Die Gegensprüche 16 P und 41 p
16 P
Zu bergen Geistgeschenk im Innern, Gebietet strenge mir mein Ahnen, Dass reifend Gottesgaben In Seelengründen fruchtend Der Selbstheit Früchte bringen. … |
41 p
Der Seele Schaffensmacht, Sie strebet aus dem Herzensgrunde, Im Menschenleben Götterkräfte Zu rechtem Wirken zu entflammen, Sich selber zu gestalten In Menschenliebe und im Menschenwerke. |
Die Eurythmieformen zu den Mantren 16 P und 41 p
Über den Buchstaben “P”
Das P ist ein Lippenlaut. Als solcher ist er Ausdruck des Gefühls. Nach Rudolf Steiner “manifestiert sich das weiche, in Liebe sich tauchende Gefühlsmäßige des Sprechens in den Lippen. Die Lippenlaute sind dasjenige, was der Sprache das Liebevolle, das mit dem anderen Sympathisierende, und ihm die Sympathie übertragende mitteilt.” (GA 307, in: Die Sprache der Laute, S. 306) Wie alle Stoßlaute gehört das P durch die Auseinandersetzung mit dem Widerstand zum Erdelement.
Der Laut P heißt im semitischen Alphabet ‘Pe’ ( פ), welches der ‘Mund’ heißt. Das P bringt zum Ausdruck, dass sich der Mund öffnen und die Laute formen kann. Bei den Angelsachsen ist es das O, welches ‘Os’, der ‘Mund’ heißt. Das O betont den seelischen Aspekt des Sprechens, das seelische sich Offenbaren durch die Sprache. Der Mund als ‘Pe’ legt den Fokus auf die Formkraft der Sprachorgane, insbesondere der sichtbaren Lippen, die auch den P‑Laut bilden. Das P ist ein Lippenlaut und wird artikuliert, indem die Lippen dem Atemdruck zunächst standhalten, dann aber plötzlich den Luftstrom mit einem explosiven Geräusch entlassen. Die Bezeichnung ‘Pe’ für Mund bezieht dadurch den geschlossenen, den schweigenden Mund mit ein. Im P drückt sich das sowohl räumlich als auch zeitlich Abgeschlossene, Vollendete aus, wie in ‘komplett’, ‘perfekt’ und ‘passé’. Wenn sich das Geschlossene öffnet, wird das P zum Laut des Durchgangs, wie in ‘Pforte’, ‘Portal’ und ‘Pore’ oder wenn etwas ‘porös’ ist. Aus dem Hafen, lateinisch ‘portus’, fahren die Schiffe aus. Sie ‘passieren’ den engen Durchgang. In den Bergen ist ein Durchgang ein ‘Bergpass’, in der ‘Passion’ geht der Mensch durch Leid.
Im griechischen Alphabet wird aus dem hebräischen Pe das Pi (Π, π), die Bedeutung ‘Mund’ bleibt bestehen. In der Mathematik ist Pi die wohl berühmteste Zahl, die Kreiszahl. Hier beschreibt pi (π) das Verhältnis von Umfang zu Durchmesser eines Kreises. Schon im alten Ägypten suchten Menschen dieses Verhältnis zu berechnen. Archimedes gelang es ca. 250 v. Chr. schließlich, pi auf der Basis von n‑Ecken herzuleiten und annähernd auf 3,14 zu bestimmen.
