
Der Zeit-Impuls des Mantras 15 O ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 14 N
An Sinnesoffenbarung hingegeben Verlor ich Eigenwesens Trieb, Gedankentraum, er schien Betäubend mir das Selbst zu rauben, Doch weckend nahet schon Im Sinnenschein mir Weltendenken. .… |
15 O
Ich fühle wie verzaubert Im Weltenschein des Geistes Weben, Es hat in Sinnesdumpfheit Gehüllt mein Eigenwesen, Zu schenken mir die Kraft, Die ohnmächtig sich selbst zu geben Mein Ich in seinen Schranken ist. |
16 P
Zu bergen Geistgeschenk im Innern, Gebietet strenge mir mein Ahnen, Dass reifend Gottesgaben In Seelengründen fruchtend Der Selbstheit Früchte bringen. .… .… |
Der Zeitimpuls von 15 O: Haben zwischen Verlust und Geschenk
- Körper haben durch das Weben des Geistes -
vorbereitet, ausgedacht, durch das Weltendenken, um dem drohenden Selbstverlust zu begegnen (14 N)
vollendet durch das der Selbstheit Früchte bringende Geistgeschenk (16 P)
15 O — das Mantra der Woche: Der Ich-Sprecher des Mantras 15 O fühlt wie verzaubert das Weben des Geistes im Weltenschein. Dabei ist nicht klar, ob er selbst oder das Geschaute wie verzaubert erscheint. Fühlt er sich also in seinem Bewusstsein wie verzaubert, weil statt irdisch-verstehbarer Wahrnehmungen geistige Gesichte vor seiner Seele hin und her fluten? Oder erscheint dem Ich-Sprecher der geistige Webprozess einer Verzauberung vergleichbar? Unterliegt vielleicht der Geist selber durch das Weben einer Verzauberung? Diese Fragen müssen offenbleiben, denn obgleich die Zeilen lebhafte innere Bilder wecken, verschließen sie sich gleichzeitig der Verstandeslogik.
Vor dem inneren Blick erscheint ein vom Weltenschein, also von Licht durchstrahltes unscharf bleibendes hin und her wehend-wogendes Geist-Geschehen, das nach und nach zu konturiertem, mannigfach geformtem und sich festigenden Stoff führt. Der Geist wird sichtbar, wie er den Geist-Wesen Körperhüllen webt. Dabei lässt der Geist sein Weberschiffchen durch die Strahlen des Weltenscheins, die vielleicht die Kettfäden bilden, hin und her gleiten.
Nachdem der Ich-Sprecher diesem Weben eine Weile zugeschaut hat, stellt er fest, dass auch er als ein Eigenwesen eingewebt, eingehüllt wurde — und zwar in Sinnesdumpfheit. Hat die umhüllende Körperlichkeit seinen Sinnen die Klarheit genommen, sie dumpf werden lassen? Oder war es vielmehr anders herum? Hat die Sinnesdumpfheit Verkörperung nach sich gezogen und den Menschen als Eigenwesen erst hervorgebracht? Der Ich-Sprecher beobachtet differenziert und erscheint dem Leser keineswegs dumpf. Er weiß um die Begrenztheit, insbesondere um die des verkörperten und dadurch von allen anderen Wesen getrennten Eigenwesens, denn er erkennt sich auch als ein solches.
Rudolf Steiner nennt einen Bewusstseinszustand, dem der Mensch schon lange entwachsen ist, der dem Mineralreich entspricht, allwissend aber dumpf: “Die erste [Bewusstseinsstufe] ist eine solche, bei welcher sie alles wissen, aber mit ungeheurer Dumpfheit. Nichts hat vor sich gehen können, das sie nicht wussten, aber dumpf. Dumpfes Allbewusstsein, tiefste Trance. Wenn der Yogi nicht mehr mit dem Gehirn, sondern mit dem Knochensystem wahrnimmt. Alles steht in ihm still außer den chemischen Prozessen; es ist ein dumpfes Allbewusstsein, eine längst überwundene Stufe; das, wenn es atavistisch hervorgerufen wird, eine Art Gesicht unseres ganzen Universums bewirkt.” (GA 90a, S. 217f)
Ist im Mantra 15 O vielleicht dieses tiefe Trance-Bewusstsein beschrieben, indem der Ich-Sprecher gleichzeitig allwissend und wie verzaubert, d.h. gebannt in die Verkörperung, erscheint?
