Die spiegelnden Mantren 11 L und 42 q

11 L

Es ist in dieser Son­nen­stunde

An dir, die weise Kunde zu erkennen:

An Wel­tenschön­heit hingegeben,

In dir dich füh­lend zu durchleben:

Ver­lieren kann das Menschen-Ich

Und find­en sich im Welten-Ich.

 

42 q

Es ist in diesem Win­ter­dunkel

Die Offen­barung eign­er Kraft

Der Seele stark­er Trieb,

In Fin­stern­isse sie zu lenken

…..Und ahnend vorzufühlen

Durch Herzenswärme Sinnesoffenbarung.

Über die Spiegelsprüche 11 L und 42 q

Die Mantren 11 L und 42 q spiegeln in der ersten Zeile stark. Danach flammt dieses Phänomen nur noch ein bzw. zweimal auf. Im Mantra 11 L gibt es einen Sprech­er, der den mit “du” ange­sproch­enen Leser belehrt. Offen bleibt, wer eigentlich der Sprech­er ist. Das Mantra 42 q ist in der neu­tral beschreiben­den drit­ten Per­son geschrieben. Im Mantra 11 L gibt es also zwei ihrer selb­st bewusste Wesen, den unbekan­nten Sprech­er und den Hör­er, im Mantra 42 q gibt es kein wach­es Ich.

Bei­de Mantren begin­nen mit den Worten “Es ist in dieser/diesem …” und nun fol­gt jew­eils eine Zeitangabe.

Es ist. Gle­ich zu Beginn wird die Aufmerk­samkeit auf den gegen­wär­ti­gen Moment gelenkt. Es ist in diesem Augen­blick, in dieser Gegen­wär­tigkeit. Der Aus­gangspunkt der Mantren liegt im Anerken­nen des Ist-Zus­tandes. Und das ist keine Selb­stver­ständlichkeit, denn die Seele ver­liert sich nur allzu leicht in der Sehn­sucht nach der ver­lore­nen Ver­gan­gen­heit oder im Wun­sch nach ein­er erhofften, besseren Zukun­ft. In bei­den Fällen wird das Ist nicht anerkan­nt, son­dern überdeckt mit Vorstel­lungs­bildern, die im Gegen­satz ste­hen zur Gegenwart.

Nun fol­gt in bei­den Mantren eine Zei­tangabe, die gegen­sät­zlich­er nicht sein kön­nte. Im Mantra 11 L han­delt es sich um die Son­nen­stunde, im Mantra 42 q um das Win­ter­dunkel. Eine Stunde ist Teil des Tages­laufes, der Win­ter dage­gen eine Jahreszeit und damit Teil ein­er weit größeren Ganzheit als sie im Tag mit 24 Stun­den gegeben ist. Der zweite Gegen­satz beste­ht zwis­chen Sonne und Dunkel­heit, denn die Stunde ist eine son­nen­hafte, der Win­ter ist dunkel — genauer die Dunkel­heit ist win­ter­lich. Der Gegen­satz beste­ht also zwis­chen ein­er kleinen, hellen und durch die Sonne “per­son­ifizierten” Ein­heit, der Stunde und der großen, dun­klen Ein­heit des Jahres.

Nun fragt sich, was mit diesen bei­den Ein­heit­en gemeint ist, von welchem Ist-Zus­tand die bei­den Mantren also aus­ge­hen. Die men­schliche Bewusst­sein­skraft reicht sel­ten über eine Gegen­wär­tigkeit von weni­gen Sekun­den hin­aus. Der Sprech­er des Mantras 11 L spricht von einem Ist, das eine Stunde ist, im Mantra 42 q ist es schon ein Viertel­jahr. Über dem Men­schen ste­hend mit jew­eils immer höherem Bewusst­sein wer­den die neun Engel­hier­ar­chien gedacht. Die drei unter­sten sind in auf­steigen­der Rei­hen­folge: Engel, Erzen­gel und Archai. Kön­nte es also sein, dass ein Engel­be­wusst­sein im Mantra 11 L spricht und im Mantra 42 q ein Erzen­gel Bewusst­sein sich kund­tut? Ergänzen möchte ich eine dritte noch größere Ein­heit nach Tag und Jahr, denn ich habe den Ein­druck, dass sie indi­rekt in den Mantren auf­taucht. Diese größte Ein­heit ist das Wel­ten­jahr, die Wan­derung des Früh­lingspunk­tes durch den ganzen Tierkreis. Möglicher­weise ist dies die Größe eines Archai Bewusstseins.

