Die Gegensprüche 16 P und 41 p

16 P

Zu bergen Geist­geschenk im Innern,

Gebi­etet strenge mir mein Ahnen,

Dass reifend Gottesgaben

In See­len­grün­den fruchtend

Der Selb­s­theit Früchte bringen.

41 p

Der Seele Schaffensmacht,

Sie stre­bet aus dem Herzensgrunde,

Im Men­schen­leben Götterkräfte

Zu rechtem Wirken zu entflammen,

Sich sel­ber zu gestalten

In Men­schen­liebe und im Menschenwerke.

Die Eurythmieformen zu den Mantren 16 P und 41 p


Über den Buchstaben “P”

Das P ist ein Lip­pen­laut. Als solch­er ist er Aus­druck des Gefühls. Nach Rudolf Stein­er “man­i­festiert sich das weiche, in Liebe sich tauchende Gefühlsmäßige des Sprechens in den Lip­pen. Die Lip­pen­laute sind das­jenige, was der Sprache das Liebevolle, das mit dem anderen Sym­pa­thisierende, und ihm die Sym­pa­thie über­tra­gende mit­teilt.” (GA 307, in: Die Sprache der Laute, S. 306) Wie alle Stoßlaute gehört das P durch die Auseinan­der­set­zung mit dem Wider­stand zum Erdelement.

Der Laut P heißt im semi­tis­chen Alpha­bet ‘Pe’ ( פ), welch­es der ‘Mund’ heißt. Das P bringt zum Aus­druck, dass sich der Mund öff­nen und die Laute for­men kann. Bei den Angel­sach­sen ist es das O, welch­es ‘Os’, der ‘Mund’ heißt. Das O betont den seel­is­chen Aspekt des Sprechens, das seel­is­che sich Offen­baren durch die Sprache. Der Mund als ‘Pe’ legt den Fokus auf die Formkraft der Spra­chor­gane, ins­beson­dere der sicht­baren Lip­pen, die auch den P‑Laut bilden. Das P ist ein Lip­pen­laut und wird artikuliert, indem die Lip­pen dem Atem­druck zunächst stand­hal­ten, dann aber plöt­zlich den Luft­strom mit einem explo­siv­en Geräusch ent­lassen. Die Beze­ich­nung ‘Pe’ für Mund bezieht dadurch den geschlosse­nen, den schweigen­den Mund mit ein. Im P drückt sich das sowohl räum­lich als auch zeitlich Abgeschlossene, Vol­len­dete aus, wie in ‘kom­plett’, ‘per­fekt’ und ‘passé’. Wenn sich das Geschlossene öffnet, wird das P zum Laut des Durch­gangs, wie in ‘Pforte’, ‘Por­tal’ und ‘Pore’ oder wenn etwas ‘porös’ ist. Aus dem Hafen, lateinisch ‘por­tus’, fahren die Schiffe aus. Sie ‘passieren’ den engen Durch­gang. In den Bergen ist ein Durch­gang ein ‘Berg­pass’, in der ‘Pas­sion’ geht der Men­sch durch Leid.

Im griechis­chen Alpha­bet wird aus dem hebräis­chen Pe das Pi (Π, π), die Bedeu­tung ‘Mund’ bleibt beste­hen. In der Math­e­matik ist Pi die wohl berühmteste Zahl, die Kreiszahl. Hier beschreibt pi (π) das Ver­hält­nis von Umfang zu Durchmess­er eines Kreis­es. Schon im alten Ägypten sucht­en Men­schen dieses Ver­hält­nis zu berech­nen. Archimedes gelang es ca. 250 v. Chr. schließlich, pi auf der Basis von n‑Ecken herzuleit­en und annäh­ernd auf 3,14 zu bestimmen.

Das auf­platzende P wird zum Laut der Fülle, dem ‘Plero­ma’. Mit Plero­ma ist laut Rudolf Stein­er etwas gemeint, das heute fast unbekan­nt ist: “Was ist denn nun Plero­ma, die Fülle? Nur der kann es ver­ste­hen, der da weiß, daß man in den alten Mys­te­rien von dem Plero­ma oder der Fülle als von etwas ganz Bes­timmtem gesprochen hat. Denn man hat damals schon die Lehre vertreten, daß, als sich zuerst offen­barten diejeni­gen geisti­gen Wesen­heit­en, die bis zur Göt­tlichkeit aufgestiegen waren während des alten Mon­des, die Elo­him, ein­er sich von ihnen tren­nte: Ein­er blieb auf dem Mond und strahlte von dort zurück die Kraft der Liebe, bis die Men­schen genü­gend reif waren für das Licht der übri­gen sechs Elo­him. So unter­schied man Jahve, den Einzel­gott, den Rück­strahler und die aus sechs beste­hende Fülle der Got­theit, «Plero­ma». Da aber mit dem Gesamt­be­wußt­sein des Son­nen­l­o­gos der Chris­tus gemeint ist, mußte man, wenn man auf ihn hin­deutete, sprechen von der Fülle der Göt­ter. Diese tiefe Wahrheit ver­birgt sich dahin­ter: «Denn aus dem Plero­ma haben wir alle ent­nom­men Gnade über Gnade.»” (Lit.: GA 103, S. 78f)