Das aufplatzende P wird zum Laut der Fülle, dem ‘Pleroma’. Mit Pleroma ist laut Rudolf Steiner etwas gemeint, das heute fast unbekannt ist: “Was ist denn nun Pleroma, die Fülle? Nur der kann es verstehen, der da weiß, daß man in den alten Mysterien von dem Pleroma oder der Fülle als von etwas ganz Bestimmtem gesprochen hat. Denn man hat damals schon die Lehre vertreten, daß, als sich zuerst offenbarten diejenigen geistigen Wesenheiten, die bis zur Göttlichkeit aufgestiegen waren während des alten Mondes, die Elohim, einer sich von ihnen trennte: Einer blieb auf dem Mond und strahlte von dort zurück die Kraft der Liebe, bis die Menschen genügend reif waren für das Licht der übrigen sechs Elohim. So unterschied man Jahve, den Einzelgott, den Rückstrahler und die aus sechs bestehende Fülle der Gottheit, «Pleroma». Da aber mit dem Gesamtbewußtsein des Sonnenlogos der Christus gemeint ist, mußte man, wenn man auf ihn hindeutete, sprechen von der Fülle der Götter. Diese tiefe Wahrheit verbirgt sich dahinter: «Denn aus dem Pleroma haben wir alle entnommen Gnade über Gnade.»” (Lit.: GA 103, S. 78f)
Im Platzregen entleeren sich die Wolken, ‘pluvia’ heißt auf lateinisch der Regen, ‘plorare’ schreien und ‘pleurer’ heißt französisch ‘weinen’. Der ‘Papagei’ ‘plappert’ und die wortähnlichen Laute ‘plätschern’ aus ihm heraus. Wer eine freche ‘Klappe’ riskiert, wer ‘pöbelt’ und ‘poltert’, ’spuckt’ oder ’speit’, ist ein ‘Prolet’ oder ein ‘Pimpf’. Rudolf Steiner sagt: “So bekommen Sie zum Beispiel immer mehr und mehr die innere Konfiguration des P heraus, wenn Sie sich die Konfiguration der Sonnenblume vorstellen, diese freche, hochwachsende Blume mit überhängenden, riesigen gelben Blüten, die so auffallend uns die Mitte ihrer Blüte entgegenstreckt. Dadrinnen liegt das P in einer ganz außerordentlich schönen Weise. ” (GA 282, S. 345)
Im Runenalphabet Futhark wird die P‑Rune ‘Peord’ (ᛈ), ‘Perth’, ‘Pairtha’ oder ‘Petra’ genannt und mit Perchta, Percht identifiziert. Sie wird mit Frau Holle und wohl auch mit Odhins Frau Frigg gleichgesetzt. In der Tiefwinterzeit führt sie die wilde Jagd an, wie es auch von Odhin berichtet wird. Sie belohnt die Fleißigen und bestraft die Faulen, hütet die ungeborenen und ungetauft verstorbenen Seelen und zeigt Züge einer archaischen Göttin.
Das Frech-Frivole, ‘Protzig’-‘Prahlerische’ kommt im angelsächsischen Runenspruch, der das P ‘Peordh’ nennt, zum Ausdruck.
Peordh ist immer — Spiel und Lachen
den Reichen (Übermütigen), — wo Krieger sitzen
im Biersaal — fröhlich beisammen.
(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 309)
Das P zeigt sich als stolzer ‘Pfau’ von der ‘prunkvoll’-kraftstrotzenden, ehrgeizigen Seite im ‘Prahlen’, ‘plakativen’ Sprechen, im ‘Anprangern’ oder ‘Preisen’, im ‘Predigen’ und ‘Plaudern’ und im eleganten ‘Parlieren’. Seine druckausübende, ‘prägende’ Überlegenheit zeigt sich bei den ‘Päpsten’ und ‘Potentaten’, den ‘Patriarchen’, ‘Priestern’, ‘Patriziern’ ‘Prinzen’ und ‘Paschas’, den ‘Pedanten’ und ‘Pädagogen’. Es ist auch der Laut, der die Schwere tragen kann in ‘Pfeilern’ und ‘Pfosten’. Der Fuß heißt griechisch ‘pus’, lateinisch ‘pes’ und ‘portare’ heißt tragen. Lautet das Wort Fuß mit P an, so sagt Rudolf Steiner, dass es auf das Stehen, den Stand-‘Punkt’ hinweist (GA 190, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 310)
Im Punkt geht die Charakteristik des P hinüber zum winzig Kleinen, ‘Piccolino’, dem ‘Pinscher’, ‘Pingeligen’, ‘Pitzeligen’, ‘Popeligen, spitzfindig-‘Pfiffigen’ und ‘Pitoresken’. Auch die schnell wechselnde Bewegung bedient sich des P in ‘zappeln’ und ‘rappeln’.
Die gewaltige Kraft des P als geschlossener Mund wird deutlich in der ‘Potenz’, die noch alle Möglichkeiten in sich enthält. Auch ‘Pollen’ und ‘Sperma’ haben das P. Der Gott der Herden ist im alten Griechenland der große Pan. Er hält die Herde zusammen, eint die Vielheit der Individuen zur Gemeinschaft. ‘Pan’ bedeutet ‘alles’, Pantheismus ist die Verehrung der Allheit des Seins. Das gleiche geschieht in der ‘Gruppe’, der ‘Sippe’ und der ‘Truppe’, wie in der ‘Suppe’.
