Die spiegelnden Mantren 12 ! und 41 p

12 ! Johannes-Stimmung

Der Wel­ten Schön­heits­glanz,

Er zwinget mich aus See­len­tiefen

Des Eigenlebens Göt­terkräfte

Zum Wel­tenfluge zu entbinden;

Mich sel­ber zu ver­lassen,

Ver­trauend nur mich suchend

In Wel­tenlicht und Wel­tenwärme.

41 p

Der Seele Schaf­fens­macht,

Sie stre­bet aus dem Herzens­grunde,

Im Men­schenleben Göt­terkräfte

Zu rechtem Wirken zu entflam­men,

Sich sel­ber zu gestal­ten

In Men­schen­liebe und im Men­schen­werke.

Musik zum Mantra 12 ! — stolz — komponiert von Herbert Lippmann

Musik zum Mantra 41 p — froh — komponiert von Herbert Lippmann

Luzifer und Christus

Rudolf Stein­er beschreibt Luz­ifer und Chris­tus als zwei polare und sich ergänzende Geist­mächte. Ich habe den Ein­druck, dass sich in den Mantren 12 ! und 41 p Aspek­te der heuti­gen Wirk­samkeit dieser Geist­mächte find­en. „Früher fand man Chris­tus als kos­mis­che Wesen­heit, den Luz­ifer als inner­men­schliche Wesen­heit. Sie durchkreuzten ihren Weg. Der Chris­tus zieht in die men­schliche Seele ein, er wird zum plan­e­tarischen Erdengeiste, er wird immer mehr der mys­tis­che Chris­tus in den Men­schensee­len, er wird durch die inneren Erleb­nisse ver­tieft und erkan­nt. Die Seele wird dadurch immer fähiger, wiederum zu schauen die andere Wesen­heit, die den umgekehrten Weg gemacht hat, von dem Inneren in das Äußere hin. Der Luz­ifer wird aus ein­er inner­men­schlichen Wesen­heit, ein­er rein irdis­chen Wesen­heit, wo er gesucht wor­den ist in den Mys­te­rien, die in das Unter­re­ich führten, ein kos­mis­ch­er Gott. Immer mehr wird er aufleucht­en draußen in der Welt, die wir erblick­en, wenn wir hin­durch­se­hen durch den Tep­pich der Sinneswelt. Umgekehrt wird das Anschauen der Men­schen. Hat man Luz­ifer gese­hen hin­ter dem Schleier der inneren See­len­welt, hat man den Chris­tus gese­hen, wie der Zarathus­tra, hin­ter der äußeren sinnlichen Welt, so wird man in der Zukun­ft den Chris­tus immer mehr und mehr durch Versenkung und Verin­ner­lichung in das eigene Wesen erken­nen kön­nen. Den Luz­ifer wird man find­en, wenn man den Blick nach außen richtet in die kos­mis­che Region.

So haben wir eine völ­lige Umkehr der men­schlichen Erken­nt­nisver­hält­nisse im Laufe der men­schlichen Entwick­elung zu verze­ich­nen: der Chris­tus ist gewor­den von einem kos­mis­chen Gotte zu einem irdis­chen Gott, der die Seele der Erde ist in der Zukun­ft. Der Luz­ifer ist gewor­den von einem irdis­chen Gotte zu einem kos­mis­chen Gott. Und will der Men­sch in der Zukun­ft wiederum auf­steigen zu der äußeren geisti­gen Welt, die hin­ter dem Schleier der Sinneswelt ver­bor­gen ist, will er nicht bei dem ste­hen­bleiben, was äußer­lich, nur grob­stof­flich ist, dann muß er durch die Dinge der Sinneswelt hin­durch­drin­gen in die geistige Welt; er muß sich in das Licht tra­gen lassen durch den «Licht-Träger». Und keine Fähigkeit­en, da einzu­drin­gen, wer­den dem Men­schen erste­hen, wenn er diese Fähigkeit­en nicht schafft aus den Kräften, die uns zufließen von Luz­ifers Reich. Die Men­schheit würde in Mate­ri­al­is­mus versinken, immer­fort in dem Glauben ver­har­ren, daß alles nur äußere materielle Welt ist, wenn sie nicht auf­stiege zur Inspi­ra­tion durch das luz­iferische Prinzip. Ist das Chris­tus-Prinzip dazu berufen, unser Inneres stärk­er und stärk­er zu machen, so ist das luz­iferische Prinzip dazu berufen, unsere Fähigkeit­en, die ein­drin­gen soll­ten in die Welt in vollem Umfange, zu schär­fen, auszu­bilden. Immer stärk­er und stärk­er für das Begreifen und Erken­nen der Welt wird uns Luz­ifer machen, immer stärk­er und stärk­er im Innern wird uns Chris­tus machen.“ (Lit.: GA 113, S. 127f)

