Der Zeit-Impuls des Mantras 14 N ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
13 M

Und bin ich in den Sinneshöhen,

So flammt in meinen Seelentiefen

Aus Geistes Feuerwelten

Der Göt­ter Wahrheitswort:

In Geis­tes­grün­den suche ahnend

Dich geistver­wandt zu finden.

.…

14 N

An Sin­nesof­fen­barung hingegeben

Ver­lor ich Eigen­we­sens Trieb,

Gedanken­traum, er schien

Betäubend mir das Selb­st zu rauben,

Doch weck­end nahet schon

Im Sin­nenschein mir Wel­tendenken.

.…

15 O

Ich füh­le wie verzaubert

Im Wel­tenschein des Geistes Weben,

Es hat in Sin­nes­dumpfheit

Gehüllt mein Eigenwesen,

Zu schenken mir die Kraft,

Die ohn­mächtig sich selb­st zu geben

Mein Ich in seinen Schranken ist.

Der Zeitim­puls von 14 N: Bewusst­sein zwis­chen Schlafen und Wachen

vor­bere­it­et durch das Wachen in Sin­neshöhen und See­len­tiefen (13 M)

vol­len­det durch den Kraft­gewinn, den die Hingabe an das Geis­tesweben ermöglicht — schlafend, in Sin­nes­dumpfheit (15 O)

14 N — das Mantra der Woche: Das Mantra 14 N nenne ich, wie das Mantra 39 n, einen Schwellen­spruch, denn diese bei­den Mantren sind füreinan­der sowohl Spiegel- als auch Gegen­spruch. Indem sie nur untere­inan­der ver­bun­den sind, bilden sie eine Art Teilung im See­lenkalen­der-Jahreskreis. Da der Jahreskreis aus vier Mal 13 Mantren beste­ht, ist das Mantra 14 N das erste Mantra des zweit­en des zweit­en Vier­tels, das Mantra 39 n das let­zte des drit­ten Vier­tels. Dadurch liegen die Schwellen­sprüche fast mit­tig im Jahreskreis und teilen das Jahr mit den bei­den Hal­b­jahren in Viertel.

Da das Mantra 14 N von Ver­lieren, Betäuben und Rauben spricht, ähnelt es den Krisen­sprüchen (7 G, 20 T 33 g, 46 u) bzw. kann als ein fün­fter Krisen­spruch betra­chtet werden.

Das Kreuzi­gungs­bild von Hans Suess von Kulm­bach zeigt um den Gekreuzigten einen Rosenkranz mit fünf Kreuzmedail­lons und zwis­chen diesen je zehn Rosen. Um den Gekreuzigten sind in vier Ebe­nen weit­ere Per­so­n­en dargestellt. Ich denke, es sind Heilige, Mär­tyr­er, Propheten, Evan­ge­lis­ten und ganz oben Maria mit dem Kind, der Vater­gott, die Taube des Heili­gen Geistes sowie Engel zu sehen. Die Seit­en­flügel stellen Szenen aus dem Marien­leben dar, die von rechts nach links der ab- und auf­steigen­den Bewe­gung im Jahres­lauf entsprechen.

Tryp­ti­chon von Hans Suess von Kulm­bach 1510

rechts: Begeg­nung Joachims und Annas an der Gold­e­nen Pforte, “Empfäng­nis” Marias von “oben”

mitte: Kreuzi­gung mit Rosenkranz mit fünf Kreuzmedail­lons und See­lenkalen­der-Jahreskreis mit dem Mantra 14 N als fün­ftem Krisenspruch

links: die Eltern brin­gen Anna zur Erziehung in den Tem­pel von Jerusalem, sie steigt die Trep­pen hinauf

Je nach Jahres­lauf-Darstel­lung liegt die Gren­ze, die die Schwellen­sprüche 14 N und 39 n bilden anders. In der Darstel­lung des Jahres­laufs als Kreis teilt ihre senkrecht ste­hende Verbindung den Jahreskreis in eine auf­steigende linke und eine absteigende rechte Hälft. In der Darstel­lung als Ei ver­läuft die Teilung waagerecht und teilt den Raum in einen oberen und unteren.

