26 Z Michaeli-Stimmung

Natur, dein müt­ter­lich­es Sein,

Ich trage es in meinem Willenswesen;

Und meines Wil­lens Feuermacht,

Sie stäh­let meines Geistes Triebe,

Dass sie gebären Selbstgefühl,

Zu tra­gen mich in mir.

Michaeli

Das Mantra 26 Z trägt die Über­schrift “Michaeli-Stim­mung”. Die vier Jahreszeit­en, Früh­ling, Som­mer, Herb­st und Win­ter konzen­tri­eren ihren seel­isch-geistige Aspekt in den vier Fes­ten: Ostern, Johan­ni, Michaeli und Wei­h­nacht­en. Obwohl zunächst nichts im Wort­laut der Mantren auf die Feste hinzuweisen scheint, sind sie durch solch eine Über­schrift den Mantren zuge­ord­net und dadurch im See­lenkalen­der ver­ankert. Michaeli wird immer am 29. Sep­tem­ber gefeiert. Es ist das Fest des Herb­stes und liegt im Jahreskreis Ostern gegenüber. Bei genauer­er Betra­ch­tung des See­lenkalen­ders stimmt das jedoch nicht — von der durch die Beweglichkeit des Oster­festes bewirk­ten Ver­schiebung ein­mal abge­se­hen. Das See­lenkalen­der-Jahr begin­nt mit dem Oster­mantra 1 A. Das Michaeli-Mantra 26 Z schließt den ersten Durch­gang durch das Alpha­bet und ist damit das let­zte im Som­mer-Hal­b­jahr. Erst mit der fol­gen­den Woche, dem Mantra 27 a, begin­nt das Win­ter-Hal­b­jahr und das zweite Alpha­bet. Erst mit dem Mantra 27 a ist die Gegenüber­stel­lung zum Oster-Mantra 1 A erreicht.

Mit dem Michaeli-Mantra 26 Z ste­hen wir in der let­zten Woche des Som­mer-Hal­b­jahres. Wir sind an der Gren­ze angekom­men. Wie ein Wächter ste­ht das Mantra — und hin­ter diesem der Erzen­gel Michael — vor dem Tor zum Win­ter-Hal­b­jahr. Dieses Tor ist das Tor zur eige­nen Innen­welt. Rudolf Stein­er schreibt: “Das Gegrün­det­sein in sich sel­ber und das Leben in der eige­nen Gedanken- und Wil­lenswelt kann er empfind­en als Win­ter­da­sein.” (Vor­wort zur ersten Aus­gabe 1912/13 des See­lenkalen­ders) Wir ver­lassen das Som­mer­hal­b­jahr und damit die Zeit der Hingabe an die Sinne und ihre Wahrnehmungen, den Bere­ich, der “der licht- und wärme-durch­wobe­nen Som­mer­natur” unseres Wesens entspricht (s.o.).

Mit dem Michaeli-Fest ist das Bild des Drachenkampfes ver­bun­den. In älteren Michaeli-Liedern wird Michael vielfach um Hil­fe gebeten im Kampf gegen die Feinde. Was ver­birgt sich hin­ter dem Drachen und welche Feinde müssen wir an dieser Stelle bekämpfen? Zwei Prü­fun­gen warten an dieser Schwelle auf uns:

Die erste Prü­fung bet­rifft die “Feinde”: Für diesen Gang in die eigene Unter­welt brauchen wir Mut! Ich erin­nere mich noch gut daran, welche Angst mich befiel, als ich in meine Seele schauen wollte – bis mir klar wurde, dass das, was ich an Bildern gezeigt bekom­men würde ja nur immer Ich bin. Etwas Fremdes kann nicht aus der Seele auf­tauchen! Die Seele ist ein Gefäß, kein Blu­men­topf. Sie hat kein Loch unten. Mir wurde klar, dass keine fremde Macht aus mein­er Seele auf­tauchen kann wie ein Loch-Ness Unge­heuer. Und das, was ich sel­ber bin, ist nicht fremd, auch wenn ich es noch nicht ken­nen gel­ernt habe. Ich finde immer nur mich – und vor mir sel­ber brauche ich mich nicht zu fürchten!

