
Die spiegelnden Mantren 8 H und 45 t
| 8 H
Es wächst der Sinne Macht Im Bunde mit der Götter Schaffen, Sie drückt des Denkens Kraft Zur Traumes Dumpfheit mir herab. Wenn göttlich Wesen Sich meiner Seele einen will, Muss menschlich Denken Im Traumessein sich still bescheiden. |
45 t Es festigt sich Gedankenmacht Im Bunde mit der Geistgeburt, Sie hellt der Sinne dumpfe Reize Zur vollen Klarheit auf. Wenn Seelenfülle Sich mit dem Weltenwerden einen will, Muss Sinnesoffenbarung Des Denkens Licht empfangen. |
Musik zum Mantra 8 H — sehnend-sehnsüchtig — komponiert von Herbert Lippmann
Musik zum Mantra 45 t — gerechtsam — komponiert von Herbert Lippmann
Pfingsten und Valentinstag
Zu Pfingsten feiern wir die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Gemeinschaft der zwölf Jünger mit Maria, der Mutter Jesu. Wir feiern die Vereinigung des außermenschlichen, kosmischen und deshalb Heiligen Geistes mit der Menschheit, die sich als eine männliche-patriarchalische Zwölfheit verbunden mit einer weiblich-mütterlichen Einheit darstellt.
Der Valentinstag am 14. Februar ist der 40. Tag nach dem 6. Januar, dem Tauftag Jesu im Jordan und der 52 Tag nach dem 24 Dezember, seinem Geburtstag. Die Zeitspanne von 40 Tagen beschreibt eine vollständige Verwandlung, wie sie von der Auferstehung bis Himmelfahrt vergeht – eine Vollendung. Ein zweiter Aspekt der Vollendung liegt in den 52 Tagen von der Christgeburt bis zum Valentinstag. Hier ist es ein in Tage übersetzter Jahreszyklus von 52 Wochen, der sich rundet. Sieht man von der für Ostern meist notwendige Anpassung ab, liegt der Valentinstag zumeist in der Woche 45 t und gehört schon deshalb zu diesem Mantra. Darüber hinaus ist diese Zugehörigkeit auch inhaltlich begründet, wie sich zeigen wird.
Obwohl mit dem Valentinstag meist andere Inhalte verbunden werden, ist er der 40. Tag nach der Taufe Jesu im Jordan. Von Jesus-Christus berichtet das Evangelium, dass er im Anschluss an die Taufe 40 Tage fastete. „Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.“ (Markus 1,12–13) Diese 40 Tage enden am 14. Februar. Sie enden mit der Überwindung einer dreifachen Versuchung durch die Widersacher. Dadurch steht der Valentinstag gleichermaßen auch für diese siegreiche Tat, für diesen Meilenstein. Denn hierbei geht es um den im Menschen wirkenden Geist, um das Ich, das sein irdisches Zerrbild, das Ego, überwinden muss. Damit ist der Valentinstag die polare Ergänzung zum Pfingstfest, das den außerkörperlichen, den Heiligen Geist feiert. Senkte sich der Heilige Geist zu Pfingsten auf die Jünger nieder, so wurde hingegen durch die Überwindung der Versuchung dem menschlichen, inkarnierten Ich durch Christus der Weg geöffnet, wieder aufsteigen zu können in die geistige Welt. Der Mensch wurde durch das Vorbild Christi befähigt, die dreifache Versuchung selber zu überwinden.