Rudolf Stein­er sagt auch: „Wenn der Men­sch den Chris­tus erken­nt, wenn er sich wirk­lich ein­läßt auf die Weisheit, um zu durch­schauen, was der Chris­tus ist, dann erlöst er sich und die luz­iferischen Wesen­heit­en durch die Chris­tus-Erken­nt­nis. Würde der Men­sch sich bloß sagen: Ich bin zufrieden damit, daß der Chris­tus da war, ich lasse mich erlösen unbe­wußt — dann würde der Men­sch niemals zur Erlö­sung der luz­iferischen Wesen­heit­en etwas beitra­gen. Diese luz­iferischen Wesen­heit­en, die dem Men­schen die Frei­heit gebracht haben, geben ihm auch die Möglichkeit, diese Frei­heit jet­zt in ein­er freien Weise zu benutzen, um den Chris­tus zu durch­schauen. Dann wer­den in dem Feuer des Chris­ten­tums geläutert und gere­inigt die luz­iferischen Geis­ter, und es wird das, was durch die luz­iferischen Geis­ter an der Erde gesündigt wor­den ist, aus ein­er Sünde in eine Wohltat umge­wan­delt wer­den. Die Frei­heit ist errun­gen, aber sie wird als eine Wohltat mit hinein­genom­men wer­den in die geistige Sphäre. Daß der Men­sch das kann, daß er imstande ist, den Chris­tus zu erken­nen, daß Luz­ifer in ein­er neuen Gestalt aufer­ste­ht und sich als der Heilige Geist mit dem Chris­tus vere­ini­gen kann, das hat der Chris­tus selb­st noch als eine Prophezeiung denen gesagt, die um ihn waren, als er sagte: Ihr kön­nt erleuchtet wer­den mit dem neuen Geist, mit dem Heili­gen Geist! — Dieser Heilige Geist ist kein ander­er als der, durch den auch begrif­f­en wird, was der Chris­tus eigentlich getan hat. Chris­tus wollte nicht bloß wirken, er wollte auch begrif­f­en, er wollte auch ver­standen sein. Deshalb gehört es zum Chris­ten­tum, daß der Geist, der die Men­schen inspiri­ert, der Heilige Geist, zu den Men­schen gesandt wird.“ (Lit.: GA 107, S. 254, Her­vorhe­bung A.F.)

Die mit “Johannes” bezeichnete Einweihungsstufe

Rudolf Stein­er gibt an, dass mit dem Namen Johannes eine bes­timmte Stufe der men­schlichen Entwick­lung beze­ich­net wird. Mit der Reini­gung des Astralleibs von allen Begier­den arbeit­et das Ich des Men­schen ihn nach und nach um in das erste unsterbliche, geistige Wesens­glied des Men­schen, in das Geist­selb­st — auch Man­as genan­nt. „Es gab solche Men­schen, die aus dem Man­as her­aus der Bud­dhi ein hochen­twick­eltes See­lenor­gan ent­ge­gen­bracht­en. Das muß so sein. Es mag noch so viel Licht scheinen, wenn kein Auge da ist, wird es nicht wahrgenom­men. So ist es auch mit Bud­hi. Es gab einen Namen für alle die Men­schen, die ein solch­es Organ entwick­elt hat­ten, die durstig waren nach der Bud­dhi, einen Gat­tungsna­men: Johannes. Er ist auch beson­ders anwend­bar auf den Täufer. Chris­tus und Bud­dhi ist dieselbe Strö­mung in geistiger Beziehung.“ (Lit.: GA 94, S. 250 Her­vorhe­bung A.F.)

