2 B

Ins Äußere des Sinnesalls

Ver­liert Gedanken­macht ihr Eigensein;

Es find­en Geisteswelten

Den Men­schen­sprossen wieder,

Der seinen Keim in ihnen,

Doch seine Seelenfrucht

In sich muss finden.

 

Was erlebe ich hier?

Schon die erste Zeile reißt mich mit. Wie ein Pfeil fliegt meine Aufmerk­samkeit ins Sin­nesall. Obwohl das Mantra durch gängig in der all­ge­me­ingültige Zusam­men­hänge beschreiben­den drit­ten Per­son geschrieben ist, erlebe ich es als Leser indi­vidu­ell. So will ich diesen Text aus meinem Erleben her­aus schreiben.

Das Äußere des Sin­nesal­lls ist die äußere Welt, die pro­fane Sinneswelt, die Gesamtheit dessen, was das Weltall unseren irdis­chen Sin­nen zeigt. Warum ver­liert ger­ade durch die Außen­welt meine Gedanken­macht hier ihr Eigen­sein?   Die Naturge­set­ze und Struk­turen, die die äußere Wahrnehmung mein­er Gedanken­macht als Denk­ma­te­r­i­al anbi­etet, sind für alle Men­schen gle­icher­maßen gültig. Die Ideen, die ich mir durch die Beobach­tung äußer­er Tat­sachen bilden kann, die erschließen sich auch anderen, die die sel­ben Beobach­tun­gen machen. Ein Dreieck hat eine dauer­hafte, objek­tive Wahrheit, die sich jedem erschließen kann, ganz egal, wie die momen­tane Sit­u­a­tion des denk­enden Men­sch ger­ade ist. Das Denken wird an der äußeren Sinneswelt erzo­gen, all­ge­me­ingültige, vom Moment unab­hängige, dauer­hafte Wahrheit­en zu erkennen.

Indem der Men­sch die geisti­gen Geset­ze, die hin­ter aller Erschei­n­ung ver­bor­gen sind, in sich bewegt und sie erken­nt, lebt ein Stück Ewigkeit der Geist­welt in ihm. Die Geis­teswel­ten find­en den Men­schen­sprossen wieder, weil der Men­sch durch objek­tive Erken­nt­nisse Anteil an der geisti­gen Welt gewin­nt. Alles was ist, ist weisheitsvoll gebildet. Der Men­sch ist da keine Aus­nahme. Er ist der Weisheitswelt entsprossen, er entstammt ihr. Kann er das erken­nen, find­et er seinen Keim in den Geis­teswel­ten wieder. Dann erin­nert er sich, dass er sel­ber Geist ist und Geist war, bevor er in der sinnlichen Welt inkarnierte.

Würde sich mein Denken dage­gen nicht nach außen, son­dern nach innen wen­den, fände es statt der Sinneswahrnehmungen Gefüh­le vor. Diese Gefüh­le sind für jeden Men­schen indi­vidu­ell, einzi­gar­tig und außer­dem in ständi­ger Ver­wand­lung begrif­f­en. Sie geben mir das Erleb­nis, ein Eigen­we­sen zu sein, das sich von allen anderen unterscheidet.

In diesem Mantra find­en sich mehrere Bilder aus der Pflanzen­welt: (Men­schen-) Spross, Keim und (See­len-) Frucht. Ich kann mich an dieser Stelle fra­gen, was  meine Gedanken­macht, meine Macht zu denken, mit der Pflanze zu tun hat. Mir kann deut­lich wer­den, dass mein Bewusst­sein meine Innen­welt erhellt, wie die äußere Sonne den Raum durch­strahlt. So wie die Sonne die Pflanzen wach­sen lässt, so entwick­eln sich durch mein Bewusst­seinslicht Gedanken­ket­ten, Gedankenpflanzen, Blatt für Blatt, Gedanken­schritt für Gedanken­schritt. Doch bein­hal­ten die Bilder aus der Pflanzen­welt im Mantra sel­ber einen Gedanken: der Men­sch ist Pflanze.  Auch er keimt, sprosst und bildet Frucht wie sie. Seine Entwick­lung fol­gt dem Gesetz der Pflanze. Sein Leben­sor­gan­is­mus ist pflanzenhaft.

Keimen und Sprossen kann die Pflanze aus sich her­aus, wenn ihre Lebens­be­din­gun­gen gegeben sind. Zur Frucht­bil­dung kommt es jedoch nur, wenn eine Befruch­tung stattge­fun­den hat. Der Men­schenkeim entstammt der Geist­welt, dessen sich der Men­sch bewusst wird, wenn er Spross ist. Indem er sich denk­end der äußeren Wahrnehmung zuwen­det und er in seinen Erken­nt­nis­sen All­ge­me­ingültigkeit anstrebt, wird er sicht­bar für die Geis­teswel­ten, sie find­en ihn wieder. Die Geis­teswel­ten kön­nen den Men­schen inspiri­eren und Ideen find­en lassen, die die Welt noch bess­er erk­lären. Große Erfind­un­gen sind dadurch möglich, Gedanken, die nie zuvor ein Men­sch gedacht hat.

Die See­len­frucht muss der Men­sch jedoch in sich find­en. Sie ist nicht in den äußeren Zusam­men­hän­gen und Struk­turen zu find­en, die sich durch die Sinneswahrnehmung erschließen.  Die See­len­frucht bildet sich in der Innen­welt, der Welt des ganz indi­vidu­ellen, wenn diese eine Befruch­tung emp­fan­gen hat. Jedes Ereig­nis, das mir im Leben wider­fährt, oder das ich bewirke erlebe ich durch meine Wahrnehmung. Zunächst ist alles Erleben Wahrnehmung. Indem sie nach innen genom­men wird, mein Fühlen durch sie erregt wird und ich urteilend Stel­lung beziehe, find­et eine Befruch­tung statt. Aus Wahrnehmung und dem gefühls­be­wegten Denken wird eine See­len­frucht, ein Urteil, das mich for­t­an als Teil mein­er Per­sön­lichkeitsstruk­tur begleitet.

Auch für das Erken­nen der eige­nen Seele lässt sich ein fein­er Befruch­tung­sprozess beobacht­en. Wenn die äußeren Vorgänge wie z.B. ein Son­nenauf­gang mit inner­er Beteili­gung erlebt wer­den, kann ich diese Gefühls­beteili­gung wie eine Befruch­tung mein­er Wahrnehmung erleben.  Nun kann das äußer­lich erlebte in mir zum Wahrbild für innerseel­is­che Prozesse wer­den. Nun kann ich mein von mir in alle Rich­tun­gen ausstrahlende Bewusst­sein als Sonne erleben. Eine See­len­frucht ist in mir gereift. So wie die Frucht den Samen enthält, der der Pflanzen­gat­tung Dauer gibt, ermöglicht das Bild, all­ge­me­ingültige Aus­sagen über die ganz sub­jek­tive, sich stets wan­del­nde seel­is­che Innenwelt.