Die Gegensprüche 19 S und 44 s
19 S
Geheimnisvoll das Neu-Empfang´ne Mit der Erinn´rung zu umschließen, Sei meines Strebens weitrer Sinn: Es soll erstarkend Eigenkräfte In meinem Innern wecken Und werdend mich mir selber geben. |
44 s
Ergreifend neue Sinnesreize Erfüllet Seelenklarheit, Eingedenk vollzogener Geistgeburt, Verwirrend sprossend Weltenwerden Mit meines Denkens Schöpferwillen. .… |
44 s Zeilen umgestellt (ohne Satzzeichen)
Ergreifend neue Sinnesreize
Mit meines Denkens Schöpferwillen
Erfüllet Seelenklarheit
Verwirrend sprossend Weltenwerden
Eingedenk vollzogener Geistgeburt
Die Eurythmieformen zu den Mantren 19 S und 44 s
Über den Buchstaben “S”
Das S wird gebildet, indem die Zunge eine schmale Rinne formt und die Luft durch eine kleine Öffnung kurz hinter den oberen Schneidezähnen entlässt, sodass ein scharfes Zischen entsteht. Für das mit dem S verwandte Sch wird die Öffnung zu einem Schlitz verbreitert und zusätzlich die Lippen ähnlich wie für die Artikulation des U geformt.
Das S ist ein überaus komplizierter Laut. Er kann scharf, d.h. stimmlos sowie weich, d.h. stimmhaft gesprochen werden, ohne dass sich im Deutschen diese Veränderung durchgängig in der Schrift zeigt. Durch die Lautverschiebungen verwandelte sich im Deutschen das scharfe S der älteren Zeit in das Sch des Hochdeutschen, weshalb auch das Sch hier zu betrachten ist. Das Sch kann ebenso wie das S stimmlos und stimmhaft gesprochen werden. Die stimmhafte Variante tritt im Deutschen nur in Fremdworten auf, die z.B. aus dem Französischen stammen. Ein Beispiel ist ‘Garage’, dessen geschriebenes G als stimmhaftes Sch, also etwa “dsch” gesprochen wird.
Außerdem zeigt das S eine besondere Affinität, sich mit anderen Lauten zu einer Einheit zu verbinden. So wird aus T und S das Z, gesprochen “ts” und aus K und S das X, gesprochen “ks”.
Nicht nur die Aussprache des S, sein Klang, auch seine jeweilige Buchstabenform unterlag in den alten Alphabeten Wandlungen und manche Form ging verloren. Dies alles macht einen Überblick schwer. Allein das slawische Alphabet hatte ehedem drei Buchstaben für Klangvarianten des S‑Lautes. Ich will sprachübergreifend nach stimmlosem und stimmhaftem S gliedern, denn im Klang sprechen sich die Aspekte des S‑Lautes am unmittelbarsten aus.
Diese Besonderheiten des S‑Lautes bringen es mit sich, dass die von mir in den folgenden Darlegungen anzuführenden Beispiele z.T. nicht der im Fokus stehenden Klangqualität (stimmlos, stimmhaft oder als Sch-Laut) entsprechen.
Das stimmlose, scharfe S
Slovo (С с) heißt im slawischen Alphabet das scharfe S. Die Form des Buchstabens entspricht dem lateinischen C, einem Halbkreis. Die Bezeichnung kommt von ’slysati’, ‘hören’ und meint auch ‘Wort’. Das S ist also das Wort. Wie auch beim griechischen Logos-Begriff umfasst Slovo die im Menschen als Logik wirkende Verstandeskraft, die im Sprechen, dem Gebrauch des Wortes, zum Ausdruck kommt. Eng verwandt ist ’slava’, die Aura, das dem Namenswort ‘Slawen’ zugrunde liegt. Slawen erleben sich also als die Menschen mit der Aura, mit dem Lichtschein um sich. Wort und Licht, ’slovo’ und ’slava’ bilden noch fast eine Einheit. Beide können auf zwei Ursprungsworte, altpersisch ’srayah-’, das ‘Wort’ und sanskrit ‘cravah’, die ‘Glorie’ d.h. der Lichtkranz, die Aura, bezogen werden.
Das S ist eine trennende und verbindende Kraft, die in ’slovo’, dem Wort erlebt wird. Die verschiedenen Sprachen trennen die Menschen unterschiedlicher Völker und verbinden diejenigen gleicher Muttersprache. Auch das Wort, der Begriff trennt durch immer genauere Bezeichnungen und verbindet durch die Bildung von Oberbegriffen. Analyse und Synthese sind die als magische Schöpferkräfte empfundenen Wirkungen des S‑Lautes. Rudolf Steiner sagt: “Die Empfindung gegenüber dem S, der S‑Schwingung, der S‑Windung ist … außerordentlich kompliziert. … Wies man hin … z.B. auf das T, … so tat man das mit einer gewissen feierlichen Andacht. Dagegen der Hinweis auf das S war immer verbunden mit etwas — … Furchterregen bei denjenigen, die man auf dieses Symbolum hinwies; etwas Furchterregendes, etwas, wovor man sich hüten soll.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 343)
Das S als Laut der ‘Sprache’ und der ‘Sage’ findet sich in vielen Worten, die mit Sprache zu tun haben. Auf griechisch bedeutet ‘glossa’ die Sprache, auf lateinisch ’sérmo’, was im Deutschen zum langen ‘Sermon’ wurde.
Das S ist der Schlangen-Laut. Im indischen Lautbedeutungssystem wird das S erlebt als die Schlange (Hermann Beckh, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 343) Auch eine altslawische Form des S ist wie im lateinischen Alphabet die doppelt gekrümmte Linie. Rudolf Steiner bestätigt diesen Zusammenhang: “Der S‑Laut, er ist dasjenige, was immer empfunden wurde, als eben noch ein Empfinden da war für diese Dinge, als etwas ganz besonders tief in das Sprachliche Eingreifendes. Man kann sagen: das Erlebnis des S‑Lautes hängt zusammen mit denjenigen Empfindungen, welche man in Urzeiten der Menschheitsentwicklung für das Schlangensymbol gehabt hat. … Daher wird in denjenigen Schriften, wo das S die Schlangenlinie zugrunde liegt verschiedenen Buchstaben, auch schon die Schrift als etwas Unheimliches empfunden.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 343)
Ernst Moll schreibt: “Das Verbindende bzw. Trennende des Wortes … trennt zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Geist und dem Stoff. Der stumme Stoff ist im Worte zum Träger des Geistes erhoben. Unoffenbares offenbart sich in der Leiblichkeit des tönenden Wortgebildes. Laut und Begriff sind eins im Wort. Das Wort ist ein Mysterium. Der Himmel findet die Erde im Wort. Der Mensch ist sein Träger. Er ist Priester des Wortes. Wo der Mensch das Wort verliert, wird Himmel und Erde zerrissen. Welten-Analyse ist S; Welten-Synthese ist S. Das S ist der ‘Sonnensohn’ und das S ist ‘Satanas’. Es ist … ‘Ge-sundheit’ und … ‘Siechsein’ … ‘Summe’ als ein Vielsein und ‘Singular’ als Einzelnes — das S ist beides: ’samt und sonders’.” (Die Sprache der Laute, S. 342)
Rudolf Steiner beschreibt das Schlangenwesen als den Ätherleib, der in der dritten Kulturepoche das Erkenntnisorgan des Menschen war. Nicht mit dem physischen Gehirn suchte der Mensch nach Weisheit, sondern mit seinem Ätherleib, der sich in die Erde hinein fortsetzte, der ihn sich eins fühlen ließ mit der Erde. “Der Mensch, der in jenem alten Zeitalter das erlebte, was ich eben charakterisiert habe, sagte: In mir ist die Schlange regsam geworden. — Sein Wesen hatte sich hineinverlängert in die Erde. Seinen physischen Leib fühlte er nicht als das eigentlich Tätige. Er fühlte sich so, wie wenn er einen Schlangenfortsatz in die Erde hinein erstreckte und der Kopf das wäre, was herausragte aus der Erde. Und dieses Schlangenwesen, dieses fühlte er als das Denkende. Und aufzeichnen könnte man sein Wesen so, daß sein Ätherleib sich in die Erde hinein als Schlangenkörper verlängerte, und daß, während er als physischer Mensch außerhalb der Erde war, während des Erkennens und Wissens er in die Erde hineinragte und mit seinem Ätherleib dachte. Die Schlange ist in mir tätig, sagte er. So also hieß gewissermaßen Erkennen in den alten Zeiten: Ich bringe die Schlange in mir zur Tätigkeit; ich fühle mein Schlangenwesen.”