Plutarch (ca. 45 — ca. 125) überliefert, dass in der Zeit des Tiberius ein ägyptischer Steuermann eine Stimme von der griechischen Küste vernahm, die ihm den Auftrag gab, in Palodes zu verkünden, dass “der große Pan gestorben sei”. So rief er als er am angegebenen Ort vorbeifuhr: “Der große Pan ist tot!” Dies wird als das Ende der Orakel, der im Altertum gepflegten Voraussage der Zukunft, verstanden. Die Allverbindung mit dem Leben, die direkte Geistwahrnehmung des Menschen, war der rein physischen Wahrnehmung und Vereinzelung des Menschen gewichen. Der Tod des großen Pan wird deshalb als der notwenige Umschwung und Übergang zum Christentum verstanden.
Pontos ist der griechische Gott des Meeres, ein vorolympischer Gott, Sohn von Gaia und des Äthers. Speziell das Schwarze Meer heißt auf griechisch ‘pontos’, auf lateinisch ‘pontus’. Rudolf Steiner bringt dieses Wort in Zusammenhang mit Pontius Pilates. “Sie wissen vielleicht schon, dass überall die Materie dargestellt wird durch das Wasser [die Urflut]. Wasser ist das esoterische Symbol für die Materie [bevor die Materie als Gewordenes hervortritt]. Ich brauche nur auf eines hinzuweisen: in der Theologie heißt es in dem bekannten Nikäischen Glaubensbekenntnis: <gelitten unter Pontius Pilatus>. Dieses ist aber, wie der Esoteriker weiß, nur eine schlechte Lesart; in Wahrheit heißt es: <gelitten in pontio pilatio>, was nichts anderes heißt als <in dem zusammengedrückten Wasser> und bedeutet: heruntergestiegen um zu leiden innerhalb der Materie. Das Credo, das wir überall im christlichen Bekenntnis sagen, ist dadurch entstanden, dass aus <pontos> ein <Pontius> geworden ist.” (GA 92 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 310) Eine weitere Übersetzung des Namens ‘Pontius Pilatus’ führt Ernst Moll an mit ‘getorte Meer’ also ein Meer, das zum Tor geworden ist, ähnlich wie Moses das Rote Meer teilte. Das zum Tor gewordene Meer wurde zum Tor in den Tod und dadurch zur Auferstehung. (ebenda, S. 311)
Der ‘explodierende’, ‘platzende’ Druck des P wird in ‘Pulverfass’, ‘Pistole’ und ‘Pumpe’ deutlich. Auch die ‘Knospe’, die sich ‘plötzlich’ öffnet und die ‘Posaune’, die vom Spieler einen ‘gepressten’ Atem braucht, sind Ausdruck des P. Das P ist der Laut des ‘Plastischen’ der ‘prallen’ Form, des ‘Palastes und der ‘Pyramide’. Der Kopf in seiner runden Form ist ebenso Ausdruck des P. Rudolf Steiner sagt: “Die Kopfform zeigt sich physisch als etwas Abgeschlossenes. … Sie wird so gebildet, dass sie … von innen nach außen gedrückt wird, dass sie aufgeplustert wird.” (GA 293 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 320) Auch ein ‘Pol’ ist wie das ‘Haupt’ ein Abschluss.
Der hebräische Buchstabenname Pe, der ‘Mund’, hängt etymologisch zusammen mit ‘patah’, was den Mund öffnen’ bedeutet. Der Mundöffner, der Schöpfergott, der durch sein Wort die Welt erschuf, war im alten Ägypten Ptah, der ‘Bildner’. Er trug den Beinamen „Vater der Götter, von dem alles Leben ausgeht“
Gott Ptah in Munienbinden gewickelt
Das P ist Ausdruck dieses Gottes, der in Mumienbinden gewickelt aussieht, als ob er sich ‘verpuppt’ hätte. Das Lukasevangelium (Luk 2,7 und 12) erwähnt zweimal explizit, dass Jesus in Windeln gewickelt war. Er, der geborene Logos, wird dadurch für die Wissenden in die Nähe gerückt zum ägyptischen Gott Ptah, dem Göttervater, der nicht nur die Welt, sondern auch die anderen Götter durch seine Sprachkraft hervorgebracht hat.
