Die Gegensprüche 19 S und 44 s

19 S

Geheimnisvoll das Neu-Empfang´ne

Mit der Erinn´rung zu umschließen,

Sei meines Strebens weitr­er Sinn:

Es soll erstark­end Eigenkräfte

In meinem Innern wecken

Und wer­dend mich mir sel­ber geben.

44 s

Ergreifend neue Sinnesreize

Erfül­let Seelenklarheit,

Einge­denk vol­l­zo­gen­er Geistgeburt,

Ver­wirrend sprossend Weltenwerden

Mit meines Denkens Schöpferwillen.

.…

44 s Zeilen umgestellt (ohne Satzzeichen)

Ergreifend neue Sinnesreize

Mit meines Denkens Schöpferwillen

Erfül­let Seelenklarheit

Ver­wirrend sprossend Weltenwerden

Einge­denk vol­l­zo­gen­er Geistgeburt

Die Eurythmieformen zu den Mantren 19 S und 44 s

Über den Buchstaben “S”

Das S wird gebildet, indem die Zunge eine schmale Rinne formt und die Luft durch eine kleine Öff­nung kurz hin­ter den oberen Schnei­dezäh­nen entlässt, sodass ein schar­fes Zis­chen entste­ht. Für das mit dem S ver­wandte Sch wird die Öff­nung zu einem Schlitz ver­bre­it­ert und zusät­zlich die Lip­pen ähn­lich wie für die Artiku­la­tion des U geformt.

Das S ist ein über­aus kom­pliziert­er Laut. Er kann scharf, d.h. stimm­los sowie weich, d.h. stimmhaft gesprochen wer­den, ohne dass sich im Deutschen diese Verän­derung durchgängig in der Schrift zeigt. Durch die Lautver­schiebun­gen ver­wan­delte sich im Deutschen das scharfe S der älteren Zeit in das Sch des Hochdeutschen, weshalb auch das Sch hier zu betra­cht­en ist. Das Sch kann eben­so wie das S stimm­los und stimmhaft gesprochen wer­den. Die stimmhafte Vari­ante tritt im Deutschen nur in Fremd­worten auf, die z.B. aus dem Franzö­sis­chen stam­men. Ein Beispiel ist ‘Garage’, dessen geschriebenes G als stimmhaftes Sch, also etwa “dsch” gesprochen wird.

Außer­dem zeigt das S eine beson­dere Affinität, sich mit anderen Laut­en zu ein­er Ein­heit zu verbinden. So wird aus T und S das Z, gesprochen “ts” und aus K und S das X, gesprochen “ks”.

Nicht nur die Aussprache des S, sein Klang, auch seine jew­eilige Buch­staben­form unter­lag in den alten Alpha­beten Wand­lun­gen und manche Form ging ver­loren. Dies alles macht einen Überblick schw­er. Allein das slaw­is­che Alpha­bet hat­te ehe­dem drei Buch­staben für Klang­vari­anten des S‑Lautes. Ich will sprachüber­greifend nach stimm­losem und stimmhaftem S gliedern, denn im Klang sprechen sich die Aspek­te des S‑Lautes am unmit­tel­barsten aus.

Diese Beson­der­heit­en des S‑Lautes brin­gen es mit sich, dass die von mir in den fol­gen­den Dar­legun­gen anzuführen­den Beispiele z.T. nicht der im Fokus ste­hen­den Klangqual­ität (stimm­los, stimmhaft oder als Sch-Laut) entsprechen.

Das stimm­lose, scharfe S

Slo­vo (С с) heißt im slaw­is­chen Alpha­bet das scharfe S. Die Form des Buch­stabens entspricht dem lateinis­chen C, einem Hal­bkreis. Die Beze­ich­nung kommt von ’slysati’, ‘hören’ und meint auch ‘Wort’. Das S ist also das Wort. Wie auch beim griechis­chen Logos-Begriff umfasst Slo­vo die im Men­schen als Logik wirk­ende Ver­standeskraft, die im Sprechen, dem Gebrauch des Wortes, zum Aus­druck kommt. Eng ver­wandt ist ’sla­va’, die Aura, das dem Namenswort ‘Slawen’ zugrunde liegt. Slawen erleben sich also als die Men­schen mit der Aura, mit dem Lichtschein um sich. Wort und Licht, ’slo­vo’ und ’sla­va’ bilden noch fast eine Ein­heit. Bei­de kön­nen auf zwei Ursprungsworte, alt­per­sisch ’srayah-’, das ‘Wort’ und san­skrit ‘cravah’, die ‘Glo­rie’ d.h. der Lichtkranz, die Aura, bezo­gen werden.

Das S ist eine tren­nende und verbindende Kraft, die in ’slo­vo’, dem Wort erlebt wird. Die ver­schiede­nen Sprachen tren­nen die Men­schen unter­schiedlich­er Völk­er und verbinden diejeni­gen gle­ich­er Mut­ter­sprache. Auch das Wort, der Begriff tren­nt durch immer genauere Beze­ich­nun­gen und verbindet durch die Bil­dung von Ober­be­grif­f­en. Analyse und Syn­these sind die als magis­che Schöpfer­kräfte emp­fun­de­nen Wirkun­gen des S‑Lautes. Rudolf Stein­er sagt: “Die Empfind­ung gegenüber dem S, der S‑Schwingung, der S‑Windung ist … außeror­dentlich kom­pliziert. … Wies man hin … z.B. auf das T, … so tat man das mit ein­er gewis­sen feier­lichen Andacht. Dage­gen der Hin­weis auf das S war immer ver­bun­den mit etwas — … Furchter­re­gen bei den­jeni­gen, die man auf dieses Sym­bol­um hin­wies; etwas Furchter­re­gen­des, etwas, wovor man sich hüten soll.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 343)

Das S als Laut der ‘Sprache’ und der ‘Sage’ find­et sich in vie­len Worten, die mit Sprache zu tun haben. Auf griechisch bedeutet ‘glos­sa’ die Sprache, auf lateinisch ’sér­mo’, was im Deutschen zum lan­gen ‘Ser­mon’ wurde.

Das S ist der Schlangen-Laut. Im indis­chen Lautbe­deu­tungssys­tem wird das S erlebt als die Schlange (Her­mann Beckh, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 343) Auch eine alt­slaw­is­che Form des S ist wie im lateinis­chen Alpha­bet die dop­pelt gekrümmte Lin­ie. Rudolf Stein­er bestätigt diesen Zusam­men­hang: “Der S‑Laut, er ist das­jenige, was immer emp­fun­den wurde, als eben noch ein Empfind­en da war für diese Dinge, als etwas ganz beson­ders tief in das Sprach­liche Ein­greifend­es. Man kann sagen: das Erleb­nis des S‑Lautes hängt zusam­men mit den­jeni­gen Empfind­un­gen, welche man in Urzeit­en der Men­schheit­sen­twick­lung für das Schlangen­sym­bol gehabt hat. … Daher wird in den­jeni­gen Schriften, wo das S die Schlangen­lin­ie zugrunde liegt ver­schiede­nen Buch­staben, auch schon die Schrift als etwas Unheim­lich­es emp­fun­den.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 343)

Ernst Moll schreibt: “Das Verbindende bzw. Tren­nende des Wortes … tren­nt zwis­chen Him­mel und Erde, zwis­chen dem Geist und dem Stoff. Der stumme Stoff ist im Worte zum Träger des Geistes erhoben. Unof­fen­bares offen­bart sich in der Leib­lichkeit des tönen­den Wort­ge­bildes. Laut und Begriff sind eins im Wort. Das Wort ist ein Mys­teri­um. Der Him­mel find­et die Erde im Wort. Der Men­sch ist sein Träger. Er ist Priester des Wortes. Wo der Men­sch das Wort ver­liert, wird Him­mel und Erde zer­ris­sen. Wel­ten-Analyse ist S; Wel­ten-Syn­these ist S. Das S ist der ‘Son­nen­sohn’ und das S ist ‘Satanas’. Es ist … ‘Ge-sund­heit’ und … ‘Siech­sein’ … ‘Summe’ als ein Viel­sein und ‘Sin­gu­lar’ als Einzelnes — das S ist bei­des: ’samt und son­ders’.” (Die Sprache der Laute, S. 342)

Rudolf Stein­er beschreibt das Schlangen­we­sen als den Äther­leib, der in der drit­ten Kul­ture­poche das Erken­nt­nisor­gan des Men­schen war. Nicht mit dem physis­chen Gehirn suchte der Men­sch nach Weisheit, son­dern mit seinem Äther­leib, der sich in die Erde hinein fort­set­zte, der ihn sich eins fühlen ließ mit der Erde. “Der Men­sch, der in jen­em alten Zeital­ter das erlebte, was ich eben charak­ter­isiert habe, sagte: In mir ist die Schlange regsam gewor­den. — Sein Wesen hat­te sich hinein­ver­längert in die Erde. Seinen physis­chen Leib fühlte er nicht als das eigentlich Tätige. Er fühlte sich so, wie wenn er einen Schlangen­fort­satz in die Erde hinein erstreck­te und der Kopf das wäre, was her­aus­ragte aus der Erde. Und dieses Schlangen­we­sen, dieses fühlte er als das Denk­ende. Und aufze­ich­nen kön­nte man sein Wesen so, daß sein Äther­leib sich in die Erde hinein als Schlangenkör­p­er ver­längerte, und daß, während er als physis­ch­er Men­sch außer­halb der Erde war, während des Erken­nens und Wis­sens er in die Erde hinein­ragte und mit seinem Äther­leib dachte. Die Schlange ist in mir tätig, sagte er. So also hieß gewis­ser­maßen Erken­nen in den alten Zeit­en: Ich bringe die Schlange in mir zur Tätigkeit; ich füh­le mein Schlangenwesen.”