Im Platzre­gen entleeren sich die Wolken, ‘plu­via’ heißt auf lateinisch der Regen, ‘plo­rare’ schreien und ‘pleur­er’ heißt franzö­sisch ‘weinen’. Der ‘Papagei’ ‘plap­pert’ und die wortähn­lichen Laute ‘plätsch­ern’ aus ihm her­aus. Wer eine freche ‘Klappe’ riskiert, wer ‘pöbelt’ und ‘poltert’, ’spuckt’ oder ’speit’, ist ein ‘Pro­let’ oder ein ‘Pimpf’. Rudolf Stein­er sagt: “So bekom­men Sie zum Beispiel immer mehr und mehr die innere Kon­fig­u­ra­tion des P her­aus, wenn Sie sich die Kon­fig­u­ra­tion der Son­nen­blume vorstellen, diese freche, hochwach­sende Blume mit über­hän­gen­den, riesi­gen gel­ben Blüten, die so auf­fal­l­end uns die Mitte ihrer Blüte ent­ge­gen­streckt. Dadrin­nen liegt das P in ein­er ganz außeror­dentlich schö­nen Weise. ” (GA 282, S. 345)

Im Rune­nal­pha­bet Futhark wird die P‑Rune ‘Peord’ (ᛈ), ‘Perth’, ‘Pairtha’ oder ‘Petra’ genan­nt und mit Per­ch­ta, Per­cht iden­ti­fiziert. Sie wird mit Frau Holle und wohl auch mit Odhins Frau Frigg gle­ichge­set­zt. In der Tiefwin­terzeit führt sie die wilde Jagd an, wie es auch von Odhin berichtet wird. Sie belohnt die Fleißi­gen und bestraft die Faulen, hütet die unge­bore­nen und unge­tauft ver­stor­be­nen See­len und zeigt Züge ein­er archais­chen Göttin.

Das Frech-Friv­o­le, ‘Protzig’-‘Prahlerische’ kommt im angel­säch­sis­chen Runen­spruch, der das P ‘Peordh’ nen­nt, zum Ausdruck.

Peordh ist immer — Spiel und Lachen

den Reichen (Über­müti­gen), — wo Krieger sitzen

im Bier­saal — fröh­lich beisammen.

(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 309)

Das P zeigt sich als stolz­er ‘Pfau’ von der ‘prunkvoll’-kraftstrotzenden, ehrgeizigen Seite im ‘Prahlen’, ‘plaka­tiv­en’ Sprechen, im ‘Anprangern’ oder ‘Preisen’, im ‘Predi­gen’ und ‘Plaud­ern’ und im ele­gan­ten ‘Par­lieren’. Seine druck­ausübende, ‘prä­gende’ Über­legen­heit zeigt sich bei den ‘Päp­sten’ und ‘Poten­tat­en’, den ‘Patri­archen’, ‘Priestern’, ‘Patriziern’ ‘Prinzen’ und ‘Paschas’, den ‘Pedan­ten’ und ‘Päd­a­gogen’. Es ist auch der Laut, der die Schwere tra­gen kann in ‘Pfeil­ern’ und ‘Pfos­ten’. Der Fuß heißt griechisch ‘pus’, lateinisch ‘pes’ und ‘portare’ heißt tra­gen. Lautet das Wort Fuß mit P an, so sagt Rudolf Stein­er, dass es auf das Ste­hen, den Stand-‘Punkt’ hin­weist (GA 190, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 310)

Im Punkt geht die Charak­ter­is­tik des P hinüber zum winzig Kleinen, ‘Pic­col­i­no’, dem ‘Pin­sch­er’, ‘Pin­geli­gen’, ‘Pitzeli­gen’, ‘Popeli­gen, spitzfindig-‘Pfiffigen’ und ‘Pitoresken’. Auch die schnell wech­sel­nde Bewe­gung bedi­ent sich des P in ‘zap­peln’ und ‘rap­peln’.