Zumindest kennt der Ich-Sprecher das Ziel seines Eingehüllt-Werdens in Sinnesdumpfheit und spricht es aus. Er sagt, dass diese Umhüllung ihm Kraft schenkt, die sein Ich anders nicht gewinnen könnte, denn das Ich ist ohnmächtig und durch Schranken begrenzt. Das Ich ist also nicht allmächtig, sondern durch mehrere Schranken in seiner Willkür begrenzt. Ich denke mir, dass die umhüllende Sinnesdumpfheit das Ich herausfordert, die Dumpfheit zu überwinden und Sinnesklarheit zu finden. Und das Ergebnis dieser Anstrengung ist dann der Kraftgewinn, der anders nicht zu erreichen wäre.
In diesem Mantra geht es um Haben, einen Körper zu bekommen, der ein Kraft-Geschenk ermöglicht.
14 N — die Vorbereitung: Die Mantren 15 O und 16 P sprechen von Schenken, bzw. vom Geistgeschenk. Hier geht es darum, etwas zu bekommen. Das ist im Mantra 14 N ganz anders. Es beginnt mit der Mitteilung eines Verlustes. Der Ich-Sprecher sagt, dass er den zum Eigenwesen gehörenden Trieb verloren hat. Um welchen Trieb handelt es sich wohl? Ist es der jedem Wesen innewohnende Überlebenstrieb, oder ist es der Trieb, ein individuelles, von allen anderen Wesen abgegrenztes einmaliges Wesen, ein Eigenwesen zu sein? Dieser Eigenwesens Trieb ging dem Ich-Sprecher verloren, als er an die Sinnesoffenbarung hingegeben war. Er war so Eins mit der Wahrnehmung, so außerhalb seiner selbst, dass er den Trieb, sich von der Umwelt und anderen Wesen zu unterscheiden, also ein eigenes, individuelles Wesen zu sein, vollkommen verloren hatte.
Diese Hingabe an die Wahrnehmung geschieht laut Rudolf Steiner ständig, denn der Mensch schläft in die Wahrnehmung hinein. Doch schneller als er es selber bemerken kann, wacht er im Denken wieder auf, wenn er den Begriff zur Wahrnehmung hinzufügt, das Gesehene benennt. Doch im Mantra 14 N scheint diese irdische, taghelle Wachheit nicht einzutreten, denn der Ich-Sprecher schildert im Rückblick, dass sein Denken traumverhaftet blieb, ihm wie ein Gedankentraum dünkte. Und das hatte für sein Selbstbewusstsein Folgen. Der Gedankentraum wirkte betäubend und schien ihm das Selbst zu rauben.
Das Wort “Gedankentraum” verwendete Rudolf Steiner nur noch einmal und zwar in einem Entwurf zum Mysteriendrama “Der Hüter der Schwelle”. Dort sagt MARIA: “Johannes, dir hat sich gezeigt, wie Erkenntnis, die im Menschenleibe sich erringen lässt, nur wesenloses Gewebe von Bildern ist, die dem Weltgeschehn recht ferne stehn. Wer sich dem Menschenwerden wirksam widmen will, muss zu den Mächten sich begeben, welche den Lauf der Dinge und auch die Kräfte der Seelen lenken. Da schaut er, was allein wesenhaft ist, und Wissen wird ihm dann nur sein, was Erinnerung an so Erlebtes ihm gewährt; nicht was er fern von allem Sein auf Erden als Gedankentraum spinnt.” (GA 44, S. 1) Mit Gedankentraum ist also das Gegenteil von echter, im Geiste wahrer Erkenntnis gemeint. Und diese Erkenntnis wird gewonnen von Mächten, die den Lauf der Dinge – den Zeitenlauf – sowie die Seelenkräfte lenken, die also das Selbstbewusstsein mit hervorbringen. Das Selbst schien nur geraubt, denn bereits der Gedankentraum entsprach weder der äußeren noch der inneren Wahrheit. Der Mensch entwickelt nach und nach sein Geistselbst. Gerade weil er es selber aufbaut, indem er seinen Astralleib durch das Ich umwandelt in dieses unsterbliche Wesensglied, kann dieses geistige Selbst dem Menschen nicht geraubt werden. Es kann nur aus seinem “Blick” entschwinden, weil dem Menschen die Möglichkeit fehlt, die lenkenden äußeren und inneren Mächte zu kennen.