(GA 142, S. 85)

In der Tiefwin­terzeit fühlte der Men­sch die Schlangenof­fen­barung als seine wach­sende Klugheit, wie Rudolf Stein­er sagt: “Der Men­sch nähert sich dem Bösen, aber sein Ver­stand kon­so­li­diert sich. Man hat dur­chaus etwas wie eine Schlangenof­fen­barung gefühlt in der Tiefwin­terzeit, aber zugle­ich … das Stärk­er­w­er­den der Klugheit, des Nach­den­klichen, dessen, was den Men­schen schlau und listig machte. … so kam in der Tiefwin­terzeit her­an an die Men­schen die Ver­suchung der Hölle, die Ver­suchung von­seit­en des Bösen. … Und das war die Zeit, … in der der Men­sch entwick­eln musste, was sich in ihm ja ohnedies naturhaft zusam­men­schloss: das Ver­standesmäßige, das Schlaue, das Listige, das auf das Nüt­zliche gerichtete. Das sollte der Men­sch bezwin­gen durch die Beson­nen­heit. … Und man rech­nete darauf, dass durch diese Beson­nen­heit, durch dieses Sich­hüten vor dem Bösen die Men­schen zu ein­er Art von Selb­sterken­nt­nis kom­men.” (GA 223 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 346)

Im S wurde gle­ichzeit­ig die Macht des Heilens erlebt. Das Schlangen­sym­bol des Merkurstabes, sagt Rudolf Stein­er, lässt empfind­en, “dass man eine gewaltige Beruhi­gung desjeni­gen fühlt, was in Unruhe ist, wobei man zugle­ich die Sicher­heit empfind­et, in das ver­bor­gene Wesen von irgend etwas beruhi­gend einzu­greifen. … [Das S ist] ein Beruhi­gen des Bewegten” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 347) Auch heute lassen Men­schen den S‑Laut ertö­nen, sie sagen “ssss”, wenn sie Ruhe wünschen.

Ärzte früher­er Zeit­en waren Zauber­sprech­er, Hand­haber der S‑Kraft. Heute sind es die Chirur­gen, die mit ihrem ‘Mess­er’ in das Inner­ste ein­drin­gen. Chris­tus, dem Hei­land, geht als Wel­tenrichter das zweis­chnei­di­ge Schw­ert aus dem Mund — das Schw­ert des Wortes der Unter­schei­dung von Gut und Böse. Im Namen ‘Jesus’, der von ‘Josua’, “Gott ist Hil­fe” kommt, find­et sich das S eben­so wie im griechis­chen Attrib­ut des Chris­tus, ’sotér’, das von ’sózein’ ret­ten kommt.

Der griechis­che Name des S‑Lautes ist Sig­ma (Σ, σ), die ‘Stütze’, der ‘Rück­halt’, das ‘Rück­grat’. Zwar kommt ’sig­ma’ vom hebräis­chen ’samech’ (ס) (smk) und ’samach’ (smk) bedeutet ’stützen’, ’stem­men’, ‘helfen’, ‘unter­stützen’, doch kommt die Form des Sig­ma vom hebräis­chen Buch­staben ’sin’ (ש), dem ‘Zahn’.

Mit dem S als Rück­grat ist auf das Geheim­nis des Merkur- oder Äsku­lap­stabes, des Schlangen­stabes ver­wiesen, das heute Sym­bol des Heilens und der Ärzte ist. Rudolf Stein­er sagt: “Man kann sagen: das Erleb­nis des S‑Lautes hängt zusam­men mit den­jeni­gen Empfind­un­gen, welche man in Urzeit­en der Men­schheit­sen­twick­lung für das Schlangen-Sym­bol, oder auch in gewis­sem Sinne für das Sym­bol des Merkurstabes gehabt hat, aber nicht für das eigentliche Merkursym­bol, son­dern eben für das Sym­bol des Merkur-Stabes.” (GA 279 in: Ernst Moll, die Sprache der Laute, S. 355)

Die Inder nan­nten die als Schlangenkraft wahrgenommene Leben­skraft, die ‘Kun­dali­ni’ von ‘kun­dala’, ‘gerollt’, ‘gewun­den’. Sie ruht zusam­mengerollt am unteren Ende der Wirbel­säule. Drei senkrechte Energiekanäle durchziehen den Rücken.

Die drei Schlangen- bzw. Energiekanäle des indis­chen Chakren-Systems

Im Ida-Kanal strömt die Mon­den­ergie auf der linken Seite der Wirbel­säule, im Pin­gala-Kanal strömt die Sonnenen­ergie auf der recht­en Seite der Wirbel­säule. (Im Kopf­bere­ich wech­seln die Seit­en.) In den mit­tleren Kanal, in das ätherische Rück­grat soll die Kun­dali­ni, die “trauernde junge Witwe”, ein­treten, sofern es gelingt sie zu weck­en. Hier soll sie auf­steigen und zum Stab wer­den. Inter­es­san­ter­weise find­en sich auf vie­len Kreuzi­gungs­darstel­lun­gen Sonne und Mond entsprechend rechts und links über dem Kreuz ange­ord­net, wie es im Bud­dhis­mus für die drei Energiekanäle üblich ist.

Eine Darstel­lung des Zusam­men­hangs der ganzen Oster­scholle mit der Kun­dali­ni-Schlangenkraft find­et sich im Blog-Artikel 10 K — 43 r, der Mantren, die an die Oster­scholle angrenzen.

Ver­wandt mit der auf­steigen­den Kun­dali­ni ist das seel­is­che Geschehen, das hin­ter dem mythol­o­gis­chen Bild der Aufrich­tung der “Ehernen Schlange” ste­ht. Im Alten Tes­ta­ment (4. Mose 21, 4–9) wird erzählt, dass eine Schlangen­plage das Volk auf der Wüsten­wan­derung bedro­hte und Moses von Gott den Auf­trag erhielt, eine eherne Schlange herzustellen und diese aufzuricht­en. Wer for­t­an von ein­er Schlange gebis­sen wurde und zur aufgerichteten Schlange empor­sah, sollte leben (mehr dazu unter dem Blog­a­r­tikel der Spiegel­sprüche 10 K — 43 r).

Dieser Stab wird in der bilden­den Kun­st meist nicht als eine Ger­ade dargestellt, son­dern kreuzähn­lich. Das beruht darauf, dass das Johannes Evan­geli­um bezug­n­immt auf die Tat des Moses und sie als Vorverkündi­gung der Kreuzi­gung Jesu deutet. „Und wie Mose in der Wüste die Schlange aufgerichtet hat, so muss des Men­schen­sohn aufgerichtet wer­den, damit jed­er, der seine Kraft im Herzen fühlt, Anteil gewin­nt an dem zeit­losen Leben.“ (J 3, 14 – 15) So zeigen christliche Bilder die eherne Schlange, wie sie ein T oder Y för­miges Kreuze umwindet.

Aufrich­tung der Ehernen Schlange, Fen­ster­bild im Kloster Arn­stein, 1360

Immer wieder find­en sich auf den Abbil­dun­gen Schlangen wie diese, deren Hal­tung an einen unvol­lkomme­nen Kreis erin­nert und damit an das zyk­lis­che Bild der Zeit, den Ouroboros. Die aufgerichtete Zeit ver­ste­he ich als die Gegen­wär­tigkeit. Das Gegen­wär­tig-Wer­den heilte also die Men­schen von den Schlangen­bis­sen. Die Gegen­wär­tigkeit befre­it von den im Äther­leib gespe­icherten alten Gewohn­heit­en und von der Fes­selung an die Ver­gan­gen­heit, die belas­ten­den Erin­nerun­gen. Eine zweite Deu­tung der Aufrich­tung der Schlange ist diese: Der Wech­sel der Jahreszeit­en vol­lzieht sich auf der Erde, weshalb der Jahreskreis entsprechend in waagerechter Bewe­gung zu denken ist. Doch dies entspricht nicht dem inneren Bild, das als Vorstel­lung vor dem Men­schen aufgerichtet ste­ht. Den täglich beobachteten Vol­lzug des Jahres zum Vorstel­lungs­bild eines Jahreskreis­es zu abstrahieren erfordert Erin­nern und Voraus­denken. Nur durch diese geisti­gen Kräfte des Men­schen kann das Jahr als Kreis­lauf vorgestellt wer­den. Als äußere Anschau­ung ist der Jahreskreis nicht vorhan­den, weshalb dieselbe eine gegen­stands­freie Vorstel­lung ist. Durch diese geistige Leis­tung richtet der Men­sch den Jahreskreis auf. Wird der Jahreskreis als Ouroboros, als Schlange, die sich in den Schwanz beißt, vorgestelt, so ist es die aufgerichtete Schlange.

