was seel­isch inner­lich erkaltet, ver­steift, erstar­rt. So ist das inner­liche Erleb­nis des U; U ist was erkäl­tet, ver­steift, erstar­rt, wobei einen friert.” Und auch: “U: das ist nicht Selb­st­be­haup­tung, das ist im Gegen­teil: sich klein fühlen, sich erkäl­tet, ver­steift fühlen, ein Sich-Zurückziehen, ein Sich-an-sich-hal­ten. … Beim U soll das Zurück­hal­tende gefühlt wer­den.” (bei­de GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 404)

Ger­ade diese Zurück­hal­tung, das sich Zurückziehen spricht sich in der Gelehrten­natur aus. Die lateinis­che Sprache ist durch das U dominiert, wie Ernst Moll beschreibt. Bis zum Ende des Mit­te­lal­ters war sie die Gelehrten­sprache. Sie war die Sprache, in der die Scholastik­er um gedankliche Klarheit rangen. Rudolf Stein­er beschreibt die scholastis­chen Begriffe fol­gen­der­maßen: “Diesen [Begrif­f­en] war geblieben die des­til­lierteste Form der alten römis­chen Sprache mit ihrer so außeror­dentlich schön in sich geformten Logik, aber mit ihrem fast ganz ver­lore­nen Leben. Diese lateinis­che Sprache wird erhal­ten mit ihrer stam­mgeschützten Logik, aber mit ihrem inner­lich fast ganz erstor­be­nen Leben, wie eine Erfül­lung des Ur-Göt­ter­spruch­es: <Die Men­schen sollen nicht essen vom Baume des Lebens.>” (GA 162, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 410)

Zur Zeit um Christi Geburt war Latein Welt­sprache und durch­zog die See­len großer Teile der Men­schheit mit der U‑Stimmung. Dadurch begleit­eten die Men­schen unter­be­wusst den Erden­ab­stieg des Chris­tus Jesus. Sein Leib wurde über Gen­er­a­tio­nen vor­bere­it­et im ‘Juden­tum’, dem Volk, das sich wie das U in sich abschloss.

Die Kel­ten nan­nten den U‑Laut ‘Uir’, die Eibe. Die Eibe hat­te also damals zwei Namen, denn auch der Name für das I, ‘Iogha’, bedeutet Eibe. Uir bedeutet gle­ichzeit­ig das Grab, denn die Eibe, an der alle Teile der Pflanze hochgiftig sind mit Aus­nahme des roten, fleis­chi­gen Samen­man­tels, war der Toten­baum. Die Furien, die Rachegöt­tin­nen tru­gen Fack­eln aus Eiben­holz, in den Mys­te­rien von Eleu­sis bekränzten sich die Priester mit Myrten- oder Taxus- d.h. Eiben­zweigen. In diesem Kult ging es um Deme­ter und Perse­phone, um Perse­phones Gang in die Unter­welt und ihre Wiederkun­ft, die Wiederge­burt des Lebens im Früh­ling. So kann das U als der Vokal des Todes und das I als dessen Über­win­dung ver­standen wer­den. Das U bere­it­et dadurch das I vor.

Das U ist diejenige ‘Rune’, in der die magis­che Kraft der Sprache in der ‘Gruft’ des Grabes ruht. Es ist das ‘Dun­kle’ und ‘Okkulte’, das einen mit ‘Gruseln’ erfüllt und den ‘Mut’ aufruft für die ‘unbekan­nte ‘Zukun­ft’. Das U ist die ‘Unio mys­ti­ca’, die mys­tis­che Vere­ini­gung von Him­mel und Erde, Leben und Tod — oder Tod und Leben. Im kleinen Wörtchen ‘und’, das aus zweien ‘unus’, ‘eins’ macht, liegt dieses Geheim­nis eben­so wie im ‘Uni­ver­sum’, der ‘Uni­ver­sität’ und allem ‘Uni­ver­salen’.