In dieser Situation der träumend flutenden, vom Ich nicht geführten Gedanken naht das Weltendenken im Sinnenschein, also durch die irdische Wahrnehmung der Realität. Es wirkt aufweckend, den Gedankentraum beendend.
Rudolf Steiner sagt: “Was nun in ihm zur Innenwelt geworden ist in seiner Seele, das ist der Aspekt der Umwelt, wie er sie empfindet [der Gedankentraum]. Dieser steht gegenüber dem Aspekt der Wahrnehmungen, unter dem sich die Umwelt seinen Sinnen zeigt.
Nun besteht die Welt aber noch unter einem andern Aspekt, unter dem Aspekt, wie sie wirklich ist. Es ist der eigentliche Aspekt des wahren Seins der Welt, wie sie in ihrem Inneren ist. Zu diesem Aspekt gelangt der Mensch, wenn er den eingeschlagenen Weg weiter verfolgt. Wenn aus klaren Sinneswahrnehmungen in ihm Empfindungen entstanden sind in seinem Inneren, wenn er diese Empfindungen in harmonische Ordnung und in schönen Rhythmus gebracht hat, dann tragen ihn diese Empfindungen wieder hinaus in die Welt. Sie schlagen eine Brücke von seiner Seele zur Welt, und während die Welt sich in ihn hineinereignet durch seine Sinne, so ergießt sich nun seine Seele in die Welt hinein durch das Denken über die Welt. Seine Empfindungen gießt er hinein in den Gedanken, und sein Gedanke dringt ein in die Umwelt. So ist die Kette geschlossen zwischen Welt und Mensch und zwischen Mensch und Welt.
Die Welt ist draußen, die Empfindung im Inneren des Menschen; der Gedanke ist in beiden. Im Denken vereinigt sich der Mensch ganz mit der Welt. Denn das Weltendenken und sein Denken sind ein Ganzes. So wurzelt die Menschheit mit ihren Wahrnehmungen im sinnlichen Dasein. So wächst sie, indem sie aus der Sinnenwelt Eindrücke empfängt und diese sich in der Seele zu Empfindungen, zu Bildern ordnen, sich rhythmisieren und im seelischen Leben sich umwandeln. So erblüht sie, indem sie aus diesen Bildern und den Wahrnehmungen herausliest, herausempfindet, heraushört den Weltgedanken, der in jedem denkenden Menschen neue Blüten treibt.
Die Menschen wurzeln alle in dem einen Boden der physischen Sinnen- und Gestaltenwelt. Es ist dieselbe Welt für alle, derselbe Boden, aus dem alle herauswachsen [die Sinnesoffenbarung]. Und jede einzelne Menschenindividualität saugt heraus aus dem gemeinsamen Boden Kräfte zu ihrer besonderen Entfaltung. Viele und verschiedene geartete Stämme sind die einzelnen Menschenindividualitäten, die aus dem einen Boden hervorwachsen und, jede in ihrem Seelenleben, die aus dem einen Boden aufgenommenen Kräfte in ihrer besonderen Eigenart verarbeiten. Aber droben zur Blüte gelangend, in der Welt des Gedankens, bilden alle ein großes Ganzes, ein wunderbares wogendes Blütenmeer, jede Blüte eine Widerspiegelung des großen einen Weltendenkens, und eine die andere ergänzend, sich einfügend als Glied in die ganze Kette, als Juwel in eine Krone von Juwelen, als Welle in ein Gedankenweltenmeer.
Unten ein Ganzes: die physische Welt. Oben ein Ganzes: die Geisteswelt. Dazwischen Umwandlung des Unteren in das Obere in vielen Individualitäten: die Seelenwelt.
Ein Spiegelbild der Geisteswelt ist die physische Welt draußen in ihrer Einheitlichkeit. Ein Spiegelbild der Geisteswelt ist die Seelenwelt des Menschen in ihrer Mannigfaltigkeit. Die ganze große Welt draußen wird in jeder Menschenseele eine besondere kleine Welt, und wird, aus allen Menschenseelen im Gedanken heraustretend, wieder ein großes Ganzes. So geht der Weg vom Kosmos durch den Mikrokosmos hindurch, um als neuer, vervollkommneter Kosmos aus den gesamten Mikrokosmen hervorzugehen.” (GA 97, S. 277–278, Hervorhebungen und Ergänzungen A.F.)