Emil Bock inter­pretiert den Stab des Moses als das Ich des Men­schen, das fähig wird “den Äther­leib unmit­tel­bar zu ergreifen und aus dem Bann des ihm for­m­gle­ich gewor­de­nen physis­chen Leibes zu lösen. … Die alte Leibfrei­heit [des Äther­leibs, der “Schlange”] kam von außen, sie war als Naturgegeben­heit von sel­ber da. Die neue kommt als eine Errun­gen­schaft des geist­stre­bi­gen Men­schen von innen; sie entspringt der Aktiv­ität des erkrafteten Ich, das den Bildekräfteleib von innen her­aus aus sein­er Ver­haf­tung an das Physis­che zu lock­ern lernt. … Für die neuere Men­schheit, gerech­net von der Moseszeit an, ist es deshalb von der größten Wichtigkeit, dass alle geistige Schu­lung von der Klärung und Kräf­ti­gung des Gedankens aus­ge­ht. … Der Stab des Denkens löst die Schlange, den alten hellse­herischen Zus­tand des Äther­leibes ab. … Der Stab des Moses ist die Herrschaft über die Schlange. … Er geht von oben nach unten, seinen Aus­gang nehmend vom klar­be­wussten Gedankenele­ment und keinen Schritt zulassend, auf dem das klare denkerische Bewusst­sein eine Unter­brechung erfährt. Dadurch ist er der Stab der Frei­heit und der Ich­heit.” (in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 357) Dieser Stab der Ich­heit wird das Vorder­grat sein, das sich laut Rudolf Stein­er in fern­er Zukun­ft aus­bilden wird. Emil Bock schreibt deshalb: “Wenn er [der Stab des Moses] immer voll­ständi­ger in den Besitz des Men­schen kommt, so bildet er sich zu einem geisti­gen Vorder­grat in der übersinnlichen Men­schengestalt aus. … Die Kraft des übersinnlichen Wahrnehmens und Han­delns ver­lässt das Rück­grat, in welchem sie als Schlange wirk­sam war, und geht in das leuch­t­ende Vorder­grat über, dessen erster Keim mit dem Bild des Mosesstabes beze­ich­net ist. Dieses richtet Moses dann als ehernes Sym­bol in der Wüste auf. Nicht ist es mehr der Stab, der nur eine ver­steck­te Form der Schlange sel­ber ist. Es ist der Stab der die Schlange über­windet und erhöht. Die Schlange ringelt sich um den Stab, an den ihr Kopf geheftet ist. Das Zeichen, das Moses mit der ehernen Schlange aufrichtet, ist ein Men­schheitssym­bol, das wir in allen Völk­ern antr­e­f­fen, die sich den krankmachen­den Ein­wirkun­gen der Vorzeit entrangen: es ist der Merkurstab, das Wahrze­ichen des Arzt­tums bis in unsere Zeit hinein.” (Emil Bock, Moses und sein Zeital­ter, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 357f)

Das stimmhafte, weiche S

Die weit­eren S‑Namen der alten Alpha­bete dif­feren­zieren nicht zwis­chen dem stimmhaften und stimm­losen S‑Laut bzw. beze­ich­nen den weichen, stim­mer­füll­ten S‑Laut. Im stimmhaften S tritt das Involviert-sein des Men­schen stärk­er her­vor, als beim stimm­losen, schar­fen S. Das Seel­is­che, das in der Stimme, im stimmhaften S klingt, verdeut­licht offen­sichtlich beson­ders gut die Durch­dringung der Materie mit dem Geist — und zwar dem seel­isch-wesen­haften Geist.

Im alten slaw­is­chen Alpha­bet gab es zwei stimmhafte S‑Laute. Selo (Ѕ ѕ / Ꙃ ꙃ) und Seml­ja (З з / Ꙁ ꙁ). Erster­er, Selo (Ѕ ѕ / Ꙃ ꙃ), war ursprünglich ein dS-Laut und ver­schliff sich zum stimmhaften S. Anfangs war also die Über­win­dung des Wider­standes im D inbe­grif­f­en. Seine Bedeu­tung ist ’sehr, gewaltig, stark’. Das deutsche Wort ’sehr’ stammt vom althochdeutschen ’ser’, das ’schmer­zlich, der Schmerz’ bedeutet. Alt­nordisch heißt ’sar’ die ‘Wunde’, das mit gotisch ’sair’ dem ‘Schmerz’ zusam­men­hängt. Das stimmhafte S von Selo ist nach Ernst Moll also das Sehrend-Versehrende, scharfe, Durch­drin­gende, das der Men­sch erlebt und erleidet.

Rudolf Stein­er beschreibt diesen Aspekt des S für den jüdis­chen S‑Laut Sin bzw. Schin (ש), der Zahn: “Ger­ade so, wie das Hinein­drin­gen in die men­schliche Seele beim alten Jeho­va durch das S aus­ge­drückt ist, so wird über­haupt dieses Ein­drin­gen in die Seele, das Durch­drin­gende durch den S‑Laut aus­ge­drückt.” (GA 158 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 348) Das Beißende, Schnei­dende, Abteilende des S beschreibt Rudolf Stein­er anhand des Wortes “stoßen”. Dieses Wort weist allerd­ings einen Sch-Laut (geschrieben als st) und einen stimm­losen S‑Laut auf, worauf Rudolf Stein­er nicht einge­ht. “Nun hat das Wort «Stoß» zwei S, am Anfang und am Ende; das gibt dem ganzen Worte seine Fär­bung, so daß der­jenige, der das Wort «Stoß» oder «stoßen» ausspricht, nun tat­säch­lich sich so fühlen muß, wie wenn sein Äther­leib gehen würde, aber nicht nur gehen, nach vorn drän­gen würde und fortwährend aufge­hal­ten wäre.” (GA 343‑I, S. 136)

Die Werkzeuge des Durch­drin­gens und Schnei­dens zeigen vielfach das S: Das Wort ‘Schw­ert’ kommt von ’swera’, schmerzen, noch älter ’schnei­den’. Althochdeutschen wurde es auch ’sahs’ genan­nt, wom­it angel­säch­sisch ’seax’ und das Volk der ‘Sach­sen’ zusam­men­hängt. Als Speise-Schw­ert, ‘mezzi-sahs’ wurde es zu ‘Mess­er’. Auch ‘Säbel’, ‘Sichel’ und ‘Sense’ führen das S. Das Wort ‘Sache’ kommt von gotisch ’sakan’, ’stre­it­en’ und meint eigentlich einen (Rechts-)Streit um etwas haben. Und auch die Ergeb­nisse der Teilung, die ‘Sta­di­en’, ‘Stufen’, ‘Stücke’, ‘Stro­phen’, ‘Staffeln’, ‘Sorten’, ‘Serien’, ‘Sek­toren, ‘Sek­tio­nen’ und ‘Sek­ten’ zeigen das S, das tren­nt, ’sortiert’ und das ‘Spezielle’ im Blick hat. Die Geschmacksvari­anten ’süß’, ’sauer’, ’salzig’, ’scharf’, (früher ’sarf’) zeigen das S im Anlaut und nur das Bit­tere bildet eine Ausnahme.

Das S ist häu­fig mit dem Flüs­si­gen ver­bun­den. Es durch­dringt  als ‘Nässe’, den Stoff, ’sick­ert’ als ‘Wass­er’, ‘fließt’ als ‘Fluss’ und zerteilt die Land­schaft. Es ist, was sich hinein­senkt im ‘See’, was ’still’ ruht oder ’sprudel­nd’ lebendig sich bewegt. Seine ein­drin­gend, durch­drin­gende, zer­reißende Kraft wird erlebt im ‘Stoß’, ‘Schmiss’, ‘Schuss’, ‘Riss’, ‘Biss’ und ‘Hass’.

Der zweite stimmhafte S‑Laut im alten slaw­is­chen Alpha­bet ist Seml­ja (З з / Ꙁ ꙁ), die ‘Erde’. In diesem Bild der “Erde” fasst sich der S‑Aspekt des ‘Star­ren’, ‘Fin­steren’ zusam­men, der aber gle­ichzeit­ig die Kraft enthält, aus dieser Dunkel­heit das neue Leben zu gebären. Der Miss­brauch dieser S‑Erdkraft führt zur schwarzen Magie und zum Bösen. Die Dunkel­heit und ver­här­tende, vereisende Kälte des Win­ters klingt auf in den ver­schiede­nen Worten für ‘Win­ter’, als da sind: alt­per­sisch ’seme-’, litauisch ’sem’, alt­preusisch ’sem­mé’, pol­nisch ’siemia’. Und diese wiederum klin­gen zusam­men mit dem nahe ver­wandten weib­lichen Wort ’smi­já’, ‘Schlange’ und dem männlichen Wort ’smi­ji’, ‘Drache’. Nach Rudolf Stein­er liegt die Ursache des Bösen in der Artung des Erd­kerns, der neun­ten Schicht. “Der Erd­kern ist sub­stanziell das­jenige, durch dessen Ein­fluss auf der Welt schwarze Magie entste­ht, von hier geht die Kraft des geistig Bösen aus. … [Die achte Schicht ist der] Zer­split­ter­er. Diese Schicht ist schuld, dass durch die Kraft, die sie auf die Ober­fläche der Erde ausstrahlt, es über­haupt auf der Erde Stre­it und Dishar­monie gibt. … Dante beschreibt diese Schicht in seiner<göttlichen Komödie> als Kainss­chlucht.” (GA 95 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 351) Die Unter­welt heißt griechisch ’skó­tos’, gotisch ’skadus’, und wurde über ’skia’, der Toten-Schat­ten zum deutschen Wort ‘Schat­ten’. Das S ver­härtet hier zum toten ‘Skelett’. Das ‘Sin­gen’ und ‘Sagen’ wird zum ‘Schreck­lichen’ oder zum ‘Schweigen’. Das S ist der Laut Satans, Ahri­mans. Rudolf Stein­er sagt: “Das S ist, wenn ich mich jet­zt anthro­posophisch aus­drück­en darf, der eigentlich ahri­man­is­che Laut.” (GA 315, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 351) ‘Sur­tur’ heißt der im Göt­terkampf von Süden kom­mende Feuer­riese, dem der Göt­ter­vater Odhin unter­liegt. In der ägyp­tis­chen Mytholo­gie ist es der Wüsten­gott ‘Seth’, der Osiris tötet und zerstückelt.

Seit alters her wer­den Buch­staben feste Zahlen­werte zuge­ord­net. Die Deu­tung der Laute und Worte anhand der zuge­ord­neten Zahlen wird Gema­tria genan­nt und ist eine Meth­ode der Mys­tik. Im slaw­is­chen Alpha­bet ist der Zahlen­wert von Selo, ’sehr’ die Zahl 6 (von Slo­vo, dem ‘Wort’ die Zahl 200 und von Seml­ja, der ‘Erde’ die Zahl 7). Die dreifache 6 ist in der Offen­barung des Johannes (13, 15–18) als 666 die Zahl des Bösen. Rudolf Stein­er schlüs­selt die Zahl anhand der Zahlen­mys­tik des hebräis­chen Alpha­bets auf als den Namen des Son­nendä­mons Sorat.