Noch über dem Geist­selb­st ste­ht ein weit­eres Wesens­glied, Lebens­geist oder Bud­dhi genan­nt. Dieses geht aus dem umgear­beit­eten Äther­leib her­vor und ist wie das Geist­selb­st unsterblich. Rudolf Stein­er spricht jew­eils davon, dass der Lebens­geist das Geist­selb­st erfüllt. Es entste­ht das Bild eines Gefäßes — das Geist­selb­st, das mit ein­er Flüs­sigkeit — dem Lebens­geist, gefüllt wird. Rudolf Stein­er beschreibt, das die Israeliten auf der Wüsten­wan­derung mit der Möglichkeit der Geist­selb­sten­twick­lung beschenkt wur­den. Es senk­te sich auf sie nieder in Gestalt des Man­na. “Nun schauen wir uns das äußere Zeichen an, durch das auf die Israeliten herun­ter­rin­nt der Logos, soweit sie ihn rein begrif­flich, in Gedanken erfassen kön­nen. Dieses äußere Zeichen ist das «Man­na» der Wüste. Man­na ist in Wahrheit — diejeni­gen, welche die Geheimwis­senschaft ken­nen, wis­sen das — das­selbe Wort wie Man­as, das Geist­selb­st. So strömt in diejenige Men­schheit, die nach und nach sich errun­gen hat das Ich-Bewußt­sein, der erste Anflug von dem Geist­selb­st ein. Das aber, was im Man­as selb­st lebt und kommt, darf sich noch anders benen­nen. Es ist nicht bloß das, was man wis­sen kann, son­dern eine Kraft, die man selb­st aufnehmen kann. Als der Logos bloß seinen Namen ruft, da muß man ihn ver­ste­hen, ihn fassen mit der Ver­nun­ft. Als der Logos Fleisch wird und inner­halb der Men­schheit erscheint, da ist er ein Kraftim­puls, der unter die Men­schen gebracht wird, der nicht nur als Lehre und Begriff lebt, son­dern der in der Welt als ein Kraftim­puls enthal­ten ist, an dem der Men­sch teil­nehmen kann. Da nen­nt er sich aber nicht mehr «Man­na», son­dern das «Brot des Lebens» (Joh 6,48 LUT), das ist der tech­nis­che Aus­druck für Bud­dhi oder Lebens­geist“ (Lit.: GA 103, S. 120)

In der rus­sis­chen Iko­nen­malerei wird Johannes der Täufer nach sein­er Enthaup­tung, als ein Geist­we­sen mit Engelflügeln dargestellt. Dieses Bild kann als Abbil­dung des erwor­be­nen Geist­selb­st-Leibes ver­standen werden.

Johannes der Täufer, Ikone aus der 2. Hälfte des 17. Jhs.

Das Geist­selb­st ste­ht in Beziehung zu den Ver­standeskräften des Men­schen und auch zur Schlange als Bild der­sel­ben. Rudolf Stein­ers sagt: „Heute begreifen nur wenige Men­schen eigentlich das Man­as. Das Denken mit dem Denken zu begreifen, das Denken im Denken zu erhaschen, die Ewigkeitss­chlange fer­tig zu run­den, das ist die Auf­gabe der fün­ften Unter­rasse [der fün­ften Kul­ture­poche, die 1413 begann und erst 3573 n. Chr. endet]. Das Denken ist das Organ, wo sich zunächst das men­schliche Wesen wie an einem Zipfel ergreift. Dies im Men­schen anzure­gen, ist der Zweck meines Buch­es «Die Philoso­phie der Frei­heit».“ (Lit.: GA 94, S. 249, Ergänzung A.F.)

Im fol­gen­den Zitat Rudolf Stein­ers wird die Beziehung des Geist­selb­st zu Luz­ifer als Wesen der Venus und damit zur Schön­heit, die im Mantra 12! eine Rolle spielt, indi­rekt deut­lich: „Und damals, als schon die Empfind­ungsseele, die Ver­standesseele und die Bewußt­seinsseele angeregt waren, da wurde der Anstoß gegeben, Man­as in Fluß zu brin­gen. Denn dazu mußte zuerst auch noch eine Anre­gung gegeben wer­den. War es ein­mal in Fluß gebracht, dann kon­nte der Men­sch sozusagen seine Entwick­lung selb­st in die Hand nehmen. Das war im let­zten Drit­tel der atlantis­chen Zeit. Die Anreger waren die Wesen­heit­en, die auf der Venus waren.“ (Lit.: GA 98, S. 198)

Über die Spiegelsprüche 12 ! und 41 p

Das Mantra 12 ! trägt keinen Buch­staben, son­dern nur eine Zahl — die 12 — als Spruch­beze­ich­nung. (Mehr über den fehlen­den Buch­staben und den Unter­schied der See­lenkalen­der Aus­gaben von 1912 und 1925) Um deut­lich zu machen, dass der Buch­stabe nicht vergessen wurde, verse­he ich diese Mantren mit einem Aus­rufeze­ichen. Zusät­zlich zur Zahl 12 ist dem Mantra die Über­schrift “Johannes-Stim­mung” beigegeben, wodurch es zum Johan­nifest — dem Fest der vol­l­zo­ge­nen Som­mer­son­nen­wende — gehört. (Mehr zu den Mantren mit Über­schrift)

Die Mantren 12 !  und 41 p spiegeln fast durchge­hend und beson­ders stark. Sie sind so exakt aufeinan­der abges­timmt wie Schlüs­sel und Schloss — und eben­so gegen­sät­zlich. Im Mantra 12 ! gibt es einen sich selb­st reflek­tieren­den Ich-Sprech­er, aus dessen Mund der Leser vom Geschehen erfährt. Im Mantra 41 p ist das nicht der Fall, denn es ist durchge­hend in der sach­lich und unper­sön­lich beschreiben­den drit­ten Per­son geschrieben.