Diese Erken­nt­nis bestäti­gen auch die Mantren im See­lenkalen­der. Das Michaeli-Mantra 26 Z und das Mantra des Jahreswech­sels 39 n sprechen vom Selb­st­ge­fühl (siehe unten)! Das Michaeli-Mantra ste­ht an der Schwelle, bevor das Win­ter-Hal­b­jahr begin­nt. Das Mantra 39 n ste­ht am Scheit­elpunkt des Win­ter-Hal­b­jahres. Es vol­len­det das erste Vier­tel und ste­ht damit am tief­sten Punkt des Jahreskreis­es (der Jahreskreis zeigt sich im inneren Bild so, dass das Som­mer-Hal­b­jahr oben, das Win­ter-Hal­b­jahr unten erscheint).

Das Über­winden der Angst beim Weg in die Dunkel­heit des Win­ter-Hal­b­jahres und das Find­en des eige­nen Licht­es ist die eine Seite des Kampfes, den wir nach den alten Tra­di­tio­nen mit dem Erzen­gel Michael verbinden. Die Äng­ste, die zu bekämpfend­en “Angst-Feinde“ erweisen sich als Ein­bil­dung. Sie lösen sich auf, wenn wir uns auf den Weg machen, denn am Grunde unser­er Seele find­en wir unser Selb­st­ge­fühl, uns selb­st — unser Licht.

Die zweite Prü­fung bet­rifft den Drachen: Das Sym­bol des Makrokos­mos zeigt Drache und Schlange, die sich in den Schwanz beißen, den ewigen Kreis­lauf sym­bol­isierend. Im Jahreskreis einge­fügt ste­ht der Drache für das Som­mer-Hal­b­jahr. Er verkör­pert die Wahrnehmungswelt, die zu Materie ver­härtete Welt — aus­ge­drückt durch den harten Schup­pen­panz­er des Drachen. Das Win­ter-Hal­b­jahr ist durch die Schlange aus­ge­drückt, die Ver­führung der Seele durch das Denken. Die Berech­ti­gung des Drachen endet mit der Michaeli-Woche. Er muss über­wun­den wer­den. Das bedeutet, alles an die äußere Wahrnehmung Gebun­dene, von der Materie aus­ge­hende, mate­ri­al­is­tis­che Denken muss enden, wenn wir den Raum der Seele betreten. Sie ist eine flu­tende Bilder­welt, keine Ding-Welt.

Die Natur, die materielle Welt ist die Mut­ter. Sie schenkt uns die Bilder für unsere See­len­welt; Bilder um die Seele zu ver­ste­hen. Doch es beste­ht die Gefahr, dass der Geist auss­chließlich an die Materie gebun­den gedacht wird. Zum besseren Ver­ständ­nis ein Beispiel, das mir begeg­net ist: Für die Anhebung der Energiefre­quenz der Erde, den Auf­stieg der Men­schheit, wer­den die durch die Son­nen­winde zur Erde kom­menden Neu­tri­nos als Ursache ange­se­hen. Der Geist kann bei dieser Denkweise nicht aus sich her­aus wirken. Er braucht Teilchen, elek­trische Wellen, Mag­netkräfte … Auch wenn hier von Energie oder Fein­stof­flichem gesprochen wird, bleibt das Denken an die Materie gebun­den. Da wirkt der Drache. Rudolf Stein­er spricht vom sinnlichkeits­freien Denken, das errun­gen wer­den muss, um in der geisti­gen Welt wahrnehmungs­fähig zu werden.

Göttin Natura

Rudolf Stein­ers beschreibt, wie die Natur als eine Göt­tin wahrgenom­men wurde, die ein halbes Jahr oberirdisch wirkt und ein halbes Jahr unterirdisch: “In dem Augen­blicke, wo der Men­sch das sieht, was er mit dem Teil seines Wesens erlebt, der schläft, in dem Augen­blicke ste­ht er vor dem, was man unge­fähr bis in das 15. Jahrhun­dert here­in in Wirk­lichkeit die Natur genan­nt hat. Das hat man die Natur genan­nt, was da der Men­sch erlebt. Die Griechen nan­nten das­selbe, was man im Mit­te­lal­ter die Natur nan­nte, Pros­er­pina, Perse­phone. Natür­lich beschrieb man die Mys­te­rien der Perse­phone anders in Griechen­land, anders im Mit­te­lal­ter. Aber Sie kön­nen sich überzeu­gen, daß das Mit­te­lal­ter diese Dinge kan­nte, wenn Sie solche Beschrei­bun­gen der Natur und ihrer Geheimnisse lesen, wie Sie sie bei Bernar­dus Sil­vestris find­en. Da begin­nt, in dem Werke «De mun­di uni­ver­si­tate» von Bernar­dus Sil­vestris, die Schilderung der Erleb­nisse, die der Men­sch hat, wenn er für den Teil erwacht, der den Kos­mos mit­macht, der son­st ver­schlafen wird. …