„Ein Geheim­nis ver­birgt sich auch in der Zahl des Tieres 666, von der es zugle­ich heißt: Es ist eines Men­schen Zahl. — Nach der aramäis­chen Geheim­lehre ist diese Zahl so zu lesen: 400, 200, 6, 60. Diesen vier Zahlen entsprechen die hebräis­chen Buch­staben Taw, Resch, Waw und Samech. Im Hebräis­chen liest man von rechts nach links:

400, 200, 6, 60
ת ר ו ס
Taw Resch Waw Samech

Diese Buch­staben sym­bol­isieren die vier Prinzip­i­en, die den Men­schen zur völ­li­gen Ver­här­tung führen, wenn es ihm nicht gelingt, sie umzuwan­deln. Durch Samech wird das Prinzip des physis­chen Leibes aus­ge­drückt, durch Waw das des Äther­leibes, durch Resch das des Astralleibes, durch Taw das niedere Ich, das sich nicht zum höheren Ich erhoben hat. Das Ganze zusam­men­ge­le­sen, heißt Sorat. Dies ist der okkulte Name des Son­nendä­mons, des Wider­sach­ers des Lammes. Das ist das Geheim­nis, aus dem die neuere The­olo­gie gemacht hat: Es heißt Nero. Man kann wirk­lich keine größere Fabelei find­en. Der, welch­er die Sache von Nero erfun­den hat, wird als ein­er der größten Geis­ter der The­olo­gie geschätzt. Dicke Werke sind darüber geschrieben wor­den. So wird mißver­standen, was in den sym­bol­is­chen Zeichen liegt. Büch­er wie die Apoka­lypse kann nur der ver­ste­hen, der die okkulte Schrift zu lesen ver­mag.“ (Lit.: GA 096, S. 316f)

Stoffes-Schwere, Stoffes-Starre und Stoffes-Schein nen­nt Ernst Moll die drei Schicht­en des S als Seml­ja, Erde. Das ‘Einsinken’ der ‘Saat’, des ‘Samens’ in die Erde ist S, so wie der ‘Fuß’, lateinisch ‘pes’ ‘Spuren’ hin­ter­lässt, weil er das Gewicht des Men­schen ‘ein­presst’ in die Erde.

Das gotis­che Alpha­bet nen­nt den S‑Laut Sauil (𐍃), die ‘Sonne’. Andere Vari­anten des Son­nen-S-Namens sind ’sol’, ’sug­il’, ‘Sigel’, ‘Sojil’ oder ’sun­no’ und auch andere Sprachen lassen ihr Wort für Sonne mit S anlaut­en: slaw­isch ’solnze’, lateinisch ’sol’, hebräisch ’sémes’. Ver­wandt mit ’sauil’, der Sonne ist gotis­che ’sun­ja’, die ‘Wahrheit’ und ’sun­jis’, ’sun­ja­ba’ bedeuten ‘wahr’. Die Goten erleben die Sonne noch als die Her­vor­bringerin der Wahrheit. Wie die ‘Sinne’, ins­beson­dere das ‘Sehen’, dem Men­schen Erken­nt­nis­licht schenken, so ’strahlt’ die Sonne ihr Licht in die Welt und offen­bart, das ‘Sein’ als das, was ‘ist’.

Der angel­säch­sis­che Runen­reim beschreibt Bedeu­tung der Sonne für die Seefahrer:

Sonne den Seefahren­den — immer ist eine Freude,

wenn sie fahren — über Fis­ches Bad,

oder das Meer­ross — sie bringet zu Lande.

(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 354)

Die Qual­ität des S der Sonne als Spenderin des Lebens zeigt sich im Wass­er des Lebens, dem heili­gen ‘Soma­trank’ der Inder. Zwar bedeutet ’soma’ auch Mond, doch auch er strahlt Son­nen­licht auf die Erde. Auf Griechisch heißt ’soma’ der belebte und von der Seele bewohnte Leib. Der Fokus ist hier auf den mit dem physis­chen Leib ver­bun­de­nen Äther­leib gerichtet. Bei­de Bedeu­tun­gen von ’soma’ verbinden sich durch die Tat­sache, dass der Äther­leib jede Nacht den physis­chen Leib erquickt. In der heuti­gen Medi­zin­er­sprache rück­te der Äther­leib aus dem Fokus. ‘Soma­tisch’ bedeutet nur noch ‘leib­lich, körperlich’.

Die Kel­ten nan­nten das S ‘Suil’, die Wei­de. Ihr lateinis­ch­er Name ist ’sal­ix’. Auch der deutsche Name ‘Wei­de’, der ety­mol­o­gisch mit avestisch ‘vaeti’, ‘Wei­dengerte’ und lateinisch ‘vitis’, Ranke, Rebe’ zusam­men­hängt, deutet auf die Geschmei­digkeit und Biegsamkeit der Wei­den­ruten und damit auf das, was das S charak­ter­isiert. Suil, die Wei­de, verkör­pert das S als Pflanze. Wei­den sind Bäume, die den feucht­en Boden brauchen und oft in Wassernähe wach­sen. Sie sind Geschöpfe der Gren­ze zwis­chen Land und Wass­er, des Begreif­baren und des Unfassbaren.

Das Christusmonogramm, das Chi-Rho-Zeichen mit hinzugefügtem S

Schon im Blog­a­r­tikel 18 R — 43 r hat­te ich über das Chris­tus­mono­gramm, das Chi-Rho (Χ, χ — Ρ, ρ) geschrieben. Hier sollen lediglich die Gedanken ergänzt wer­den, die durch das hinzuk­om­mende S angeregt wurden.

Immer wieder sind Darstel­lun­gen des Chi-Rho-Zeichens anzutr­e­f­fen, die nicht nur durch Alpha (Α, α) und Omega (Ω, ω) ergänzt sind, son­dern auch noch durch ein S, das sich um das untere Ende des senkrecht­en Balkens, also um die stark ver­längerte Senkrechte des Rho windet. Wie Chi und Rho stammt das S vom griechis­chen Chris­tus­na­men Χριστός (Christós). In kirch­lichen Zusam­men­hän­gen wurde es gerne als lunares Sig­ma, als C geschrieben: ΧΡϹ (Chi-Rho-lunares Sig­ma). Doch während die ersten bei­den Buch­staben als griechis­che Let­tern beibehal­ten wur­den, schrieb man später nicht Sig­ma son­dern das lateinis­che S: XPS. Warum?

Kön­nte es sein, dass mit Alpha und Omega, Rho und S vier Qual­itäten gemeint sind und die vierte Qual­ität eben bess­er durch S als durch das Sig­ma dargestellt wer­den kon­nte? Kön­nte es sein, dass Chris­tus dadurch nicht nur als Herr der lin­earen Zeit erscheint vom Uran­fang (Alpha) bis zum Ende der Zeit (Omega) son­dern auch als Regent über die Zeit als Raum, sowohl im Außen als auch im Innern?

Dann kön­nte das Rho auf den Jahreskreis, auf die Wahrnehmung (Som­mer-Hal­b­jahr) der über den Him­mel “rol­len­den” Sonne als Quelle aller Entwick­lung und Bewe­gung ver­weisen — auf das Wirken der Zeit im äußeren Raum. Das S kön­nte dage­gen auf die im See­lenin­nen­raum lin­ear erlebte Zeit verweisen.

Chi-Rho‑S Chris­tus­mono­gramm (lei­der ohne weit­ere Angaben)

Durch das Denken, das dem Win­ter-Hal­b­jahr zuge­ord­net ist, erlebt der Men­sch die Zeit aufgeteilt in die drei Qual­itäten Zukun­ft, Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit. Dreimal schnei­det die S‑Linie die Senkrechte und bildet dadurch zwei geschlossene, ver­set­zte Hal­bkreise. Wenn diese bei­den Hal­bkreise als die Hal­b­jahre mit der dem See­lenkalen­der mit­gegebe­nen Bedeu­tung von Wahrnehmung und Denken inter­pretiert wer­den, so verdeut­lichen die mit dem S gebilde­ten Hal­bkreise, dass Wahrnehmung und Denken auseinan­dertreten sollen. Das Bewusst­sein, das wahrnehmend nach außen gerichtet und denk­end im Innern aktiv ist, soll frei und nicht instink­thaft inter­agieren. Eine Wahrnehmung, ein Reiz, soll nicht zwang­haft zur Reak­tion führen, son­dern dem Men­schen Wahl­frei­heit geben. In der Seele soll es anders sein als im Außen, wo das rollen des Rho herrscht. In der Seele soll das unter­schei­dende S regieren.

Das Chris­tus­mono­gramm ergänzt durch das S mutet wie ein bild­hafter Vor­läufer des See­lenkalen­ders an, wie geronnene geheime Weisheit.

Die Osterscholle und das Fest der Darstellung des Herrn, das Lichtmess- oder Imbolc-Fest

Mit dem Mantra 44 s begin­nen die neun auf Ostern hin­führen­den Wochen, die vom Oster­da­tum abhängige Zeit, auch wenn äußer­lich erst Ascher­mittwoch in der siebten Woche vor Ostern (46 u) seine Abhängigkeit vom Oster­da­tum kund­tut. Doch das Mantra 44 s spiegelt mit dem let­zten Mantra der Osterzeit, mit dem Mantra der Fron­le­ich­namswoche 9 I (großes i), weshalb ich davon aus­ge­he, dass zwar noch ganz im Ver­bor­ge­nen, die voröster­liche Zeit mit dem Mantra 44 s begin­nt. Damit sind sowohl neun Wochen vor Ostern als auch neun Wochen nach Ostern mit dem jährlich neu zu ermit­tel­nden Oster­da­tum ver­bun­den. Sie bilden die Oster­scholle, den Mond im Jahr. Und diese Zeit hat Anfang und Ende und ist damit linear.