Die dreifache Versuchung Christi
Bei der Taufe senkte sich der kosmische Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab und vereinigte sich mit ihm. Dieses Ereignis ähnelt der pfingstlichen Begabung mit dem Heiligen Geist. Was sich für Jesus-Christus während der vierzig Fastentage in der Wüste und deren Abschluss durch die dreifache Versuchung vollzog, ist für den Menschen lebenslange Aufgabe. Rudolf Steiner sagt über diese Prüfungen: “Er [der Christus] hatte die Versuchung durchgemacht durch die Kraft des eigenen Innenwesens, durch das, was wir heute beim Menschen sein Ich nennen [nicht durch die Hilfe von Lehrern, wie es bei der bis dahin bestehenden Einweihung notwendig gewesen war]. Er hatte erreicht, daß er alle Anfechtungen und Versuchungen überwunden hatte, die dem Menschen entgegenkommen, wenn er hinuntersteigt in den astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib. Das ist auch deutlich dargestellt. Alle Egoismen sind dargestellt, und zwar so, daß wir überall auf den höchsten Grad bei ihnen aufmerksam gemacht werden. …
Diese drei Stufen der Versuchung lebt wie in einem Modell, wie in einem Muster, die Christus-Wesenheit der Menschheit vor. Und indem es einmal erlebt wird außerhalb der alten Mysterienstätten, erlebt wird durch die Kraft einer Wesenheit, die in den drei menschlichen Leibern selber lebt, wird der Impuls gegeben, damit die Menschheit in der Zukunft selber im Fortlauf der Entwickelung so etwas erreichen kann: daß der Mensch mit dem Ich, mit dem er in Malchuth [das „Reich“, die 10. Sephira, die Erdenwelt geistig gesehen, A.F.], in dem Reiche sein kann, auch in die geistige Welt hinaufsteigen kann. Das sollte erreicht werden, daß das, was die zwei Welten trennt, nicht mehr besteht, und daß der Mensch mit dem Ich, das in Malchuth lebt, in die geistigen Welten hinaufsteigen kann [selbstbewusst bleiben kann, A.F.]. Das war für die Menschheit erreicht durch die Überwindung der Versuchung, wie sie im Matthäus-Evangelium (Matth. 4, 1–11) geschildert wird. Das war erreicht, daß nun in einer Wesenheit, die auf der Erde lebte, das Musterbild da war von dem Hinauftragen des Ich für das Reich in die höheren Reiche und höheren Welten. ” (GA: 123, S.157ff)
Vielleicht lassen sich diese drei Versuchungen als drei Entwicklungsherausforderungen der Seele verstehen, um mit den drei Erscheinungsformen der Zeit – der Gegenwärtigkeit, der linearen und der zyklischen Zeit – geistgemäß, nicht egozentrisch umzugehen. Von der Reihenfolge der Versuchungen folge ich nicht den Evangelien, sondern Rudolf Steiners Darstellung im Fünften Evangelium (GA 148, S. 85ff). Hier schildert er auch, welche Widersachermacht jeweils am Werk ist.
Die erste Versuchung
Gegenwärtig zu werden gleicht dem Besteigen eines hohen Berges. Die Gegenwärtigkeit, das ausstrahlende Bewusstseinslicht macht das „Reich“, den Seelenraum sichtbar. Luzifer wirkt seit dem Sündenfall in diesem Seelenraum und verursacht, dass das Bewusstseinslicht als eigenes Licht erlebt wird. Deshalb erlebt sich der Mensch egozentrisch als Nabel der Welt und auch als ein von der Welt abgetrenntes Eigenwesen. Luzifer verspricht dem Christus dieses Seelenreich, wenn er ihn anbetet. Doch er weiß um das wahre Reich, die Ewigkeit des Vatergottes. Dieses Reich hat in der zyklischen Zeit ihr irdisches Abbild und doch ist es nicht von dieser Welt.
Die zweite Versuchung
Auf der Spitze der linearen Zeit zu stehen, am Punkt der Gegenwart, gleicht dem Stehen auf der Tempelzinne. Von hier aus muss in jedem Moment neu der Schritt in eine unbekannte Zukunft gewagt werden, die von den Engeln, den geistigen Mächten für den Menschen bereitet wird. Die Engel dienen dem Menschen. Sie tragen ihn, denn alle Lebewesen können nur in der jeweiligen Gegenwart leben. Rudolf Steiner sagt zu dieser Versuchung: „Das ist in der Tat eine Situation, die als ein Hinunterstürzen in den Abgrund geschildert werden kann. So ist sie auch im Matthäus-Evangelium geschildert: wie ein Hinunterstürzen in das, woran man bis jetzt nicht viel hat verderben können, in den Ätherleib und physischen Leib. Aber man sollte es nicht vor dem Überwinden der Leidenschaften und Emotionen [im Astralleib] haben. Die Christus-Wesenheit weiß das, und sie entgegnet dem Versucher, indem sie das sich Entgegenstellende durch die eigene Kraft überwindet: «Du sollst die Wesenheit, der du dich übergeben sollst, nicht selbst versuchen!» (Matth. 4, 7).“ (GA 123, 8. Vortrag, S. 159f, Hervorhebung A.F.) Der Mensch soll sein Schicksal nicht leichtfertig auf die Probe stellen, sich nicht in den Abgrund stürzen im Glauben, das der Ätherleib, der Zeiten- oder Lebenskräfteleib, ihn vor jedem Schaden bewahren wird. Bei dieser Versuchung wirken Luzifer und Ahriman gemeinsam. Sie kämpfen um die Beziehung des Menschen zur Zukunft, denn die Lebensschritte dürfen weder durch Angst blockiert, noch durch Größenwahn motiviert werden.