Rudolf Steiner gibt an, dass die Eurythmiebewegung des P eine Darstellung des Eingehüllt-seins ist: “Beim P … wird nachgeahmt das Eingehülltsein. In der Bewegung wird angedeutet, dass man einen Gegenstand, einen Schleier oder sonst etwas nimmt und sich damit umgibt, indem man die Arme an den Körper heranzieht, Ellbogen und Handgelenk beugt. … Wenn die Heranziehung des Armes und Schleiers in recht rascher Folge geschieht, sodass der Zuschauer mit dem Auge kaum nachkommt so entsteht wirklich der Eindruck, als ob eine dichte Hülle um den Menschen herumgezogen wird.” (zitiert nach: Die Grundelemente der Eurythmie, Dubach-Donath in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 315) Einhüllende Worte wie ‘Pelle’ und ‘Pelz’ zeigen diesen Aspekt des P. Die Bedeutung von ‘Pharao’ war ursprünglich ‘großes Haus’. Der Pharao bewohnte also eine große physische Behausung, einen Palast als Bild eines großen, bedeutenden Körpers.
Das P (П п) im alten slawischen Alphabet heißt ‘Pokoj’ und bedeutet ‘Ruhe’ sowie den Ort der Ruhe, das ‘Gemach’. Damit ist auch das Grab als Ort der letzten Ruhe gemeint, in dem der ‘pokojnik’, der Leichnam liegt. Das P meint hier den endgültigen Abschluss und Einschluss, das Ende jeder Bewegung und Entwicklung, die ewige Ruhe der Vollkommenheit. Einhüllende Worte wie ‘Pelle’ und ‘Pelz’ zeigen den umschließenden, Aspekt des P.
Der Weltenschlaf wird in der anthroposophischen Geisteswissenschaft Pralaya (skrt. प्रलय „Untergang, Zerstörung“), die Entfaltung der Welt dagegen Manvantara, Weltentag genannt. Rudolf Steiner beschreibt das Pralaya als einen geschlossenen Kreislauf, das Manvantara als einen offenen. Hier sehe ich eine Parallele zur zyklischen und linearen Zeit. Möglicherweise bildet die Erfahrung der Zeit sogar den Schlüssel, diese beiden Zustände zu verstehen. Deshalb füge ich zwei Zitate dazu ein. “In Anlehnung an morgenländische Darstellungen … nennt die heutige Theosophie einen Entwicklungszustand, in dem das Leben äußerlich entfaltet ist, Manvantara, den dazwischen liegenden Ruhezustand Pralaya. Im Sinne der europäischen Geheimwissenschaft kann man für den ersteren Zustand das Wort <offener Kreislauf>, für den zweiten dagegen <Verborgener oder geschlossener Kreislauf> gebrauchen. … Saturn, Sonne, Mond, Erde usw. sind <offene Kreisläufe>, die zwischen ihnen liegenden Ruhepausen <geschlossene>.” Und “Es wäre ganz unrichtig, wenn man denken wollte, dass in den Ruhepausen alles Leben erstorben sei. … So wenig der Mensch während des Schlafes aufhört zu leben, ebensowenig erstirbt sein und seines Weltkörpers Leben während eines <geschlossenen Kreislaufs> (Pralaya). Nur sind die Lebenszustände in den Ruhepausen mit den Sinnen, die sich während der <offenen Kreisläufe> ausbilden, nicht wahrzunehmen, wie auch der Mensch während des Schlafes nicht wahrnimmt, was um ihn herum sich abspielt.” (GA 11 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 316)
Wie der geschlossene Kreis das Leben im Pralaya in sich birgt und schützt, waren die Menschen im ‘Paradies’ geborgen. Auch der ‘pater’, der Vater oder ‘Patriarch’ hat die Aufgabe, die Familie zu schützen. So wölbt der ‘Pilz’ seine ‘Kappe’, wie ‘Palme’ und ‘Pinie’ ihr Blätterdach. Auch die ‘Kuppel’ und die ‘Kapuze’ erfüllen diese Aufgabe. Die Iro-Kelten nannten den P‑Laut Peith, die ‘Pinie’. (Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 317)