So lässt sich sagen, dass in der Hingabe an die Sinnesoffenbarung, an die physische Welt, der Mensch mit seinem Boden verschmilzt, der für alle der Gleiche ist, weshalb der Trieb, ein Eigenwesen zu sein verloren geht. Im Gedankentraum lebt der Mensch in der individuellen Seelenwelt. Dieser Traum wirkt betäubend und raubt das Selbst als Geistselbst, weil das Alltags-Ego-Selbst keine Wahrheit hat. Wacht der Mensch jedoch in das alle Menschen vereinigende Weltendenken auf und erschafft mit ihnen den neuen Kosmos, so lebt er als schöpferisches, geistiges Selbst.
16 P — die Vollendung: Der Ich-Sprecher des Mantras 16 P „packt das Geistgeschenk nicht aus“. Er sagt nicht, worum genau es sich handelt, noch von wem das Geschenk stammt. Doch es muss sich um ein großes, ein wichtiges Geschenk handeln, denn sein Ahnen mahnt ihn streng, das Geistgeschenk im Innern zu bergen.
Worum handelt es sich hier? Ist das Geistgeschenk geschenkter Geist, oder stammt es vom Geist? Ist es die dem Menschen geschenkte Fähigkeit, sein Leben zu Bewusstsein und schließlich zu Selbstbewusstsein zu wandeln? Ist es die Möglichkeit, geistesgegenwärtig zu werden, das Jetzt bewusst zu ergreifen? Oder sind es all die dem Menschen geschenkten Sinneswahrnehmungen, anhand derer er erst sein Bewusstsein von sich als eigenständigem Wesen entwickeln, das Selbst vom Nicht-Selbst abgrenzen kann?
Vielleicht ist es dies alles zusammen: das Jetzt mit der Fülle an Erlebnissen, die im Bewusstsein, in Gegenwärtigkeit, im Herzen geborgen werden und im Laufe des Lebens die Biographie bilden — das Selbst dieses Lebens.
Das Jetzt als ausstrahlendes Bewusstseinslicht hat für mich einen goldenen Glanz. Diesen Glanz des Jetzt finde ich im folgenden Gedicht wieder, das sozusagen das Geistgeschenk auszupacken versucht.
Einen anderen Glanz
Einen anderen Glanz hat die Sonne
Einen anderen Glanz hat der Mond
Einen anderen Glanz haben die Sterne
Was in dir klein ist, wird groß sein
Was in dir voll Angst ist, wird mutig sein
Lebendig wird sein, was jetzt in dir tot ist
Um dich wird Liebe sein – auch dann
Was verknotet ist, wird sich lösen
Was müde ist und verwundet, hat Kraft
Einen anderen Glanz haben die Fische
Einen anderen Glanz haben die Vögel
Einen anderen Glanz hat deine zerzauste Seele
So auch die Auferstehung.
Tag ist in der Nacht.
Finsternis ist nicht finster bei dir.
Einen anderen Glanz hat das Jetzt.
Einen anderen Glanz hat das Dann.
Einen anderen Glanz hat das Dazwischen.
Nimm. Iss. Trink.
Sprich nur ein Wort. Oder zwei.
Bist du es? Frage ich in die Nacht hinein.
Ich bin es.
Öffne dein Herz.
Ich bin da.
(Birgit Mattausch aus: „Der andere Advent“ 2022/23)
Der Fluss der Zeit und mit ihm die Lebenskraft strömt durch jedes Lebewesen. In der Gegenwärtigkeit erhebt sich der Mensch über diesen Strom. Sich des eigenen wahrnehmenden Bewusstseins bewusst werden zu können, Gegenwärtig werden zu können und erinnerbare Erlebnisse zu haben, ist Geistgeschenk. Was mehr oder weniger bewusst aufgenommen wurde, was in der Seele geborgen wurde, kann reifen und Erfahrungs-Früchte hervorbringen. Und Früchte tragen Samen in sich, die zum Neubeginn bestimmt sind.