Gle­ichzeit­ig ist der Ostere­in­fluss noch so zart, dass das Mantra für mich auch mit einem Datum und zwar dem 2. Feb­ru­ar, dem Lichtmess-Fest, ver­bun­den erscheint. Dieser Tag liegt meist in der Woche 44 s, sofern der Ein­fluss des kom­menden Oster­festes nicht beachtet wird. Das Fest dieses Tages hat ver­schiedene Namen: Lichtmess, Mar­iä Reini­gung, Darstel­lung des Her­rn oder Imbolc nach dem keltischen Festzyklus.

Bevor ich auf die ver­schiede­nen Aspek­te dieses Festes einge­he, kurz nochmal zur Oster­scholle, denn das Fest ist Aus­druck der kom­menden neuen Zeitqual­ität, die ich die Oster­scholle nenne.

Maßgebend für die Oster­scholle ist das Oster­fest, das nur an einen Zeitraum, nicht aber an ein festes Datum gebun­den ist. Die Oster­regel besagt, dass Ostern der Son­ntag ist, der auf den ersten Voll­mond nach der Tag- und Nacht-Gle­iche im Früh­ling fol­gt. Dadurch vari­iert das Oster­da­tum Jahr für Jahr und mit ihm eine ganze Rei­he ander­er Feste, die sich durch den Abstand zum Ostert­er­min bes­tim­men. Das Oster­fest ent­fal­tet eine weit über die eigentlichen Oster­fest­tage hin­aus­ge­hende Wirkung, denn die fol­gen­den Feste Him­melfahrt, Pfin­g­sten und Fron­le­ich­nam wer­den durch den Abstand zum Oster­fest bes­timmt, nicht durch ein jährlich gle­ich­es Datum. Eben­so ist es mit dem stets in der siebten Woche vor Ostern gele­ge­nen Ascher­mittwoch. Hier endet die Faschingszeit, die deshalb eben­so an das Oster­da­tum gebun­den ist. So gehören vom Oster­fest bis zur Fron­le­ich­namswoche ganze neun Wochen zur Osterzeit. Min­destens sieben Wochen bere­it­en das Oster­fest vor, die Faschingszeit ein­gerech­net sind es mehr.

Ich erlebe den Ein­fluss, den das Oster­fest auf diese große Zeitspanne hat wie einen Strö­mungsim­puls, der das Jahr indi­vid­u­al­isiert und ver­lebendigt. Und weil sich solch ein Strö­mungspilz sym­metrisch ent­fal­tet, gehe ich davon aus, dass auch die auf Ostern hin­führen­den Wochen neun an der Zahl sein müssen. Mit Ascher­mittwoch in der Woche 46 u wird sicht­bar, was sich im Ver­bor­ge­nen bere­its zwei Wochen vor­bere­it­ete. Damit umfasst die Oster­scholle vor Ostern die Wochen 44 s bis 52 z und nach Ostern die Wochen 1 A bis 9 I (großes i).

Der Strö­mungsim­puls der Oster­scholle bildet jedes Jahr eine „indi­vidu­elle“ Osterzeit – den “Mond” im Jahr und unter­schei­det sich von der Son­nen­zeit des Jahres

Wie ein Mond liegt diese von den Datum­szuord­nun­gen, wie sie für uns der Julian­is­che Kalen­der dik­tiert, mehr oder weniger abgekop­pelte und ganze 18 Wochen umfassende Zeit im Jahreskreis. Das ist gut ein Drit­tel des Jahres!

Die Tat­sache des Weg­driftens der Osterzeit von der Ord­nung des gebräuch­lichen Kalen­ders kann fol­gen­des Phänomen ver­an­schaulichen: Die Woche 44 s ist zwar vom Wei­h­nachts­fest — auf der Zeitachse vor­wärts gezählt — die Woche um den 2. Feb­ru­ar, doch ist dies nicht unbe­d­ingt die neunte Woche vor Ostern. Vom kom­menden Oster­fest auf der Zeitachse rück­wärts gezählt, kann das ganz anders sein. Zwei Zeitord­nun­gen prallen hier aufeinan­der. Bei­de erheben Anspruch auf das Mantra 44 s (und auch noch auf das Mantra 45 t), weshalb für das Mantra 44 s bei­de Zuge­hörigkeit­en zu betra­cht­en sind.

Doch zunächst der prak­tis­che Umgang mit diesem Prob­lem. Im Zeit­en­lauf fol­gt zwar naturgemäß auf die Woche 43 r die Woche 44 s — doch das kom­mende Oster­fest über­lagert diese Ord­nung. Liegt Ostern spät im Jahr, sind es mehr als neun Wochen bis zum Oster­fest, liegt Ostern früh, sind zu wenig Wochen vorhan­den. Das bed­ingt, dass angepasst wer­den muss.

Am Beispiel von 2025 mit dem Oster­fest am 20. April, beträgt der Abstand von Lichtmess bis Ostern elf Wochen. Von Wei­h­nacht­en aus betra­chtet gehört das Mantra 44 s zum Lichtmess-Fest und auch inhaltlich werde ich weit­er unten auf diesen Zusam­men­hang einge­hen. Doch die neunte Woche vor Ostern, nach mein­er Fes­tle­gung die Osterzeit, begin­nt 2025 erst am 16. Februar.

Nicht an feste Dat­en gebun­den sind Ostern und die mit Ostern im Zusam­men­hang ste­hen­den Feste. Anders ist es z.B. mit Johan­ni (24. Juni), Michaeli (29. Sep­tem­ber) und Heilig Abend (24. Dezem­ber), die an ihr Datum gebun­den sind. Diese Zeit, in der die Feste an das Datum und damit an den Son­nen­stand gebun­den sind, nenne ich die Son­nen­zeit im Jahr (siehe Abbil­dung oben). Der Wech­sel von der Son­nen­zeit in die Mon­den­zeit, die bewegliche Oster­scholle und auch wieder zurück zur Son­nen­zeit entspricht einem geistig zu gehen­den Schritt. Und dieser Schritt kann unter­schiedliche Länge haben. Mal sind mehr Mantren vorhan­den als Wochen, dann muss “ges­taucht” wer­den; mal sind mehr Wochen als Mantren zu durch­leben, dann muss “gedehnt” werden.

Die Zeitspanne der Oster­scholle von 18 Wochen, einem guten Drit­tel der 52 Wochen des gesamten Kalen­der­jahres, führt zu ein­er Drit­telung des Jahres, worauf ich in Bezug auf die Göt­tin Brigid zurück­kom­men werde.

Nun will ich zum Fest des 2. Feb­ru­ar zurück­kehren. Es heißt Lichtmess, Mar­iä Reini­gung, Darstel­lung des Her­rn, Imbolc. Es ist ein Fest mit sehr alten und wohl auch unter­schiedlichen Wurzeln. Die eine Wurzel ist jüdisch, die andere keltisch. Die dritte Wurzel weist auf die dreifache Göt­tin und reicht ver­mut­lich in uralte Zeit­en herab.

Nach der jüdis­chen Wurzel heißt dieser Tag Mar­iä Reini­gung, weil im Juden­tum jede Frau nach der Geburt eines Sohnes sich nach 40 Tagen ein­er Reini­gung unterziehen musste – und heute noch muss. War der Sohn ihr erstes Kind, so gehörte dieser Sohn als Erst­ge­burt Gott, Jahve. Er musste nach Jerusalem in den Tem­pel gebracht wer­den, dort „dargestellt“ und mit einem Opfer aus­gelöst wer­den. Dies geschah in Erin­nerung an die Pas­sach-Nacht in Ägypten mit dem Strafgericht Gottes, was bewirk­te, dass der Pharao das Volk endlich ziehen ließ. Deshalb heißt dieser Tag auch “Darstel­lung des Her­rn”. Im Luka­se­van­geli­um (Luk 2;22–38) wird berichtet, wie die Heilige Fam­i­lie an den Tagen der Reini­gung Jesus in den Tem­pel bringt und ihn “darstellt”. Der 40. Tag nach sein­er Geburt — vom 25. Dezem­ber gezählt – ist der 2. Feb­ru­ar. Das Luka­se­van­geli­um erzählt weit­er, dass zwei sehr alte Men­schen, Sime­on und Han­na in dem Kind den zukün­fti­gen Her­rn erken­nen. Auf den Lobpreis von Sime­on werde ich noch zurückkommen.

Die irisch-keltische Wurzel des Lichtmess-Festes ist Imbolc, das “Run­dum-Waschung” bedeutet. Sein ander­er Name ist Oimelc, was den “Ein­schuss der Schaf­s­milch” bei den Mut­ter­schafen meint. Das wird so ver­standen, dass die Schafe wieder gemolken wer­den kön­nen, da sie bald lam­men. Wie bei Mar­iä Reini­gung wird auch hier auf das flüs­sige Ele­ment ver­wiesen. Die Göt­tin dieses Festes ist Brigid, zu der das Feuer gehört. Kerzen­wei­hen und das Entzün­den des neuen Feuers sind Aus­druck dieser Feuerkraft.

Sie ist Teil ein­er göt­tlich-weib­lichen Tri­ade, wie sie aus eini­gen Kul­turen bekan­nt ist: die drei Nor­nen der nordis­chen Mytholo­gie, die drei Parzen oder Matro­nen der römis­chen Zeit, die drei Moiren der Griechen. Sie alle ord­nen das Schick­sal und wachen über die Zeiten.