Das griechische Psi (Ψ, ψ) wurde früher getrennt durch P und S geschrieben. Ernst Moll schreibt: “Der Name für das Psi wäre ohne Zweifel, wenn er gefühlt worden wäre, ‘Psaltérion’ gewesen, was von ‘psállein = ‘zupfen, Seiten schlagen’ kommt, wozu auch ‘psalmós’, das ‘Lied’, das ‘Seitenspiel’ gehört, denn die Buchstabenform des Psi ist jenes Seiteninstrument, das die Griechen ‘Psalter’ nannten.” (Die Sprache der Laute, S. 321)
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das P umspannt das Schweigen der bloßen Potenz, die Fülle des Pleroma, dessen Unbegrenztheit sich ausdrückt in der nicht zu Ende zu berechnenden Zahl des Kreises, der Zahl pi. Dann gehört zum P das Plastisch-ins-Sein-Treten beim Aussprechen und Erschaffen. Und weiter leben im P Themen der Pforte und Grenze, und schließlich umfasst es dasjenige Geschöpf, das sich spielend, Späße machend seines Lebens freut oder auch den Druck des Leidens fühlt. Aus der Gemeinschaft, der Gruppe tritt das Individuum als Person heraus und erlebt sich als das kleine, punktartige Individuum, das der gewaltigen Lebenskraft, dem Gott Pan, der Natur, gegenübersteht. Das P beschreibt ein Zerstieben in tausend Tropfen und andererseits ein Vergesellschaften, Zusammenfließen, oder In-sich-Aufnehmen, wie es dem Meer, griechisch pontos, eigen ist. Das P beinhaltet im besonderen Maße die Schöpfung des Lebens als ein Aussprechen. Deshalb kann das P als Laut des Vaters, des lateinischen ‘pater’ betrachtet werden.
Über die Gegensprüche 16 P und 41 p
Das Mantra 16 P ist aus der Perspektive eines Ich-Sprechers geschrieben, das Mantra 41 p dagegen in der beschreibenden dritten Person. Was im Mantra 16 P geschildert wird, ist dem wachen Bewusstsein deshalb zugänglich. Das ist im Mantra 41 p anders. Hier spricht sich ein naturgesetzlicher, im Unterbewusstsein stattfindender Prozess aus. Die Mantren 40 o, 41 p und 42 q gehören zur Epiphaniaszeit, der Festzeit der Erscheinung des Herrn, die in der Christengemeinschaft bis zum 25. Januar geht und in etwa diese drei Wochen umfasst. Die Woche 41 p ist die Mittlere. Gehört die Woche 40 o zum roten König, zu Balthasar, der das Weisheitsgold des Bewusstseins und des Denkens opfert, so gehört die Woche 41 p zum blauen König, zu Melchior, der den Weihrauch opfert, seine verbrennende und zum fühlenden Gewahrsein werdende Lebenskraft. Das Mantra 42 q gehört zum grünen König, zu Kaspar, der die Myrrhe opfert, sein gutes Wollen, seine heilsamen Taten.
Durch Denken, Fühlen und Wollen bringt der Mensch die göttliche Kraft in sich zur Erscheinung. Er opfert sie Moment für Moment der Zeit hin, dem Jahr-Gott, den Rudolf Steiner als den Christus bezeichnet (sieh Blogartikel 40 o).
In den Mantren 16 P und 41 p wird jeweils eine Bewegung beschrieben. Im Mantra 16 P geht diese Bewegung von außen nach innen, im Mantra 41 p von innen nach außen. Das Geistgeschenk (16 P) muss im Innern geborgen werden. Die Schaffensmacht der Seele (41 p) strebt dagegen aus dem Herzensgrunde — nach außen, strebt danach, im Menschenleben wirksam zu werden. Wenn die Mantren des P‑Lautes auf den Mund bezogen werden, so findet beim Mantra 16 P ein Vorgang vergleichbar der Nahrungsaufnahme statt, beim Mantra 41 p ein Ausströmen schöpferischer Seelenmacht, wie es das Sprechen darstellt.