(GA 142, S. 85)
In der Tiefwinterzeit fühlte der Mensch die Schlangenoffenbarung als seine wachsende Klugheit, wie Rudolf Steiner sagt: “Der Mensch nähert sich dem Bösen, aber sein Verstand konsolidiert sich. Man hat durchaus etwas wie eine Schlangenoffenbarung gefühlt in der Tiefwinterzeit, aber zugleich … das Stärkerwerden der Klugheit, des Nachdenklichen, dessen, was den Menschen schlau und listig machte. … so kam in der Tiefwinterzeit heran an die Menschen die Versuchung der Hölle, die Versuchung vonseiten des Bösen. … Und das war die Zeit, … in der der Mensch entwickeln musste, was sich in ihm ja ohnedies naturhaft zusammenschloss: das Verstandesmäßige, das Schlaue, das Listige, das auf das Nützliche gerichtete. Das sollte der Mensch bezwingen durch die Besonnenheit. … Und man rechnete darauf, dass durch diese Besonnenheit, durch dieses Sichhüten vor dem Bösen die Menschen zu einer Art von Selbsterkenntnis kommen.” (GA 223 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 346)
Im S wurde gleichzeitig die Macht des Heilens erlebt. Das Schlangensymbol des Merkurstabes, sagt Rudolf Steiner, lässt empfinden, “dass man eine gewaltige Beruhigung desjenigen fühlt, was in Unruhe ist, wobei man zugleich die Sicherheit empfindet, in das verborgene Wesen von irgend etwas beruhigend einzugreifen. … [Das S ist] ein Beruhigen des Bewegten” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 347) Auch heute lassen Menschen den S‑Laut ertönen, sie sagen “ssss”, wenn sie Ruhe wünschen.
Ärzte früherer Zeiten waren Zaubersprecher, Handhaber der S‑Kraft. Heute sind es die Chirurgen, die mit ihrem ‘Messer’ in das Innerste eindringen. Christus, dem Heiland, geht als Weltenrichter das zweischneidige Schwert aus dem Mund — das Schwert des Wortes der Unterscheidung von Gut und Böse. Im Namen ‘Jesus’, der von ‘Josua’, “Gott ist Hilfe” kommt, findet sich das S ebenso wie im griechischen Attribut des Christus, ’sotér’, das von ’sózein’ retten kommt.
Der griechische Name des S‑Lautes ist Sigma (Σ, σ), die ‘Stütze’, der ‘Rückhalt’, das ‘Rückgrat’. Zwar kommt ’sigma’ vom hebräischen ’samech’ (ס) (smk) und ’samach’ (smk) bedeutet ’stützen’, ’stemmen’, ‘helfen’, ‘unterstützen’, doch kommt die Form des Sigma vom hebräischen Buchstaben ’sin’ (ש), dem ‘Zahn’.
Mit dem S als Rückgrat ist auf das Geheimnis des Merkur- oder Äskulapstabes, des Schlangenstabes verwiesen, das heute Symbol des Heilens und der Ärzte ist. Rudolf Steiner sagt: “Man kann sagen: das Erlebnis des S‑Lautes hängt zusammen mit denjenigen Empfindungen, welche man in Urzeiten der Menschheitsentwicklung für das Schlangen-Symbol, oder auch in gewissem Sinne für das Symbol des Merkurstabes gehabt hat, aber nicht für das eigentliche Merkursymbol, sondern eben für das Symbol des Merkur-Stabes.” (GA 279 in: Ernst Moll, die Sprache der Laute, S. 355)
Die Inder nannten die als Schlangenkraft wahrgenommene Lebenskraft, die ‘Kundalini’ von ‘kundala’, ‘gerollt’, ‘gewunden’. Sie ruht zusammengerollt am unteren Ende der Wirbelsäule. Drei senkrechte Energiekanäle durchziehen den Rücken.
Die drei Schlangen- bzw. Energiekanäle des indischen Chakren-Systems
Im Ida-Kanal strömt die Mondenergie auf der linken Seite der Wirbelsäule, im Pingala-Kanal strömt die Sonnenenergie auf der rechten Seite der Wirbelsäule. (Im Kopfbereich wechseln die Seiten.) In den mittleren Kanal, in das ätherische Rückgrat soll die Kundalini, die “trauernde junge Witwe”, eintreten, sofern es gelingt sie zu wecken. Hier soll sie aufsteigen und zum Stab werden. Interessanterweise finden sich auf vielen Kreuzigungsdarstellungen Sonne und Mond entsprechend rechts und links über dem Kreuz angeordnet, wie es im Buddhismus für die drei Energiekanäle üblich ist.
Eine Darstellung des Zusammenhangs der ganzen Osterscholle mit der Kundalini-Schlangenkraft findet sich im Blog-Artikel 10 K — 43 r, der Mantren, die an die Osterscholle angrenzen.
Verwandt mit der aufsteigenden Kundalini ist das seelische Geschehen, das hinter dem mythologischen Bild der Aufrichtung der “Ehernen Schlange” steht. Im Alten Testament (4. Mose 21, 4–9) wird erzählt, dass eine Schlangenplage das Volk auf der Wüstenwanderung bedrohte und Moses von Gott den Auftrag erhielt, eine eherne Schlange herzustellen und diese aufzurichten. Wer fortan von einer Schlange gebissen wurde und zur aufgerichteten Schlange emporsah, sollte leben (mehr dazu unter dem Blogartikel der Spiegelsprüche 10 K — 43 r).
Dieser Stab wird in der bildenden Kunst meist nicht als eine Gerade dargestellt, sondern kreuzähnlich. Das beruht darauf, dass das Johannes Evangelium bezugnimmt auf die Tat des Moses und sie als Vorverkündigung der Kreuzigung Jesu deutet. „Und wie Mose in der Wüste die Schlange aufgerichtet hat, so muss des Menschensohn aufgerichtet werden, damit jeder, der seine Kraft im Herzen fühlt, Anteil gewinnt an dem zeitlosen Leben.“ (J 3, 14 – 15) So zeigen christliche Bilder die eherne Schlange, wie sie ein T oder Y förmiges Kreuze umwindet.
Aufrichtung der Ehernen Schlange, Fensterbild im Kloster Arnstein, 1360
Immer wieder finden sich auf den Abbildungen Schlangen wie diese, deren Haltung an einen unvollkommenen Kreis erinnert und damit an das zyklische Bild der Zeit, den Ouroboros. Die aufgerichtete Zeit verstehe ich als die Gegenwärtigkeit. Das Gegenwärtig-Werden heilte also die Menschen von den Schlangenbissen. Die Gegenwärtigkeit befreit von den im Ätherleib gespeicherten alten Gewohnheiten und von der Fesselung an die Vergangenheit, die belastenden Erinnerungen. Eine zweite Deutung der Aufrichtung der Schlange ist diese: Der Wechsel der Jahreszeiten vollzieht sich auf der Erde, weshalb der Jahreskreis entsprechend in waagerechter Bewegung zu denken ist. Doch dies entspricht nicht dem inneren Bild, das als Vorstellung vor dem Menschen aufgerichtet steht. Den täglich beobachteten Vollzug des Jahres zum Vorstellungsbild eines Jahreskreises zu abstrahieren erfordert Erinnern und Vorausdenken. Nur durch diese geistigen Kräfte des Menschen kann das Jahr als Kreislauf vorgestellt werden. Als äußere Anschauung ist der Jahreskreis nicht vorhanden, weshalb dieselbe eine gegenstandsfreie Vorstellung ist. Durch diese geistige Leistung richtet der Mensch den Jahreskreis auf. Wird der Jahreskreis als Ouroboros, als Schlange, die sich in den Schwanz beißt, vorgestelt, so ist es die aufgerichtete Schlange.