Die Eule, Vogel der Weisheit, althochdeutsch ‘uwila’, lateinisch ‘ulala’ und auch der ‘Uhu’ rufen als Vögel der Nacht den Wun­sch nach dem Licht, nach dem Aufwachen wach. Rudolf Stein­er sagt: “Wer U spricht, der deutet darauf hin, dass er aufwachen möchte, als wenn die Eule sich gel­tend macht: dann sagt man ‘Uhu’ Die Eule ver­an­lasst, dass man so recht aufwachen möchte der Eule gegenüber.” (GA 282 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 409)

Bei den Ger­ma­nen wurde das U (ᚢ) ‘Uruz’, Ur, der Aue­rochse oder Ur-Sti­er genan­nt. Das U birgt hier die Geheimnisse der Stiermys­te­rien, des Erd-‘Kultus’. Im Herb­st musste der Sti­er für die Frucht­barkeit der Erde des kom­menden Jahres geopfert wer­den. Im Früh­ling wurde wiederum seine Erweck­ung gefeiert. Ganz beson­ders, als die Sonne in ihrem Früh­lingspunkt im Sti­er stand, war der Sti­er das Bild der urge­walti­gen, zeu­gen­den, die Erde befruch­t­en­den himm­lis­chen Kraft. Mit dem Sti­er ver­bun­den wurde der physis­che Leib und mit ihm die Wil­len­skraft erlebt. Über die Ahnen­folge, die Kette der Zeu­gun­gen, ist jed­er Leib ver­bun­den mit der Urver­gange­heit, dem Uran­fang. Laut­gle­ich mit dem Ur, dem Sti­er, ist die Vor­silbe Ur‑, die eigentlich ‘aus’ bedeutet und dau­rauf hin­weist, aus was etwas her­vorge­gan­gen ist. Unbe­tont wurde die Vor­silbe ‘ur-’ zu ‘er-’. So gehört ‘Urkunde’ zu ‘erkun­den’, ‘Urlaub’ zu ‘erlauben’ und ‘Urteil’ zu ‘erteilen’. Ernst Moll beschreibt die Vor­silbe ‘ur-’ als zusam­men­hän­gend mit dem Urwort ‘h‑v-r’, “das durch seine Laute das Wesen der Urschöp­fung, das Her­vorkom­men des Offen­baren aus dem Unof­fen­baren, des Licht­es aus der Fin­ster­n­is aus­drückt und im Hebräis­chen ein­er­seits zu ‘or’ (vr), ‘Ur-Licht’, ander­er­seits zu ‘ur’ (vr), ‘Ur-Feuer’ gewor­den ist.” (Beckh, in Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 411) Dieses Urwort find­et sich im Lateinis­chen in ‘oriri’, ‘entste­hen, aufge­hen (der Sonne)’ und in ‘ure­re’, bren­nen. Die Urge­walt, die ins Dasein drängt, find­et sich laut­lich im Wort ‘Geb-ur‑t’ und in den griechis­chen Worten ‘uros’, ‘Wind’; ‘uron’, ‘Raum’; ‘ura­nos’, ‘Him­mel’. Auch die ‘Uhr’, mit­tel­niederdeutsch ‘ur’, von ‘hora’, der ‘Stunde’ stam­mend, ver­weist auf den Zeit­en­lauf, der stetig vor­wärts­drängt, wie eben das Ur-Rind, der Stier.

Über die Gegensprüche 21 U und 46 u

Das Mantra 21 U ste­ht zwis­chen dem Krisen­spruch 20 T und dem Licht­spruch 22 V, weswe­gen ich es einen Zwis­chen­spruch nenne. Diese drei Mantren verbindet ein gemein­sames The­ma, und zwar das von Feuer bzw. Wärme. Fol­gende Worte zeigen Aspek­te davon: (20 T: erlöschen), (21 U: reifend), (22 V: Früchte ent­binden, reifen). Neben der Wärme wird auch das Ich betont: (20 T: in sich, sich selb­st), (21 U: mir mich selb­st ver­lei­hn, Selb­s­theit Macht), (22 V: See­len­licht, Men­schenselb­st). Die Stel­lung des Zwis­chen­spruchs zwis­chen Krisen- und Licht­spruch lässt eine aus­gle­ichende Mitte erwarten, eine Syn­these von krisen­haften und lichthaften Aspek­ten des Wärmeele­ments und damit ver­bun­den des Ichs.