Die dritte Versuchung
Die zyklische Zeit ist etwas Abgeschlossenes, vollendetes. Der Zyklus als solcher, ohne dass die lineare Zeit mitgedacht wird, vollzieht sich ohne jede Variation. Die Himmelskörper wandern auf ihren Bahnen wie eine Himmelsmechanik. Der Zyklus ist „Stein“. In alter Zeit war er Träger und Bildgebungsverfahren der Urweisheit. Damals nährte er die Menschen, er war „Brot“ und soll es wieder werden. Doch die alte Weisheit starb in den Raum hinein, wurde materialistisch. Der Zeit-Raum wurde zum irdischen Raum, die Zeit-Welt zur Raum-Welt. Nähren kann die zyklische Zeit die Seele nur, wenn im Zyklus das geistige Wort gehört wird, wenn der Zeit-Raum zum Resonanzraum für den Geist wird, wie es z.B. der Seelenkalender sein kann. Bei dieser Versuchung tritt Ahriman an Christus heran, sagt Rudolf Steiner. Hier geht es um die Beziehung des Menschen zur Vergangenheit. Nur der Zeitstrom aus der Vergangenheit, nur Ursache und Wirkung sollen Bedeutung haben. Nur das Gewesene soll den Menschen nähren.
Auch wenn die letztendliche Überwindung der Widersacher erst mit der Auferstehung geschah, bildete die dreifache Zurückweisung der Versuchungen den Beginn des Christuswirkens unter den Menschen. Die vom Christus vorverkündigte Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingstfest bildet dagegen den Abschluss des direkten Christuswirkens.
Über die Spiegelsprüche 8 H und 45 t
Die Mantren 8 H und 45 t entsprechen sich grammatisch ganz besonders stark, weisen jedoch durchgängig kontrastierende Worte auf. Das Pfingst-Mantra 8 H ist aus der Perspektive eines Ich-Sprechers geschrieben, das Mantra 45 t dagegen in der unbeteiligten, beobachtenden dritten Person.
Beide Mantren handeln von Macht. Das Mantra 8 H spricht von der wachsenden Macht der Sinne, die die Denkkraft zur Dumpfheit des Traumzustands herabdrücken. Das Mantra 45 t schildert, dass sich die Gedankenmacht festigt und die dumpfen Reize der Sinne zur vollen Klarheit aufhellt. Im Mantra 8 H liegt die Übermacht auf der Wahrnehmungsseite der Seele (das Sommer-Halbjahr) auf dem träumenden Hineinschlafen in die Wahrnehmung (wie Rudolf Steiner den Wahrnehmungsprozess schildert). Im Mantra 45 t überwiegt die Macht des Denkens in der Seele (das Winter-Halbjahr), das die Sinnesreize verarbeitet, um sie zur vollen Klarheit aufzuhellen. In beiden Mantren geht es also um die jeweilige Macht, um die Kompetenz eines „Königs” in seinem Reich. „König“ sind im Mantra 8 H die Sinne im „Reich des Sommer-Halbjahres“, im Mantra 45 t die Gedankenmacht im „Reich des Winter-Halbjahres“.
Von beiden Prozessen wird gesagt, dass sie im Bunde mit etwas geschehen. Sie sind also verbunden — oder vielleicht auch gebunden an etwas.