Im Mantra 16 P hat der bewusste Ich-Sprecher ein Geistgeschenk empfangen. Sein Ahnen gebietet ihm streng, es im Innern zu bergen. Es gibt hier also eine autoritäre, höhere oder größere Macht, einen Ur-Ahn vielleicht, der dem Ich-Sprecher gebietet. Offensichtlich weiß dieses Ahnen, was es mit dem Geistgeschenk auf sich hat und wie es richtig weitergehen muss. Die in Gegenwärtigkeit, also bewusst aufgenommene Wahrnehmung könnte dieses Geistgeschenk sein, das durch die Sinne aufgenommen und im Innern geborgen, als Erinnerung aufbewahrt werden soll. Bis hierher zeichnet das Mantra ein räumlich erscheinendes Bild. Das Geistgeschenk, das wie eine Sache von außen kommt und im Innern geborgen werden soll, erweckt den Eindruck von Räumlichkeit.
Im Mantra 41 p strebt die Schaffensmacht der Seele aus dem Herzensgrund. Der Herzensgrund gleicht einem Quellteich, die Schaffensmacht dem Strom, der sich aus der Quelle ergießt. Im Menschenleben, im Prozesshaften, strebt die Schaffensmacht danach, wirksam zu werden. Nicht die Welt des Raumes herrscht hier vor, sondern die fließende Zeit-Welt. Götterkräfte, über den Menschen weit hinausgehende Kräfte sollen in seinem Leben entflammt werden. Ich denke, dass es sich um die inkarnierende und die exkarnierende Kraft handelt, um die Leben und Bewusstsein erschaffende Kraft. Ihr Zusammenwirken bewirkt das Selbstbewusstsein. Aus der “wässrigen” unbewussten Lebenskraft soll “feurige” Bewusstseinskraft werden, die sich selbst beleuchtet. Einst raubte Prometheus den Göttern das Feuer. Bewusstsein, wie es auch in einer gewissen Qualität Tieren eigen ist, wurde durch diesen Entwicklungsschritt zum eigenen Besitz, zum Selbstbewusstsein, wie es nur dem Menschen möglich ist. Tiere sind Geschöpfe, doch der Mensch wird durch die Fähigkeit, sich seiner selbst bewusst zu werden, zum Schöpfer.
Indem der Mensch Schöpfer ist, wird es seine Aufgabe, sich selber zu gestalten. Er wird zum plastischen Gestalter, zum Bildhauer seiner selbst. Das Mantra sagt, dass diese Selbsterschaffung auf zwei Arten geschehen soll: in Menschenliebe und im Menschenwerk. Das kann ich so verstehen, dass die Menschenliebe sich nach innen richtet, das Menschenwerk nach außen. Mit der Menschenliebe klingt das zweite christliche Gebot an: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.” (Mt 22,39) Liebe das was außerhalb von dir ist, wie das, was in dir ist. Wenn im Innern und im Außen sozusagen das gleiche Klima, die gleiche seelische Wärme herrschen, verschwindet diese so gesehene Grenze zwischen Innen und Außen. Menschenliebe ist nicht die biologische Liebe, die auch Tieren eigen ist. Menschenliebe ist Liebe, die Gegensätze überwindet, Sympathiekraft, die sich nicht in sich selbst verschließt, sich der Welt gegenüberstellt, sondern zur Einheit strebt, zur Vereinigung mit der Welt, ohne wie beim Tier das Bewusstsein von sich selbst zu verlieren. Etwas ähnliches geschieht auch durch das Menschenwerk, denn mit jeder Tat teilt sich der Mensch der Welt mit. Und jede Tat wirkt zurück auf ihn selbst. Zwar tritt auch im zweiten Teil des Mantras kein bewusster Ich-Sprecher auf, doch setzt das Bestreben, sich selber zu gestalten, einen solchen voraus. Gleichzeitig weckt das Verb “gestalten” die Vorstellung einer Handlung im Raum. Im Mantra 41 p vollzieht sich dadurch ein Prozess vom Unbewussten zum Bewussten und vom Prozesshaften zum Räumlichen.