Das Mantra 46 u ist ein Krisen­spruch. Durch die Mantren ohne Buch­staben (12 ! und 51 !) entsprechen die um 180 Bogen­grad math­e­ma­tisch den jew­eili­gen Radi­en gegenüber­liegen­den Mantren (was auf die Krisen- Zwis­chen- und Licht­sprüche zutrifft) nicht denen mit gle­ichem Buch­staben. Nur die Mantren mit gle­ichem Buch­staben nenne ich Gegen­sprüche. Das Krisen-Mantra 46 u ist das Mantra der Ascher­mittwochs-Woche und damit das Mantra, in dem die unbeschw­erte Faschingszeit endet und die voröster­liche Fas­ten­zeit begin­nt. Es ist auch das Mantra, das nach der Empfäng­nis und Zeu­gung (45 t) das Mantra der ersten Stufe der Embry­ona­len­twick­lung, der Min­er­al­stufe ist (siehe Blog 46 u).

Wie alle Krisen- und Zwis­chen­sprüche sind die Mantren, 21 U und 46 u aus der Per­spek­tive eines Ich-Sprech­ers geschrieben.

Der Ich-Sprech­er des Mantras 21 U fühlt eine fremde Macht, die zunehmend stärk­er wird, ihr Fruch­t­end-wirk­sam-sein. Diese fremde Macht, die dur­chaus Furcht aus­lösend gedacht wer­den kann, wirkt jedoch nicht gegen den Ich-Sprech­er, son­dern für ihn. Der Ich-Sprech­er fühlt, dass er durch diese (be-)fruchtende Fremdein­wirkung sich selb­st ver­liehen wird. Mar­tin Buber sagt: ” Der Men­sch wird am Du zum Ich” (Werke I. Schriften zur Philoso­phie, S. 97) Der Ich-Sprech­er erwacht also durch die fruch­t­ende fremde Macht zu seinem Ich. Um sich selb­st als eigen­ständi­ge Per­sön­lichkeit zu erleben, ist eine davon zu unter­schei­dende Außen­welt notwendig. Diese Außen­welt ist die fremde Macht, die durch jede Sin­neser­fahrung die Seele befruchtet und ihr zeigt, dass sie sich unter­schei­det von dieser Außenwelt.

Den Keim empfind­et der Ich-Sprech­er reifend. Der Keim ist die im Wer­den begrif­f­ene geistige Natur des Men­schen, sein wahres Ich. Nur zu ahnen ist dieses aus Licht gewobene Neue, das im Innern entste­ht. Diese Macht der Selb­s­theit ist nicht das selb­stis­che Ego, das in der Seele lebt, es ist das Geist­selb­st, das dann auch ohne irdis­che Umge­bung, ohne fruch­t­ende fremde Macht ein Selb­st sein kann — ein Geist unter Geis­tern. In der frem­den Macht kann der Sti­er-Aspekt des U erlebt wer­den, im Prozess des Reifens auch der Aspekt der ver­stre­ichen­den Zeit. Gle­ichzeit­ig ist es eine Gren­z­er­fahrung, wie sie nach obi­gen Aus­sagen zu Sat­urn gehört. Das lichtvolle Weben lässt mich an den Gelehrten denken, der die Erken­nt­nisse in sich ver­webt zu neuen lichtvollen Ideen-Frücht­en. Zart und nur ahnend aus­ge­sprochen bietet das Mantra den Aus­blick über das irdis­che Sein hin­aus — über den Tod hin­aus. Indem es die Selb­st­wer­dung des Men­schen als einen pflanzen­haften Rei­fung­sprozess beschreibt, the­ma­tisiert es sein Emporwach­sen, seinen Aufstieg.