Man unter­schied auf der einen Seite die Natur, das Miter­leben des Men­schen mit dem Kos­mos, was das Mit­te­lal­ter Natu­ra nan­nte, was das Alter­tum Pros­er­pina nan­nte. Man per­son­ifizierte, unter­schied dieses wiederum von der Ura­nia, welche eben­so die Him­melssphäre beherrscht, wie die Natur das­jenige beherrscht, was der Men­sch miter­lebt vom Ein­schlafen bis zum Aufwachen. Und ein tiefes Geheim­nis glaubten diese mit­te­lal­ter­lichen Men­schen zu sehen, wenn sie sprachen von der Ver­mäh­lung der Natur im Men­schen mit dem Nus, mit dem Ver­stande, mit dem Intellekt im Men­schen. Und in richtiger und unrichtiger Weise wurde von diesen Men­schen ver­sucht, zu erleben im Men­schen die Ver­mäh­lung der Natur mit dem Nus, mit dem Ver­stande oder Intellekt, als mys­tis­che Hochzeit, der gegenüber­stand die alchimistis­che Hochzeit, …” (Lit.: GA 180, S. 105ff)

Rudolf Stein­er lässt Alanus ab Insulis zu seinen Schülern sprechen: “Die Natur — ein Wesen, das wir nicht mehr fassen kön­nen, das sich uns entzieht, wenn wir ihm nahen wollen. Die Men­schheit hat Kräfte entwick­elt, die sie zu anderen Din­gen hin­führen, die aber nicht mehr fähig sind, so die Natur zu erfassen, wie die Natur in alten Zeit­en von den Erken­nen­den erfaßt wor­den ist. Denn die Natur war ein mächtig großes Geist­we­sen, das über­all gewirkt hat, da, wo die Steine im Gebirge sich gebildet haben, da, wo die Pflanzen aus dem Erd­bo­den her­aus­gewach­sen sind, da, wo die Sterne am Him­mel funkel­ten. Über­all webte ein uner­meßlich großes Wesen, das sich in der Gestalt eines wun­der­baren Weibes darstellt. Das sahen die Alten mit ihrem Schauen. Wir kön­nen uns nach den Angaben, welche die Alten gemacht haben, noch Vorstel­lun­gen davon bilden, was die Natur war, dieses über­all Weben, Wirken, das in allem Umgeben­den, in aller Wärme, in allen Lichter­schei­n­un­gen, in allen Far­ben­er­schei­n­un­gen, in allen Lebenser­schei­n­un­gen lebt und webt. Aber es entschlüpft uns, wenn wir ihm nahen wollen. Denn lebend-webend ist die Göt­tin Natu­ra in allem. Eine Göt­tin, ein göt­tlich-geistiges Wesen, von dem man wußte, man kann es in sein­er Wesen­heit nur erken­nen, wenn man es anschauen kann.“ (Lit.:GA 243, S. 80ff)

Das Mütterliche — die drei Mütter des Ichs

Rudolf beschreibt, dass unser geistiger Anteil, unser zu entwick­el­ndes Ich eigentlich von drei Müt­tern stammt: “In der leib­lichen Mut­ter sehen wir sozusagen die let­zte physis­che Gestalt ein­er geisti­gen Mut­ter, die hin­ter ihr ist, und wir sehen diese geistige Mut­ter nicht befruchtet in der­sel­ben Weise, wie das heute geschieht, son­dern aus dem Wel­te­nall sel­ber her­aus, so wie wir auch unsere Seele in der höheren Erken­nt­nis befruchtet haben aus dem Wel­te­nall her­aus. Wir sehen zu immer geistigeren Gestal­tun­gen der Befruch­tung und Fortpflanzung zurück.