Die Son­nen­stunde (11 L) meint ein helles, wach­es Bewusst­sein, das auch als Tages­be­wusst­sein beze­ich­net wird. Hier sind Sprech­er und Hör­er ihrer selb­st bewusst. Das Win­ter­dunkel (42 q) weist auf das Unter­be­wusst­sein und damit auf einen Raum, der viel größer ist als der helle Bewusst­sein­sraum der Son­nen­stunde. Dieses Mantra ste­ht in der beschreiben­den drit­ten Per­son. Für mich ist das Win­ter­dunkel ein Hin­weis auf den See­len­raum, der Bewusst­sein und Unter­be­wusst­sein umfasst. Ergänzen möchte ich hier noch das kollek­tive Bewusst­sein als den drit­ten, über­per­sön­lichen, men­schheitlichen Bewusst­sein­sraum, die Grup­penseele der Menschheit.

Das ganze Mantra 11 L ist eine belehrende, autoritäre Ansprache. Eine weise Kund gilt es zu erken­nen. Es gilt, Ken­nt­nis zu erwer­ben, ein Kundi­ger zu wer­den. Doch wer spricht hier? Und wer wird als Du ange­sprochen und solcher­art aufge­fordert? Als Leser oder Hör­er des Mantras füh­le ich mich ange­sprochen. Das Du meint mich. Und wer ist es, der mir so autoritär den Weg weist? Der Sprech­er ist mir, dem Ange­sproch­enen über­legen. Er agiert als mein Lehrer. Doch wer ist dem men­schlichen Bewusst­sein so über­legen, dass er in dieser Weise mit mir, dem Men­schen spricht? Es muss eine weis­ere, bewusst­seins­mäßig viel höher entwick­elte Macht sein, die größere Über­schau hat und daraus Anleitung gibt. Der Schutzen­gel des Men­schen — oder sein Geist­selb­st — die zukün­ftige Trans­for­ma­tion seines Astralleibes kann hin­ter diesem Sprech­er ver­mutet werden.

Rudolf Stein­er sagt über das Erken­nen früher­er Zeit­en am Beispiel von Johannes Scot­tus Eri­u­ge­na: „… wenn dieses Denken zum Erken­nen wird, da fühlt er [Scot­tus Eri­u­ge­na], da ist noch etwas da von den alten Mächt­en, welche den Men­schen durch­drun­gen haben in der alten Art der Erken­nt­nis. Er fühlt den Engel, den Ange­los in sich. Daher sagt er, der Men­sch erkenne als Engel. Es war Erb­stück aus den alten Zeit­en, daß in dieser Zeit der Ver­standeserken­nt­nis ein solch­er Geist wie Sco­tus Eri­ge­na noch sagen kon­nte, der Men­sch erkenne wie ein Engel. In den Zeit­en der ägyp­tis­chen, der chaldäis­chen Zeit, in den älteren Zeit­en der hebräis­chen Zivil­i­sa­tion würde nie­mand etwas anderes gesagt haben, als: Der Engel erken­nt in mir, und ich nehme Teil als Men­sch an der Erken­nt­nis des Engels. Der Engel wohnt in mir, der erken­nt, und ich mache das mit, was der Engel erken­nt. – Das war in der Zeit, als noch kein Ver­stand da war. Als dann der Ver­stand her­aufgekom­men war, da mußte man das mit dem Ver­stande durch­drin­gen; aber es war eben in Sco­tus Eri­ge­na noch ein Bewußt­sein von diesem Durch­drun­gen­sein mit der Angelos­natur.“ (Lit.: GA 204, S. 269f)