Die gewaltige Kraft des P als geschlossen­er Mund wird deut­lich in der ‘Potenz’, die noch alle Möglichkeit­en in sich enthält. Auch ‘Pollen’ und ‘Sper­ma’ haben das P. Der Gott der Her­den ist im alten Griechen­land der große Pan. Er hält die Herde zusam­men, eint die Viel­heit der Indi­viduen zur Gemein­schaft. ‘Pan’ bedeutet ‘alles’, Pan­the­is­mus ist die Verehrung der All­heit des Seins. Das gle­iche geschieht in der ‘Gruppe’, der ‘Sippe’ und der ‘Truppe’, wie in der ‘Suppe’.

Plutarch (ca. 45 — ca. 125) über­liefert, dass in der Zeit des Tiberius ein ägyp­tis­ch­er Steuer­mann eine Stimme von der griechis­chen Küste ver­nahm, die ihm den Auf­trag gab, in Palodes zu verkün­den, dass “der große Pan gestor­ben sei”. So rief er als er am angegebe­nen Ort vor­bei­fuhr: “Der große Pan ist tot!” Dies wird als das Ende der Orakel, der im Alter­tum gepflegten Voraus­sage der Zukun­ft, ver­standen. Die Allverbindung mit dem Leben, die direk­te Geist­wahrnehmung des Men­schen, war der rein physis­chen Wahrnehmung und Vere­inzelung des Men­schen gewichen. Der Tod des großen Pan wird deshalb als der notwenige Umschwung und Über­gang zum Chris­ten­tum verstanden.

Pon­tos ist der griechis­che Gott des Meeres, ein vorolymp­is­ch­er Gott, Sohn von Gaia und des Äthers. Speziell das Schwarze Meer heißt auf griechisch ‘pon­tos’, auf lateinisch ‘pon­tus’. Rudolf Stein­er bringt dieses Wort in Zusam­men­hang mit Pon­tius Pilates. “Sie wis­sen vielle­icht schon, dass über­all die Materie dargestellt wird durch das Wass­er [die Urflut]. Wass­er ist das eso­ter­ische Sym­bol für die Materie [bevor die Materie als Gewor­denes her­vor­tritt]. Ich brauche nur auf eines hinzuweisen: in der The­olo­gie heißt es in dem bekan­nten Nikäis­chen Glaubens­beken­nt­nis: <gelit­ten unter Pon­tius Pila­tus>. Dieses ist aber, wie der Eso­terik­er weiß, nur eine schlechte Lesart; in Wahrheit heißt es: <gelit­ten in pon­tio pila­tio>, was nichts anderes heißt als <in dem zusam­menge­drück­ten Wass­er> und bedeutet: herun­tergestiegen um zu lei­den inner­halb der Materie. Das Cre­do, das wir über­all im christlichen Beken­nt­nis sagen, ist dadurch ent­standen, dass aus <pon­tos> ein <Pon­tius> gewor­den ist.” (GA 92 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 310) Eine weit­ere Über­set­zung des Namens ‘Pon­tius Pila­tus’ führt Ernst Moll an mit ‘getorte Meer’ also ein Meer, das zum Tor gewor­den ist, ähn­lich wie Moses das Rote Meer teilte. Das zum Tor gewor­dene Meer wurde zum Tor in den Tod und dadurch zur Aufer­ste­hung. (eben­da, S. 311)

Der ‘explodierende’, ‘platzende’ Druck des P wird in ‘Pul­ver­fass’, ‘Pis­tole’ und ‘Pumpe’ deut­lich. Auch die ‘Knospe’, die sich ‘plöt­zlich’ öffnet und die ‘Posaune’, die vom Spiel­er einen ‘gepressten’ Atem braucht, sind Aus­druck des P. Das P ist der Laut des ‘Plas­tis­chen’ der ‘prallen’ Form, des ‘Palastes und der ‘Pyra­mide’. Der Kopf in sein­er run­den Form ist eben­so Aus­druck des P. Rudolf Stein­er sagt: “Die Kopf­form zeigt sich physisch als etwas Abgeschlossenes. … Sie wird so gebildet, dass sie … von innen nach außen gedrückt wird, dass sie aufge­plus­tert wird.” (GA 293 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 320) Auch ein ‘Pol’ ist wie das ‘Haupt’ ein Abschluss.