Der Ich-Sprech­er im Mantra 12 ! wird gezwun­gen. Er hat kein­er­lei Hand­lungs­frei­heit. Im Mantra 41 p geht es genau um die Möglichkeit der Gestal­tung, um die Schaf­fens­macht der Seele. Doch in diesem Mantra geht es nur grund­sät­zlich um diese Kraft. Jeman­den, der die Schöpfer­ma­cht hand­haben würde, gibt es nicht. Ein Zwang erlei­den­des Sub­jekt (12 !) und eine Macht ohne Akteur (41 p) ste­hen sich in den Mantren gegenüber.

Im Mantra 12 ! wird der Ich-Sprech­er vom Wel­ten Schön­heits­glanz gezwun­gen. Er wird gezwun­gen, aus See­len­tiefen des Eigen­lebens Göt­terkräfte zum Wel­tenflug zu ent­binden. Eine machtvolle Bewe­gung von Innen nach Außen find­et statt. Auch im Mantra 41 p ist eine solche Bewe­gung zu beobacht­en. Hier ist es die Schaf­fens­macht der Seele, die aus dem Herzens­grund, dem Innen, her­ausstrebt, um Göt­terkräfte im Men­schen­leben, im Außen, zur Wirk­samkeit zu entflammen.

Im Mantra 12 ! ist die zwin­gende Macht aufge­fächert in drei Glieder: in den Wel­ten-Schön­heits-Glanz. Und auch die wirk­same Kraft im Mantra 41 p ist drei­gliedrig: der Seele-Schaf­fens-Macht. Dadurch spiegeln: Welt (12 !) und Seele (41 p) — Schön­heit (12 !) und Schaf­fen (41 p) — Glanz (12 !) und Macht (41 p). Welche Macht spricht sich in der jew­eili­gen Drei­gliedrigkeit aus? Im Blog­a­r­tikel zum Mantra 12 ! kon­nte ich zeigen, dass es sich beim Wel­ten Schön­heits­glanz um die Dreifaltigkeit geht, um Vater (Welt), Sohn (Schön­heit) und Heili­gen Geist (Glanz). Das Wirk­same im Mantra ist der Glanz. Er ist es, der zwingt. Doch ist das die Eigen­schaft des Heili­gen Geistes?

Der Heilige Geist ist Luz­ifer in sein­er erlösten Form, der Licht­träger, der dem Men­schen vor der göt­tlich geplanten Zeit ein Ich-Bewusst­sein ermöglichte. Er ist ver­bun­den mit dem Plan­eten Venus und dadurch auch mit der griechis­chen Göt­tin Venus, die die Schön­heit verkör­pert. Rudolf Stein­er beschreibt die Beziehung von Luz­ifer zur Venus so: „So leben auf der Venus auch Wesen­heit­en, die zwis­chen den Men­schen und den Sonnen­wesenheiten ste­hen. Sie bewohnen die Venus und kön­nen sog­ar wirk­sam wer­den auf der Erde. Sie wer­den wirk­sam im men­schlichen Leibe. Diese Wesen­heit­en nen­nen wir luz­iferische Wesen­heit­en. Sie haben in gewiss­er Weise ihre Heimat auf der Venus. Daher nen­nt man die Venus auch «Luz­ifer».“ (Lit.: GA 98, S. 186)

Ich kann also im Mantra 12 ! ver­ste­hen, dass die in der Welt im Glanz der Schön­heit wirk­ende luz­iferische Geistkraft hier zwin­gend wirkt. Zwar hat Luz­ifer dem Men­schen die Frei­heit ermöglicht, doch hat er ihm seine Ver­führung im Grunde aufgezwun­gen. Es ist auch das Mantra, das aus der Sicht eines sein­er selb­st bewussten Ich-Sprech­ers geschrieben ist. Und die Kräfte, die gezwun­gener Maßen zum Wel­tenflug durch die luz­iferische Macht ent­bun­den wer­den, sind Kräfte des Eigenlebens.