Im Mantra 8 H wächst die Macht der Sinne im Bunde mit dem Schaffen der Götter. Die Macht der Sinne korrespondiert also mit dem Schaffensprozess der Götter — mit dem nicht menschlichen, sondern göttlichem schöpferischen Prozess, der die Außenwelt des Menschen, die Naturreiche fortwährend erschafft und belebt ‑ die Wahrnehmungswelt bereitstellt. Rudolf Steiner beschreibt im Zusammenhang mit der Entwicklung des Menschen durch die Erdinkarnationen, wie die schöpferischen Geister, die Geister der Form, auch Elohim genannt, Wesensglied für Wesensglied dem Menschen hinopfern. Er sagt: „Viertens: nun kommt der Erdenzustand. Der Mensch bildet sich in der Erdenanlage seinen Leib aus den Elementen der Erde. Es kommen herüber die hohen Sonnenwesenheiten; die Geister der Form opfern wiederum ihr niederstes Glied, das Ich, ganz hin. Sie behalten für sich dann als ihr niederstes Glied Manas, das Geistselbst, die flutende Weisheit der Welt. Die umgibt uns als das niederste Glied der Geister der Form. In diesem Weisheitsleben der Geister der Form leben, weben und sind wir.“ (Lit.: GA 266a, S. 350, Hervorhebung A.F.) Die mit der Macht der Sinne verbundenen Götter denke ich mir als diese flutende Weisheit der Welt, als das Geistselbst der Elohim.
Im Mantra 45 t dagegen festigt sich die Gedankenmacht im Bunde mit der Geistgeburt. Als irdisches Wesen wird der Mensch von seiner leiblichen Mutter geboren und leiblich in die Welt gebracht. Erfasst er sich jedoch als Ich und in diesem Zusammenhang als Geist, so gleicht dies einer nicht leiblichen Neugeburt, der Geburt aus dem Geist — seiner Geistgeburt. Und dieses Ereignis wirkt festigend auf seine Gedankenmacht. Nun erst kann der Mensch die dumpfen Reize der Sinne zur vollen Klarheit aufhellen, oder: nun erst — von der geistigen Perspektive aus — kann er die von der materiellen Welt stammenden, also dumpfen Sinnesreize so durchdringen, dass sie geistdurchlässig werden — also vollständig klar. Im Bunde mit der Geistgeburt, dem eigenen Geist-Sein verändert sich, was die Sinne dem Menschen von der Welt mitteilen. Für die Macht der Gedanken wird die geistige Seite der Materie sichtbar, der Sinnenschleier durchdringbar.
Nach der Schilderung der jeweiligen Ausgangslage, folgt in beiden Mantren ein Satzgefüge, das Abhängigkeiten deutlich macht: “Wenn … will, … muss …” Wenn also eine wollende Instanz da ist, muss sich das Andere entsprechend dazu verhalten.
Im Pfingstmantra 8 H ist die wollende Instanz das göttliche Wesen, im Mantra 45 t die Seelenfülle. Ein Wesen kann selbstverständlich wollen, erst recht ein göttliches — doch kann dies auch etwas, das als Seelenfülle charakterisiert wird? Was ist die Seelenfülle?
Zunächst ein Blick zurück auf den ersten Teil der Mantren. Im Pfingstmantra 8 H sind es mehrere Götter, mit denen der Sinne Macht, während sie anschwillt, im Bunde ist und gemeinsam mit diesen Göttern die Denkkraft in den Traumzustand herabdämpft. Zu dieser Mehrzahl an Göttern tritt das eine göttliche Wesen hinzu, das sich mit „meiner“ – mit der Seele des Ich-Sprechers und damit des Lesers — einen will. Ein Bild drängt sich auf: die sechs Sonnenelohim als die Vielzahl der schaffenden Götter mit Jahve, dem siebten — dem einzelnen -, der als „Ich-bin-der-ich-bin“ sich einen will mit der menschlichen Seele.
Im Mantra 45 t zeigt sich ein umgekehrtes Bild. Hier ist es die eine Geistgeburt, die mit der sich festigenden Gedankenmacht im Bunde ist und die Sinnesreize aufhellt. Zur Geistgeburt tritt nun kein Wesen hinzu, sondern die Seelenfülle, also eine Vielheit. Die Seelenfülle will sich nicht mit einem Wesen einen, sie will sich mit dem Weltenwerden, mit dem Entwicklungsgang der Welt einen.