Von dieser weisen Engel-Macht wird der als Du ange­sproch­ene Men­sch angewiesen zu erken­nen, Kunde zu erhal­ten. Bei der weisen Kund han­delt es sich um eine Anweisung zur Lebens­führung. Der Men­sch soll sich der Wel­tenschön­heit hingeben und gle­ichzeit­ig sich in sich füh­lend durch­leben. Er soll zum einen die Schön­heit der Welt — alles was außer­halb sein­er Seele ist — wahrnehmen. Und die Welt ist immer schön, sofern der Men­sch nicht urteilt und unter­schei­det zwis­chen angenehmen und unan­genehmen Wahrnehmungen. Zum anderen soll der Men­sch das Innen erfühlen. Er soll sich füh­lend durch­leben. Das bedeutet, sowohl in der Wahrnehmung, als auch in der Seele präsent zu sein. (Näheres dazu im Blog 11 L) Sich füh­lend zu durch­leben bedeutet auch, etwas zu erleben, das Anfang und Ende hat, das ein Prozess ist. So wird z.B. eine Krankheit durch­lebt. Es ist die Eige­nart des men­schlichen Lebens, das es ein füh­len­des Innen­sein bedeutet — von der Geburt bis zum Tod — vom Anfang bis zum Ende. Dieser Men­sch wird also angewiesen zu erken­nen, dass Leben bedeutet, sich an die Welt wahrnehmend hinzugeben und die eige­nen Gefüh­le im Inneren zu fühlen — das ganze Leben hindurch.

Im Mantra 11 L geht es bis dahin um Erken­nen und Fühlen. Im Mantra 42 q geht es um die dritte der See­len­fähigkeit­en, um den Willen, denn jede Wil­len­säußerung ist eine Offen­barung der eige­nen Kraft. Im Win­ter­dunkel ist die Offen­barung der eige­nen Kraft der starke Trieb der Seele. Der Wille ist die unbe­wussteste der drei See­len­fähigkeit­en. Er lebt im Dunkel der Seele, wo das Erken­nt­nis­licht des Men­schen noch nicht hin­re­icht. Die Motive des eige­nen Wil­lens kön­nen bewusst gemacht wer­den, doch nicht, wie all die Muskeln und Sehnen es anstellen, wenn gesprun­gen oder gesprochen wer­den soll, dass die Hand­lung geschieht. Und was meint Win­ter­dunkel? Gibt es auch ein Som­mer­dunkel? Der Men­sch schläft in die Wahrnehmung hinein, sagt Rudolf Stein­er. Er wird für sein Inneres unbe­wusst. Das ist Som­mer­dunkel, denn das Som­mer-Hal­b­jahr ste­ht laut Rudolf Stein­er für die Wahrnehmungs­seite der Seele, ihr nach Außen gehen. Win­ter­dunkel ist ein Innen-Dunkel, denn das Win­ter-Hal­b­jahr ste­ht für das Denken und das Innen­leben der Seele. Win­ter­dunkel ist also das Dunkel des Wil­len­sre­ich­es im Innern. Der Wille ist eine treibende Kraft. Er treibt die Seele, ihre Kraft zu offen­baren, nach außen zu wirken, Verän­derung in der Welt hervorzurufen.

Rudolf Stein­er erk­lärt den Begriff “Trieb” fol­gen­der­maßen: „Nun lebt in unserem physis­chen Leibe, diesen ganz durchgestal­tend, durch­drin­gend, der Äther­leib. Er ist für die äußeren Sinne übersinnlich, unsicht­bar. Aber wenn wir auf die Wil­len­snatur schauen, dann ist es so, daß eben­so, wie der Äther­leib den physis­chen Leib durch­dringt, so ergreift er auch das, was sich im physis­chen Leibe als Instinkt äußert. Dann wird der Instinkt zum Trieb. Im physis­chen Leib ist der Wille Instinkt; sobald der Äther­leib sich des Instink­tes bemächtigt, wird der Wille Trieb. Es ist dann sehr inter­es­sant, zu ver­fol­gen, wie in der Beobach­tung der Instinkt, den man in der äußeren Form mehr konkret erfassen kann, sich verin­ner­licht und sich auch mehr vere­in­heitlicht, indem man ihn als Trieb betra­chtet. Von Instinkt wird man immer so sprechen, daß er, wenn er sich im Tiere oder in sein­er Abschwächung im Men­schen vorfind­et, dem Wesen von außen aufge­drängt ist; beim Trieb ist schon daran zu denken, daß das, was sich in ein­er mehr verin­ner­licht­en Form äußert, auch mehr von innen kommt, weil der übersinnliche Äther­leib sich des Instink­tes bemächtigt und dadurch der Instinkt zum Trieb wird.

Nun hat der Men­sch auch noch den Empfind­ungsleib. Der ist noch inner­lich­er. Er ergreift nun wieder den Trieb, und dann wird nicht nur eine Verin­ner­lichung erzeugt, son­dern es wird Instinkt und Trieb auch schon ins Bewußt­sein her­aufge­hoben, und so wird daraus dann die Begierde.“ (Lit.: GA 293, S. 66f, Her­vorhe­bung A.F.)