Emil Bock interpretiert den Stab des Moses als das Ich des Menschen, das fähig wird “den Ätherleib unmittelbar zu ergreifen und aus dem Bann des ihm formgleich gewordenen physischen Leibes zu lösen. … Die alte Leibfreiheit [des Ätherleibs, der “Schlange”] kam von außen, sie war als Naturgegebenheit von selber da. Die neue kommt als eine Errungenschaft des geiststrebigen Menschen von innen; sie entspringt der Aktivität des erkrafteten Ich, das den Bildekräfteleib von innen heraus aus seiner Verhaftung an das Physische zu lockern lernt. … Für die neuere Menschheit, gerechnet von der Moseszeit an, ist es deshalb von der größten Wichtigkeit, dass alle geistige Schulung von der Klärung und Kräftigung des Gedankens ausgeht. … Der Stab des Denkens löst die Schlange, den alten hellseherischen Zustand des Ätherleibes ab. … Der Stab des Moses ist die Herrschaft über die Schlange. … Er geht von oben nach unten, seinen Ausgang nehmend vom klarbewussten Gedankenelement und keinen Schritt zulassend, auf dem das klare denkerische Bewusstsein eine Unterbrechung erfährt. Dadurch ist er der Stab der Freiheit und der Ichheit.” (in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 357) Dieser Stab der Ichheit wird das Vordergrat sein, das sich laut Rudolf Steiner in ferner Zukunft ausbilden wird. Emil Bock schreibt deshalb: “Wenn er [der Stab des Moses] immer vollständiger in den Besitz des Menschen kommt, so bildet er sich zu einem geistigen Vordergrat in der übersinnlichen Menschengestalt aus. … Die Kraft des übersinnlichen Wahrnehmens und Handelns verlässt das Rückgrat, in welchem sie als Schlange wirksam war, und geht in das leuchtende Vordergrat über, dessen erster Keim mit dem Bild des Mosesstabes bezeichnet ist. Dieses richtet Moses dann als ehernes Symbol in der Wüste auf. Nicht ist es mehr der Stab, der nur eine versteckte Form der Schlange selber ist. Es ist der Stab der die Schlange überwindet und erhöht. Die Schlange ringelt sich um den Stab, an den ihr Kopf geheftet ist. Das Zeichen, das Moses mit der ehernen Schlange aufrichtet, ist ein Menschheitssymbol, das wir in allen Völkern antreffen, die sich den krankmachenden Einwirkungen der Vorzeit entrangen: es ist der Merkurstab, das Wahrzeichen des Arzttums bis in unsere Zeit hinein.” (Emil Bock, Moses und sein Zeitalter, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 357f)
Das stimmhafte, weiche S
Die weiteren S‑Namen der alten Alphabete differenzieren nicht zwischen dem stimmhaften und stimmlosen S‑Laut bzw. bezeichnen den weichen, stimmerfüllten S‑Laut. Im stimmhaften S tritt das Involviert-sein des Menschen stärker hervor, als beim stimmlosen, scharfen S. Das Seelische, das in der Stimme, im stimmhaften S klingt, verdeutlicht offensichtlich besonders gut die Durchdringung der Materie mit dem Geist — und zwar dem seelisch-wesenhaften Geist.
Im alten slawischen Alphabet gab es zwei stimmhafte S‑Laute. Selo (Ѕ ѕ / Ꙃ ꙃ) und Semlja (З з / Ꙁ ꙁ). Ersterer, Selo (Ѕ ѕ / Ꙃ ꙃ), war ursprünglich ein dS-Laut und verschliff sich zum stimmhaften S. Anfangs war also die Überwindung des Widerstandes im D inbegriffen. Seine Bedeutung ist ’sehr, gewaltig, stark’. Das deutsche Wort ’sehr’ stammt vom althochdeutschen ’ser’, das ’schmerzlich, der Schmerz’ bedeutet. Altnordisch heißt ’sar’ die ‘Wunde’, das mit gotisch ’sair’ dem ‘Schmerz’ zusammenhängt. Das stimmhafte S von Selo ist nach Ernst Moll also das Sehrend-Versehrende, scharfe, Durchdringende, das der Mensch erlebt und erleidet.
Rudolf Steiner beschreibt diesen Aspekt des S für den jüdischen S‑Laut Sin bzw. Schin (ש), der Zahn: “Gerade so, wie das Hineindringen in die menschliche Seele beim alten Jehova durch das S ausgedrückt ist, so wird überhaupt dieses Eindringen in die Seele, das Durchdringende durch den S‑Laut ausgedrückt.” (GA 158 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 348) Das Beißende, Schneidende, Abteilende des S beschreibt Rudolf Steiner anhand des Wortes “stoßen”. Dieses Wort weist allerdings einen Sch-Laut (geschrieben als st) und einen stimmlosen S‑Laut auf, worauf Rudolf Steiner nicht eingeht. “Nun hat das Wort «Stoß» zwei S, am Anfang und am Ende; das gibt dem ganzen Worte seine Färbung, so daß derjenige, der das Wort «Stoß» oder «stoßen» ausspricht, nun tatsächlich sich so fühlen muß, wie wenn sein Ätherleib gehen würde, aber nicht nur gehen, nach vorn drängen würde und fortwährend aufgehalten wäre.” (GA 343‑I, S. 136)
Die Werkzeuge des Durchdringens und Schneidens zeigen vielfach das S: Das Wort ‘Schwert’ kommt von ’swera’, schmerzen, noch älter ’schneiden’. Althochdeutschen wurde es auch ’sahs’ genannt, womit angelsächsisch ’seax’ und das Volk der ‘Sachsen’ zusammenhängt. Als Speise-Schwert, ‘mezzi-sahs’ wurde es zu ‘Messer’. Auch ‘Säbel’, ‘Sichel’ und ‘Sense’ führen das S. Das Wort ‘Sache’ kommt von gotisch ’sakan’, ’streiten’ und meint eigentlich einen (Rechts-)Streit um etwas haben. Und auch die Ergebnisse der Teilung, die ‘Stadien’, ‘Stufen’, ‘Stücke’, ‘Strophen’, ‘Staffeln’, ‘Sorten’, ‘Serien’, ‘Sektoren, ‘Sektionen’ und ‘Sekten’ zeigen das S, das trennt, ’sortiert’ und das ‘Spezielle’ im Blick hat. Die Geschmacksvarianten ’süß’, ’sauer’, ’salzig’, ’scharf’, (früher ’sarf’) zeigen das S im Anlaut und nur das Bittere bildet eine Ausnahme.
Das S ist häufig mit dem Flüssigen verbunden. Es durchdringt als ‘Nässe’, den Stoff, ’sickert’ als ‘Wasser’, ‘fließt’ als ‘Fluss’ und zerteilt die Landschaft. Es ist, was sich hineinsenkt im ‘See’, was ’still’ ruht oder ’sprudelnd’ lebendig sich bewegt. Seine eindringend, durchdringende, zerreißende Kraft wird erlebt im ‘Stoß’, ‘Schmiss’, ‘Schuss’, ‘Riss’, ‘Biss’ und ‘Hass’.
Der zweite stimmhafte S‑Laut im alten slawischen Alphabet ist Semlja (З з / Ꙁ ꙁ), die ‘Erde’. In diesem Bild der “Erde” fasst sich der S‑Aspekt des ‘Starren’, ‘Finsteren’ zusammen, der aber gleichzeitig die Kraft enthält, aus dieser Dunkelheit das neue Leben zu gebären. Der Missbrauch dieser S‑Erdkraft führt zur schwarzen Magie und zum Bösen. Die Dunkelheit und verhärtende, vereisende Kälte des Winters klingt auf in den verschiedenen Worten für ‘Winter’, als da sind: altpersisch ’seme-’, litauisch ’sem’, altpreusisch ’semmé’, polnisch ’siemia’. Und diese wiederum klingen zusammen mit dem nahe verwandten weiblichen Wort ’smijá’, ‘Schlange’ und dem männlichen Wort ’smiji’, ‘Drache’. Nach Rudolf Steiner liegt die Ursache des Bösen in der Artung des Erdkerns, der neunten Schicht. “Der Erdkern ist substanziell dasjenige, durch dessen Einfluss auf der Welt schwarze Magie entsteht, von hier geht die Kraft des geistig Bösen aus. … [Die achte Schicht ist der] Zersplitterer. Diese Schicht ist schuld, dass durch die Kraft, die sie auf die Oberfläche der Erde ausstrahlt, es überhaupt auf der Erde Streit und Disharmonie gibt. … Dante beschreibt diese Schicht in seiner<göttlichen Komödie> als Kainsschlucht.” (GA 95 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 351) Die Unterwelt heißt griechisch ’skótos’, gotisch ’skadus’, und wurde über ’skia’, der Toten-Schatten zum deutschen Wort ‘Schatten’. Das S verhärtet hier zum toten ‘Skelett’. Das ‘Singen’ und ‘Sagen’ wird zum ‘Schrecklichen’ oder zum ‘Schweigen’. Das S ist der Laut Satans, Ahrimans. Rudolf Steiner sagt: “Das S ist, wenn ich mich jetzt anthroposophisch ausdrücken darf, der eigentlich ahrimanische Laut.” (GA 315, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 351) ‘Surtur’ heißt der im Götterkampf von Süden kommende Feuerriese, dem der Göttervater Odhin unterliegt. In der ägyptischen Mythologie ist es der Wüstengott ‘Seth’, der Osiris tötet und zerstückelt.