Die Früchte, um die es im Mantra 16 P geht, sind sicherlich nicht die irdisch-nützlichen Erkenntnisse, die ja auch durch wache Beobachtung zusammen mit klugem Denken gewonnen werden. Es geht auch vermutlich nicht um die schönen Lebenserinnerungen, die meine Persona sammeln möchte. Es muss um etwas viel geheimnisvolleres gehen, denn es ist nicht die Nützlichkeit, sondern das Ahnen, das dem Ich-Sprecher streng gebietet, das Geistgeschenk im Innern zu bergen. Doch welche Aufgabe es dort hat, wird nur verschlüsselt ausgedrückt. Das Geistgeschenk wird in einen Zusammenhang gebracht mit den reifenden Gottesgaben. Doch es wird ebenso wie beim Geistgeschenk nicht gesagt, um welche göttlichen Gaben es sich handelt.
Rudolf Steiner spricht immer wieder von zwei Gaben, die der Mensch empfangen hat. Die eine ist mit dem Sündenfall verknüpft. Es ist die Gabe der Freiheit, die Gabe der Unterscheidung von Gut und Böse, Schön und Hässlich, Wahr und Falsch. Die andere Gabe ist mit dem Mysterium von Golgatha verbunden. Sie schenkt dem Menschen den Keim, das Göttliche in sich aufzunehmen und mit sich zu vereinen, um dadurch in ferner Zukunft den Tod überwinden zu können. Das ist die Gabe der Liebe (GA 155/6). Die Gabe der Freiheit macht den Menschen zu einem individuellen, selbständigen Wesen, die Gabe der Liebe vereint ihn wieder mit seinem Ursprung. Beide Gaben sind Aufgaben. Sie müssen stetig weiter reifen durch das Erlebte, das Geistgeschenk. Die Gottesgaben sollen in der Seele fruchtend wirken. Sie sollen Früchte hervorbringen für die Selbstheit. Das Selbst wird sie „ernten“.
Das Mantra sagt also vereinfacht: der Mensch nimmt das Geistgeschenk auf, es wirkt in der Seele reifend auf die Gottesgaben und diese bringen dadurch Früchte hervor, die der Selbstheit zugutekommen.
Rudolf Steiner spricht im Zusammenhang mit der Philosophie Heraklits (um 520 v. Chr. — ca. 460 v. Chr.) und den griechischen Mysterienwahrheiten über das menschliche Bewusstsein und über das, was im Bewusstsein auftaucht, innerlich verarbeitet und neu hervorgebracht wird. Da er hier das Bewusstsein als weiblich, als den Raum der Verwandlung versteht, denke ich es mir als die Seelengründe im Mantra 16 P. Den Inhalt des Bewusstseins versteht er als männlich. Dieser Inhalt kann als das Geistgeschenk betrachtet werden. „Wenn wir unseren inneren Bewusstseinszustand betrachten, so haben wir immer zweierlei vor uns. Zuerst haben wir zu betrachten den Inhalt dessen, was in uns lebt; und dann haben wir das Augenmerk zu richten auf dasjenige, was den Inhalt in sich aufnimmt. Mit anderen Worten: Wir haben zu unterscheiden das [männlich] Geistige, das von uns aufgenommen und immer auf höherer Stufe wiedergeboren wird, und die [weibliche] Kraft, die hinter dieser Tätigkeit des Gebärens und Wiedergebärens steht. Wir haben die [männliche] Geistigkeit auf der einen Seite und das [weibliche] Bewusstsein auf der anderen Seite. Wir haben zu unterscheiden die Welt und die Sinne, die diese Welt erfassen, und dann die im Geiste wiedergeborenen Sinne und das Bewusstsein selber. Das Bewusstsein selber und das, was auf der höchsten Stufe des Bewusstseins steht, ist dasselbe, was gesehen wird. Auf der höchsten Stufe sind sie ein und dasselbe. Wir haben immer diese zwei Kräfte, diese zwei Potenzen zu unterscheiden. Dasjenige, was den Inhalt bildet, was erfüllt das Bewusstsein, und dasjenige, in das dieser Inhalt untertauchen muss und durch das er eben wiedergeboren wird.