Im Mantra 8 H zeigt sich eine Vielzahl an Göttern schaffend in der Welt, im Außen. Doch einziehen in die Seele, sich mit ihr einen will sich ein einziges göttliches Wesen. Wieder genau komplementär ist es im Mantra 45 t. Hier zeigt sich die Geistgeburt als ein Einzelnes. Sie zeigt sich, ohne dass dies im Mantra explizit ausgesprochen würde, als ein Wesen, das innen, in der Seele, vorzustellen ist. Doch einen will sich die Seelenfülle, eine Vielzahl mit einem Außen — mit dem Weltenwerden. Die Bewegung vollzieht sich also im Pfingstmantra 8 H von außen nach innen, im Mantra 45 t von innen nach außen.
Nochmal — was ist die Seelenfülle? Im Prolog des Johannes Evangeliums heißt es: „Und von seiner Fülle (griech. πληρωματος pleromatos) haben wir alle genommen, Gnade um Gnade.“ (Joh 1,16 LUT)
Rudolf Steiner führt dazu aus: “Und nun werden bedeutsame Worte gesagt: «Denn aus dessen Fülle haben wir alle entnommen Gnade über Gnade» (1, 16). Viele Menschen gibt es, die sich Christen nennen und die über das Wort «Fülle» hinweglesen, die sich bei diesem Wort nichts besonders Genaues denken. «Pleroma» heißt nach dem Griechischen «die Fülle». .… Was ist denn nun Pleroma, die Fülle? Nur der kann es verstehen, der da weiß, daß man in den alten Mysterien von dem Pleroma oder der Fülle als von etwas ganz Bestimmtem gesprochen hat. Denn man hat damals schon die Lehre vertreten, daß, als sich zuerst offenbarten diejenigen geistigen Wesenheiten, die bis zur Göttlichkeit aufgestiegen waren während des alten Mondes, die Elohim, einer sich von ihnen trennte: Einer blieb auf dem Mond und strahlte von dort zurück die Kraft der Liebe, bis die Menschen genügend reif waren für das Licht der übrigen sechs Elohim. So unterschied man Jahve, den Einzelgott, den Rückstrahler und die aus sechs bestehende Fülle der Gottheit, «Pleroma». Da aber mit dem Gesamtbewußtsein des Sonnenlogos der Christus gemeint ist, mußte man, wenn man auf ihn hindeutete, sprechen von der Fülle der Götter. Diese tiefe Wahrheit verbirgt sich dahinter: «Denn aus dem Pleroma haben wir alle entnommen Gnade über Gnade.»” (Lit.: GA 103, S. 78f, Hervorhebungen A.F.)
Auch bei der Geburtsgeschichte im Lukasevangelium wird die Fülle erwähnt, die Fülle der himmlischen Heerscharen erscheint den Hirten, nachdem der Engel des Herrn gesprochen hatte: “Und mit einem Male war um den Engel die Fülle der himmlischen Engelchöre versammelt; ihr Lobgesang tönte zum göttlichen Weltengrund empor: Geoffenbaret sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind.” (Luk. 2;13 — 14, Übersetzung Emil Bock, Hervorhebung A.F.)
Hier, so sagt Rudolf Steiner, bedeutet die Fülle der himmlischen Heerscharen den Körper der Verwandlung, den Nirmanakaya des Buddha. “Und als das wichtigste Ereignis auf der Erde vorbereitet wurde und die Hirten auf dem Felde waren, da erschien ihnen eine Individualität aus den geistigen Höhen und verkündete ihnen das, was eben im Lukas-Evangelium geschildert wird: Und hinzu traten zu dem Engel «himmlische Heerscharen». Wer war das?