Seit alters her werden Buchstaben feste Zahlenwerte zugeordnet. Die Deutung der Laute und Worte anhand der zugeordneten Zahlen wird Gematria genannt und ist eine Methode der Mystik. Im slawischen Alphabet ist der Zahlenwert von Selo, ’sehr’ die Zahl 6 (von Slovo, dem ‘Wort’ die Zahl 200 und von Semlja, der ‘Erde’ die Zahl 7). Die dreifache 6 ist in der Offenbarung des Johannes (13, 15–18) als 666 die Zahl des Bösen. Rudolf Steiner schlüsselt die Zahl anhand der Zahlenmystik des hebräischen Alphabets auf als den Namen des Sonnendämons Sorat.
„Ein Geheimnis verbirgt sich auch in der Zahl des Tieres 666, von der es zugleich heißt: Es ist eines Menschen Zahl. — Nach der aramäischen Geheimlehre ist diese Zahl so zu lesen: 400, 200, 6, 60. Diesen vier Zahlen entsprechen die hebräischen Buchstaben Taw, Resch, Waw und Samech. Im Hebräischen liest man von rechts nach links:
400, | 200, | 6, | 60 |
ת | ר | ו | ס |
Taw | Resch | Waw | Samech |
Diese Buchstaben symbolisieren die vier Prinzipien, die den Menschen zur völligen Verhärtung führen, wenn es ihm nicht gelingt, sie umzuwandeln. Durch Samech wird das Prinzip des physischen Leibes ausgedrückt, durch Waw das des Ätherleibes, durch Resch das des Astralleibes, durch Taw das niedere Ich, das sich nicht zum höheren Ich erhoben hat. Das Ganze zusammengelesen, heißt Sorat. Dies ist der okkulte Name des Sonnendämons, des Widersachers des Lammes. Das ist das Geheimnis, aus dem die neuere Theologie gemacht hat: Es heißt Nero. Man kann wirklich keine größere Fabelei finden. Der, welcher die Sache von Nero erfunden hat, wird als einer der größten Geister der Theologie geschätzt. Dicke Werke sind darüber geschrieben worden. So wird mißverstanden, was in den symbolischen Zeichen liegt. Bücher wie die Apokalypse kann nur der verstehen, der die okkulte Schrift zu lesen vermag.“ (Lit.: GA 096, S. 316f)
Stoffes-Schwere, Stoffes-Starre und Stoffes-Schein nennt Ernst Moll die drei Schichten des S als Semlja, Erde. Das ‘Einsinken’ der ‘Saat’, des ‘Samens’ in die Erde ist S, so wie der ‘Fuß’, lateinisch ‘pes’ ‘Spuren’ hinterlässt, weil er das Gewicht des Menschen ‘einpresst’ in die Erde.
Das gotische Alphabet nennt den S‑Laut Sauil (𐍃), die ‘Sonne’. Andere Varianten des Sonnen-S-Namens sind ’sol’, ’sugil’, ‘Sigel’, ‘Sojil’ oder ’sunno’ und auch andere Sprachen lassen ihr Wort für Sonne mit S anlauten: slawisch ’solnze’, lateinisch ’sol’, hebräisch ’sémes’. Verwandt mit ’sauil’, der Sonne ist gotische ’sunja’, die ‘Wahrheit’ und ’sunjis’, ’sunjaba’ bedeuten ‘wahr’. Die Goten erleben die Sonne noch als die Hervorbringerin der Wahrheit. Wie die ‘Sinne’, insbesondere das ‘Sehen’, dem Menschen Erkenntnislicht schenken, so ’strahlt’ die Sonne ihr Licht in die Welt und offenbart, das ‘Sein’ als das, was ‘ist’.
Der angelsächsische Runenreim beschreibt Bedeutung der Sonne für die Seefahrer:
Sonne den Seefahrenden — immer ist eine Freude,
wenn sie fahren — über Fisches Bad,
oder das Meerross — sie bringet zu Lande.
(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 354)
Die Qualität des S der Sonne als Spenderin des Lebens zeigt sich im Wasser des Lebens, dem heiligen ‘Somatrank’ der Inder. Zwar bedeutet ’soma’ auch Mond, doch auch er strahlt Sonnenlicht auf die Erde. Auf Griechisch heißt ’soma’ der belebte und von der Seele bewohnte Leib. Der Fokus ist hier auf den mit dem physischen Leib verbundenen Ätherleib gerichtet. Beide Bedeutungen von ’soma’ verbinden sich durch die Tatsache, dass der Ätherleib jede Nacht den physischen Leib erquickt. In der heutigen Medizinersprache rückte der Ätherleib aus dem Fokus. ‘Somatisch’ bedeutet nur noch ‘leiblich, körperlich’.
Die Kelten nannten das S ‘Suil’, die Weide. Ihr lateinischer Name ist ’salix’. Auch der deutsche Name ‘Weide’, der etymologisch mit avestisch ‘vaeti’, ‘Weidengerte’ und lateinisch ‘vitis’, Ranke, Rebe’ zusammenhängt, deutet auf die Geschmeidigkeit und Biegsamkeit der Weidenruten und damit auf das, was das S charakterisiert. Suil, die Weide, verkörpert das S als Pflanze. Weiden sind Bäume, die den feuchten Boden brauchen und oft in Wassernähe wachsen. Sie sind Geschöpfe der Grenze zwischen Land und Wasser, des Begreifbaren und des Unfassbaren.
Das Christusmonogramm, das Chi-Rho-Zeichen mit hinzugefügtem S
Schon im Blogartikel 18 R — 43 r hatte ich über das Christusmonogramm, das Chi-Rho (Χ, χ — Ρ, ρ) geschrieben. Hier sollen lediglich die Gedanken ergänzt werden, die durch das hinzukommende S angeregt wurden.
Immer wieder sind Darstellungen des Chi-Rho-Zeichens anzutreffen, die nicht nur durch Alpha (Α, α) und Omega (Ω, ω) ergänzt sind, sondern auch noch durch ein S, das sich um das untere Ende des senkrechten Balkens, also um die stark verlängerte Senkrechte des Rho windet. Wie Chi und Rho stammt das S vom griechischen Christusnamen Χριστός (Christós). In kirchlichen Zusammenhängen wurde es gerne als lunares Sigma, als C geschrieben: ΧΡϹ (Chi-Rho-lunares Sigma). Doch während die ersten beiden Buchstaben als griechische Lettern beibehalten wurden, schrieb man später nicht Sigma sondern das lateinische S: XPS. Warum?
Könnte es sein, dass mit Alpha und Omega, Rho und S vier Qualitäten gemeint sind und die vierte Qualität eben besser durch S als durch das Sigma dargestellt werden konnte? Könnte es sein, dass Christus dadurch nicht nur als Herr der linearen Zeit erscheint vom Uranfang (Alpha) bis zum Ende der Zeit (Omega) sondern auch als Regent über die Zeit als Raum, sowohl im Außen als auch im Innern?
Dann könnte das Rho auf den Jahreskreis, auf die Wahrnehmung (Sommer-Halbjahr) der über den Himmel “rollenden” Sonne als Quelle aller Entwicklung und Bewegung verweisen — auf das Wirken der Zeit im äußeren Raum. Das S könnte dagegen auf die im Seeleninnenraum linear erlebte Zeit verweisen.
Chi-Rho‑S Christusmonogramm (leider ohne weitere Angaben)
Durch das Denken, das dem Winter-Halbjahr zugeordnet ist, erlebt der Mensch die Zeit aufgeteilt in die drei Qualitäten Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Dreimal schneidet die S‑Linie die Senkrechte und bildet dadurch zwei geschlossene, versetzte Halbkreise. Wenn diese beiden Halbkreise als die Halbjahre mit der dem Seelenkalender mitgegebenen Bedeutung von Wahrnehmung und Denken interpretiert werden, so verdeutlichen die mit dem S gebildeten Halbkreise, dass Wahrnehmung und Denken auseinandertreten sollen. Das Bewusstsein, das wahrnehmend nach außen gerichtet und denkend im Innern aktiv ist, soll frei und nicht instinkthaft interagieren. Eine Wahrnehmung, ein Reiz, soll nicht zwanghaft zur Reaktion führen, sondern dem Menschen Wahlfreiheit geben. In der Seele soll es anders sein als im Außen, wo das rollen des Rho herrscht. In der Seele soll das unterscheidende S regieren.
Das Christusmonogramm ergänzt durch das S mutet wie ein bildhafter Vorläufer des Seelenkalenders an, wie geronnene geheime Weisheit.