Auch im Mantra 16 P findet ein Umschwung statt, denn der zweite Teil wird als neutraler Prozess ohne Beteiligung des Ich-Sprechers beschrieben. Das Mantra geht von der Rede des bewussten Ich-Sprechers in eine neutrale Beschreibung über. Das Geistgeschenk soll im Innern geborgen werden, weil damit ein zweiter Prozess möglich wird. Das Wort, das beide Teile des Mantras miteinander verbindet, ist nicht “damit”, “weil” oder “um”, sondern “dass”. Ein Zusammenhang wird hergestellt, doch bleibt er unbestimmt. Das im Innern geborgene Geistgeschenk ist nicht Ursache, sondern eher Katalysator für das Folgende. Das Ahnen gebietet streng, das Geistgeschenk im Innern zu bergen, sodass reifende Gottesgaben, also Gottesgaben, die sich im Prozess des Reifens befinden, sollen in Seelengründen weitere Vorgänge bewirken. Und auch diese sind im Prozess. Die Gottesgaben sollen zum einen in Seelengründen fruchtend wirken, zum anderen der Selbstheit Früchte zu bringen. Zweimal wird die Verlaufsform verwendet: reifend und fruchtend. Der fließende Prozess löst den mehr räumlichen Eindruck vom ersten Teil des Mantras ab.
Was sind die Gottesgaben, die im Prozess sind zu reifen? Ich denke hier an die drei Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wollen. Sie sind drei Begabungen des Menschen, die der Entwicklung, der Reifung bedürfen. Gleichzeitig fruchten sie in Seelengründen. Denken, Fühlen und Wollen bereichern und befruchten die Seele durch jede Aktivität. Sie bringen der Selbstheit Früchte. Das Selbst ist hier das Subjekt, dem die Früchte gebracht werden. Im Mantra 41 p ist es dagegen das Objekt, das gestaltet wird. Was sind die Früchte, die hervorgehen aus den reifenden und in Seelengründen fruchtenden Gottesgaben? Möglicherweise sind es die drei geistigen Wesensglieder. Sie sollen die Früchte des Menschen sein, die er aus den großen Entwicklungsphasen der Erde mitnehmen kann in ein Pralaya, um dann in einem neuen Manvantara neu zu entstehen.
Das ganze Mantra 16 P beschreibt einen Prozess, der an eine Pflanze denken lässt. Wie die Blüte befruchtet wird von außen, soll der Ich-Sprecher das Geistgeschenk im Innern bergen. Im Fruchtknoten, also am Grund der Blüte, findet die Befruchtung statt, — so wie die Gottesgaben fruchtend wirken in den Seelengründen. Aus diesem Prozess erwachsen dem Pflanzenwesen, der Selbstheit der Pflanze, die neuen Früchte. Das Mantra 16 P weist dadurch auf den Ätheraspekt des P.
Im Mantra 41 p zeigt sich eine ausstrahlende, schöpferisch-astrale Qualität. Sie strebt danach, Götterkräfte zur Wirkung zu bringen. Diese Götterkräfte kann ich auch als Sprachkräfte betrachten, denn das Sprechen kann als entflammen göttlicher Kräfte betrachtet werden. Die mit Sinn erfüllte, gestaltete Luft, die das Wort trägt, wird feurig. Das Gestalten ist auch eine Wirkung von Sprache, und zwar einer Sprache der Taten. Sie kommt sowohl in der Selbsterziehung als Gestaltung von sich selbst, als auch in Werken, als Gestaltung der Welt zur Erscheinung.
Ergänzung zum Geistgeschenk des Mantras 16 P und zur Schaffensmacht des Mantras 41 p
Das Geistgeschenk legt den Fokus auf den Bewusstseinsinhalt, der der Seele im Augenblick geschenkt wird. Friedrich Schiller scheint mir die gleiche seelische Situation zu beschreiben, jedoch aus der Perspektive der Gegenwärtigkeit.
Die Gunst des Augenblicks
(Friedrich Schiller, 1759–1805)
1. Und so finden wir uns wieder 2. Aber wem der Götter bringen 3. Denn was frommt es, daß mit Leben 4. Zückt vom Himmel nicht der Funken, 5. Aus den Wolken muß es fallen, |
6. Von dem allerersten Werden 7. Langsam in dem Lauf der Horen 8. Wie im hellen Sonnenblicke 9. So ist jede schöne Gabe … .…. |
(Aufzählung und Hervorhebung A.F.)
Für Friedrich Schiller kommt das Glück von oben, vom Himmel. Für Johann Wolfgang von Goethe (1749 — 1832) ist es rings herum auf der Erde zu finden, wie dieser Vierzeiler verdeutlicht.