Zur Klärung sei erwäh­nt, dass die Göt­tin Brigid zu unter­schei­den ist von der heili­gen Brig­it, von der Leg­en­den bericht­en. Sie sah die Geburt Christi im Geist und erlebte sie mit. Und so kam das Chris­ten­tum nach Irland. Diese Geschichte beein­druckt mich stets, denn tat­säch­lich wurde Irland christlich, bevor die katholis­che Kirche dort mis­sion­ierte. Der his­torischeren Brig­it von Kil­dare wird die Grün­dung des Klosters von Kil­dare zugeschrieben. Ihr Todestag am 1. Feb­ru­ar 523 wurde zu ihrem Gedenk­tag und rückt sie in die Nähe der Göt­tin Brigid, deren Tag Imbolc, der 2. Feb­ru­ar ist.

Die Göt­tin Brigid, deren Name im englis­chen Wort ‚bright‘, d.h. ‚hell‘ noch erkennbar ist, kommt wohl von ‚brig­an­ti‘, der ‚glänzende Pfeil‘. Sie ist die Hüterin des Feuers, mit dem das äußere Feuer und auch das innere, das Lebens­feuer gemeint sind. Bei­de Aspek­te vere­ini­gen sich in der Verehrung der stärk­er wer­den­den, das Leben auf der Erde wieder­erweck­enden Sonne. Das ist also Lichtmess – der helle Tag, der nun schon merk­lich, mess­bar, länger gewor­den ist.

Die Göt­tin Brigid gehört zur dreigestalti­gen Göt­tin, die im ganzen nördlichen Europa verehrt wurde. Sie ist die junge, schöne Früh­lings­göt­tin, Tochter der Som­mergöt­tin Mod­ron und Enke­lin der Win­tergöt­tin Cailleach.

Ich fand eine schöne Beschrei­bung für diesen drei­gliedri­gen, weib­lichen Jahreszyk­lus: Die alte, einäugige Cail­leach weckt zum Win­terende die Schlange, legt ihre Zauber­rute unter einen Holler­strauch und ver­wan­delt sich in einen Stein – denn sie ist der Erd- und Stein-Aspekt der Göt­tin. Die Göt­tin Brigid nimmt den Stab auf und es wird Früh­ling – sie ist der Feuer-Aspekt des Lebens. Zum Som­mer­be­ginn legt sie ihn eben­falls unter den Hol­un­der und ihre Mut­ter Mod­ron nimmt den Kraft­stab. Nun reift alles. Zu Samhain (1. Novem­ber) legt Mod­ron die Zauber­rute wieder unter den Holler, wäscht sich in einem Beck­en – denn sie ist der Wass­er-Aspekt — und wird zu Cailleach.

Die Weib­liche Tri­ade der drei Göt­tin­nen kann im dreigeteil­ten Jahreskreis wiederge­fun­den wer­den. Die Oster­scholle ist die Zeit der strahlend schö­nen Jun­grau-Göt­tin, in Irland Brigid genan­nt. Ihre Vorgän­gerin weckt die Schlange, ein Bild, das mit dem Mond der Oster­scholle ver­bun­den ist, wenn auch mit ander­er Wer­tung (Maria auf der Mond­sichel). Und auch das S, der Buch­stabe Des Mantras 44 s ver­weist auf eine Schlangen-Qual­ität hin.

Der The­men­zusam­men­hang erfährt seine Abrun­dung durch die “Darstel­lung” Jesu im Tem­pel und den Lobpreis des Sime­on, wie sie im Luka­se­van­geli­um erzählt wird. Sime­on hat­te vom heili­gen Geist die Zusage erhal­ten, dass er nicht ster­ben werde, bevor er Chris­tus, den Her­rn, gese­hen hätte. Er kam ger­ade in den Tem­pel, als die Eltern Jesu here­in­tru­gen. Sime­on nahm das Kind auf seine Arme und sprach:

Nun, o Gebi­eter, entlässt du deinen Knecht,

wie du gesagt hast, in Frieden.

Denn jet­zt haben meine Augen dein Heil geschaut, das du bere­it­et hast vor allen Völkern:

Ein Licht, das die Völk­er der Welt zur Offen­barung führt

Und dein eigenes Volk im Geiste leucht­en lässt.

(Luk 2, 29–32)

Leg­en­den verbindet Sime­on mit dem Propheten Jesa­ja, dem ersten, der das Kom­men des Mes­sias geweis­sagt hat­te. Beson­ders bekan­nt ist das Bild aus dem Pflanzen­re­ich, auf den das bekan­nte Lied “Es ist ein Ros entsprun­gen” Bezug nimmt. Die Weis­sa­gung des Jesa­ja lautet: “Doch aus dem Baum­s­tumpf Isais (Vater von König David) wächst ein Reis her­vor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Her­rn ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Ein­sicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erken­nt­nis und der Furcht des Her­rn.” (Jes 11,1f) Jesa­ja war auch der Prophet, der dem jüdis­chen Volk weis­sagte, dass es nach 40 Jahren baby­lonis­ch­er Gefan­gen­schaft freikom­men werde – ein Hin­weis, wom­it die 40 Tage der Reini­gung auch zusammenhängen.

Rudolf Stein­er charak­ter­isiert Sime­on als den wiederge­bore­nen Asita, den ori­en­tal­is­chen Weisen, der bei der Geburt des Gau­ta­ma Bud­dha weinte, weil er zu alt war, um mitzuer­leben, wie das Kind zum Bud­dha wer­den wird (GA 244, S. 340).

Als ich den Lobpreis las, formte sich mir das Bild des Jahr-Gottes, der laut Rudolf Stein­er der Chris­tus ist. Sime­on verkör­pert den alt­ge­wor­de­nen Jahr-Gott, die let­zte Veg­e­ta­tion­spe­ri­ode, die nun endgültig abgeschlossen ist, die nun in Frieden ster­ben darf. Wei­h­nacht­en wurde der neue Jahr-Gott geboren, doch ist er erst nach 40 Tagen herangewach­sen, um in seinen Tem­pel einzutreten. Dort wird er vom alten Jahr-Gott, von Sime­on, dankbar begrüßt, der nun ster­ben darf. Auch in der Tat­sache, dass der Oster­im­puls, den star­ren Rhyth­mus auf­bricht, kann das Ein­treten des neuen Jahrgottes in seine Voll­macht erkan­nt wer­den. Die erste Vorauswirkung dieses Oster­im­puls­es man­i­festiert sich neun Wochen vorher im Mantra 44 s.

Als ich Bilder, vor allem Iko­nen, der Darstel­lung im Tem­pel betra­chtete, fiel mir immer wieder auf, dass Sime­on vom Betra­chter aus rechts und Maria links dargestellt wurde. Wenn Sime­on das Jesuskind der Mut­ter zurück­gibt, vol­lzieht sich eine Bewe­gung von rechts nach links. Diese Bewe­gung entspricht dem Gang der Zeit im Win­ter-Hal­b­jahr (in mein­er Darstel­lung als Kreis), in dem Lichtmess liegt. (Allerd­ings gibt es auch ganz andere Darstel­lun­gen.) Bei Frau Angeli­co fand ich zwei Bilder, die meine Idee zu stützen scheinen. Das eine zeigt einen grün­lichen Sime­on, der dadurch fein und zart an den „grü­nen Mann“ erin­nert, den let­zten Rest der Imag­i­na­tion des Jahr-Gottes. Sein Bart ist zweigeteilt wie das Jahr in die bei­den Jahres-Hälften. Auch trägt Sime­on eine weiße Mütze, die far­blich mit den Binden kor­re­spondiert, in die Jesus gewick­elt ist. Jesus, der neue Jahr-Gott, ist in die Zeit gewick­elt, die kom­men wir, die sich noch nicht entrollt hat, die noch ver­birgt, was der Jahr-Gott brin­gen wird. Sime­on dage­gen ist voll­ständig sichtbar.

Darstel­lung des Her­rn – Darstel­lung Jesu im Tem­pel und Lobpreis des Sime­on, Frau Angeli­co, (gemalt 1450 — 1452)

Das zweite Bild stellt ein run­des Tem­pel­ge­bäude dar mit vier Säulen. Der Altar ist mit ein­er Raute, dem Zeichen des Licht­es, das in die Erde wirkt, geschmückt. Sowohl die runde Form als auch die vier Säulen und die Raute lassen sich als Hin­weis auf den Jahres­lauf lesen. Auf diesem Bild trägt Han­na das Grün und kann vor diesem Kon­text als die ewig lebende Göt­tin Natu­ra ange­se­hen wer­den. Sime­on ist mit einem roten Kleid ange­tan, der Farbe des Blutes – des Lebens, das nun alt gewor­den ist. Sowohl Maria als auch Joseph sind in rot und blau gek­lei­det, die Far­bkom­bi­na­tion, die stets auf die Hal­b­jahre ver­weist. Maria trägt wie üblich das rote Kleid und den blauen Man­tel, Joseph gegen­gle­ich ein blaues Kleid mit rotem Umhang. Hin­ter Joseph scheint ein neuer grün gek­lei­de­ter Junge her­beizueilen, während auf der anderen Seite (hier nicht sicht­bar, weil ich es abgeschnit­ten habe, um den run­den Tem­pel her­vorzuheben) ein rot gek­lei­detes Mäd­chen wartend in einem Tor­bo­gen steht.