Die Osterscholle und das Fest der Darstellung des Herrn, das Lichtmess- oder Imbolc-Fest
Mit dem Mantra 44 s beginnen die neun auf Ostern hinführenden Wochen, die vom Osterdatum abhängige Zeit, auch wenn äußerlich erst Aschermittwoch in der siebten Woche vor Ostern (46 u) seine Abhängigkeit vom Osterdatum kundtut. Doch das Mantra 44 s spiegelt mit dem letzten Mantra der Osterzeit, mit dem Mantra der Fronleichnamswoche 9 I (großes i), weshalb ich davon ausgehe, dass zwar noch ganz im Verborgenen, die vorösterliche Zeit mit dem Mantra 44 s beginnt. Damit sind sowohl neun Wochen vor Ostern als auch neun Wochen nach Ostern mit dem jährlich neu zu ermittelnden Osterdatum verbunden. Sie bilden die Osterscholle, den Mond im Jahr. Und diese Zeit hat Anfang und Ende und ist damit linear.
Gleichzeitig ist der Ostereinfluss noch so zart, dass das Mantra für mich auch mit einem Datum und zwar dem 2. Februar, dem Lichtmess-Fest, verbunden erscheint. Dieser Tag liegt meist in der Woche 44 s, sofern der Einfluss des kommenden Osterfestes nicht beachtet wird. Das Fest dieses Tages hat verschiedene Namen: Lichtmess, Mariä Reinigung, Darstellung des Herrn oder Imbolc nach dem keltischen Festzyklus.
Bevor ich auf die verschiedenen Aspekte dieses Festes eingehe, kurz nochmal zur Osterscholle, denn das Fest ist Ausdruck der kommenden neuen Zeitqualität, die ich die Osterscholle nenne.
Maßgebend für die Osterscholle ist das Osterfest, das nur an einen Zeitraum, nicht aber an ein festes Datum gebunden ist. Die Osterregel besagt, dass Ostern der Sonntag ist, der auf den ersten Vollmond nach der Tag- und Nacht-Gleiche im Frühling folgt. Dadurch variiert das Osterdatum Jahr für Jahr und mit ihm eine ganze Reihe anderer Feste, die sich durch den Abstand zum Ostertermin bestimmen. Das Osterfest entfaltet eine weit über die eigentlichen Osterfesttage hinausgehende Wirkung, denn die folgenden Feste Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam werden durch den Abstand zum Osterfest bestimmt, nicht durch ein jährlich gleiches Datum. Ebenso ist es mit dem stets in der siebten Woche vor Ostern gelegenen Aschermittwoch. Hier endet die Faschingszeit, die deshalb ebenso an das Osterdatum gebunden ist. So gehören vom Osterfest bis zur Fronleichnamswoche ganze neun Wochen zur Osterzeit. Mindestens sieben Wochen bereiten das Osterfest vor, die Faschingszeit eingerechnet sind es mehr.
Ich erlebe den Einfluss, den das Osterfest auf diese große Zeitspanne hat wie einen Strömungsimpuls, der das Jahr individualisiert und verlebendigt. Und weil sich solch ein Strömungspilz symmetrisch entfaltet, gehe ich davon aus, dass auch die auf Ostern hinführenden Wochen neun an der Zahl sein müssen. Mit Aschermittwoch in der Woche 46 u wird sichtbar, was sich im Verborgenen bereits zwei Wochen vorbereitete. Damit umfasst die Osterscholle vor Ostern die Wochen 44 s bis 52 z und nach Ostern die Wochen 1 A bis 9 I (großes i).
Der Strömungsimpuls der Osterscholle bildet jedes Jahr eine „individuelle“ Osterzeit – den “Mond” im Jahr und unterscheidet sich von der Sonnenzeit des Jahres
Wie ein Mond liegt diese von den Datumszuordnungen, wie sie für uns der Julianische Kalender diktiert, mehr oder weniger abgekoppelte und ganze 18 Wochen umfassende Zeit im Jahreskreis. Das ist gut ein Drittel des Jahres!
Die Tatsache des Wegdriftens der Osterzeit von der Ordnung des gebräuchlichen Kalenders kann folgendes Phänomen veranschaulichen: Die Woche 44 s ist zwar vom Weihnachtsfest — auf der Zeitachse vorwärts gezählt — die Woche um den 2. Februar, doch ist dies nicht unbedingt die neunte Woche vor Ostern. Vom kommenden Osterfest auf der Zeitachse rückwärts gezählt, kann das ganz anders sein. Zwei Zeitordnungen prallen hier aufeinander. Beide erheben Anspruch auf das Mantra 44 s (und auch noch auf das Mantra 45 t), weshalb für das Mantra 44 s beide Zugehörigkeiten zu betrachten sind.
Doch zunächst der praktische Umgang mit diesem Problem. Im Zeitenlauf folgt zwar naturgemäß auf die Woche 43 r die Woche 44 s — doch das kommende Osterfest überlagert diese Ordnung. Liegt Ostern spät im Jahr, sind es mehr als neun Wochen bis zum Osterfest, liegt Ostern früh, sind zu wenig Wochen vorhanden. Das bedingt, dass angepasst werden muss.
Am Beispiel von 2025 mit dem Osterfest am 20. April, beträgt der Abstand von Lichtmess bis Ostern elf Wochen. Von Weihnachten aus betrachtet gehört das Mantra 44 s zum Lichtmess-Fest und auch inhaltlich werde ich weiter unten auf diesen Zusammenhang eingehen. Doch die neunte Woche vor Ostern, nach meiner Festlegung die Osterzeit, beginnt 2025 erst am 16. Februar.
Nicht an feste Daten gebunden sind Ostern und die mit Ostern im Zusammenhang stehenden Feste. Anders ist es z.B. mit Johanni (24. Juni), Michaeli (29. September) und Heilig Abend (24. Dezember), die an ihr Datum gebunden sind. Diese Zeit, in der die Feste an das Datum und damit an den Sonnenstand gebunden sind, nenne ich die Sonnenzeit im Jahr (siehe Abbildung oben). Der Wechsel von der Sonnenzeit in die Mondenzeit, die bewegliche Osterscholle und auch wieder zurück zur Sonnenzeit entspricht einem geistig zu gehenden Schritt. Und dieser Schritt kann unterschiedliche Länge haben. Mal sind mehr Mantren vorhanden als Wochen, dann muss “gestaucht” werden; mal sind mehr Wochen als Mantren zu durchleben, dann muss “gedehnt” werden.
Die Zeitspanne der Osterscholle von 18 Wochen, einem guten Drittel der 52 Wochen des gesamten Kalenderjahres, führt zu einer Drittelung des Jahres, worauf ich in Bezug auf die Göttin Brigid zurückkommen werde.
Nun will ich zum Fest des 2. Februar zurückkehren. Es heißt Lichtmess, Mariä Reinigung, Darstellung des Herrn, Imbolc. Es ist ein Fest mit sehr alten und wohl auch unterschiedlichen Wurzeln. Die eine Wurzel ist jüdisch, die andere keltisch. Die dritte Wurzel weist auf die dreifache Göttin und reicht vermutlich in uralte Zeiten herab.
Nach der jüdischen Wurzel heißt dieser Tag Mariä Reinigung, weil im Judentum jede Frau nach der Geburt eines Sohnes sich nach 40 Tagen einer Reinigung unterziehen musste – und heute noch muss. War der Sohn ihr erstes Kind, so gehörte dieser Sohn als Erstgeburt Gott, Jahve. Er musste nach Jerusalem in den Tempel gebracht werden, dort „dargestellt“ und mit einem Opfer ausgelöst werden. Dies geschah in Erinnerung an die Passach-Nacht in Ägypten mit dem Strafgericht Gottes, was bewirkte, dass der Pharao das Volk endlich ziehen ließ. Deshalb heißt dieser Tag auch “Darstellung des Herrn”. Im Lukasevangelium (Luk 2;22–38) wird berichtet, wie die Heilige Familie an den Tagen der Reinigung Jesus in den Tempel bringt und ihn “darstellt”. Der 40. Tag nach seiner Geburt — vom 25. Dezember gezählt – ist der 2. Februar. Das Lukasevangelium erzählt weiter, dass zwei sehr alte Menschen, Simeon und Hanna in dem Kind den zukünftigen Herrn erkennen. Auf den Lobpreis von Simeon werde ich noch zurückkommen.
Die irisch-keltische Wurzel des Lichtmess-Festes ist Imbolc, das “Rundum-Waschung” bedeutet. Sein anderer Name ist Oimelc, was den “Einschuss der Schafsmilch” bei den Mutterschafen meint. Das wird so verstanden, dass die Schafe wieder gemolken werden können, da sie bald lammen. Wie bei Mariä Reinigung wird auch hier auf das flüssige Element verwiesen. Die Göttin dieses Festes ist Brigid, zu der das Feuer gehört. Kerzenweihen und das Entzünden des neuen Feuers sind Ausdruck dieser Feuerkraft.