Daher spricht man, wenn man in wahrhaft geis­teswis­senschaftlichem Sinne spricht, nicht bloß von ein­er Mut­ter, son­dern von den Müt­tern, und stellt sich vor, dass das, was als sinnliche Mut­ter heute vor uns ste­ht, die let­zte Aus­gestal­tung ist für die geistig-seel­is­che Gestalt aus dem geisti­gen Reiche. In der Tat gibt es Abbil­dun­gen der Isis, welche uns nicht eine Mut­ter, son­dern Müt­ter darstellen, drei Müt­ter. Vorn haben wir eine Gestalt, die Isis mit dem Horuskinde an der Brust, wie auch die ältesten Madon­nengestal­ten dargestellt sind; aber hin­ter dieser Gestalt haben wir in gewis­sen ägyp­tis­chen Darstel­lun­gen eine andere Gestalt, eine Isis, die auf dem Haupte die bekan­nten bei­den Kuh­hörn­er hat und Geier­flügel trägt, das Henkelkreuz dem Kinde reichend. Da sehen wir, was vorn physisch men­schlich ist, hier schon mehr vergeistigt. Hin­ter dieser sehen wir noch eine dritte, die den Löwenkopf trägt, darstel­lend eine dritte Stufe der men­schlichen Seele. So erscheinen uns diese drei Isis­bilder hin­tere­inan­der. Unsere men­schliche Seele trägt in der Tat drei Naturen in sich, eine wil­len­sar­tige Natur — ihre in den tief­sten Grün­den befind­liche Wesen­heit — eine gefühlsmäßige Natur und eine weisheit­sar­tige Natur. Das sind die drei See­len­müt­ter sie treten uns in den drei Gestal­ten der ägyp­tis­chen Isis entgegen.

Dass hin­ter der zunächst sinnlichen Mut­ter die übersinnliche, die geistige Mut­ter, die Isis aus der geisti­gen Vorzeit, sich befind­et, und dass das zum Beispiel bei den Gestal­ten die Geier­flügel, die Kuh­hörn­er und die Weltkugel in ihrer Mitte am Kopfe der Isis ange­bracht sind, das ist ein tief­sin­niges Symbolum. …

Die Weltkugel ist der Aus­druck für das Schaf­fen in der Welt. … So ste­ht hin­ter der sinnlichen Isis deren Repräsen­tan­tin, die übersinnliche Isis, die nicht befruchtet wird von ihres­gle­ichen, son­dern von dem Göt­tlich-Männlichen, das die Welt durch­lebt und durch­webt. Es wird der Befruch­tung­sprozess noch dargestellt als etwas, was nah­este­ht dem Erkenntnisprozess. …

Da sehen wir, wie im Grunde genom­men, wenn unser Blick auf­schaut zur Madon­na und wenn dieser Blick durch­drun­gen ist von dem Gefühl des Herzens, die Seele noch etwas mit­geteilt erhält von dem großen Wel­tenrät­sel. Da sehen wir, wie in ein­er solchen Hingabe unsere Seele als das Ewig-Weib­liche in uns sich suchend sehnt nach dem göt­tlichen Vater­geiste, der aus dem Wel­te­nall her­aus­ge­boren ist, und den wir als Sonne gebären in der eige­nen Seele. … Und wiederum enthält die Madon­na das­jenige, was aus der men­schlichen Seele her­aus­ge­boren wer­den kann: den wahren, höheren Men­schen, das, was in jedem Men­schen schlum­mert, das men­schlich Allerbeste und das, was als Geist die Welt durch­flutet und durch­webt. ” (Vor­trag in Berlin, 29.4.1909, Isis und Madon­na, S. 18ff)

“Es ist ja oft­mals darauf hingewiesen wor­den, wie heute der Men­sch den Weg der Eingewei­ht­en antreten kann, wie Denken, Fühlen und Wollen geschult wer­den, um den <Gang zu den Müt­tern> antreten zu kön­nen. Diesen Gang zu den Müt­tern haben die Schüler aller Mys­te­rien anzutreten gehabt.