Im Mantra 41 p han­delt es sich nicht um eine zwin­gende, son­dern um eine strebende drei­gliedrige Macht, der Seele-Schaf­fens-Macht. Die Seele kann ich als den Innen­raum ver­ste­hen — das Pen­dant zur “Welt” im Mantra 12 !, dem äußeren Raum. Das mit­tlere Wort ist nun kein sub­stan­tiviertes Adjek­tiv wie die Schön­heit (12 !), son­dern stammt vom Verb “schaf­fen”. Die aktiv schaf­fende Instanz im Weltall ist die Sohneskraft, das göt­tliche Wort, der Chris­tus. Im Mantra 41 p kann ich in der Schaf­fens­macht der Seele Chris­tus-Wirk­samkeit ver­muten, zumal kein Ich-Sprech­er auftritt, die Schaf­fens­macht also nicht per­sön­lich gelenkt wird.

Der Wel­ten Schön­heits­glanz zwingt den Ich-Sprech­er aus See­len­tiefen (12 !), die Schaf­fens­macht der Seele strebt aus dem Herzens­grunde (41 p). Die See­len­tiefen ver­ste­he ich als die tief unter­be­wussten Bewusst­sein­szustände des Men­schen. Hier sind nor­maler­weise die Göt­terkräfte des Eigen­lebens gebun­den, die nun erzwun­gener Maßen zum Wel­tenflug daraus gelöst, ent­bun­den wer­den. Was sind die Göt­terkräfte des Eigen­lebens (12 !)? Ich ver­ste­he hier die zwei niederen Äther­arten, den Wärme- und den Lichtäther, denn diese hat der Men­sch als Blutwärme und Bewusst­seinslicht zu sein­er indi­vidu­ellen Ver­fü­gung. Auf der Blutwärme grün­det das Erleben, ein Eigen­we­sen zu sein, im Denken erfasst sich der Men­sch als Ich. Diese Äther­arten wur­den von Luz­ifer durch­drun­gen, wodurch sie ihre über­per­sön­liche Natur ein­büßten. Als Selb­st erlebt sich der Men­sch, indem sich das Ich am physis­chen Leib spiegelt. Diese Äther­arten wer­den der Baum der Erken­nt­nis genan­nt. Gle­ichzeit­ig ist mit dem Bau der Erken­nt­nis der physis­che Leib gemeint, denn dieser gibt dem Men­schen die Möglichkeit, sich als Eigen­we­sen zu erleben.

Im Mantra 41 p ist es der Herzens­grund, aus dem die Schaf­fens­macht der Seele strebt. Was meint diese Ort­sangabe? Im Volksmund befind­et sich die tief­ste, grundle­gend­ste moralis­che Kraft eines Men­schen im Herzen, genauer am Grunde seines Herzens. Hier urstän­det die Schaf­fens­macht der Seele, die schöpferische Chris­tuskraft, die Liebe. Und die Schaf­fens­macht der Seele strebt danach, Göt­terkräfte im Men­schen­leben zur recht­en Wirk­samkeit zu ent­flam­men. Um welche Göt­terkräfte kön­nte es sich han­deln, die zur Wirk­samkeit im Men­schen­leben ent­flammt wer­den sollen? Es ist nahe­liegend, hier die höheren Äther­arten, den chemis­chen Äther und den Leben­säther zu ver­muten. Die Kraft des Lebens wird als Lebenslicht eines Men­schen ver­bildlicht. Es ist eine feurige, und let­z­tendlich Bewusst­sein erzeu­gende Kraft. Den Leben­säther beze­ich­net Rudolf Stein­er auch als den Sinn-Äther, den chemis­chen Äther als den Har­monie bewirk­enden Tonäther. Diese Äther­arten wer­den der Baum des Lebens genan­nt. Gle­ichzeit­ig ist mit dem Baum des Lebens der Äther­leib gemeint, der den physis­chen Leib im Schlaf belebt, also ger­ade ohne Beteili­gung des Tagesbewusstseins.

Sowohl des Eigen­lebens Göt­terkräfte (12 !) als auch die im Men­schen­leben wirk­enden Göt­terkräfte (41 p) sind über­men­schlich­er, göt­tlich­er Natur und deshalb nicht an den physis­chen Leib gebun­den. Es ist der Ich-Sprech­er, der gezwun­gen wird, die Göt­terkräfte des Eigen­lebens zum Wel­tenflug zu ent­binden (12 !). Der Glanz der Schön­heit zwingt ihn, die Bindung an den physis­chen Leib aufzulösen, um Geist unter Geis­tern zu wer­den, um zu fliegen. Der Ich-Sprech­er muss sich ver­lassen — im Sinne von sich los Lösen — und darauf ver­trauen, dass er sich in Wel­tenlicht und Wel­tenwärme, in über­per­sön­lichem Licht und gemein­schaftlich­er Wärme ver­wan­delt wiederfind­en wird.