Darstel­lung des Her­rn im Jahreskreis – Darstel­lung Jesu im Tem­pel und Lobpreis des Sime­on mit Han­na, Frau Angeli­co (1395 – 1455), Ausschnitt 

In Chi­na wird inter­es­san­ter­weise das Datum von Neu­jahr, das Früh­lings­fest, wie das Oster­fest nach Sonne und Mond berech­net. Nur ist in Chi­na die Win­ter­son­nen­wende statt der Früh­lings-Tag-und-Nacht­gle­iche der Ori­en­tierungspunkt der Sonne und es ist der zweite Neu­mond statt der erste Voll­mond, der das Datum bes­timmt. Nach ihrem Luniso­larkalen­der begin­nt das Fest stets mit dem zweit­en Neu­mond nach der Win­ter­son­nen­wende. Der Ter­min liegt deshalb zwis­chen dem 21. Jan­u­ar und dem 20. Feb­ru­ar — im Jahr 2025 war es der 29. Jan­u­ar. Gefeiert wird bis zum fol­gen­den Voll­mond. Den Leg­en­den nach griff ein Mon­ster namens Nian – was „Jahr“ bedeutet – zu dieser Zeit die Men­schen an und ver­wüstete die Dör­fer. Um sich zu schützen, verklei­de­ten sich die Men­schen als rote Löwen, schmück­ten ihre Häuser mit rot­er Farbe und macht­en viel Lärm.

Hier wird die Kraft der Zeit, das Jahr, als gefährlich­es Unge­heuer betra­chtet. Nian, meist gedeutet als das alte Jahr, ist offen­sichtlich eine bedrohliche, zer­störende und tod­brin­gende Kraft. Es war gefährlich, im alten Zeit-Raum, im alten Zyk­lus “hän­gen­zubleiben”. Möglicher­weise war aber auch das neue Jahr das, was als gefährlich erlebt wurde, denn jedes Lebe­we­sen nähert sich mit dem Fortschre­it­en der Zeit seinem eige­nen Tod. Sicher­lich ver­sicherte man sich mit der roten Farbe und dem Löwenkostüm der eige­nen Lebenskraft.

Das Mantra 19 St in der Ausgabe des Seelenkalenders von 1925/26

In der ersten Aus­gabe des See­lenkalen­ders von 1912/13 heißt das 19. Mantra 19 S, so wie auch ich es beze­ichne. Doch in der Aus­gabe von 1925/26 wird dieses Mantra 19 St genan­nt. Die weitre­ichen­den Kon­se­quen­zen für den ganzen See­lenkalen­der sind hier nachzule­sen. Es erscheint mir beze­ich­nend, dass ger­ade das S‑Mantra (des Som­mer-Hal­b­jahres), das durch das S mit der Schlangenkraft ver­bun­den ist, durch die Ein­fü­gung des St zur Ursache der erhe­blichen Verän­derun­gen wurde. Auch auf das Win­ter-Hal­b­jahr hat das Ein­schieben des St Auswirkun­gen, doch hier ist es das Mantra 45 t, das zu 45 st wurde.

Das Mantra 44 s als erstes Mantra der Osterscholle und die Jakobsmuschel als Osterscholle

Der Weg durch die Oster­scholle gle­icht ein­er Wan­derung. Die Mantren bein­hal­ten den Weg in die Inkar­na­tion, über die Geburt bis zum Tod. Ja, tat­säch­lich lassen sich die beson­ders markan­ten Schritte wie Empfäng­nis, die ersten Stufen der Schwanger­schaft, Geburt und am Ende der Tod aus den Mantren her­ausle­sen. Im Durch­leben des Jahreskreis­es „üben“ wir nicht nur mit der Natur das Stirb-und-Werde, wir üben ganz konkret Reinkar­na­tion. Der Weg durch den „Son­nen­bere­ich“ des Jahres ist der Geist-Weg von der einen Inkar­na­tion zur näch­sten. Hier herrscht der zyk­lis­che Charak­ter der Zeit vor. Der Weg durch den „Mond­bere­ich“ ist der Erden­weg. Und dieser ist lin­ear, mit Anfang und Ende. Dieser Erden­weg begin­nt lange vor der Empfäng­nis mit dem Lenken der Ver­wandtschaftsströme, wie Rudolf Stein­er es beschreibt (siehe Blog 44 s).

Da der Erden­weg ein­er Pil­ger­reise gle­icht und ich in der Oster­scholle die Pil­ger­muschel erkenne, soll hier auch der heilige Jakob, der große Wan­der­er mit seinem Ster­nen­weg, dem Jakob­sweges nach San­ti­a­go de Com­postela Raum find­en. Die tat­säch­lich so benan­nten Jakob­smuscheln find­en sich dort am Strand.

Neun­strahlige Jakob­smuschel an ein­er Kirchenfassade

Im Jahreskreis find­et sich das Pil­ger­abze­ichen der Jakob­smuschel als Oster­scholle. Dieses Pil­ger­abze­ichen zeigt in sein­er klas­sis­chen Form neun gelbe Strahlen auf blauem Grund. Zusät­zlich gibt es zwei seitliche kurze Strahlen, die das „Gelenk“ der Muschel andeuten, die Verbindung zur anderen Muschel­hälfte. Ich sehe in diesen Strahlen die Schwellen­sprüche 14 N und 39 n angedeutet, denn auch sie bilden die „Naht­stelle“ von der Erd­sphäre und der Geist­sphäre. Da die Jakob­smuscheln gewellt sind, lassen sich die 18 Wochen der Oster­scholle als neun gelbe „Berg-“ und neun blaue „Tal-Strahlen“ dieser Muschel inter­pretieren. So begin­nt für mich die Oster­scholle mit dem “Tal” des Mantras 44 s und endet mit dem “Berg” des Mantras 9 I. Das Wan­derze­ichen des Jakob­sweges repräsen­tiert dadurch die Oster­scholle. Sein mit­tlerer Haupt­strahl strahlt so in die Oster­woche mit dem Mantra 1 A.

Ich ver­mute, dass der Zusam­men­hang des Sym­bols mit der Osterzeit dur­chaus Absicht ist. Die neun Wochen, die die wichti­gen Feste Him­melfahrt, Pfin­g­sten und Fron­le­ich­nam enthal­ten, — Feste, die alle durch den Abstand zum Oster­fest definiert sind, — diese Neun-Zahl ist kein Geheim­nis! Gle­ichzeit­ig weist der mit­tlere und län­gere Strahl, um den zu bei­den Seit­en je vier kürzere grup­piert sind, darauf hin, dass es neben der (neun wöchi­gen) nachöster­lichen Zeit eine eben solange voröster­liche gibt.

Das neun­strahlige Wan­derze­ichen des Jakob­sweges von Com­postela — die Jakob­smuschel — als Osterscholle

Neun Strahlen – 18 Wochen in neun „Bergen“ und neun „Tälern“

Endlich begin­nt das ganz Neue wirk­lich! Das Neue, die neuen Sin­nes­reize wer­den ergrif­f­en, um sie denk­end zu gestal­ten. Doch was so deut­lich von See­len­klarheit und Schöpfer­willen im Denken spricht, entzieht sich gle­ichzeit­ig dem logis­chen Nachvollzug.

Die Leg­ende (bezeugt aus dem 7. Jhd.) erzählt, das Jakobus der Ältere — Jesus nan­nte ihn und seinen Brud­er Johannes die „Don­ner­söhne“ — nach der Him­melfahrt Christi in Spanien das Chris­ten­tum predigte. Nach­dem er nach Palästi­na zurück­gekehrt war, so ste­ht es im Evan­geli­um, wurde er im Auf­trag von Herodes Agrip­pa I. enthauptet, was im Jahr 44 nach Chris­tus gewe­sen sein muss. Jakobus ist der erste, der als Christ den Mär­tyr­ertod fand. Dann erzählt die Leg­ende weit­er, dass seine Jünger Athena­sius und Theodor­us den Leich­nam in ein Boot legten, aus Angst, der Leich­nam kön­nte ihnen genom­men wer­den. Nach sieben Tagen wurde dieses Boot im Nord­west­en Spaniens an Land gespült und der Apos­tel weit­er im Lan­desin­neren beerdigt.

Über­fahrt der Gebeine des hl. Jakobus nach Gali­cien – an der Fas­sade der Kathe­drale von Santiago 

Das Grab geri­et in Vergessen­heit. Erst am Anfang des 9. Jahrhun­derts, als die Chris­ten drin­gend Unter­stützung gegen die Mau­ren braucht­en, wurde es wieder­ent­deckt. Weit­er wird erzählt, dass ein Eremit leuch­t­ende Sterne gese­hen hat­te, die das Grab anzeigten. Bischof Theodomir, von dem Eremiten zu dem Grab­mal geführt, erkan­nte in den gefun­de­nen Gebeinen jene des Apos­tels. Der Ort des Grabes wurde San­ti­a­go de Com­postela, Sankt Jakob vom Ster­nen­feld (cam­po estela) genan­nt und das dritte große christliche Pil­gerziel, nach Jerusalem und Rom war geboren.

Doch wahrschein­lich ist der Weg bis an das „Ende der Welt“, nach „Fin­is­terre“ viel älter. Der Pil­ger­weg, der Camino de San­ti­a­go fol­gt einem alten Weg nach Cabo Fis­ter­ra (= Kap am Ende der Welt), den wohl schon die Kel­ten benutzten. Und wirk­lich zuende ist der Pil­ger­weg auch heute erst dort. Der west­lich­ste Ort, der Ort des Son­nenun­ter­gangs war gle­ichzeit­ig der Ort, wo das Reich der Toten und der Wiederge­burt begann. Es wird erzählt, dass die Kel­ten einem alten Ster­nen­weg fol­gten, der zurück­führte nach dem ver­schwun­de­nen Reich Atlantis.

Schnell ver­bre­it­ete sich der Ruf, in San­ti­a­go de Com­postela Gnade zu find­en vor Gott durch die Ver­mit­tlung des heili­gen Jakobus. Viele Bis­chöfe und Adlige unter­nah­men die Reise und auch von Franz von Assisi ist sie bezeugt. Bald schon fol­gte das ein­fache Volk. Heute wird der Pil­ger­weg auch als irdis­ches Abbild der Milch­straße beschrieben, was auf den Ster­nen­weg der Kel­ten Bezug nimmt. In diesem Bild wird die Suche des Men­schen nach dem Ewigen deut­lich, dem Himm­lis­chen, das im gestirn­ten Him­mel erlebt wer­den kann.