Der hebräis­che Buch­staben­name Pe, der ‘Mund’, hängt ety­mol­o­gisch zusam­men mit ‘patah’, was den Mund öff­nen’ bedeutet. Der Mundöffn­er, der Schöpfer­gott, der durch sein Wort die Welt erschuf, war im alten Ägypten Ptah, der ‘Bild­ner’. Er trug den Beina­men „Vater der Göt­ter, von dem alles Leben ausgeht“

Gott Ptah in Munien­binden gewickelt

Das P ist Aus­druck dieses Gottes, der in Mumien­binden gewick­elt aussieht, als ob er sich ‘ver­pup­pt’ hätte. Das Luka­se­van­geli­um (Luk 2,7 und 12) erwäh­nt zweimal expliz­it, dass Jesus in Windeln gewick­elt war. Er, der geborene Logos, wird dadurch für die Wis­senden in die Nähe gerückt zum ägyp­tis­chen Gott Ptah, dem Göt­ter­vater, der nicht nur die Welt, son­dern auch die anderen Göt­ter durch seine Sprachkraft her­vorge­bracht hat.

Rudolf Stein­er gibt an, dass die Eury­th­miebe­we­gung des P eine Darstel­lung des Einge­hüllt-seins ist: “Beim P … wird nachgeahmt das Einge­hüllt­sein. In der Bewe­gung wird angedeutet, dass man einen Gegen­stand, einen Schleier oder son­st etwas nimmt und sich damit umgibt, indem man die Arme an den Kör­p­er her­anzieht, Ell­bo­gen und Handge­lenk beugt. … Wenn die Her­anziehung des Armes und Schleiers in recht rasch­er Folge geschieht, sodass der Zuschauer mit dem Auge kaum nachkommt so entste­ht wirk­lich der Ein­druck, als ob eine dichte Hülle um den Men­schen herumge­zo­gen wird.” (zitiert nach: Die Grun­dele­mente der Eury­th­mie, Dubach-Donath in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 315) Ein­hül­lende Worte wie ‘Pelle’ und ‘Pelz’ zeigen diesen Aspekt des P. Die Bedeu­tung von ‘Pharao’ war ursprünglich ‘großes Haus’. Der Pharao bewohnte also eine große physis­che Behausung, einen Palast als Bild eines großen, bedeu­ten­den Körpers.

Das P (П п) im alten slaw­is­chen Alpha­bet heißt ‘Pokoj’ und bedeutet ‘Ruhe’ sowie den Ort der Ruhe, das ‘Gemach’. Damit ist auch das Grab als Ort der let­zten Ruhe gemeint, in dem der ‘poko­jnik’, der Leich­nam liegt. Das P meint hier den endgülti­gen Abschluss und Ein­schluss, das Ende jed­er Bewe­gung und Entwick­lung, die ewige Ruhe der Vol­lkom­men­heit. Ein­hül­lende Worte wie ‘Pelle’ und ‘Pelz’ zeigen den umschließen­den, Aspekt des P.

Der Wel­tenschlaf wird in der anthro­posophis­chen Geis­teswis­senschaft Pralaya (skrt. प्रलय „Unter­gang, Zer­störung“), die Ent­fal­tung der Welt dage­gen Man­van­tara, Wel­tentag genan­nt. Rudolf Stein­er beschreibt das Pralaya als einen geschlosse­nen Kreis­lauf, das Man­van­tara als einen offe­nen. Hier sehe ich eine Par­al­lele zur zyk­lis­chen und lin­earen Zeit. Möglicher­weise bildet die Erfahrung der Zeit sog­ar den Schlüs­sel, diese bei­den Zustände zu ver­ste­hen. Deshalb füge ich zwei Zitate dazu ein. “In Anlehnung an mor­gen­ländis­che Darstel­lun­gen … nen­nt die heutige Theoso­phie einen Entwick­lungszu­s­tand, in dem das Leben äußer­lich ent­fal­tet ist, Man­van­tara, den dazwis­chen liegen­den Ruhezu­s­tand Pralaya. Im Sinne der europäis­chen Geheimwis­senschaft kann man für den ersteren Zus­tand das Wort <offen­er Kreis­lauf>, für den zweit­en dage­gen <Ver­bor­gen­er oder geschlossen­er Kreis­lauf> gebrauchen. … Sat­urn, Sonne, Mond, Erde usw. sind <offene Kreis­läufe>, die zwis­chen ihnen liegen­den Ruhep­ausen <geschlossene>.” Und “Es wäre ganz unrichtig, wenn man denken wollte, dass in den Ruhep­ausen alles Leben erstor­ben sei. … So wenig der Men­sch während des Schlafes aufhört zu leben, eben­sowenig erstirbt sein und seines Weltkör­pers Leben während eines <geschlosse­nen Kreis­laufs> (Pralaya). Nur sind die Leben­szustände in den Ruhep­ausen mit den Sin­nen, die sich während der <offe­nen Kreis­läufe> aus­bilden, nicht wahrzunehmen, wie auch der Men­sch während des Schlafes nicht wahrn­immt, was um ihn herum sich abspielt.” (GA 11 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 316)