Im Mantra 41 p ist die Wirkung der Göt­terkräfte auf den Men­schen sel­ber gerichtet. Das Ziel ihres Ent­flam­mens, ihres Zusam­men­wirkens ist die Selb­st­gestal­tung, die Selb­sterziehung des Men­schen. So wie im Mantra 12 ! der Ich-Sprech­er sich in der Zwei­heit von Wel­tenlicht und Wel­tenwärme suchen soll, fol­gt die Selb­st­gestal­tung im Mantra 41 p auch ein­er dop­pel­ten Zielset­zung. Sie soll in Men­schen­liebe und im Men­schen­werke geschehen. Das zuerst genan­nte Wel­tenlicht kor­re­spondiert hier mit der eben­so zuerst genan­nten Men­schen­liebe. Die an zweit­er Stelle genan­nte Wel­tenwärme kor­re­spondiert mit dem eben­so an zweit­er Stelle genan­nten Men­schen­werke. Die men­schliche Liebe zeigt sich dadurch dem sich hin schenk­enden Licht der Welt, also der Sonne ver­wandt. Das Werk des Men­schen lässt sich nur durch Tätigkeit, durch Bewe­gung erschaf­fen — und diese erzeugt Wärme. Auch in der Welt ist Wärme stets ein Hin­weis auf eine Verän­derung, auf eine Wach­s­tums­be­we­gung oder eine chemis­che Reak­tion. Sie zeigt an, dass eine Macht schöpferisch aktiv war.

Das Mantra 41 p lässt sich also so lesen, dass die Chris­tuskraft die hohen Ätherkräfte ent­flammt, durch die der Men­sch zur Selb­sterziehung fähig wird. Diese Selb­sterziehung hat zum einen das Ziel, die Fähigkeit der men­schlichen Liebe, der bedin­gungslosen Liebe zu entwick­eln, zum anderen, dass der Men­sch anhand sein­er Tätigkeit, sein­er Werke, sich schult und daran wächst. Die Göt­terkräfte sind im Men­schen­leben wirk­sam, — und auch das Men­schen­werk ist ein irdis­ches Werk: In diesem Mantra geht es um den auf Erden leben­den und wirk­enden Men­schen — und damit um die ent­ge­genge­set­zte Bewe­gung zum Weltenflug.

Luz­ifer gilt als ein geflügel­ter Geist, der den Men­schen von der Erde wegziehen will. Im Mantra 12 ! soll auch der Men­sch fliegen. Es geht um seine Geistkräfte, um die Entwick­lung des Geist­selb­st, das über­per­sön­lich­er und unsterblich­er Natur sein wird. Und damit geht es um die Entwick­lung der eige­nen geflügel­ten Johannes-Natur bzw. der eige­nen Taube als Bild des Heili­gen Geistes.

Der Gnadenstuhl — Bild der Dreifaltigkeit

Zum neuen Jahr 2026 bekam ich ein neues, inneres Bild geschenkt. Die kurz vor Wei­h­nacht­en gefun­de­nen Worte von Meis­ter Eckart, „Der gegen­wär­tige Augen­blick ist das Fen­ster, durch das Gott in das Haus meines Lebens schaut.“ hat­ten in mir nachgewirkt. Und ich dachte, wenn Gott durch das Fen­ster des Augen­blicks zu mir here­in­blick­en kann, kann ich durch dieses Fen­sterchen, dieses “Schlüs­sel­loch” auch hin­aus­blick­en. Und was sieht man dann? Ich denke, die göt­tliche Ewigkeit wird als Umkehrschluss dadurch denk­end erkennbar. Sie ist für Men­schen unsicht­bar wie die dun­kle Seite des Mon­des, doch gedacht als der andere Pol, tritt sie in die Vorstell­barkeit ein. Zur winzig kleinen, vergänglichen men­schlichen Gegen­wär­tigkeit gehört wie die andere Seite der Medaille die ewig unverän­der­liche, unvergängliche, uner­messliche, himm­lis­che Ewigkeit.