Für diesen inneren Vorgang, für diese Spaltung des Geisteslebens in zwei Potenzen hat auch die griechische Götterwelt eine Personifikation, einen klaren Ausdruck. Wir müssten sonst verwundert sein, warum diese griechische Götterwelt neben den Gott immer die Göttin stellt … Das Weib … ist das Bewusstsein[,] das eigentlich Treibende, es ist das, was die verschiedenen aufeinanderfolgenden Zustände hervorruft. Nun werden wir auch begreifen, warum das tiefste Geheimnis, das Symbol des tiefsten Geheimnisses, welches den in die Mysterien Eingeweihten geboten wurde, sich als der Mensch darstellt. Das ist nichts anderes als die höchste Entwicklungsstufe des Bewusstseins. Dann hat er dieses «Erkenne dich selbst» für sich beantwortet. … Und dieser Mensch, der ihm da entgegentritt, ist nicht mehr zweigeschlechtig, sondern eingeschlechtig. Es ist geradeso wie mit dem Inhalt des Bewusstseins und dem Bewusstsein, das sich ihm immer als zweigeschlechtig entgegengestellt hat. Wie dieses sich dann als eingeschlechtig darstellt, so stellt sich dann im Bewusstsein auch keine Sonderung mehr dar, sondern es ist so, um es mit den Worten des Meister Eckhart auszudrücken, dass das, was sieht und gesehen wird, ein und dasselbe ist. Das Urwesen sieht sich selbst. Es hat nur noch mit sich selbst zu tun. Darin stellt sich die höchste Lösung des Welträtsels dar als ein Wesen, das männlich und weiblich zu gleicher Zeit ist.“ (GA 87 ohne Seitenangaben, Hervorhebungen A.F.)
Ich denke, in vorchristlicher Zeit stand mit dem Isis-Kult das Gebären, das Hervorbringen von Vorstellungen als wiedergeborener Wahrnehmung im Vordergrund. In nachchristlicher Zeit kommt es mehr auf das Erkennen, das geistgemäße Durchschauen von dem an, was aufgenommen und im Innern geborgen wurde. Bild dieses Prozesses ist nicht die Mutter mit dem Kind, sondern die Pieta mit dem Gekreuzigten im Seelenschoß. In ihr kann ich die Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen erblicken. Gemeinsam stellen sie das Urwesen dar, das sich selber sieht, wie Rudolf Steiner es beschreibt. Die Mutter mit dem Kind stellt zwei Individualitäten dar, die Pieta nur eine, denn der Sohn ist gestorben. In der Pieta kann die Seele ein Selbst sein und gleichzeitig vereinigt sein mit dem Erkenntnisinhalt, der wahrnehmbaren Umwelt. Sie blickt an, was aus ihr hervorgegangen ist, ohne dass es sich als selbständiges Sein ihr gegenüberstellt. Dieses Erkennen reift in der Seele die Früchte des unsterblichen Seins.
Die Mantren 14 N und 16 P sprechen vom Selbst bzw. von der Selbstheit, das Mantra 15 O vom Ich. Das Ich ist also umgeben von zwei Aspekten des Selbst. Das Selbst ist laut Rudolf Steiner eine Spiegelung des Ichs an der Physis. Das Geistselbst kann vielleicht als eine Spiegelung des Ichs an der geistigen Welt betrachtet werden. Doch diese geistige Welt muss vom Menschen zunächst durch das gemeinschaftlich-objektive Weltendenken erkannt und dadurch von innen neu erschaffen werden. So findet sich im Mantra 14 N mit dem Weltendenken der Plan, das Webmuster, damit im Mantra 15 O durch das Weben des Geistes die angemessene physische Grundlage für den nächsten Entwicklungsschritt geschaffen wird – die benötigte Ich-Kraft gewonnen werden kann. Und im Mantra 16 P wird das Leben gelebt, die alle Menschen vereinende Wahrnehmung, das Geistgeschenk, verinnerlicht und zu Früchten umgearbeitet, die, wenn ich weiterdenke, wiederum wachsen und blühen können, also Blüten des Weltendenkens hervorbringen können.
Als übergreifendes Thema verbindet die drei Mantren das Haben bzw. Nicht-Haben. Der Verlust bzw. Mangel wird im Mantra 14 N mit dem Verlieren und Rauben thematisiert, das Bekommen mit der zu schenkenden Kraft im Mantra 15 O und mit dem Geistgeschenk im Mantra 16 P. Dieses Haben bildet die Grundlage der Entwicklungsfähigkeit des Menschen.