Sie ist Teil einer göttlich-weiblichen Triade, wie sie aus einigen Kulturen bekannt ist: die drei Nornen der nordischen Mythologie, die drei Parzen oder Matronen der römischen Zeit, die drei Moiren der Griechen. Sie alle ordnen das Schicksal und wachen über die Zeiten.
Zur Klärung sei erwähnt, dass die Göttin Brigid zu unterscheiden ist von der heiligen Brigit, von der Legenden berichten. Sie sah die Geburt Christi im Geist und erlebte sie mit. Und so kam das Christentum nach Irland. Diese Geschichte beeindruckt mich stets, denn tatsächlich wurde Irland christlich, bevor die katholische Kirche dort missionierte. Der historischeren Brigit von Kildare wird die Gründung des Klosters von Kildare zugeschrieben. Ihr Todestag am 1. Februar 523 wurde zu ihrem Gedenktag und rückt sie in die Nähe der Göttin Brigid, deren Tag Imbolc, der 2. Februar ist.
Die Göttin Brigid, deren Name im englischen Wort ‚bright‘, d.h. ‚hell‘ noch erkennbar ist, kommt wohl von ‚briganti‘, der ‚glänzende Pfeil‘. Sie ist die Hüterin des Feuers, mit dem das äußere Feuer und auch das innere, das Lebensfeuer gemeint sind. Beide Aspekte vereinigen sich in der Verehrung der stärker werdenden, das Leben auf der Erde wiedererweckenden Sonne. Das ist also Lichtmess – der helle Tag, der nun schon merklich, messbar, länger geworden ist.
Die Göttin Brigid gehört zur dreigestaltigen Göttin, die im ganzen nördlichen Europa verehrt wurde. Sie ist die junge, schöne Frühlingsgöttin, Tochter der Sommergöttin Modron und Enkelin der Wintergöttin Cailleach.
Ich fand eine schöne Beschreibung für diesen dreigliedrigen, weiblichen Jahreszyklus: Die alte, einäugige Cailleach weckt zum Winterende die Schlange, legt ihre Zauberrute unter einen Hollerstrauch und verwandelt sich in einen Stein – denn sie ist der Erd- und Stein-Aspekt der Göttin. Die Göttin Brigid nimmt den Stab auf und es wird Frühling – sie ist der Feuer-Aspekt des Lebens. Zum Sommerbeginn legt sie ihn ebenfalls unter den Holunder und ihre Mutter Modron nimmt den Kraftstab. Nun reift alles. Zu Samhain (1. November) legt Modron die Zauberrute wieder unter den Holler, wäscht sich in einem Becken – denn sie ist der Wasser-Aspekt — und wird zu Cailleach.
Die Weibliche Triade der drei Göttinnen kann im dreigeteilten Jahreskreis wiedergefunden werden. Die Osterscholle ist die Zeit der strahlend schönen Jungrau-Göttin, in Irland Brigid genannt. Ihre Vorgängerin weckt die Schlange, ein Bild, das mit dem Mond der Osterscholle verbunden ist, wenn auch mit anderer Wertung (Maria auf der Mondsichel). Und auch das S, der Buchstabe Des Mantras 44 s verweist auf eine Schlangen-Qualität hin.
Der Themenzusammenhang erfährt seine Abrundung durch die “Darstellung” Jesu im Tempel und den Lobpreis des Simeon, wie sie im Lukasevangelium erzählt wird. Simeon hatte vom heiligen Geist die Zusage erhalten, dass er nicht sterben werde, bevor er Christus, den Herrn, gesehen hätte. Er kam gerade in den Tempel, als die Eltern Jesu hereintrugen. Simeon nahm das Kind auf seine Arme und sprach:
Nun, o Gebieter, entlässt du deinen Knecht,
wie du gesagt hast, in Frieden.
Denn jetzt haben meine Augen dein Heil geschaut, das du bereitet hast vor allen Völkern:
Ein Licht, das die Völker der Welt zur Offenbarung führt
Und dein eigenes Volk im Geiste leuchten lässt.
(Luk 2, 29–32)
Legenden verbindet Simeon mit dem Propheten Jesaja, dem ersten, der das Kommen des Messias geweissagt hatte. Besonders bekannt ist das Bild aus dem Pflanzenreich, auf den das bekannte Lied “Es ist ein Ros entsprungen” Bezug nimmt. Die Weissagung des Jesaja lautet: “Doch aus dem Baumstumpf Isais (Vater von König David) wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.” (Jes 11,1f) Jesaja war auch der Prophet, der dem jüdischen Volk weissagte, dass es nach 40 Jahren babylonischer Gefangenschaft freikommen werde – ein Hinweis, womit die 40 Tage der Reinigung auch zusammenhängen.
Rudolf Steiner charakterisiert Simeon als den wiedergeborenen Asita, den orientalischen Weisen, der bei der Geburt des Gautama Buddha weinte, weil er zu alt war, um mitzuerleben, wie das Kind zum Buddha werden wird (GA 244, S. 340).
Als ich den Lobpreis las, formte sich mir das Bild des Jahr-Gottes, der laut Rudolf Steiner der Christus ist. Simeon verkörpert den altgewordenen Jahr-Gott, die letzte Vegetationsperiode, die nun endgültig abgeschlossen ist, die nun in Frieden sterben darf. Weihnachten wurde der neue Jahr-Gott geboren, doch ist er erst nach 40 Tagen herangewachsen, um in seinen Tempel einzutreten. Dort wird er vom alten Jahr-Gott, von Simeon, dankbar begrüßt, der nun sterben darf. Auch in der Tatsache, dass der Osterimpuls, den starren Rhythmus aufbricht, kann das Eintreten des neuen Jahrgottes in seine Vollmacht erkannt werden. Die erste Vorauswirkung dieses Osterimpulses manifestiert sich neun Wochen vorher im Mantra 44 s.
Als ich Bilder, vor allem Ikonen, der Darstellung im Tempel betrachtete, fiel mir immer wieder auf, dass Simeon vom Betrachter aus rechts und Maria links dargestellt wurde. Wenn Simeon das Jesuskind der Mutter zurückgibt, vollzieht sich eine Bewegung von rechts nach links. Diese Bewegung entspricht dem Gang der Zeit im Winter-Halbjahr (in meiner Darstellung als Kreis), in dem Lichtmess liegt. (Allerdings gibt es auch ganz andere Darstellungen.) Bei Frau Angelico fand ich zwei Bilder, die meine Idee zu stützen scheinen. Das eine zeigt einen grünlichen Simeon, der dadurch fein und zart an den „grünen Mann“ erinnert, den letzten Rest der Imagination des Jahr-Gottes. Sein Bart ist zweigeteilt wie das Jahr in die beiden Jahres-Hälften. Auch trägt Simeon eine weiße Mütze, die farblich mit den Binden korrespondiert, in die Jesus gewickelt ist. Jesus, der neue Jahr-Gott, ist in die Zeit gewickelt, die kommen wir, die sich noch nicht entrollt hat, die noch verbirgt, was der Jahr-Gott bringen wird. Simeon dagegen ist vollständig sichtbar.
Darstellung des Herrn – Darstellung Jesu im Tempel und Lobpreis des Simeon, Frau Angelico, (gemalt 1450 — 1452)
Das zweite Bild stellt ein rundes Tempelgebäude dar mit vier Säulen. Der Altar ist mit einer Raute, dem Zeichen des Lichtes, das in die Erde wirkt, geschmückt. Sowohl die runde Form als auch die vier Säulen und die Raute lassen sich als Hinweis auf den Jahreslauf lesen. Auf diesem Bild trägt Hanna das Grün und kann vor diesem Kontext als die ewig lebende Göttin Natura angesehen werden. Simeon ist mit einem roten Kleid angetan, der Farbe des Blutes – des Lebens, das nun alt geworden ist. Sowohl Maria als auch Joseph sind in rot und blau gekleidet, die Farbkombination, die stets auf die Halbjahre verweist. Maria trägt wie üblich das rote Kleid und den blauen Mantel, Joseph gegengleich ein blaues Kleid mit rotem Umhang. Hinter Joseph scheint ein neuer grün gekleideter Junge herbeizueilen, während auf der anderen Seite (hier nicht sichtbar, weil ich es abgeschnitten habe, um den runden Tempel hervorzuheben) ein rot gekleidetes Mädchen wartend in einem Torbogen steht.