Und dann arbeit­ete es weit­er in mir. Ist es vielle­icht denkbar, dass die bei­den Zeit­ströme, von denen Rudolf Stein­er spricht, bei­de aus dieser Ewigkeit her­vorge­hen? Sind sie vielle­icht die Arme Gottes, mit denen er die Welt hält und die Gegen­wart erschafft? Als ich soweit war, fiel mir auf, dass es diesen Bild-Typ bere­its seit dem Mit­te­lal­ter gibt. Bilder von Gott­vater, der das Kreuz mit dem Gekreuzigten hält, wer­den „Gnaden­stuhl“ genan­nt. Die Taube ver­vol­lkomm­net das Bild der Dreifaltigkeit.

Gnaden­stuhl, Öster­re­ichis­ch­er Meis­ter, Anfang 15. Jh.

Den Begriff „Gnaden­stuhl“ ver­wen­det Luther in der Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments: „Und machte den Gnaden­stuhl von feinem Golde…“ (Exo­dus 37:6) Damit ist der Deck­el der Bun­deslade gemeint. In der Bun­deslade lagerten die Geset­zestafeln, die zehn Gebote, und zeugten vom Bund Gottes mit seinem Volk. Über dem Deck­el der Bun­deslade, zwis­chen den bei­den Cheru­bim, thronte Jeho­va in der Gestalt ein­er feuri­gen Wolke. In den Raum des Aller­heilig­sten trat der Hohe­p­riester nur ein­mal im Jahr am Ver­söh­nungstag. Im bren­nen­den Dorn­busch hat­te sich Jeho­va dem Moses geof­fen­bart als der „Ich bin der Ich bin.“ und nun war Er anwe­send über der Bundeslade.

Wenn ich bedenke, dass jed­er Men­sch auf seinen Herzbere­ich deutet, wenn er zeigen will, wo er sich als Ich erlebt, so wird jedes „Herzkästchen“ zur Bun­deslade, über der das Ich-Bin thront. Hier keimt das Bewusst­sein auf durch die Ätheri­sa­tion des Blutes. Und noch bevor dieses Bewusst­sein irgen­det­was weltlich­es, äußeres wahrn­immt, bezeugt es das Dasein des Men­schen sel­ber. Er nimmt sich als Ich wahr. Doch das in der Gegen­wär­tigkeit erlebte men­schliche Bewusst­sein ist sterblich. Und es wird gekreuzigt, sobald es sich der irdis­chen Welt zuwen­det, denn diese Welt ist eine Welt der recht­en Winkel, der vier Him­mel­srich­tun­gen, des Kreuzes.

Die Gegen­wart erschaf­fen und gehal­ten von den bei­den Zeit­strö­men, den Armen des Vaters, die aus der Ewigkeit hervorgehen

Das men­schliche Bewusst­sein ist der sterbliche “Sohn” des göt­tlichen Ewigkeits-Bewusst­seins. Und die Taube ist Bote zwis­chen den bei­den Polar­itäten, denn in die Gegen­wär­tigkeit kann eine noch nie dagewe­sene Idee hereinleuchten.

Die Chris­tuskraft, die im Innern lebt, ermöglicht es dem Men­schen, immer bewusster zu wer­den, immer mehr Kraft zur Ver­fü­gung zu haben, um Gegen­wär­tigkeit her­stellen und hal­ten zu kön­nen. Doch irgend­wann — früher oder später — endet jede Gegen­wär­tigkeit und die Bewuss­theit stirbt. Doch das, was während dieser Zeit in den Raum des Bewusst­seins ein­trat, was wahrgenom­men und erlebt wurde, das kann erkan­nt wer­den. Und die Kraft, die dem Men­schen Erken­nt­nis ermöglicht, ist die luz­iferische Kraft, die in ihrer erlösten, den Sin­nen­schleier durch­drin­gen­den Form der Heilige Geist ist.

Laut Rudolf Stein­er entste­ht beim Aufeinan­dertr­e­f­fen der bei­den Ströme eine Stau­ung. Sie ist, was wir Gegen­wart nen­nen und die Grund­lage men­schlich­er Gegen­wär­tigkeit. Er sagt: „In jedem Zeitab­schnitt ist Ihr Leben ein Durch­schnitt von zwei Strö­mungen, von denen die eine von der Zukun­ft nach der Gegen­wart geht und die andere von der Gegen­wart nach der Zukun­ft. Wo sich die Strö­mungen tre­f­fen, tritt eine Stau­ung ein. Alles, was der Men­sch noch vor sich hat, muß er als astralis­che Erschei­n­ung vor sich auf­tauchen sehen. Dieses ist etwas, was eine unglaublich ein­drück­liche Sprache spricht.” (Lit.: GA 324a, S. 38f) Denke ich mir diese bei­den Ströme wesen­haft als Arme Gottes, so kann ich mir vorstellen, dass Gott durch diese bei­den Zeit­ströme nicht nur die Gegen­wart ständig neu erschafft, son­dern auch die Welt und jeden einzel­nen Men­schen hält.

