27 a

In meines Wesens Tiefen dringen:

Erregt ein ahnungsvolles Sehnen,

Dass ich mich selb­st­be­tra­ch­t­end finde,

Als Som­mer­son­nengabe, die als Keim

In Herb­stesstim­mung wär­mend lebt

Als mein­er Seele Kräftetrieb.

Wie kann ich das Mantra 27 a verstehen?

Das Mantra 27 a ist das erste Mantra des Win­ter-Hal­b­jahres. Wie ein zusam­men­fassender Vor­blick schildert es, worum es im ganzen Hal­b­jahr gehen wird. Im Vor­wort zur ersten Aus­gabe des See­lenkalen­ders schreibt Rudolf Stein­er: „Das Gegrün­det­sein in sich sel­ber und das Leben in der eige­nen Gedanken- und Wil­lenswelt kann er [der Men­sch] empfind­en als Win­ter­da­sein.“ Ab jet­zt geht es um die Innen­schau. Im Som­mer-Hal­b­jahre richtete sich die Aufmerk­samkeit nach außen, auf die Wahrnehmung. Nun geht es zum Beispiel um den Wahrheits­ge­halt mein­er Gedanken, um das, was ich über die Welt und über mich denke. Es geht auch um meine Motive für meine Hand­lun­gen und um die Kraft meines Willens.

Jet­zt geht es um das Ein­drin­gen in die Tiefe des eige­nen Wesens, in die eigene Seele. Das erfordert michaelis­chen Mut, denn nach mein­er Erfahrung zeigt sich hier zunächst nur Dunkel­heit. Es ist, als ob ich von ein­er son­nen­durch­fluteten Land­schaft in einen wenig erhell­ten Innen­raum ein­trete. Es dauert, bis sich die Augen an die Dunkel­heit gewöh­nt haben. Und wenn ich beginne, etwas in der Seele zu sehen, so sehe ich, wenn ich ehrlich auf mich schaue, meine Unvol­lkom­men­heit. Ich sehe mein Nicht-Genü­gen, gemessen an meinen eige­nen Ide­alen. Die Gefüh­le, die sich aus meinen Dunkel-Bere­ichen auf­bäu­men, ähneln Dämo­nen oder Drachen. Sie dro­hen, meine Selb­stach­tung und mein Selb­st­be­wusst­sein zu ver­schlin­gen. Ander­er­seits kön­nen auch meine Begier­den, Lei­den­schaften und anderen Emo­tio­nen so stark sein, dass sie meine Fähigkeit der Selb­st­führung über­wälti­gen, mich ver­bren­nen. Nicht umson­st heißt es, dass Drachen feuri­gen Atem haben. Das Gemälde der Ver­suchung des heili­gen Anto­nius auf dem Isen­heimer Altar gibt ein anschaulich­es Bild­panora­ma solch­er Erlebnisse.

In allen Mys­te­rien­schulen begann die Schu­lung mit dem Weg in die eigene Seele. In der ger­man­is­chen Mytholo­gie ver­langt diese Stufe der Ein­wei­hung ein Lod Fafnir zu wer­den. Das bedeutete, in die Haut des Drachen Fafnir zu schlüpfen (Gun­du­la Jäger, Die Sprache der Edda, S. ).

Mit dem Mantra 27 a begin­nen wir einen solchen Ein­wei­hung­sprozess. Von den oben erwäh­n­ten Gefahren und bedrohlichen Erleb­nis­sen ist im Mantra jedoch nichts zu spüren. Es begin­nt stattdessen damit, dass ein ahnungsvolles Sehnen erregt wird, wenn ich in die Tiefe meines Wesens ein­dringe. Ein­wei­hung sucht nur der­jenige, der schon eine Ahnung von der unsicht­baren Welt in sich trägt. Die Sehn­sucht nach dem Find­en des Ewigen im Men­schen muss ihn leit­en. Das ist die Voraussetzung.

Wie gelingt es mir, in die Tiefe meines Wesens zu drin­gen? Der Prozess wird Embod­i­ment genan­nt. Dieses Konzept der Wahrnehmung ste­ht im Gegen­satz zu der als Auf­stieg beze­ich­neten Suche nach Erleuch­tung, dem Streben nach leiblosem, somit reinem Bewusst­sein. Embod­i­ment meint das verkör­perte Bewusst­sein, das den Kör­p­er bewohnende Bewusst­sein. Um dieses Bewusst­sein zu erleben, wird eine ver­tiefte Verbindung mit dem eige­nen Leib gesucht. Durch das Spüren des So-Seins im ersten Moment und des Anders-Seins im näch­sten Moment, begeg­ne ich mir sel­ber, ohne sofort die Mess­lat­te mein­er Ide­ale anzule­gen, mich zu be- und zu verurteilen. Ich erlebe mich als einzi­gar­tig, als eine Individualität.

Warum wird dieses ahnungsvolle Sehnen erregt – und nicht erweckt? Der Empfind­ungsleib, der Leib-Aspekt mein­er Seele, ist ein erreg­bares Wesen. Jede Sinneswahrnehmung bewirkt eine mehr oder weniger bewusst von mir wahrgenommene Erre­gung meines Leibes, worauf meine Empfind­ungsseele mit Sym­pa­thie oder Antipathie reagiert. Erst mit dem Urteil, dem von der Ver­standesseele gefun­de­nen Begriff zur Wahrnehmung, taucht der Prozess im Bewusst­sein auf. Indem ich in die Tiefe meines Wesens bis zur Leib-Ebene hin­unter dringe, nehme ich die Gren­zfläche, die Mem­bran wahr, die zwis­chen der äußeren Wahrnehmungswelt und der inneren See­len­welt wie ein Trom­melfell ges­pan­nt ist. Bevor das Bewusst­sein erwacht, wird diese Gren­zfläche erregt. Das Wort weist auf das „sich regen“ als Aus­druck des Lebens sel­ber hin.