Was hier den Hirten im Bilde entgegentrat, das war der verklärte Buddha, der Bodhisattva der alten Zeiten, dasjenige Wesen in seiner geistigen Gestalt, das durch Jahrtausende und Jahrtausende den Menschen die Botschaft der Liebe und des Mitleides gebracht hatte. Jetzt, nachdem es seine letzte Inkarnation auf der Erde hinter sich hatte, schwebte es in geistigen Höhen und erschien in Himmelshöhen den Hirten neben dem Engel, der ihnen das Ereignis von Palästina vorherverkündete.” (GA 114, S. 50)
Menschenkundlich betrachtet ist dieser Nirmanakaya das Geistselbst. Rudolf Steiner sagt: “Und in dem Augenblick, in dem der Astralleib so weit ist, daß er ganz durchgearbeitet ist, da drückt sich die ganze neue Form des Astralleibes, des Geistselbstes, in den Ätherleib hinein, so daß dann der Ätherleib ein Abdruck ist dieses also umgearbeiteten Astralleibes. … Kurz, Sie sehen, wir haben damit geschildert eine besonders hohe Wesenheit, die im eminentesten Sinn weit gekommen ist dadurch, daß sie das ganze Geistselbst entwickelt hat. Diese Wesenheit wird nun in der östlichen Wissenschaft Nirmanakaya genannt, denn es hat sein Astralleib, sein astralischer Kaya die Stufe erreicht, wo er keine Überreste hinterläßt. Das ist ein Nirmanakaya.“ (Lit.: GA 110, S. 149ff)
Die Seelenfülle im Mantra 45 t verstehe ich als das Zukunftsbild des Geistselbst, als den Astralleib, der auf dem Wege ist, Geistselbst zu werden. Und dafür will sich die Seelenfülle mit dem Weltenwerden einen — die Seele will in den Strom des Werdens, in den irdischen Zeitstrom eintreten. Sie will wieder inkarnieren.
Nun folgt in beiden Mantren die Konsequenz, die sich aus dem geäußerten Willen ergibt. Sie ist bedingungslos. “Wenn … will, … muss …” lautet das Satzschema.
Im Mantra 8 H muss das menschliche Denken sich im Traumessein still bescheiden, wenn das göttliche Wesen sich der eigenen, „meiner“ Seele einen will. Erst an dieser Stelle wird durch das besitzergreifende Fürwort der ersten Person Singular im Mantra deutlich, dass es einen sich reflektierenden, wachen Ich-Sprecher gibt. Und die seelische Situation, die dieser Ich-Sprecher wahrnimmt, ist jedem gut bekannt. Das menschliche Denken muss sich still bescheiden, es muss im Traumzustand sein, wenn das göttliche Wesen sich der eigenen Seele vereinen will. Der irdische Verstand, der wie ein Mühlrad im Kopf dreht und ständig spricht, muss zum Schweigen gebracht werden, soll eine höhere Macht, ein göttliches Wesen, sich mit der Seele vereinen — darin leben. Die Ausgießung des Heiligen Geistes wird als die Taufe mit Feuer beschrieben. Soll sich im Menschen das Taufgeschehen Jesu im Kleinen wiederholen, der göttliche Geist Wohnung nehmen im Menschen, muss das menschlich-irdische Denken still und bescheiden zur Seite treten.
Im Mantra 45 t muss die Sinnesoffenbarung das Licht des Denkens empfangen, wenn die Seelenfülle sich mit dem Weltenwerden einen will. Das Denken muss also aktiv sein und Licht erzeugen, Erkenntnis hervorbringen auf der Grundlage der Offenbarung, die das Wahrgenommene transportiert, der Sinnesoffenbarung. Nicht was die Sinne wahrnehmen soll Grundlage des Denkens sein, sondern Sinnesoffenbarung. Das Urbild hinter der einzelnen Wahrnehmung soll zunächst geschaut werden. Und dieses Geoffenbarte durch die Sinne, das muss Licht empfangen aus dem Denken.
Auch das Pleroma, also die Fülle wird von Rudolf Steiner als Licht, sogar als schaffendes Licht bezeichnet. “Von dem schaffenden Lichte sprechen die Gnostiker, die ägyptischen Mystiker, die Mystiker des Mittelalters. Sie nennen es das Äonenlicht. Es ist ein Licht, welches vom Mystiker aus die Gegenstände um ihn her zu lebendigem Leben erweckt. [Dies Licht strahlt also vom Mystiker aus und ermöglicht die mystische Schau, A.F.] Das ist das Pleroma der Gnostiker. So fühlt sich der Mystiker in dem Weltenlicht beseligt. Er fühlt sich beseligt verwebt mit diesem Äonenlicht. Da ist er nicht getrennt von der Wesenheit der Dinge; da ist er teilhaftig der unmittelbaren Schöpferkraft. Das ist, was der Mystiker als seine Beseligung in dem schöpferischen Lichte bezeichnet.” (Lit.: GA 051, S. 214)
Rudolf Steiner hat die Fülle, das Pleroma, schon in den angeführten Zitaten mit ganz unterschiedlichen Inhalten verbunden. Er hat das Pleroma zum einen als die Gesamtheit der sechs Sonnen-Elohim und damit als den kosmischen Christusgeist charakterisiert, zum zweiten als den Nirmanakaya des Buddha, zum dritten als das Geistselbst und zum vierten als das Erkenntnislicht der mystischen Schau.