Über die Gegensprüche 19 S und 44 s

Die Mantren 19 S und 44 s sind bei­de in der Ich-Per­spek­tive geschrieben und betr­e­f­fen deshalb Prozesse, die dem wachen Bewusst­sein zugänglich sind.

Das Mantra 19 S begin­nt mit ein­er Zielfor­mulierung. Der Sinn des eige­nen Strebens in der Zukun­ft sei es, das Neu-Emp­fan­gene mit der Erin­nerung zu umschließen. Das Neu-Emp­fan­gene soll erin­ner­bar gemacht wer­den und dafür ist eine umschließende Bewe­gung notwendig. Wie oben dargestellt, “ist” das S u.a. die Schlange. Die sich run­dende, umschließende Schlange ist der Ouroboros. Über die Midgard­schlange der nordis­chen Mytholo­gie, die die Welt der Men­schen umschlingt, sagt Rudolf Stein­er: “In den Wassern, die um die Kon­ti­nente herumgeschlun­gen waren und die sich berührten, sahen die alten Vor­fahren der mit­teleu­ropäis­chen Bevölkerung die Midgard­schlange. Sie bewahrte die herun­terge­sunkene alte Weisheit, die die Men­schen früher besessen hat­ten, und die sie jet­zt nicht mehr besitzen kon­nten. Die Kraft des Hellse­hens mußte bei den Men­schen ver­schwinden. Niemals hät­ten die Göt­ter von außen regieren kön­nen, solange die Men­schen sel­ber noch hellse­hend waren. Die Midgard­schlange, eine Tochter der Feuerge­wal­ten, mußte hin­un­tergestoßen wer­den ins Meer.” (GA 101, S. 68f) Die Midgard­schlange ist die Tochter der Äthergöt­tin Gul­weig, Gold­fluss, ein­er Wanin, und des listi­gen Loki. Sie ist das Ergeb­nis des Göt­terkampfes, als die neue Göt­ter­gen­er­a­tion der Asen begann, die Wanen zu bekämpfen. Als der Astralleib die Ober­hand über den Äther­leib gewann, ver­sank die alte Weisheit, da ver­wan­delte sich das Son­nen­gold in die Schlange in den Tiefen des Ozeans, des Unter­be­wusst­seins. For­t­an ver­lor der Men­sch den Zugang zur alten Weisheit und aus dem Unter­be­wusst­sein wirk­ten die Triebe und Begier­den her­auf ins See­len­leben. Wenn das Mantra 19 S sagt, dass es das Ziel des wachen Ich-Men­schen sein muss, das Neu-Emp­fan­gene mit Erin­nerung zu umschließen, so heißt das, dass der Men­sch sich nun aus seinen eige­nen Erfahrun­gen seinen Weisheitss­chatz bilden muss.

Abge­se­hen von intu­itiv­en Einge­bun­gen braucht das logis­che Denken Erin­nerung. Das Denken muss auf Erlebtes, Gel­erntes, wozu auch die Sprache zählt, zurück­greifen kön­nen. Sich dessen bewusst zu wer­den, die Grund­la­gen der eige­nen Denkschritte zu ken­nen, entspricht dem Bild des geschlosse­nen Kreis­es. Rudolf Stein­er beschreibt einen solchen Zirkelschluss als das Geist­selb­st: „Heute begreifen nur wenige Men­schen eigentlich das Man­as [Geist­selb­st]. Das Denken mit dem Denken zu begreifen, das Denken im Denken zu erhaschen, die Ewigkeitss­chlange fer­tig zu run­den, das ist die Auf­gabe der fün­ften Unter­rasse. Das Denken ist das Organ, wo sich zunächst das men­schliche Wesen wie an einem Zipfel ergreift.“ (Lit.:GA 94, S. 249)

Geist­selb­st-Entwick­lung ist also das Ziel des Strebens im Mantra 19 S. Es — das Neu-Emp­fan­gene — (oder er — der Sinn siehe Blog 19 S) soll erstark­ende Eigenkräfte im eige­nen Innern weck­en, Geist­selb­st-Kräfte eben, die wer­dend, durch den fort­laufend­en Entwick­lung­sprozess mich mir sel­ber geben. Das heißt, ich werde mir als geistiges Wesen, — als Geist­selb­st — gegeben.

Die bei­den Ver­lauf­sendun­gen “erstark­end Eigenkräfte” und “wer­dend mich mir sel­ber geben” beto­nen die Bedeu­tung der Zeit. Wird die Zeit zyk­lisch gedacht, so tritt die umschließende Gebärde wieder auf, das Run­den der Ewigkeitsschlange.

Der sich bildende Erin­nerungss­chatz ist die sich fortwährend weit­er­en­twick­el­nde Grund­lage der biographis­chen Iden­tität des Men­schen, seines Ich-Erlebens. Durch die selb­st her­beige­führten Verän­derun­gen wird Selb­st­wirk­samkeit, die Eigenkraft erleb­bar, die durch Erin­nerung, den vorher-nach­her Ver­gle­ich, bewusst wer­den kann.

Die erstark­enden Eigenkräfte lassen den Stab des Moses, das Bild der aufgerichteten Schlange erah­nen. Da Kräfte sich gel­tend machen, kann auch der ausstrahlende Aura-Aspekt des S hier mitgedacht werden.

Das Mantra 44 s spricht vom Ergreifen der neuen Sin­nes­reize durch den Schöpfer­willen des eige­nen Denkens. Doch ger­ade dieses Mantra ver­schließt sich dem gram­ma­tisch-logis­chen Nachvol­lzug. Es wird der Logik zugänglich­er, wenn die Zeilen umgestellt wer­den und die Syn­tax angepasst wird. Die Rei­hen­folge, in der die Zeilen einen ver­standesmäßig nachvol­lziehbaren Zusam­men­hang bilden, fol­gt ein­er Pen­del­be­we­gung um die mit­tlere Zeile. Diese mit­tlere Zeile spricht von der Geist­ge­burt (gelb), während die anderen Zeilen entwed­er auf die Wahrnehmung, das Außen (rot) ver­weisen, oder auf das Denken, den seel­is­chen Innen­raum (blau).

44 s Zeilen umgestellt

Ergreifend neue Sinnesreize

Mit meines Denkens Schöpferwillen.

Erfül­let See­len­klarheit [,] (A.F.)

Ver­wirrend sprossend Wel­tenwer­den (, A.F.)

Einge­denk vol­l­zo­gen­er Geist­ge­burt [,] (. A.F.)

Das Mantra erhält ohne Zeilenum­stel­lung einen wellen­den, weben­den, ungreif­baren, schlän­gel­nden Charak­ter. Die Zeile der Geist­ge­burt ste­ht dage­gen wie ein Fels in der Bran­dung. Die Geist­ge­burt hat schon stattge­fun­den und der Ich-Sprech­er ist ihrer einge­denk. Er bezieht die Erin­nerung an die Geist­ge­burt ein, während er die neuen Sin­nes­reize mit seinem Schöpfer­willen im Denken, also denk­end ergreift. In diesem Mantra geht es also vor­rangig um die Auf­nahme und Ver­ar­beitung der Sinneswahrnehmung, während es im Mantra 19 S um die Erin­nerungs­bil­dung und Geist­selb­st-Wer­dung geht. Geling es, der Geist­ge­burt einge­denk zu sein, erfüllt See­len­klarheit das von sich aus ver­wirrende, sprossende Wel­tenwer­den. Die Geist­ge­burt ver­ste­he ich wieder als das Geist­selb­st, das im Geist geborene Selb­st. Ver­ste­ht sich der Men­sch als geistiges Wesen, kann er die Erschei­n­un­gen der Sinneswelt ord­nen, und zwar von diesem Bezugspunkt aus.

Fol­gende Aus­sage von Rudolf Stein­er scheint mir sich auf bei­de Mantren zu beziehen: „Der ein «Ich» bildende und als «Ich» lebende Geist sei «Geist­selb­st» genan­nt, weil er als «Ich» oder «Selb­st» des Men­schen erscheint. Den Unter­schied zwis­chen dem «Geist­selb­st» und der «Bewusst­seinsseele» kann man sich in fol­gen­der Art klar­ma­chen. Die Bewußt­seinsseele berührt die von jed­er Antipathie und Sym­pa­thie unab­hängige, durch sich selb­st beste­hende Wahrheit; das Geist­selb­st trägt in sich dieselbe Wahrheit, aber aufgenom­men und umschlossen durch das «Ich»; durch das let­ztere indi­vid­u­al­isiert und in die selb­ständi­ge Wesen­heit des Men­schen über­nom­men. Dadurch, daß die ewige Wahrheit so verselb­ständigt und mit dem «Ich» zu ein­er Wesen­heit ver­bun­den wird, erlangt das «Ich» selb­st die Ewigkeit.

Das Geist­selb­st ist eine Offen­barung der geisti­gen Welt inner­halb des Ich, wie von der anderen Seite her die Sin­nesempfind­ung eine Offen­barung der physis­chen Welt inner­halb des Ich ist. In dem, was rot, grün, hell, dunkel, hart, weich, warm, kalt ist, erken­nt man die Offen­barun­gen der kör­per­lichen Welt; in dem, was wahr und gut ist, die Offen­barun­gen der geisti­gen Welt. In dem gle­ichen Sinne, wie die Offen­barung des Kör­per­lichen Empfind­ung heißt, sei die Offen­barung des Geisti­gen Intu­ition genan­nt. Der ein­fach­ste Gedanke enthält schon Intu­ition, denn man kann ihn nicht mit Hän­den tas­ten, nicht mit Augen sehen: man muß seine Offen­barung aus dem Geiste durch das Ich emp­fan­gen.“ (Lit.:GA 9, S. 52f)