Wie der geschlossene Kreis das Leben im Pralaya in sich birgt und schützt, waren die Men­schen im ‘Paradies’ gebor­gen. Auch der ‘pater’, der Vater oder ‘Patri­arch’ hat die Auf­gabe, die Fam­i­lie zu schützen. So wölbt der ‘Pilz’ seine ‘Kappe’, wie ‘Palme’ und ‘Pinie’ ihr Blät­ter­dach. Auch die ‘Kup­pel’ und die ‘Kapuze’ erfüllen diese Auf­gabe. Die Iro-Kel­ten nan­nten den P‑Laut Pei­th, die ‘Pinie’. (Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 317)

Das griechis­che Psi (Ψ, ψ) wurde früher getren­nt durch P und S geschrieben. Ernst Moll schreibt: “Der Name für das Psi wäre ohne Zweifel, wenn er gefühlt wor­den wäre, ‘Psaltéri­on’ gewe­sen, was von ‘psállein = ‘zupfen, Seit­en schla­gen’ kommt, wozu auch ‘psalmós’, das ‘Lied’, das ‘Seit­en­spiel’ gehört, denn die Buch­staben­form des Psi ist jenes Seit­enin­stru­ment, das die Griechen ‘Psalter’ nan­nten.” (Die Sprache der Laute, S. 321)

Zusam­men­fassend lässt sich sagen: Das P umspan­nt das Schweigen der bloßen Potenz, die Fülle des Plero­ma, dessen Unbe­gren­ztheit sich aus­drückt in der nicht zu Ende zu berech­nen­den Zahl des Kreis­es, der Zahl pi. Dann gehört zum P das Plas­tisch-ins-Sein-Treten beim Aussprechen und Erschaf­fen. Und weit­er leben im P The­men der Pforte und Gren­ze, und schließlich umfasst es das­jenige Geschöpf, das sich spie­lend, Späße machend seines Lebens freut oder auch den Druck des Lei­dens fühlt. Aus der Gemein­schaft, der Gruppe tritt das Indi­vidu­um als Per­son her­aus und erlebt sich als das kleine, punk­tar­tige Indi­vidu­um, das der gewalti­gen Leben­skraft, dem Gott Pan, der Natur, gegenüber­ste­ht. Das P beschreibt ein Zer­stieben in tausend Tropfen und ander­er­seits ein Verge­sellschaften, Zusam­men­fließen, oder In-sich-Aufnehmen, wie es dem Meer, griechisch pon­tos, eigen ist. Das P bein­hal­tet im beson­deren Maße die Schöp­fung des Lebens als ein Aussprechen. Deshalb kann das P als Laut des Vaters, des lateinis­chen ‘pater’ betra­chtet werden.

Über die Gegensprüche 16 P und 41 p

Das Mantra 16 P ist aus der Per­spek­tive eines Ich-Sprech­ers geschrieben, das Mantra 41 p dage­gen in der beschreiben­den drit­ten Per­son. Was im Mantra 16 P geschildert wird, ist dem wachen Bewusst­sein deshalb zugänglich. Das ist im Mantra 41 p anders. Hier spricht sich ein naturge­set­zlich­er, im Unter­be­wusst­sein stat­tfind­en­der Prozess aus. Die Mantren 40 o, 41 p und 42 q gehören zur Epipha­ni­aszeit, der Festzeit der Erschei­n­ung des Her­rn, die in der Chris­tenge­mein­schaft bis zum 25. Jan­u­ar geht und in etwa diese drei Wochen umfasst. Die Woche 41 p ist die Mit­tlere. Gehört die Woche 40 o zum roten König, zu Balthasar, der das Weisheits­gold des Bewusst­seins und des Denkens opfert, so gehört die Woche 41 p zum blauen König, zu Mel­chior, der den Weihrauch opfert, seine ver­bren­nende und zum füh­len­den Gewahr­sein wer­dende Leben­skraft. Das Mantra 42 q gehört zum grü­nen König, zu Kas­par, der die Myrrhe opfert, sein gutes Wollen, seine heil­samen Taten.