Den Aus­gangspukt bildete über­all eine Erken­nt­nis, die wir andeuten kon­nten in dem Vor­trag über Isis und Madon­na. Da ist darauf hingewiesen wor­den, dass der Men­sch geisti­gen Ursprung hat, dass er früher in geisti­gen Wel­ten wohnte, dass des Men­schen Geist und Seele her­aus­ge­boren sind aus den geisti­gen Urwel­ten. Hingewiesen wurde darauf, dass der Men­sch jet­zt noch bei einem tief­er­en Blick in die Seele fühlt, dass er, wenn er sich erhebt über die physis­che Beobach­tung, etwas hat, was ein let­zter Rest seines ein­sti­gen Wesens in der geisti­gen Welt ist. Heute ist dieser let­zte Rest, des Men­schen Seele, eingeschlossen in den physis­chen Leib, der eine Verdich­tung der geisti­gen Urwe­sen­heit ist. Das, was der Men­sch da eingeschlossen weiß als seinen See­lengeist, von dem sagt er sich: Das zeigt mir, wie ich ein­st­mals im ganzen war, zeigt, wie ich her­aus­ge­boren bin aus dem Wel­tenschoße, aus dem ganzen Uni­ver­sum. Heute zeigt sich das Uni­ver­sum dem äußeren Ver­stand in alle­dem, was sich vor den Sin­nen aus­bre­it­et; aber hin­ter alle­dem, was die Sinne sehen, was der Ver­stand begreifen kann, ist das geistige Uni­ver­sum. Das ist der Urvater, die Urmut­ter, aus denen her­aus die Seele geboren ist, die heute noch die Form bewahrt hat, die damals auch der Leib hat­te.” (Vor­trag in Berlin, 6.5.1909, Die europäis­chen Mys­te­rien und ihre Eingewei­ht­en, S. 38)

Selbstgefühl

Zweimal kommt im See­lenkalen­der das Wort Selb­st­ge­fühl vor. Bei­de Male ste­ht es an ein­er Schwelle: Das Mantra 26 Z ste­ht vor dem Über­gang in das neue Alpha­bet des Win­ter-Hal­b­jahres. Die durch Willen gestählten Geis­testriebe gebären Selb­st­ge­fühl, zu tra­gen mich in mir. Im Schwellen­spruch 39 n, dem Mantra des Kalen­der-Jahreswech­sels, löst sich mir aus Denker­ma­cht das Selb­st­ge­fühl. Wille und Denken sind an der Entste­hung meines Selb­st­ge­fühls beteiligt. Das Selb­st­ge­fühl (26 Z) wird mit Hil­fe des Wil­lens geboren, damit ich mich in mir tra­gen kann. Vielle­icht ist damit eher an eine Zeu­gung mit nach­fol­gen­der Schwanger­schaft zu denken. Die Macht des Denkens führt im Fort­gang dazu, dass sich das Selb­st­ge­fühl (39 n) löst. Es tritt als selb­ständi­ge Kraft in die Welt hinaus.

Das Selb­st wird in zwölf Mantren aus ganz unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en the­ma­tisiert. Beson­dere Bedeu­tung scheinen mir für die oben erwäh­n­ten Mantren des Selb­st­ge­fühls zwei weit­ere zu haben. Gemein­sam ste­hen sie wie vier Spe­ichen im Jahreskreis. Dem Selb­st­ge­fühl, das sich aus Denker­ma­cht löst, (39 n) ste­ht der Schwellen­spruch des Som­mer-Hal­b­jahrs, 14 N gegenüber. Hier dro­ht der Gedanken­traum mir das Selb­st im betäubten Zus­tand zu rauben. Das Wel­tendenken naht weck­end als Gegen­mit­tel. Die Bedeu­tung des Denkens für das Selb­st ist in bei­den Mantren zentral.

Nicht genau gegenüber, aber mit dem Mantra 26 Z das Som­mer-Hal­b­jahr ein­rah­mend spricht der Oster­spruch (1 A) von der Selb­s­theit Hülle: — Gedanken ziehen aus der Selb­s­theit Hülle in die Raumes­fer­nen und binden dumpf des Men­schen Wesen an des Geistes Sein. Die Hülle der Selb­s­theit ist der Leib. Dies ist der Ort, von dem die Gedanken ausströ­men. Sie haben Wirk­samkeit, sie binden des Men­schen Wesen an das Sein des Geistes. Die Gedanken haben Wil­len­squal­ität. Im Mantra 26 Z sind es die Wil­len­striebe, die das Selb­st­ge­fühl gebären, das Selb­st­ge­fühl ins Leben brin­gen. Geboren wird immer ein Leib und am Ende des Lebens wird er zur Hülle. Die leib­bildende und entleibende Wirk­samkeit für das Selb­st ist das Verbindende dieser bei­den Mantren.