Ein Sehnen, eine Sehn­sucht als Tätigkeit wird erregt. Sehnen erlebe ich als Sog-Kraft, die vom Ziel her wirkt. Sie ist dem Trieb ent­ge­genge­set­zt, der auf das Ziel hin­drängt. Eine Sehn­sucht geht von einem Ide­al und damit vom Bewusst­seins-Men­schen aus, während ein Trieb vom Kör­p­er her­rührt. Die Sehn­sucht richtet sich darauf, mich selb­st zu find­en. Mich zu find­en heißt, mich zu be-greifen, mich zu erken­nen. Ich habe Sehn­sucht nach Selb­sterken­nt­nis. Mein Geist sehnt sich danach, sich im Leib wiederzufinden.

Bis hier­her schildert das Mantra See­len­re­gun­gen, die ver­traut erscheinen. Doch was nun fol­gt, gibt Rät­sel auf. Ich sehne mich danach, mich als Som­mer­son­nengabe zu find­en. Warum das? Bin ich als Geist nicht ein ewiges Licht? Warum bin ich eine Gabe der Som­mer-Sonne? Erneuert diese Gabe mich Som­mer für Som­mer – was bedeuten würde, dass ich kein ewiges Licht bin? Ich will diese Fra­gen hier so ste­hen lassen und zunächst dem Mantra folgen.

Was wird noch über die Som­mer­son­nengabe gesagt, als die ich ersehne, mich zu find­en? Die Som­mer­son­nengabe lebt als Keim in mir. Sie ist der Kräftetrieb mein­er Seele. So wie aus dem Samen der Keim aus­treibt und also im Samen die Kraft lebt, zu einem großen Baum zu wer­den, lebt die Som­mer­son­nengabe als Anlage in mein­er Seele, als Same. Sie ist der Entwick­lungstrieb mein­er Seele. Das Ziel der Seele ist es, Sonne zu wer­den – aus sich sel­ber ausstrahlen­des Bewusst­seinslicht und See­len­wärme. Eine Seele zu wer­den, die keinen Kör­p­er und fort­laufende Sin­nesan­re­gun­gen benötigt, um zu leben. Die Som­mer­son­nengabe ist das Geschenk der Anlage dazu. Diese Anlage lebt demzu­folge ein­er­seits als Keim und ander­er­seits als zur Entwick­lung antreiben­der Wille in der Seele.

Die seel­is­che „Jahreszeit“ gle­icht der äußeren: es herrscht Herb­stesstim­mung. Die Herb­stesstim­mung ist die Stim­mung des Abster­bens, der zunehmenden Kälte und Dunkel­heit. Erken­nt­nis-Suche ist eine nüchterne, „küh­le“ Angele­gen­heit. Im Bild des Herb­st­baumes aus­ge­drückt zählt nur, was übrig­bleibt, wenn das Blät­terkleid hin­wegge­fegt wurde. Das ist das Ver­lässliche, die „harten Fak­ten“. In dieser Herb­stesstim­mung erweist sich der Som­mer­son­nengabe-Keim als wär­mend. Er beste­ht die Herb­stesstim­mungs-Prü­fung und lebt wär­mend, Wärme ausstrahlend. Er ist das Ver­lässliche, das Bestand hat in mir – das in Entwick­lung befind­liche Unverän­der­bare, mein anfänglich­es Sonne-Sein.

Die Sonne — und die Som­mer­son­ne beson­ders ein­dringlich – schenkt mir täglich den äußer­lich sicht­baren Anblick des geisti­gen Urbildes, zu dem ich mich hinen­twick­eln darf. Ich finde mich als Som­mer­son­nengabe. Es heißt nicht, ich erkenne mich als Som­mer­son­nengabe, nein, ich finde mich. Find­en geht genau genom­men über das Erken­nen hin­aus. Erken­nen ist ein Sehen eines inneren Bildes. Find­en bein­hal­tet etwas zu sehen und es auch “aufzuheben”. Außer­dem klingt  im Find­en  das Wiederfind­en mit. Kann es sein, dass mir mein Sonne-Sein vorüberge­hend vor­loren gegan­gen war? Ist das der Grund, warum die Som­mer­son­ne mir in jedem Som­mer das Geschenk dieser Erken­nt­nis­möglichkeit gibt, damit ich mich als Som­mer­son­nengabe (wieder) find­en kann?

Das Ziel des Weges nach innen wurde in den ver­schiede­nen Mys­te­rien­schulen das Schauen der Sonne um Mit­ter­nacht genan­nt. Rudolf Stein­er sagt: „Der­jenige, der wirk­lich eingewei­ht ist, lernt die Sonne um Mit­ter­nacht wahrhaftig schauen, denn in ihm ist das Materielle aus­gelöscht. Nur die Sonne des Geistes lebt in seinem Inneren und über­strahlt alle Dunkel­heit der Materie.“ (Lit.:GA 96, S. 191f)

Das Schauen der Sonne um Mit­ter­nacht, so sagt Rudolf Stein­er, wurde im Tiefwin­ter zele­bri­ert. Die Sehn­sucht danach wird jedoch im Herb­st erregt, wenn das Leben in der Natur stirbt und in der Seele die bange Frage auf­taucht, wie das zu find­en ist, was den Tod überdauert.