Der Trieb der Seele ist also eine ätherische, dem Pflanzen­re­ich ver­wandte Kraft in Men­sch und Tier. Ein Trieb kann deshalb eine seel­is­che Aus­rich­tung bedeuten oder ein Spross im Pflanzen­re­ich sein, der eben­so gerichtet ist.

Den Astralleib kann man als einen heißen, feuri­gen Leib beze­ich­nen, den Äther­leib als einen kristalli­nen, kalten und deshalb win­ter­lichen. Das Mantra 11 L spricht von der Kunde, die erkan­nt wer­den soll. Erken­nen ist eine astrale Fähigkeit. Die zu erken­nende Kunde ver­ste­he ich als Teil der göt­tlichen Weisheit, die die Welt durch­webt. Durch den Hin­weis und die Führung des Engels kann der Men­sch davon Kunde erhalten.

Der Kunde im Mantra 11 L entspricht die Offen­barung im Mantra 42 q. Die Kunde erhält man von Außen und nimmt sie in sich auf, die Offen­barung ist ein nach Außen­treten eines Inneren. Eine Offen­barung stammt stets von einem offen­baren­den Wesen, das sein Inneres nach außen wirken lässt. In diesem Fall ist es der Men­sch. Er offen­bart den moralis­chen Reifezu­s­tand sein­er Seele durch das Maß an Liebe, das er seinen Tat­en mitzugeben in der Lage ist.

Es ist der starke Trieb der Seele (42 q), sie in Fin­stern­isse zu lenken. Was sind diese Fin­stern­isse? Die Fin­stern­isse sind zum einen die Ver­dunkelun­gen des Astralleibs, die entste­hen, wenn der Instinkt des physis­chen Leibes zum Trieb im Äther­leib und schließlich zur Begierde im Astralleib wird und sich die Begierde auf niedere Bedürfnis­be­friedi­gung richtet. Zum anderen kön­nen die Fin­stern­isse als die physis­che Welt betra­chtet wer­den im Gegen­satz zur licht­en Geist­welt. Zumin­d­est bei mir entste­ht an dieser Stelle im Mantra das Bild ein­er abwärts gerichteten Bewe­gung. Dann bedeutet der in Fin­stern­isse gerichtete Offen­barungstrieb den Willen oder den Drang zur Inkarnation.

Es fragt sich nun, wie die Offen­barung der eige­nen Kraft in den Fin­stern­issen (42 q) vorgestellt wer­den kann. Um welche Kraft kön­nte es sich han­deln, die die Seele getrieben ist zu offen­baren? Ich ver­mute an dieser Stelle, dass es um die Kraft der Liebe geht. Sie bes­timmt zum einen die moralis­che Qual­ität der Tat­en, zum anderen strebt sie nach Verbindung. Bestätigt füh­le ich mich durch den Fort­gang des Mantras. Mit Und schließt ein zweites Ziel der Seele an, nach­dem sie die Kraft in Fin­stern­isse gelenkt hat. Sie strebt nach Sin­nesof­fen­barung. Doch die ist noch nicht möglich. Sie kann lediglich durch Herzenswärme, also durch das Ausstrahlen von Liebe ahnend vorge­fühlt werden.

Auch im Mantra 11 L fol­gt ein Zweites, hier eine zweite Belehrung. Sie lautet: Ver­lieren kann das Men­schen-Ich und find­en sich im Wel­ten-Ich. Das Men­schen-Ich ver­ste­he ich hier als das irdisch-alltägliche Ich, als das Ego, von dessen Exis­tenz der Men­sch durch seinen Ver­stand zutief­st überzeugt ist. Dieses Ego kann ver­loren werden.

Für bei­de Mantren auf­schlussre­ich ist fol­gende Aus­führung von Rudolf Stein­er: “Dem indis­chen Schüler wurde die Men­schengestalt, das Urbild, im oberen Devachan [in der oberen himm­lis­chen Welt] klar wahrnehm­bar. Dann umhüllte es sich im niederen Devachan [in der niederen himm­lis­chen Welt] mit ein­er astralis­chen Hülle, die in sich die Kräfte hat­te, Liebe zu entwick­eln. Die Liebe, den Eros, nan­nte man Kama [die Begier­den­natur]. So bekommt Kama einen Sinn für die Erden­twick­elung. Es klei­det sich das göt­tliche Wort, das Brah­man, in Kama, und durch das Kama hin­durch tönte dem Schüler das Urwort her­aus. Kama war es, in das sich Man­as [das Geist­selb­st] klei­dete, das war das Ich.” (Lit.: GA 106, S. 58, Her­vorhe­bung A.F.)