Durch Denken, Fühlen und Wollen bringt der Men­sch die göt­tliche Kraft in sich zur Erschei­n­ung. Er opfert sie Moment für Moment der Zeit hin, dem Jahr-Gott, den Rudolf Stein­er als den Chris­tus beze­ich­net (sieh Blog­a­r­tikel 40 o).

In den Mantren 16 P und 41 p wird jew­eils eine Bewe­gung beschrieben. Im Mantra 16 P geht diese Bewe­gung von außen nach innen, im Mantra 41 p von innen nach außen. Das Geist­geschenk (16 P) muss im Innern gebor­gen wer­den. Die Schaf­fens­macht der Seele (41 p) strebt dage­gen aus dem Herzens­grunde — nach außen, strebt danach, im Men­schen­leben wirk­sam zu wer­den. Wenn die Mantren des P‑Lautes auf den Mund bezo­gen wer­den, so find­et beim Mantra 16 P ein Vor­gang ver­gle­ich­bar der Nahrungsauf­nahme statt, beim Mantra 41 p ein Ausströ­men schöpferisch­er See­len­macht, wie es das Sprechen darstellt.

Im Mantra 16 P hat der bewusste Ich-Sprech­er ein Geist­geschenk emp­fan­gen. Sein Ahnen gebi­etet ihm streng, es im Innern zu bergen. Es gibt hier also eine autoritäre, höhere oder größere Macht, einen Ur-Ahn vielle­icht, der dem Ich-Sprech­er gebi­etet. Offen­sichtlich weiß dieses Ahnen, was es mit dem Geist­geschenk auf sich hat und wie es richtig weit­erge­hen muss. Die in Gegen­wär­tigkeit, also bewusst aufgenommene Wahrnehmung kön­nte dieses Geist­geschenk sein, das durch die Sinne aufgenom­men und im Innern gebor­gen, als Erin­nerung auf­be­wahrt wer­den soll. Bis hier­her zeich­net das Mantra ein räum­lich erscheinen­des Bild. Das Geist­geschenk, das wie eine Sache von außen kommt und im Innern gebor­gen wer­den soll, erweckt den Ein­druck von Räumlichkeit.

Im Mantra 41 p strebt die Schaf­fens­macht der Seele aus dem Herzens­grund. Der Herzens­grund gle­icht einem Quell­te­ich, die Schaf­fens­macht dem Strom, der sich aus der Quelle ergießt. Im Men­schen­leben, im Prozesshaften, strebt die Schaf­fens­macht danach, wirk­sam zu wer­den. Nicht die Welt des Raumes herrscht hier vor, son­dern die fließende Zeit-Welt. Göt­terkräfte, über den Men­schen weit hin­aus­ge­hende Kräfte sollen in seinem Leben ent­flammt wer­den. Ich denke, dass es sich um die inkarnierende und die exkarnierende Kraft han­delt, um die Leben und Bewusst­sein erschaf­fende Kraft. Ihr Zusam­men­wirken bewirkt das Selb­st­be­wusst­sein. Aus der “wäss­ri­gen” unbe­wussten Leben­skraft soll “feurige” Bewusst­sein­skraft wer­den, die sich selb­st beleuchtet. Einst raubte Prometheus den Göt­tern das Feuer. Bewusst­sein, wie es auch in ein­er gewis­sen Qual­ität Tieren eigen ist, wurde durch diesen Entwick­lungss­chritt zum eige­nen Besitz, zum Selb­st­be­wusst­sein, wie es nur dem Men­schen möglich ist. Tiere sind Geschöpfe, doch der Men­sch wird durch die Fähigkeit, sich sein­er selb­st bewusst zu wer­den, zum Schöpfer.