Das Krisen-Mantra 46 u beschreibt die Auseinan­der­set­zung mit dem Außen, hier der Welt, als eine Bedro­hung für die Seele. Die Welt dro­ht die Kraft der Seele, die ihr einge­boren ist, zu betäuben. Die in die Seele hineinge­borene Kraft ist sicher­lich ihre Fähigkeit, hin­ter der Fas­sade der vergänglichen physis­chen Welt das Wirken des Ewigen, des Geistes zu schauen. Als “Medi­zin” gegen die betäubende Kraft der Welt wird die Erin­nerung aufgerufen. Sie wird als ein “Du”, als ein dem Ich-Sprech­er gegenüber­ste­hen­des Wesen angerufen. Und sie wird als leuch­t­end beschrieben. Aus Geis­testiefen soll sie her­aufkom­men, die Bühne der Gegen­wart betreten, auftreten, denn der Erin­nerung ist auf der Lebens­bühne eine wichtige Rolle zugedacht. Die leuch­t­ende Erin­nerung bildet die Brücke zum vorirdis­chen Dasein. Das Du, das als leuch­t­ende Erin­nerung aufgerufen wird, ist der Men­sch sel­ber, als er noch Geist­we­sen war, ange­tan mit einem Leib aus Licht. Wenn er diese Erin­nerung immer wieder her­auf­holen kann, wenn er also stets sich­er weiß, dass sein Leben nicht auf das Leben im physis­chen Leib begren­zt ist, so kann die Welt ihn nicht mehr betäuben. Dann kann er nicht nur die physis­che Welt sehen, son­dern auch die Geist­welt schauen.

Doch dieses Schauen des Geistes hin­ter der materiellen Welt muss gewollt wer­den. Es geschieht nicht von alleine. Die Erin­nerung muss dafür immer wieder von Neuem aufgerufen wer­den. Ihr leuch­t­en­des Auftreten wird benötigt. Sie muss den ori­en­tieren­den Hin­ter­grund bilden, son­st — so ver­mute ich — gleit­et das Schauen ab in willkür­liche Phan­tasie. Im fol­gen­den erk­lärt Rudolf Stein­er, dass man ster­ben muss, wenn man in die Raum-losigkeit, in die geistige Welt ein­treten will. “Was muß man denn daher erleben, wenn man aus dem Raum, in dem man zwis­chen Geburt und Tod lebt, ein­treten will in die Raum-losigkeit, in der man zwis­chen dem Tod und ein­er neuen Geburt lebt, was muß man erleben? Ja, meine lieben Fre­unde, man muß ster­ben!” (GA 236, S. 243) Auch die Erin­nerung an das vorge­burtliche Dasein ist solch ein Ein­tritt in die Raum­losigkeit — nur eben nicht als Vor­griff des Todes, son­dern als Erinnerung.

Die Stim­mung und Qual­ität des U ist im ganzen Mantra anwe­send. Die Bedro­hung durch die Welt löst Furcht, U‑Stimmung, in der Seele aus. Betäubung, wie sie durch eine Narkose ein­tritt, löscht das Bewusst­sein aus. Das Bewusst­sein wird auf sein niedrig­stes Niveau herun­tergedämpft — eine Bewe­gung, die auch beim lateinis­chen U vol­l­zo­gen wird, bevor die Lin­ie wieder auf­steigt. Das Auftreten der Erin­nerung aus Geis­testiefen entspricht dage­gen der zweit­en Hälfte der U‑Linie. Wurde im Mantra 21 U das irdis­che Leben über­schrit­ten im Vor­blick, in die Zukun­ft, durch das Ahnen, so geschieht im Mantra 46 u jene Über­schre­itung in der ent­ge­genge­set­zten Rich­tung, im Rück­blick, durch die Erin­nerung. Dieses Über­schre­it­en ein­er Gren­ze gibt den Mantren sat­ur­nischen Charak­ter. Das Krisen­mantra 46 u ist umwe­ht vom Geheim­nis der Eibe als Mys­te­rien­baum, das Mantra 21 U verkör­pert eher den ungifti­gen, süßen roten Samen­man­tel der Eibenfrucht.

