1 A Oster-Stimmung

Wenn aus den Weltenweiten

Die Sonne spricht zum Menschensinn

Und Freude aus den Seelentiefen

Dem Licht sich eint im Schauen,

Dann ziehen aus der Selb­s­theit Hülle

Gedanken in die Raumesfernen

Und binden dumpf

Des Men­schen Wesen an des Geistes Sein.

 

Was sagt mir das?

Dieses erste Spruch-Mantra des See­lenkalen­der-Jahres von Rudolf Stein­er begin­nt mit ein­er “Wenn-Dann” Beziehung. Ein Ursache-Wirkungs-Zusam­men­hang wird for­muliert, der den Charak­ter eines Naturge­set­zes trägt.  Verkürzt lautet er: ‘Wenn die Sonne zum Men­schensinn spricht, dann ziehen Gedanken in die Raumes­fer­nen´. Wenn die Sonne die Welt erhellt, spricht sie unsere men­schlichen Sinne an, unseren Ver­stand, der das Sin­nvolle im Wahrgenomme­nen erken­nt. Wir sehen, wir nehmen wahr, wir ver­ste­hen. Das Wahrgenommene regt uns zu Gedanken an. So ist das Wort “Men­schensinn” dur­chaus mehrdeutig zu ver­ste­hen. Wir fra­gen z.B. was jemand im Sinn hat — und meinen, was er ger­ade denkt, was er in den inneren Blick genom­men hat.

Das ist aber noch nicht alles. Im Mantra wird sowohl an die Ursache als auch an die Wirkung noch ein zweites geknüpft. Zur Ursache, — der Son­nenansprache an den Men­schen, — kommt eine Reak­tion des Men­schen hinzu: die Freude, die aus den Tiefen der Seele auf­steigt, verbindet sich mit dem Schauen. Auch zur Wirkung, — der vom Men­schen ausströ­menden Gedanken, — kommt eine Folge hinzu: die Gedanken binden das Wesen dieses Men­schen an das Sein des Geistes. Sie tun dies jedoch dumpf, ohne dass der Men­sch etwas davon bemerkt. Er ist unwis­send an die Fol­gen seines Denkens gebunden.

Dieses Mantra beschreibt die Grund­lage von Kar­ma. Vor jed­er Tat, die dann karmis­che Fol­gen nach sich zieht, ist ein Gedanke, der die Tat ini­ti­iert. Der Spruch sagt, dass jed­er Gedanke, der aus ein­er Sin­neser­fahrung mit Gefühls­beteili­gung fol­gt, das Wesen dieses Men­schen an das Sein des Geistes bindet. Das Sein des Geistes ist Unsterblichkeit, er ver­leib­licht und vergeistigt sich, doch in diesem Wech­sel ist der Geist Dauer, Ewigkeit. Die Gedanken bewirken also, dass der Men­sch Anteil hat an dieser Dauer. Er bleibt zwar sterblich, doch er verkör­pert sich neu, er reinkarniert und gewin­nt ger­ade dadurch auf höher­er Ebene die Unsterblichkeit.

Innere Bewegung

Das Mantra ist gle­ichzeit­ig eine erfahrene Punkt-Kreis-Med­i­ta­tion. Die Sonne spricht aus den Wel­tenweit­en. Eine Bewe­gung vom Umkreis zu mir als Zen­trum find­et statt. Aus den See­len­tiefen steigt die Freude auf und ver­strömt sich in den Umkreis.  Die Son­nen­wirkung ist eine konzen­tri­erende Bewe­gung, die der Freude eine Wei­t­ende.  Bei­de Bewe­gun­gen vere­inen sich im Licht im Prozess des Schauens. Schauen ist ein Sehen mit inner­er Beteili­gung, mit seel­is­ch­er Anteil­nahme. Umkreis und Punkt haben sich hier das erste Mal vereinigt.

Nun fol­gt der zweite Punkt-Umkreis-Prozess, der dieses Mal vom Men­schen ini­ti­iert wird: Dann ziehen Gedanken aus der Selb­s­theit Hülle, von innen nach außen in die Raumes­fer­nen, in den Umkreis.  Meine Selb­s­theit Hülle ist mein Kör­p­er. Bess­er ließe sich die tiefe Unbe­wuss­theit des ganzen Vor­gangs kaum beschreiben. Mein Selb­st, meine Per­sön­lichkeit dieses Lebens, lebt in der Hülle des Kör­pers. Mit jedem Bewusst­sein­sprozess find­et ein ganz fein­er Ster­be­prozess, ein Geist-Werde-Prozess statt. Aus der Selb­s­theit Hülle ziehen die Gedanken in die Raumes­fer­nen. Weil der Men­sch sich mit jedem Gedanken vergeistigt, bindet dieser Vor­gang ihn an die Geist­ge­set­ze, an das Sein des Geistes. Das Sein des Geistes ist Umkreis-Sein, Weite, die let­z­tendlich wieder danach strebt, sich zu konzen­tri­eren — sich zu ver­leib­lichen, doch das ist nicht mehr The­ma dieses Spruchs. Dieses Mantra schließt mit der Weite, “des Geistes Sein”, und lässt die “Wel­tenweit­en” der ersten Zeile, aus denen die Sonne spricht, leise anklin­gen. Dadurch run­det sich der Spruch und gibt eine Vorah­nung des Jahreskreis­es, den er eröffnet.

Und welche inneren Bilder schenkt dir dieser Spruch?