Indem der Men­sch Schöpfer ist, wird es seine Auf­gabe, sich sel­ber zu gestal­ten. Er wird zum plas­tis­chen Gestal­ter, zum Bild­hauer sein­er selb­st. Das Mantra sagt, dass diese Selb­ster­schaf­fung auf zwei Arten geschehen soll: in Men­schen­liebe und im Men­schen­werk. Das kann ich so ver­ste­hen, dass die Men­schen­liebe sich nach innen richtet, das Men­schen­werk nach außen. Mit der Men­schen­liebe klingt das zweite christliche Gebot an: “Liebe deinen Näch­sten wie dich selb­st.” (Mt 22,39) Liebe das was außer­halb von dir ist, wie das, was in dir ist. Wenn im Innern und im Außen sozusagen das gle­iche Kli­ma, die gle­iche seel­is­che Wärme herrschen, ver­schwindet diese so gese­hene Gren­ze zwis­chen Innen und Außen. Men­schen­liebe ist nicht die biol­o­gis­che Liebe, die auch Tieren eigen ist. Men­schen­liebe ist Liebe, die Gegen­sätze über­windet, Sym­pa­thiekraft, die sich nicht in sich selb­st ver­schließt, sich der Welt gegenüber­stellt, son­dern zur Ein­heit strebt, zur Vere­ini­gung mit der Welt, ohne wie beim Tier das Bewusst­sein von sich selb­st zu ver­lieren. Etwas ähn­lich­es geschieht auch durch das Men­schen­werk, denn mit jed­er Tat teilt sich der Men­sch der Welt mit. Und jede Tat wirkt zurück auf ihn selb­st. Zwar tritt auch im zweit­en Teil des Mantras kein bewusster Ich-Sprech­er auf, doch set­zt das Bestreben, sich sel­ber zu gestal­ten, einen solchen voraus. Gle­ichzeit­ig weckt das Verb “gestal­ten” die Vorstel­lung ein­er Hand­lung im Raum. Im Mantra 41 p vol­lzieht sich dadurch ein Prozess vom Unbe­wussten zum Bewussten und vom Prozesshaften zum Räumlichen.

Auch im Mantra 16 P find­et ein Umschwung statt, denn der zweite Teil wird als neu­traler Prozess ohne Beteili­gung des Ich-Sprech­ers beschrieben. Das Mantra geht von der Rede des bewussten Ich-Sprech­ers in eine neu­trale Beschrei­bung über. Das Geist­geschenk soll im Innern gebor­gen wer­den, weil damit ein zweit­er Prozess möglich wird. Das Wort, das bei­de Teile des Mantras miteinan­der verbindet, ist nicht “damit”, “weil” oder “um”, son­dern “dass”. Ein Zusam­men­hang wird hergestellt, doch bleibt er unbes­timmt. Das im Innern gebor­gene Geist­geschenk ist nicht Ursache, son­dern eher Katalysator für das Fol­gende. Das Ahnen gebi­etet streng, das Geist­geschenk im Innern zu bergen, sodass reifende Gottes­gaben, also Gottes­gaben, die sich im Prozess des Reifens befind­en, sollen in See­len­grün­den weit­ere Vorgänge bewirken. Und auch diese sind im Prozess. Die Gottes­gaben sollen zum einen in See­len­grün­den fruch­t­end wirken, zum anderen der Selb­s­theit Früchte zu brin­gen. Zweimal wird die Ver­laufs­form ver­wen­det: reifend und fruch­t­end. Der fließende Prozess löst den mehr räum­lichen Ein­druck vom ersten Teil des Mantras ab.

Was sind die Gottes­gaben, die im Prozess sind zu reifen? Ich denke hier an die drei See­len­fähigkeit­en Denken, Fühlen und Wollen. Sie sind drei Begabun­gen des Men­schen, die der Entwick­lung, der Rei­fung bedür­fen. Gle­ichzeit­ig frucht­en sie in See­len­grün­den. Denken, Fühlen und Wollen bere­ich­ern und befrucht­en die Seele durch jede Aktiv­ität. Sie brin­gen der Selb­s­theit Früchte. Das Selb­st ist hier das Sub­jekt, dem die Früchte gebracht wer­den. Im Mantra 41 p ist es dage­gen das Objekt, das gestal­tet wird. Was sind die Früchte, die her­vorge­hen aus den reifend­en und in See­len­grün­den fruch­t­en­den Gottes­gaben? Möglicher­weise sind es die drei geisti­gen Wesens­glieder. Sie sollen die Früchte des Men­schen sein, die er aus den großen Entwick­lungsphasen der Erde mit­nehmen kann in ein Pralaya, um dann in einem neuen Man­van­tara neu zu entstehen.

Das ganze Mantra 16 P beschreibt einen Prozess, der an eine Pflanze denken lässt. Wie die Blüte befruchtet wird von außen, soll der Ich-Sprech­er das Geist­geschenk im Innern bergen. Im Frucht­knoten, also am Grund der Blüte, find­et die Befruch­tung statt, — so wie die Gottes­gaben fruch­t­end wirken in den See­len­grün­den. Aus diesem Prozess erwach­sen dem Pflanzen­we­sen, der Selb­s­theit der Pflanze, die neuen Früchte. Das Mantra 16 P weist dadurch auf den Ätheraspekt des P.