Darstellung des Herrn im Jahreskreis – Darstellung Jesu im Tempel und Lobpreis des Simeon mit Hanna, Frau Angelico (1395 – 1455), Ausschnitt
In China wird interessanterweise das Datum von Neujahr, das Frühlingsfest, wie das Osterfest nach Sonne und Mond berechnet. Nur ist in China die Wintersonnenwende statt der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche der Orientierungspunkt der Sonne und es ist der zweite Neumond statt der erste Vollmond, der das Datum bestimmt. Nach ihrem Lunisolarkalender beginnt das Fest stets mit dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende. Der Termin liegt deshalb zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar — im Jahr 2025 war es der 29. Januar. Gefeiert wird bis zum folgenden Vollmond. Den Legenden nach griff ein Monster namens Nian – was „Jahr“ bedeutet – zu dieser Zeit die Menschen an und verwüstete die Dörfer. Um sich zu schützen, verkleideten sich die Menschen als rote Löwen, schmückten ihre Häuser mit roter Farbe und machten viel Lärm.
Hier wird die Kraft der Zeit, das Jahr, als gefährliches Ungeheuer betrachtet. Nian, meist gedeutet als das alte Jahr, ist offensichtlich eine bedrohliche, zerstörende und todbringende Kraft. Es war gefährlich, im alten Zeit-Raum, im alten Zyklus “hängenzubleiben”. Möglicherweise war aber auch das neue Jahr das, was als gefährlich erlebt wurde, denn jedes Lebewesen nähert sich mit dem Fortschreiten der Zeit seinem eigenen Tod. Sicherlich versicherte man sich mit der roten Farbe und dem Löwenkostüm der eigenen Lebenskraft.
Das Mantra 19 St in der Ausgabe des Seelenkalenders von 1925/26
In der ersten Ausgabe des Seelenkalenders von 1912/13 heißt das 19. Mantra 19 S, so wie auch ich es bezeichne. Doch in der Ausgabe von 1925/26 wird dieses Mantra 19 St genannt. Die weitreichenden Konsequenzen für den ganzen Seelenkalender sind hier nachzulesen. Es erscheint mir bezeichnend, dass gerade das S‑Mantra (des Sommer-Halbjahres), das durch das S mit der Schlangenkraft verbunden ist, durch die Einfügung des St zur Ursache der erheblichen Veränderungen wurde. Auch auf das Winter-Halbjahr hat das Einschieben des St Auswirkungen, doch hier ist es das Mantra 45 t, das zu 45 st wurde.
Das Mantra 44 s als erstes Mantra der Osterscholle und die Jakobsmuschel als Osterscholle
Der Weg durch die Osterscholle gleicht einer Wanderung. Die Mantren beinhalten den Weg in die Inkarnation, über die Geburt bis zum Tod. Ja, tatsächlich lassen sich die besonders markanten Schritte wie Empfängnis, die ersten Stufen der Schwangerschaft, Geburt und am Ende der Tod aus den Mantren herauslesen. Im Durchleben des Jahreskreises „üben“ wir nicht nur mit der Natur das Stirb-und-Werde, wir üben ganz konkret Reinkarnation. Der Weg durch den „Sonnenbereich“ des Jahres ist der Geist-Weg von der einen Inkarnation zur nächsten. Hier herrscht der zyklische Charakter der Zeit vor. Der Weg durch den „Mondbereich“ ist der Erdenweg. Und dieser ist linear, mit Anfang und Ende. Dieser Erdenweg beginnt lange vor der Empfängnis mit dem Lenken der Verwandtschaftsströme, wie Rudolf Steiner es beschreibt (siehe Blog 44 s).
Da der Erdenweg einer Pilgerreise gleicht und ich in der Osterscholle die Pilgermuschel erkenne, soll hier auch der heilige Jakob, der große Wanderer mit seinem Sternenweg, dem Jakobsweges nach Santiago de Compostela Raum finden. Die tatsächlich so benannten Jakobsmuscheln finden sich dort am Strand.
Neunstrahlige Jakobsmuschel an einer Kirchenfassade
Im Jahreskreis findet sich das Pilgerabzeichen der Jakobsmuschel als Osterscholle. Dieses Pilgerabzeichen zeigt in seiner klassischen Form neun gelbe Strahlen auf blauem Grund. Zusätzlich gibt es zwei seitliche kurze Strahlen, die das „Gelenk“ der Muschel andeuten, die Verbindung zur anderen Muschelhälfte. Ich sehe in diesen Strahlen die Schwellensprüche 14 N und 39 n angedeutet, denn auch sie bilden die „Nahtstelle“ von der Erdsphäre und der Geistsphäre. Da die Jakobsmuscheln gewellt sind, lassen sich die 18 Wochen der Osterscholle als neun gelbe „Berg-“ und neun blaue „Tal-Strahlen“ dieser Muschel interpretieren. So beginnt für mich die Osterscholle mit dem “Tal” des Mantras 44 s und endet mit dem “Berg” des Mantras 9 I. Das Wanderzeichen des Jakobsweges repräsentiert dadurch die Osterscholle. Sein mittlerer Hauptstrahl strahlt so in die Osterwoche mit dem Mantra 1 A.
Ich vermute, dass der Zusammenhang des Symbols mit der Osterzeit durchaus Absicht ist. Die neun Wochen, die die wichtigen Feste Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam enthalten, — Feste, die alle durch den Abstand zum Osterfest definiert sind, — diese Neun-Zahl ist kein Geheimnis! Gleichzeitig weist der mittlere und längere Strahl, um den zu beiden Seiten je vier kürzere gruppiert sind, darauf hin, dass es neben der (neun wöchigen) nachösterlichen Zeit eine eben solange vorösterliche gibt.
Das neunstrahlige Wanderzeichen des Jakobsweges von Compostela — die Jakobsmuschel — als Osterscholle
Neun Strahlen – 18 Wochen in neun „Bergen“ und neun „Tälern“
Endlich beginnt das ganz Neue wirklich! Das Neue, die neuen Sinnesreize werden ergriffen, um sie denkend zu gestalten. Doch was so deutlich von Seelenklarheit und Schöpferwillen im Denken spricht, entzieht sich gleichzeitig dem logischen Nachvollzug.
Die Legende (bezeugt aus dem 7. Jhd.) erzählt, das Jakobus der Ältere — Jesus nannte ihn und seinen Bruder Johannes die „Donnersöhne“ — nach der Himmelfahrt Christi in Spanien das Christentum predigte. Nachdem er nach Palästina zurückgekehrt war, so steht es im Evangelium, wurde er im Auftrag von Herodes Agrippa I. enthauptet, was im Jahr 44 nach Christus gewesen sein muss. Jakobus ist der erste, der als Christ den Märtyrertod fand. Dann erzählt die Legende weiter, dass seine Jünger Athenasius und Theodorus den Leichnam in ein Boot legten, aus Angst, der Leichnam könnte ihnen genommen werden. Nach sieben Tagen wurde dieses Boot im Nordwesten Spaniens an Land gespült und der Apostel weiter im Landesinneren beerdigt.
Überfahrt der Gebeine des hl. Jakobus nach Galicien – an der Fassade der Kathedrale von Santiago
Das Grab geriet in Vergessenheit. Erst am Anfang des 9. Jahrhunderts, als die Christen dringend Unterstützung gegen die Mauren brauchten, wurde es wiederentdeckt. Weiter wird erzählt, dass ein Eremit leuchtende Sterne gesehen hatte, die das Grab anzeigten. Bischof Theodomir, von dem Eremiten zu dem Grabmal geführt, erkannte in den gefundenen Gebeinen jene des Apostels. Der Ort des Grabes wurde Santiago de Compostela, Sankt Jakob vom Sternenfeld (campo estela) genannt und das dritte große christliche Pilgerziel, nach Jerusalem und Rom war geboren.
Doch wahrscheinlich ist der Weg bis an das „Ende der Welt“, nach „Finisterre“ viel älter. Der Pilgerweg, der Camino de Santiago folgt einem alten Weg nach Cabo Fisterra (= Kap am Ende der Welt), den wohl schon die Kelten benutzten. Und wirklich zuende ist der Pilgerweg auch heute erst dort. Der westlichste Ort, der Ort des Sonnenuntergangs war gleichzeitig der Ort, wo das Reich der Toten und der Wiedergeburt begann. Es wird erzählt, dass die Kelten einem alten Sternenweg folgten, der zurückführte nach dem verschwundenen Reich Atlantis.
Schnell verbreitete sich der Ruf, in Santiago de Compostela Gnade zu finden vor Gott durch die Vermittlung des heiligen Jakobus. Viele Bischöfe und Adlige unternahmen die Reise und auch von Franz von Assisi ist sie bezeugt. Bald schon folgte das einfache Volk. Heute wird der Pilgerweg auch als irdisches Abbild der Milchstraße beschrieben, was auf den Sternenweg der Kelten Bezug nimmt. In diesem Bild wird die Suche des Menschen nach dem Ewigen deutlich, dem Himmlischen, das im gestirnten Himmel erlebt werden kann.