Wie kann ich das Mantra 26 Z verstehen?

Das Mantra 26 Z ist genau genom­men eine wörtliche Rede. Zu Beginn wen­det sich der Ich- Sprech­er an die Natur, danach spricht er über sich selbst.

Zur Natur gewen­det äußert er, dass er ihr müt­ter­lich­es Sein in seinem Wil­lenswe­sen trage. Indem er das Sein der Natur als müt­ter­lich benen­nt, schwingt Dankbarkeit der Natur gegenüber mit. Zwis­chen dem Ich-Sprech­er und der Natur find­et eine Begeg­nung auf Augen­höhe statt. Und wir? Wir sprechen leichthin von der Mut­ter Erde. Erleben wir auch ihre Müt­ter­lichkeit? Erleben wir ihre Gaben als Geschenke?  Wür­den wir sie ansprechen und ihr sagen, dass wir ihre Essenz in uns tra­gen? Was ist denn das müt­ter­liche Sein der Natur, das wir in uns tra­gen? Und was ist unser Willenswesen?

Natür­lich haben wir einen physis­chen Leib, der, wie die Bibel sagt, aus Lehm gemacht wurde (AT, 1. Buch Mose). Die alten Weisheit­süber­liefer­un­gen der Maya Guatemalas erzählen etwas ähn­lich­es. Sie glaubten, dass die ersten Men­schen aus Mais­teig geformt und dann belebt wur­den. Unser belebter physis­ch­er Leib ist Natur. Er gehorcht den Naturge­set­zen und kehrt im Tod in ihren Kreis­lauf zurück. Die Natur lebt uns den Kreis­lauf von Wer­den und Verge­hen im Jahres­lauf vor. Fol­glich wal­tet auch in unserem Kör­p­er ein ständi­ger Auf- und Abbau von Stof­fen. Rudolf Stein­er spricht hier vom Stof­fwech­sel-Glied­maßen-Sys­tem und erken­nt in ihm die kör­per­liche Grund­lage des Wil­lens. Im Wil­lenswe­sen tra­gen wir Men­schen also tat­säch­lich das müt­ter­liche Sein der Natur in uns!

In den unter­be­wussten Tiefen unser­er Seele, in ihrem Wil­lens­bere­ich, gibt es zwei gegen­sät­zliche Bewe­gun­gen: den Durst nach Dasein und das Streben nach Bewusst­sein. Der Durst nach Dasein wirkt inkarnierend, sich vere­inend, das Streben nach Bewusst­sein wirkt exkarnierend, sich dis­tanzierend. Vielle­icht ist es das, was gemeint ist, was wir von der Natur in unserem Wil­lenswe­sen tra­gen. Diese bei­den Bewe­gun­gen sind müt­ter­lich, für­sor­glich. Durch sie bleibt die Seele in ständi­ger Bewe­gung. Der Über­lebenswille hütet das Leben, der Entwick­lungswille lässt uns über die gegen­wär­tige Stufe hinausstreben.

Nun wird aus der Rede ein Selb­st­ge­spräch. Es schließt mit “Und” an, denn des Wil­lens Feuer­ma­cht ste­ht in direk­tem Zusam­men­hang mit dem Wil­lenswe­sen. Feuer ist das Bild für alle Trans­for­ma­tion­sprozesse und dadurch auch für das, was wie ein inner­er “Jahreskreis­lauf” im Wil­lenswe­sen bren­nt. Die Feuer­ma­cht, der Trans­for­ma­tion­swille, stählt die Triebe meines Geistes. Die Triebe meines Geistes sind meine geisti­gen Rich­tungs- und Wach­s­tum­skräfte. Sie sind das, wo es mich hin­treibt. Inter­es­san­ter Weise hat das Wort zwei Bedeu­tun­gen. Der einen Bedeu­tung begeg­nen wir in der tierischen, der anderen in der pflan­zlichen Natur: beim Men­sch und beim Tier besagt “Trieb” ein unkon­trol­lier­bares kör­per­lich­es Ver­lan­gen des Lebendi­gen, wie es zum Beispiel das trieb­hafte Begehren der Fortpflanzung ist. Bei den Pflanzen zeigt sich “Trieb” kör­per­lich sicht­bar. Es beze­ich­net einen jun­gen Spross, der in eine Rich­tung wächst.