Im Mantra 41 p zeigt sich eine ausstrahlende, schöpferisch-astrale Qual­ität. Sie strebt danach, Göt­terkräfte zur Wirkung zu brin­gen. Diese Göt­terkräfte kann ich auch als Sprachkräfte betra­cht­en, denn das Sprechen kann als ent­flam­men göt­tlich­er Kräfte betra­chtet wer­den. Die mit Sinn erfüllte, gestal­tete Luft, die das Wort trägt, wird feurig. Das Gestal­ten ist auch eine Wirkung von Sprache, und zwar ein­er Sprache der Tat­en. Sie kommt sowohl in der Selb­sterziehung als Gestal­tung von sich selb­st, als auch in Werken, als Gestal­tung der Welt zur Erscheinung.

Ergänzung zum Geistgeschenk des Mantras 16 P und zur Schaffensmacht des Mantras 41 p

Das Geist­geschenk legt den Fokus auf den Bewusst­seinsin­halt, der der Seele im Augen­blick geschenkt wird. Friedrich Schiller scheint mir die gle­iche seel­is­che Sit­u­a­tion zu beschreiben, jedoch aus der Per­spek­tive der Gegenwärtigkeit.

Die Gun­st des Augenblicks

(Friedrich Schiller, 1759–1805)

1. Und so find­en wir uns wieder
In dem heit­ern bun­ten Reihn,
Und es soll der Kranz der Lieder
Frisch und grün geflocht­en sein.

2. Aber wem der Göt­ter bringen
Wir des Liedes ersten Zoll?
Ihn vor allen laßt uns singen,
Der die Freude schaf­fen soll.

3. Denn was frommt es, daß mit Leben
Ceres den Altar geschmückt?
Daß den Pur­pur­saft der Reben
Bac­chus in die Schale drückt?

4. Zückt vom Him­mel nicht der Funken,
Der den Herd in Flam­men setzt,
Ist der Geist nicht feuertrunken,
Und das Herz bleibt unergetzt.

5. Aus den Wolken muß es fallen,
Aus der Göt­ter Schoß das Glück,
Und der mächtig­ste von allen
Herrsch­ern ist der Augenblick.

6. Von dem allerersten Werden
Der unendlichen Natur
Alles Göt­tliche auf Erden
Ist ein Lichtgedanke nur.

7. Langsam in dem Lauf der Horen
Füget sich der Stein zum Stein,
Schnell, wie es der Geist geboren,
Will das Werk emp­fun­den sein.

8. Wie im hellen Sonnenblicke
Sich ein Far­ben­tep­pich webt,
Wie auf ihrer bun­ten Brücke
Iris durch den Him­mel schwebt,

9. So ist jede schöne Gabe
Flüchtig wie des Blitzes Schein,
Schnell in ihrem düstern Grabe
Schließt die Nacht sie wieder ein.

.….

(Aufzäh­lung und Her­vorhe­bung A.F.)

Für Friedrich Schiller kommt das Glück von oben, vom Him­mel. Für Johann Wolf­gang von Goethe (1749 — 1832) ist es rings herum auf der Erde zu find­en, wie dieser Vierzeil­er verdeutlicht.

Willst du immer weiterschweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.
Im Ergreifen des Glücks wird die men­schliche Aktiv­ität ange­sprochen, die auch das Mantra 41 p the­ma­tisiert. Das Zusam­men­wirken von eigen­er Tüchtigkeit, von Ver­di­enst und der Gun­st der Stunde, dem Glück, das der Him­mel schenkt, lässt Johann Wolf­gang von Goethe Mephistophe­les im Faust II aussprechen. Dabei kommt er wie Friedrich Schiller auf einen Stein zu sprechen.
Wie sich Ver­di­enst und Glück verketten,
Das fällt den Toren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise man­gelte dem Stein.
Was meinen Friedrich Schiller und Johann Wolf­gang von Goethe mit dem erwäh­n­ten Stein? Kön­nte der Jahreskreis mit den Facetten der Wochen dieser Stein aus Horen, aus Stun­den gefügt, der Stein der Weisen sein? Diesen Stein hat die Men­schheit, doch das Ver­ständ­nis der Jahres­laufweisheit fehlt ihr.