Vielleicht vereint all diese Aspekte der Fülle, des Pleroma, was für alle Wesen der dritten Hierarchie (Engel, Erzengel, Archai) gesagt wird. Ihre Art wahrzunehmen ist gleichzeitig Selbstoffenbarung. Johann Wolfgang von Goethe charakterisiert diese ausstrahlende Art des Wahrnehmens so:
Ich wache ja! O laßt sie walten,
Die unvergleichlichen Gestalten,
Wie sie dorthin mein Auge schickt!
(Faust II, 2. Akt, Am untern Peneios)
Die Vielheit geistiger Kompetenz und die ganz anders geartete Wahrnehmung, die ein Offenbaren ist, muss mit der Seelenfülle also mitgedacht werden.
Ein wenig freier lässt sich der zweite Teil des Mantras vielleicht so wiedergeben: Wenn die Seelenfülle, — das seelisch sonnenhaft ausstrahlende, sich zur Offenbarung bringende, zukünftige Geistselbst — wieder inkarnieren will, muss die von der Welt bereitgestellte Sinnesoffenbarung es sich gefallen lassen, dass das schöpferische Licht des Denkens, hinter dem die Geistgeburt steht, gestaltend eingreift. Wenn die Sinnesoffenbarung das Licht des Denkens empfängt, befruchtet das Denklicht (der Geistgeburt) gleichzeitig die Sinnesoffenbarung, denn eine Empfängnis ist aus der anderen Perspektive betrachtet eine Befruchtung.
Diese lichtempfangende Sinnesoffenbarung (45 t) möchte ich das erschaffende Wahrnehmen nennen. In ihr tritt das Licht des Denkens erst in Erscheinung — wie das Beleuchtete das äußere Licht sichtbar macht. Wir kennen dieses erschaffende Licht alle — oft jedoch von der unschönen Seite. Wie oft geschieht es, dass etwas hineingesehen wird, das äußerlich betrachtet nicht da — oder nicht so — ist. Egoistische Bestrebungen der Seele fördern diese Neigung, nutzen sie aus, verblenden den Menschen. Das Helfersyndrom ist solch ein Phänomen, bei dem sich die betreffende Person für vollkommen selbstlos hält, in Wirklichkeit jedoch Vorteile (Selbstwertsteigerung, Anspruch auf Dankbarkeit und Liebe) aus ihren Hilfeleistungen zieht. Ein weiteres Negativ-Beispiel ist der Narzissmus, bei dem sich der Betreffende nur selber sieht. Ein positives Beispiel für dieses schöpferische Sehen ist der liebevolle Blick, der auf die Möglichkeiten, auf die bestmögliche Version fokussiert, statt auf die Unvollkommenheiten der gegenwärtigen Version.
Im Pfingstmantra 8 H wird nicht die Empfängnis, sondern die Befruchtung geschildert. Sie geschieht, wenn das göttliche Wesen sich meiner Seele einen will und das eigene Denken nicht störend wirkt. Als Geistgeburt erscheint dieses göttliche Wesen im spiegelnden Mantra 45 t.
Im Valentins-Mantra 45 t wird die weibliche Seite geschildert, die Empfängnis. Die Geistgeburt ist hier eine Tatsache und wirkt von der Zukunft herein. Aktiv wird die Seelenfülle, die weibliche Züge trägt. Sie will sich mit dem Weltenwerden einen. Ich verstehe sie als der seelische Aspekt des Pleroma, als eine Vielheit, die nur gemeinsam eine Ganzheit bildet — so wie die Wochen im Jahr sich zum Jahreskreis zusammenfügen. Als das Schaffen der Götter erscheint die mit dem Weltenwerden vereinte Seelenfülle im Pfingst-Mantra 8 H.