Die beiden Löwen am Eingang zur Kirche St. Wilhadi von Ulsnis

Die kleine Feld­steinkirche im schleswig-hol­steinis­chen Dorf Uls­nis ist wie alle Kirchen dieser Gegend auf einem alten Thing-Platz erbaut mit Blick auf die Schlei. Der Glock­en­turm ste­ht neben der Kirche auf einem bronzezeitlichen Grab­hügel. Von der älteren Kirche ist das Süder­por­tal (um 1150) erhal­ten. Damit ist die Kirche St. Wil­ha­di, die dem ersten Bischof von Bre­men gewei­ht ist, ver­mut­lich die älteste von Angeln.

Ehe­mals betrat man die Kirche durch das nördliche, das weltliche Norder­por­tal, das heute zugun­sten ein­er Empore zuge­mauert ist und ver­ließ sich durch das Süder­por­tal — der Sonne entgegen.

Süd­por­tal der Kirche St. Wil­ha­di von Uls­nis, ca 1150 mit einge­fügtem See­lenkalen­der-Jahres­lauf als Ei 

Dieser Kirch­enein­gang ist bemerkenswert und einzi­gar­tig. Das aus schwarzem Gran­it gehauene Tym­pa­non über der Türe zeigt Kain und Abel rechts und links neben dem thro­nen­den Chris­tus. Er seg­net Abel, der sein Lämm­lein bringt. Auf Kains Seite liegt das geschlossene Buch auf seinem Schoß. Abel bringt eine Getrei­de­garbe und hin­ter ihm ist ein voge­lar­tiges Wesen zu sehen, das ihm etwas zuzu­flüstern scheint.

Chris­tus umgeben von Abel und Kain, Tym­pa­non aus schwarzem Granit

Nach außen ver­set­zt und etwas unter­halb des Tym­pa­nons ist auf jed­er Seite aus rötlichem Gran­it ein Löwe gehauen, der mit einem Men­schen inter­agiert. Ein großer schwarz­er Halb­bo­gen verbindet bei­de Löwen. Die bei­den Inter­ak­tio­nen von Löwe und Men­sch zeigen für mich zwei See­len­hal­tun­gen der Welt gegenüber.

Der Wahrnehmungs-Men­sch hingegeben der Löwen-Zeit-Sonnenmacht

Auf der Abel-Seite kni­et ein bär­tiger, älter­er Mann zwis­chen den Pranken des Löwen, der über ihn zu wachen scheint. Dieser Men­sch wirkt wie in tiefe Med­i­ta­tion ver­sunken. Men­sch und Löwe strahlen tiefen Frieden und Ein­heit aus. Ich sehe darin den Wahrnehmungs-Men­schen, der in die Wahrnehmung hinein­schläft, ihr hingegeben ist im Zeitraum des zeit­losen Jet­zt. Der Löwe repräsen­tiert die zum Raum gewor­dene Zeit des Jahreskreis­es, die göt­tlich-geistige Sonne, die die ganze Men­schheit stets in ihrem Zeit-Raum hält und behütet.

Der Denk-Men­sch sticht der Löwen-Zeit-Son­nen­macht das Schw­ert ins Maul, die ihn dreifach hält am Kopf, an der Hüfte und an den Beinen, den lin­earen Zeitrom aus Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft verdeutlichend