Zu dem, was heute Ego genan­nt wird, kam es, weil die geistige Wesen­heit des Men­schen (Man­as), die Liebe­fähigkeit als Begehren (Kama) auf irdis­che Ziele richtete. Das geschah men­schheitlich in der ägyp­tis­chen Kul­tur der  ägyp­tis­chen-chaldäis­chen Kul­ture­poche (2907 — 747 v. Chr.). Rudolf Stein­er erk­lärt: “Was ihre chaldäis­chen Vorgänger auf himm­lis­che Zusam­men­hänge beschränk­ten, das zogen die ägyp­tis­chen Weisen in den Dienst mehr und mehr irdisch wer­den­der Angele­gen­heit­en und ani­malis­ch­er Bedürfnisse; sie stell­ten die man­a­sis­che Wesen­heit in den Dienst der Materie. Eben das ist der Charak­ter der Ver­standesseele, daß sie die man­a­sis­che Weisheit benützt und damit äußere Bedürfnisse und Wün­sche zu befriedi­gen sucht. Heute ist diese Entwick­elung, die ägyp­tis­che Fin­ster­n­is, die Man­asverfin­sterung, noch viel weit­er gediehen. Kama Man­as nen­nt man in der Theoso­phie eine solche Verbindung höheren Bewußt­seins mit tierischen, irdis­chen, materiellen Zweck­en. Eine Verun­reini­gung heiliger Dinge sahen die alten Reli­gio­nen darin, wenn der Men­sch sein höheres Geis­tesver­mö­gen in den Dienst der niederen Naturbedürfnisse stellte.” (Lit.: GA 094, S. 265)

Das vom Ver­stand begrif­f­ene irdis­che Ich, das Men­schen-Ich, kann der Men­sch ver­lieren, denn es ist an das Leben im Kör­p­er gebun­den. Dieses Ich kann ver­we­hen im Nir­vana, wie es im Bud­dhis­mus gelehrt wird. Doch im Mantra geht es weit­er. Hier gibt es ein Und, denn das Ver­lieren muss nicht das Let­zte sein. Es kann danach ein Find­en geben. Das Ich kann sich find­en im Wel­ten-Ich. Das vom Ego befre­ite Ich kann sich als Glied ein­er neuen Gemein­schaft find­en im wel­tum­fassenden großen Ich, dem Wel­ten-Ich, dem Christus.

Im Mantra 11 L geht es um Erken­nt­nis. Es zeigt im unbekan­nten Sprech­er ein Bewusst­sein, das dem men­schlichen Bewusst­sein über­legen ist. Es zeigt, wohin der “Kopf” des Men­schen sich entwick­eln soll. Im Mantra 42 q geht es um Kraft-Offen­barung. Es zeigt das schlafende Bewusst­sein des Leibes, der seine Kraft offen­baren will und nur ahnungsweise Sin­nesof­fen­barung vor­fühlen kann. Doch der Leib (vom Hals abwärts) wird sich laut Rudolf Stein­er im näch­sten Leben zum Kopf meta­mor­phosieren. Er strebt Sin­nesof­fen­barung an.

Rudolf Stein­er erk­lärte es so: „Der Men­sch, wie wir ihn vor uns haben nach sein­er Haupte­sor­gan­i­sa­tion, weist nach dem vorigen Erden­leben. — Wie unsere Intel­li­genz nach dem fer­nen, urfer­nen ver­gan­genen Son­nen­leben weist, so weist unsere gegen­wär­tige physis­che Haupte­sor­gan­i­sa­tion mit der irdis­chen Artung der Erken­nt­n­is­fähigkeit­en, das heißt für die Hinor­gan­isierung der Erken­nt­n­is­fähigkeit­en auf das Ich-Bewußt­sein, zurück in unseren früheren Erden­lauf. Ich habe schon früher darauf aufmerk­sam gemacht, was das men­schliche Haupt eigentlich ist. Schema­tisch kön­nen Sie sich folgendes