Meines Geistes Triebe sind die Triebe, die mein Geist sprossen lässt. Sie wach­sen aus meinem Geist her­aus — und lassen ihn sel­ber wach­sen. Drei See­len­fähigkeit­en entsprossen meinem Geist: Denken, Fühlen und Wollen. Alle drei See­len­fähigkeit­en müssen geschult, gestählt wer­den. Sie müssen — bildlich gesprochen — gezügelt wer­den: vom unbe­wusst tierischen Trieb zum offen­baren selb­st­losen Pflanzen­spross werden.

Die Geistes Triebe wer­den von der Feuer­ma­cht meines Wil­lens gestählt. Sie wer­den stark, biegsam und glänzend wie Stahl gemacht. In diesem Wort klingt leise der mit dem Schw­ert gegen alles Unwahre und Ungute kämpfende Erzen­gel Michael an, dessen Fest in dieser Woche liegt. Arbeit­et des Wil­lens Feuer­ma­cht an den drei See­len­fähigkeit­en, stählt sie, so entwick­elt sich jede einzelne zu ihrem vol­lkom­men­sten Aus­druck. Bleibe ich im Bild, wird das Denken ein glänzen­der Spiegel der Wahrheit, das Fühlen so stark, dass es das Gle­ichgewicht zwis­chen Sym­pa­thie und Antipathie hal­ten kann und der Wille so geschmei­dig, dass er sich lebendig den Gegeben­heit­en anpassen kann.

Mit den Trieben des Geistes ist ein über­ge­ord­netes Ziel ver­bun­den. Sie sollen Selb­st­ge­fühl gebären, damit ich mich in mir tra­gen kann. Meine Triebe des Geistes sind nicht nur meine geisti­gen Inten­tio­nen, son­dern auch die tat­säch­lichen Äußerun­gen mein­er See­len­fähigkeit­en, meine Tat­en im weit­eren Sinne. Durch jede Tat gewinne ich Selb­st­wahrnehmung. Sie spiegelt mich. Durch die Reak­tio­nen, die meine Tat­en aus­lösen, bildet sich ein gefühltes, wahres Bild meines gegen­wär­ti­gen Wesens. Dieses Selb­st­ge­fühl ist nicht die aus dem Ver­stand geborene Vorstel­lung. Hier täusche ich mich leicht über mich sel­ber. Selb­st­ge­fühl ist die füh­lend wahrgenommene Sicher­heit, dass ich bin. Nichts überzeugt uns von der Wahrheit der Exis­tenz tief­greifend­er, unbezweifel­bar­er als das Fühlen. Der Stein, den ich füh­le hat unbe­d­ingte Real­ität. Ich werde von meinen Geis­testrieben in meine eigene Wahrnehm­barkeit geboren. Ohne Selb­st­ge­fühl wäre ich zwar da, würde aber nichts von meinem Dasein wis­sen, denn nur wenn ich mich fühlen kann, bin ich für mich existent.

Ich werde hier nicht als Kör­p­er geboren, son­dern als der sich füh­lende Geist. Mein Selb­st­ge­fühl wird geboren, damit ich mich in mir tra­gen kann. Ein Men­sch, der ein anderes Wesen in sich trägt, ist eine Mut­ter. Indem ich die Mut­ter bin, run­det sich dieses Mantra und schließt an das müt­ter­liche Sein der Natur des Anfangs an. Ich trage mich als geistiges Wesen in mir, das als Selb­st­ge­fühl in Erschei­n­ung tritt. Die Unter­schei­dung von zwei Instanzen: “mich” in “mir”, macht deut­lich, dass in mir nun­mehr noch jemand anderes anwe­send ist. Diese geistige Imma­nenz in mir wird gerne der stille Beobachter genannt.