Der Mann auf der Kain-Seite wirkt jünger als der andere Mann. Er trägt einen mond­för­mi­gen, dün­nen Schnur­rbart und kni­et nicht aufrecht wie der Andere, son­dern liegt in den Pranken des Löwen. Fast liebevoll umfängt der Löwe seinen Kopf und seine Beine, während er ihn mit seinem Maul an der Hüfte gepackt hat und in die Höhe hebt. Der Men­sch wirkt nicht lei­dend oder im Kampf, stößt aber dem Löwen sein Schw­ert senkrecht nach oben ins Maul. In diesem Men­schen sehe ich den Denk-Men­schen, der sich als lin­ear­er Zeit­strahl bzw. Bogen erlebt. Er fühlt sich dreifach gehal­ten von der Löwen-Zeit­macht: am Kopf die Ver­gan­gen­heit sym­bol­isierend, an den Beinen die Zukun­ft darstel­lend und dazwis­chen an der Hüfte packt die Gegen­wart zu. In der Gegen­wart ist der Men­sch den Zwän­gen, den Bedin­gun­gen des irdis­chen Lebens aus­geliefert. Hier schlägt das Schick­sal zu, pack­en ihn die schar­fen Zähne des Löwen. Ret­tung gibt es nur, wenn der Men­sch sein Bewusst­seins-Schw­ert zückt, Gegen­wär­tigkeit her­stellt und dadurch über­windet, was ihn gefan­gen hält. Im Jet­zt scheint die Zeit still zu ste­hen, scheint sie “getötet”. Nicht Ein­heit son­dern Gegen­satz, geist­wach­es Gegenüber­ste­hen ist Auf­gabe des Denk-Men­schen. Der Löwe scheint von dem Schw­ert, das ihm der Men­sch ins Maul stößt, vol­lkom­men unbeein­trächtigt. Er kön­nte im näch­sten Moment an ihm leck­en wie an einem Lol­li. Die Plas­tik kön­nte damit aus­drück­en, dass der Men­sch, der sich zur Gegen­wär­tigkeit und damit zum freien, kreativ­en Gestal­ter seines Lebens erhebt, die son­nen­gle­iche, löwen­hafte Macht der Zeit nicht verletzt.

Der Som­mer-Wahrnehmungs-Men­sch vere­inigt sich mit der löwen­gle­ichen alles her­vor­brin­gen­den frem­den Macht, der Zeit als zyk­lis­che Zeit und wird von ihr befruchtet (21 U). Der Win­ter-Denk-Men­sch dro­ht von der Welt betäubt zu wer­den (46 u), von der lin­ear erlebten Zeit, wenn er keine eigene Licht-Kraft auf­bi­eten kann — im Mantra die Erin­nerung, bei der Löwen­plas­tik das Schwert.

Unter dem Abel-Som­mer-Wahrnehmungs-Men­schen ist ein Drache zu sehen, auf der anderen Seite, unter dem Kain-Win­ter-Denk-Men­schen eine leere Fläche. Es ist möglich, dass dieser Stein nicht der ursprüngliche ist bzw. sein Bild­w­erk ent­fer­nt wurde. Doch auch ger­ade die Leere ist an dieser Stelle sprechend, stellt sich Gegen­wär­tigkeit doch nur ein, wenn die Gedanken schweigen und “Leere” eintritt.

Der Drachen unter­halb des linken Löwen auf der Seite des Sommer-Halbjahres

Der Drachen von unten, von der Erde auf­steigend und das voge­lar­tige Wesen oben, das Kain etwas zuflüstert, scheinen mir zusam­men­zuge­hören. Fliegen die Ideen in der Wahrnehmung den Men­schen nicht an wie ein Drache? Doch dür­fen sie ihn nicht zum Mate­ri­al­is­mus ver­führen, sodass der in der Dual­ität sich wäh­nende und klug urteilende Denk-Men­sch Kain, seinen Brud­er Abel tötet, den selb­stvergessen sich hingeben­den, kindlich staunen­den Wahrnehmungs-Menschen.

In der Mitte zwis­chen Abel und Kain thront der Chris­tus und zwis­chen den bei­den gegen­sät­zlichen Seit­en der Seele, zwis­chen Wahrnehmung und Denken hin­durch ver­lässt der Men­sch die Kirche in ein gottver­bun­denes, inner­lich neu aus­gerichtetes Leben. Zwis­chen dem wie ein Drache die Seele anfliegen­den Sin­nes­reiz und der aus dem Denken gebore­nen Reak­tion kann ein Freiraum geschaf­fen wer­den, der wie ein U zum Durch­gang wird — zu einem Bewusst­sein, dass nicht urteilend tötet wie Kain und sich doch sein­er selb­st bewusst sein kann.