Zum Abschluss sei gefragt, ob Aspekte der dreifachen Versuchung bzw. Hinweise auf die mit ihnen verbundenen Entwicklungsaufgaben in den Mantren zu finden sind.
Die erste Versuchung
Im Mantra 8 H wird geschildert, wie das menschliche Denken sich verhalten muss, wenn es dem göttlichen Wesen Raum geben darf. Hier tritt der Mensch mit seiner Egozentrik zurück, das Denken bescheidet sich still im Traumessein. Das Reich, in das das göttliche Wesen eintreten kann, ist ohne diesseitig-waches Denken nicht von dieser Welt. Die luziferische Versuchung, den eigenen Seelenraum als das eigene Reich zu betrachten, ist überwunden, indem das Denken träumend schweigt.
Die zweite Versuchung
Im Mantra 45 t könnte die Geistgeburt, die im Bunde mit der Gedankenmacht ist, auf das Stehen auf der Tempelzinne, auf den in der Gegenwart endenden „höchsten“ Punkt der linearen Zeit deuten. Durch die Geistgeburt, die Gegenwärtigkeit, werden die dumpfen Sinnesreize zur vollen Klarheit aufgehellt. Was von der Zukunft sich schon ankündigt, wird erkannt und der stets zu gehende nächste Schritt gleicht keinem Sturz in den Abgrund, sondern ist durch die Geistgeburt auch geistgeführt.
Die dritte Versuchung
Im zweiten Teil des Mantras 45 t kann die Verwandlung des Toten, der Steine in Brot erlebt werden. Indem die Seelenfülle sich mit dem Weltenwerden eint, um sich neu zu inkarnieren, wird sie einen neuen Leib bekommen. Im Abendmahl bezeichnet Christus das Brot als seinen Leib. Bei der Inkarnation wird das Geistig-Ewige, im Bild der tote Stein, Brot. Ergänzend sei gesagt, dass seit der Grablegung Christus in die Erde eingezogen ist. Deshalb wird auch der Wahrnehmungsraum, die irdische, materielle Welt als Leib Chrisi verstanden, die Zeit dagegen als sein Blut. Mit dieser Idee im Hintergrund wird Wahrnehmung zur Sinnesoffenbarung und das menschliche Denken sendet geistiges Licht aus. Dieses Licht des wahren Verstehens kann wiederum empfangen werden vom Umkreis, der Sinnesoffenbarung. So wird Wahrnehmung nährend, wird Brot.
Das Alter der Maria bei der Taufe Jesu im Jordan
Rudolf Steiner schildert, dass die (salomonische) Mutter Jesu 45 Jahre alt war, als sich im Leben des Jesus die Taufe vollzog — und dass damit auch für sie eine bedeutsame Verwandlung einherging. „In demselben Augenblicke, als diese Taufe im Jordan geschah, fühlte auch die Mutter etwas wie das Ende ihrer Verwandlung. Sie fühlte — sie war damals im fünfundvierzigsten, sechsundvierzigsten Lebensjahre -, sie fühlte sich mit einem Male wie durchdrungen von der Seele jener [nathanischen] Mutter, welche die Mutter des Jesusknaben war, der in seinem zwölften Jahre das Zarathustra-Ich empfangen hatte, und die gestorben war. So wie der Christus-Geist auf Jesus von Nazareth herabgekommen war, so war der Geist der anderen Mutter, die mittlerweile in der geistigen Welt weilte, herniedergekommen auf die Ziehmutter, mit der Jesus jenes Gespräch hatte. Sie fühlte sich seitdem wie jene junge [nathanische] Mutter, die einstmals den Lukas-Jesusknaben geboren hatte.“ (Lit.:GA 148, S. 85, Hervorhebungen und Ergänzung A.F.)
So wie die Mantren 8 H und 45 t spiegeln, und sich im Pfingstmantra vollzieht, was Jesus in der Taufe erlebte, so scheint mir, dass sich der für Maria beschriebene Prozess im Mantra 45 t wiederfindet. Zusätzlich könnte an der Zahl des Mantras ihr Alter zum Zeitpunkt der Taufe Jesu abzulesen sein.