sagen: Der Men­sch beste­ht aus dem Haupte und aus der übri­gen Organ­i­sa­tion. — Sagen wir (siehe Zeich­nung), das ist der jet­zige Lebenslauf (Mitte), das ist der vorige Lebenslauf (links), das ist der fol­gende Lebenslauf (rechts). So kön­nen wir sagen: Das Haupt unseres gegen­wär­ti­gen Lebenslaufes ist ent­standen durch Meta­mor­phose unser­er übri­gen Leibesor­gan­i­sa­tion im vorherge­hen­den Lebenslauf, und unseren Kopf vom vorigen Lebenslauf haben wir ver­loren. — Natür­lich ver­ste­he ich da nicht — das ist ja hand­grei­flich — die physis­che Organ­i­sa­tion, son­dern die Kräfte, die Formkräfte, die die physis­che Organ­i­sa­tion wirk­lich hat. Das­jenige, was wir außer der Haupte­sor­gan­i­sa­tion, der Trägerin der Erken­nt­n­is­fähigkeit­en für das Ich, jet­zt an uns tra­gen als übrige Men­schenor­gan­i­sa­tion, Rumpf mit Glied­maßen, das wird Haupte­sor­gan­i­sa­tion unseres kün­fti­gen Erdenlebens.

Sie alle [die Zuhör­er] tra­gen schon die Kräfte in sich, welche im Haupte konzen­tri­ert sein wer­den in Ihrem späteren Erden­leben. Was Sie heute mit Ihren Armen voll­brin­gen, was Sie mit Ihren Beinen voll­brin­gen, das wird einge­hen in die innere Organ­i­sa­tion des Hauptes in Ihrem näch­sten Erden­leben. Und was an Kräften von Ihrem Haupte im näch­sten Erden­leben ausströmt, das wird Ihr Kar­ma, Ihr Schick­sal für das näch­ste Erden­leben sein. Aber das, was da Ihr Schick­sal im näch­sten Erden­leben sein wird, das wan­dert auf dem Umwege durch Ihre übrige Organ­i­sa­tion, durch die Sie sich hine­in­stellen ins Men­schen­leben heute, in Ihr kün­ftiges Hauptesleben hinüber.“ (Lit.: GA 196, S. 229f)

Die Begriffe Son­nen­stunde (11 L) und Win­ter­dunkel (42 q) bestäti­gen das Ver­ständ­nis der Mantren als Darstel­lung des Kopf- und Kör­per­be­wusst­seins. Der Kopf ist die kleine Ein­heit. Er ist Tag, eingeteilt in Stun­den. Der Leib ist die große Ein­heit, er ist dementsprechend Jahr, eingeteilt in Viertel­jahre. Der Tag kann betra­chtet wer­den als der Bewusst­sein­sraum des im Denken wirk­enden Engels. Das Jahr kann betra­chtet wer­den als der Bewusst­sein­sraum der im Kör­p­er in den See­len­fähigkeit­en wirk­enden Erzen­gel. Die Son­nen­stunde ist eine Stunde auf der Licht­seite, das Win­ter­dunkel ist eine Jahreszeit auf der Dunkel­seite des jew­eili­gen Zyk­lus. Gemein­sam ergänzen sie sich zu ein­er höheren Ganzheit.

Und auch die ganz große Ein­heit, das Wel­ten­jahr klingt in bei­den Mantren an. Die im Mantra 42 q voraus­geah­nte Sin­nesof­fen­barung — die kom­mende Ver­wand­lung des Kör­pers in den Kopf des neuen Lebens — ist nur möglich, weil eine noch größere Ein­heit bei­de zusam­men­fasst. In diesem größten Ganzen ver­mute ich den Bewusst­sein­sraum der Archai. Sie sind die mächti­gen Engel des Uran­fangs und der Per­sön­lichkeit — dessen, was einen Men­schen mit Kopf und Kör­p­er in einem Leben ausmacht.

Und aus dem Kopf des alten Lebens, so sagt Rudolf Stein­er (siehe oben), bildet sich das, was als Schick­sal, als Kar­ma, von außen auf den Men­schen (den neu gebilde­ten Kopf mit neuem Kör­p­er) wirkt. Im Mantra 11 L wird auf ein Größtes, auf das Wel­ten-Ich ver­wiesen. Nach­dem das Ich sich ver­loren hat, kann es sich find­en im Wel­ten-Ich, in Chris­tus. Wenn das gelingt, kann der Chris­tus zum Her­rn des Kar­ma, zum helfend­en Führer im Leben werden.