Über die Gegensprüche 19 S und 44 s
Die Mantren 19 S und 44 s sind beide in der Ich-Perspektive geschrieben und betreffen deshalb Prozesse, die dem wachen Bewusstsein zugänglich sind.
Das Mantra 19 S beginnt mit einer Zielformulierung. Der Sinn des eigenen Strebens in der Zukunft sei es, das Neu-Empfangene mit der Erinnerung zu umschließen. Das Neu-Empfangene soll erinnerbar gemacht werden und dafür ist eine umschließende Bewegung notwendig. Wie oben dargestellt, “ist” das S u.a. die Schlange. Die sich rundende, umschließende Schlange ist der Ouroboros. Über die Midgardschlange der nordischen Mythologie, die die Welt der Menschen umschlingt, sagt Rudolf Steiner: “In den Wassern, die um die Kontinente herumgeschlungen waren und die sich berührten, sahen die alten Vorfahren der mitteleuropäischen Bevölkerung die Midgardschlange. Sie bewahrte die heruntergesunkene alte Weisheit, die die Menschen früher besessen hatten, und die sie jetzt nicht mehr besitzen konnten. Die Kraft des Hellsehens mußte bei den Menschen verschwinden. Niemals hätten die Götter von außen regieren können, solange die Menschen selber noch hellsehend waren. Die Midgardschlange, eine Tochter der Feuergewalten, mußte hinuntergestoßen werden ins Meer.” (GA 101, S. 68f) Die Midgardschlange ist die Tochter der Äthergöttin Gulweig, Goldfluss, einer Wanin, und des listigen Loki. Sie ist das Ergebnis des Götterkampfes, als die neue Göttergeneration der Asen begann, die Wanen zu bekämpfen. Als der Astralleib die Oberhand über den Ätherleib gewann, versank die alte Weisheit, da verwandelte sich das Sonnengold in die Schlange in den Tiefen des Ozeans, des Unterbewusstseins. Fortan verlor der Mensch den Zugang zur alten Weisheit und aus dem Unterbewusstsein wirkten die Triebe und Begierden herauf ins Seelenleben. Wenn das Mantra 19 S sagt, dass es das Ziel des wachen Ich-Menschen sein muss, das Neu-Empfangene mit Erinnerung zu umschließen, so heißt das, dass der Mensch sich nun aus seinen eigenen Erfahrungen seinen Weisheitsschatz bilden muss.
Abgesehen von intuitiven Eingebungen braucht das logische Denken Erinnerung. Das Denken muss auf Erlebtes, Gelerntes, wozu auch die Sprache zählt, zurückgreifen können. Sich dessen bewusst zu werden, die Grundlagen der eigenen Denkschritte zu kennen, entspricht dem Bild des geschlossenen Kreises. Rudolf Steiner beschreibt einen solchen Zirkelschluss als das Geistselbst: „Heute begreifen nur wenige Menschen eigentlich das Manas [Geistselbst]. Das Denken mit dem Denken zu begreifen, das Denken im Denken zu erhaschen, die Ewigkeitsschlange fertig zu runden, das ist die Aufgabe der fünften Unterrasse. Das Denken ist das Organ, wo sich zunächst das menschliche Wesen wie an einem Zipfel ergreift.“ (Lit.:GA 94, S. 249)
Geistselbst-Entwicklung ist also das Ziel des Strebens im Mantra 19 S. Es — das Neu-Empfangene — (oder er — der Sinn siehe Blog 19 S) soll erstarkende Eigenkräfte im eigenen Innern wecken, Geistselbst-Kräfte eben, die werdend, durch den fortlaufenden Entwicklungsprozess mich mir selber geben. Das heißt, ich werde mir als geistiges Wesen, — als Geistselbst — gegeben.
Die beiden Verlaufsendungen “erstarkend Eigenkräfte” und “werdend mich mir selber geben” betonen die Bedeutung der Zeit. Wird die Zeit zyklisch gedacht, so tritt die umschließende Gebärde wieder auf, das Runden der Ewigkeitsschlange.
Der sich bildende Erinnerungsschatz ist die sich fortwährend weiterentwickelnde Grundlage der biographischen Identität des Menschen, seines Ich-Erlebens. Durch die selbst herbeigeführten Veränderungen wird Selbstwirksamkeit, die Eigenkraft erlebbar, die durch Erinnerung, den vorher-nachher Vergleich, bewusst werden kann.
Die erstarkenden Eigenkräfte lassen den Stab des Moses, das Bild der aufgerichteten Schlange erahnen. Da Kräfte sich geltend machen, kann auch der ausstrahlende Aura-Aspekt des S hier mitgedacht werden.
Das Mantra 44 s spricht vom Ergreifen der neuen Sinnesreize durch den Schöpferwillen des eigenen Denkens. Doch gerade dieses Mantra verschließt sich dem grammatisch-logischen Nachvollzug. Es wird der Logik zugänglicher, wenn die Zeilen umgestellt werden und die Syntax angepasst wird. Die Reihenfolge, in der die Zeilen einen verstandesmäßig nachvollziehbaren Zusammenhang bilden, folgt einer Pendelbewegung um die mittlere Zeile. Diese mittlere Zeile spricht von der Geistgeburt (gelb), während die anderen Zeilen entweder auf die Wahrnehmung, das Außen (rot) verweisen, oder auf das Denken, den seelischen Innenraum (blau).
44 s Zeilen umgestellt
Ergreifend neue Sinnesreize
Mit meines Denkens Schöpferwillen.
Erfüllet Seelenklarheit [,] (A.F.)
Verwirrend sprossend Weltenwerden (, A.F.)
Eingedenk vollzogener Geistgeburt [,] (. A.F.)
Das Mantra erhält ohne Zeilenumstellung einen wellenden, webenden, ungreifbaren, schlängelnden Charakter. Die Zeile der Geistgeburt steht dagegen wie ein Fels in der Brandung. Die Geistgeburt hat schon stattgefunden und der Ich-Sprecher ist ihrer eingedenk. Er bezieht die Erinnerung an die Geistgeburt ein, während er die neuen Sinnesreize mit seinem Schöpferwillen im Denken, also denkend ergreift. In diesem Mantra geht es also vorrangig um die Aufnahme und Verarbeitung der Sinneswahrnehmung, während es im Mantra 19 S um die Erinnerungsbildung und Geistselbst-Werdung geht. Geling es, der Geistgeburt eingedenk zu sein, erfüllt Seelenklarheit das von sich aus verwirrende, sprossende Weltenwerden. Die Geistgeburt verstehe ich wieder als das Geistselbst, das im Geist geborene Selbst. Versteht sich der Mensch als geistiges Wesen, kann er die Erscheinungen der Sinneswelt ordnen, und zwar von diesem Bezugspunkt aus.
Folgende Aussage von Rudolf Steiner scheint mir sich auf beide Mantren zu beziehen: „Der ein «Ich» bildende und als «Ich» lebende Geist sei «Geistselbst» genannt, weil er als «Ich» oder «Selbst» des Menschen erscheint. Den Unterschied zwischen dem «Geistselbst» und der «Bewusstseinsseele» kann man sich in folgender Art klarmachen. Die Bewußtseinsseele berührt die von jeder Antipathie und Sympathie unabhängige, durch sich selbst bestehende Wahrheit; das Geistselbst trägt in sich dieselbe Wahrheit, aber aufgenommen und umschlossen durch das «Ich»; durch das letztere individualisiert und in die selbständige Wesenheit des Menschen übernommen. Dadurch, daß die ewige Wahrheit so verselbständigt und mit dem «Ich» zu einer Wesenheit verbunden wird, erlangt das «Ich» selbst die Ewigkeit.
Das Geistselbst ist eine Offenbarung der geistigen Welt innerhalb des Ich, wie von der anderen Seite her die Sinnesempfindung eine Offenbarung der physischen Welt innerhalb des Ich ist. In dem, was rot, grün, hell, dunkel, hart, weich, warm, kalt ist, erkennt man die Offenbarungen der körperlichen Welt; in dem, was wahr und gut ist, die Offenbarungen der geistigen Welt. In dem gleichen Sinne, wie die Offenbarung des Körperlichen Empfindung heißt, sei die Offenbarung des Geistigen Intuition genannt. Der einfachste Gedanke enthält schon Intuition, denn man kann ihn nicht mit Händen tasten, nicht mit Augen sehen: man muß seine Offenbarung aus dem Geiste durch das Ich empfangen.“ (Lit.:GA 9, S. 52f)