Diese bei­den gegen­läu­fi­gen Zeit­ströme wer­den im inneren Bild in den Hal­b­jahren sicht­bar, vol­lzieht sich ihr Vor­wärtss­chre­it­en doch ent­ge­genge­set­zt. Die Spiegel­spruch-Paare lassen sich unter diesem Gesicht­spunkt als solche Stau­un­gen ver­ste­hen, die sich im Bewusst­sein­sraum an unter­schiedlichen Stellen ereignen. Es gibt 25 Spiegel­spruch-Paare und dem­nach stauen sich die Zeit­ströme 25 mal im See­len­raum. Nur beim let­zten Mantren-Paar, den Sprüchen 26 Z und 27 a fließen sie unge­hin­dert, denn diese Mantren spiegeln nicht.

Die Entste­hung der Spiegel­sprüche durch die Stau­ung der bei­den Zeitströme

Beispiel­haft sind drei ver­schiedene Orte der Stau­ung gezeigt. Sie entste­hen durch das Aufeinan­dertr­e­f­fen der bei­den aus der Ewigkeit her­vorge­hend gedacht­en Zeit­ströme (rot: Zukun­fts-Zeit­strom; blau: Ver­gan­gen­heits-Zeit­strom), wodurch die her­vorge­brachte Gegen­wart sich zweifach — in Gestalt der Spiegel­sprüche (gelbe Lin­ien) — zeigt. Dargestellt ist das Jahr als Kreis, als Bewusstseinsraum.

Einen weit­eren Aspekt fügt fol­gen­des Zitat Rudolf Stein­ers zum Bild des Gnaden­stuhls hinzu. Peter Selg zitiert eine Notiz Rudolf Stein­ers, die er kurz vor seinem Tod auf dem Kranken­lager schrieb: „Blut im Herzen nach dem Atem in der Lunge strebend ist Streben des Men­schen nach dem Kos­mos. Atem­luft in der Lunge nach dem Blute des Herzens strebend ist Beg­nadung des Men­schen durch den Kos­mos. Blut nach dem Herzen strebend ist der ver­fein­erte Prozess des Ster­bens. Blut als Träger von Kohlen­säure aus dem Men­schen stellt den ver­fein­erten Ster­be­prozess dar.

So strömt im Blut­lauf der Men­sch fort­dauernd in den Kos­mos hinein, ein Vor­gang, der nach dem Tode rad­i­cal sich gestal­tet, indem er vom Blute aus den ganzen physis­chen Men­schen ergreift. […]

Das Chr. Mys­teri­um ist die Enthül­lung des großen Wun­ders, das sich zwis­chen Herz und Lunge abspielt: Der Kos­mos wird Men­sch; der Men­sch wird Kos­mos. Die Sonne trägt den Men­schen aus dem Kos­mos zur Erde; der Mond trägt den Men­schen von der Erde in den Kos­mos. Ins Große umge­set­zt: Was von der Lunge zum Herzen strömt ist men­schlich­es Cor­re­lat des Her­ab­steigens des Chris­tus auf die Erde; was vom Herzen nach der Lunge kraftet ist men­schlich­es Cor­re­lat des Hin­durch­führens des Men­schen nach dem Tode durch den Chr. Impuls in die Geistes-Welt. Insofern lebt das Geheim­nis von Gol­gatha auf men­schlich organ­hafte Art zwis­chen Herz und Lunge.“ (Rudolf Stein­er, zitiert in: P. Selg, Mys­teri­um Cordis, S. 130f ohne Quellenangabe)

Um die bei­den Bewe­gun­gen bess­er nachvol­lziehen zu kön­nen, habe ich das Zitat auf der Abbil­dung wieder­holt und entsprechend gefärbt.

Das Chris­tus­mys­teri­um zwis­chen Herz und Lunge

Die bei­den Zeit­ströme stellt Rudolf Stein­er stets waa­grecht fließend dar, dem Wass­er entsprechend. So habe ich sie auch im Bild vom Gnaden­stuhl des öster­re­ichis­chen Meis­ters ver­an­schaulicht. Doch für den Men­schen beschreibt Rudolf Stein­er eine ab- und auf­steigende Bewe­gung, die sich durch Atem und Blut vollzieht.