Die Schwellen­sprüche 14 N und 39 n in der Darstel­lung des Jahres­laufs als Kreis und als Ei

Rudolf Stein­er sprach über die Säulen Jachim bzw. Jakim und Boas sowie der geheimnisvollen drit­ten Säule mehrmals im Zusam­men­hang mit der soge­nan­nten Gold­e­nen oder Kreuzesholz Leg­ende, die im Mit­te­lal­ter und dann beson­ders in Freimau­r­erkreisen tradiert wurde. Auf einem Notitzblatt von ihm (Archivnum­mer 6954) find­et sich der fol­gende Text mit Zeich­nung. Sie zeigt die Säulen Jachin (J) und Boas (B) zusam­men mit der drit­ten Säule, die meist “Säule der Milde” (M) genan­nt wird:

“Adam hat­te zwei Söhne Kain = den selb­st­streben­den Menschen

Abel = den auf Offen­barung bauenden

Abel fiel durch Kains Tat. Das Erbe des Abel fiel dem Seth zu. Seth gelangte bis zum Ein­gang des Paradieses. Dort wurde er durch den Cherub mit dem Flammenschwert

nicht

zurück­ge­hal­ten. Dies ist das Sym­bol dafür, daß Seth der Stam­m­vater der ini­ti­ierten Priester­schaft war. Ihm gab nun der Cherub drei Samenkörn­er (den höheren Men­schen = Atma — Bud­hi — Manas).

Nach­dem Adam gestor­ben war, legte Seth nach Anweisung des Cherub die drei Körn­er in Adams Mund.

Der dreigeteilte Busch, der daraus her­vor­wuchs, hat­te in sich die Flam­men­schrift Ehjeh — asch­er — Ehjeh (Ich-bin-Ich).

Moses ent­nahm daraus den dreifachen Zweig, aus dem er seinen Stab formte. David pflanzte diesen Stab in die Erde auf dem Berge Zion. Salomon nahm daraus das Holz, aus dem er die Ein­gangsp­forte des Tem­pels so machte [Zeich­nung].

Zeich­nung Rudolf Stein­ers der drei Säulen Jachin, Boas und M., inte­gri­ert in den Seelenkalender-Jahreslauf 

Som­mer-Hal­b­jahr Jachin, Win­ter-Jah­b­jahr Boas

die Schwellen­sprüche 14 N und 39 n als der Quer­balken M.

Durchge­hen kon­nte da nur der Reine.

Die Leviten in ihrem Unver­stand versenk­ten diese drei Stücke in den Teich Bethes­da. Zur Zeit Christi legten die Juden das Holz als Balken über den Bach Kedron. Darüber schritt Chris­tus nach sein­er nächtlichen Gefan­gen­nahme am Ölberg. Und daraus wurde dann auch das Kreuz gez­im­mert.” (GA 265 S. 340f)

Über die Tem­pel­säulen bemerkt Rudolf Stein­er an ander­er Stelle: „… dass [diese Säulen Jakim und Boas] in den heuti­gen Geheimge­sellschaften … nicht mehr in der richti­gen Weise aufgestellt wer­den kön­nen, auch nicht mehr aufgestellt wer­den sollen, weil sich diese richtige Auf­stel­lung eben bei der wirk­lichen inner­lich erlebten Ini­ti­a­tion erst zeigt. Außer­dem kann man sie im Raume nicht so auf­stellen, wie sie in Wirk­lichkeit eben sich aufgestellt zeigen, wenn der Men­sch seinen Leib ver­lässt.“ (GA 187, S. 126)

Durch die bei­den möglichen Darstel­lun­gen des See­lenkalen­der Jahres kön­nen die Schwellen­sprüche ein­mal senkrecht (im Kreis) zur Imag­i­na­tion des Moses Stabes oder des aufgerichteten Kreuzholzes führen, zum anderen waagerecht (im Ei) zu der in den Teich Bethes­da versenk­ten Säulen bzw. zur Brücke über den Bach Kedron, die Chris­tus auf dem Weg zum Ölberg vor sein­er Gefan­gen­nahme überschritt.

Nun zum Mantra 14 N sel­ber. Hier schildert eine bewusste Präsenz, der Ich-Sprech­er, im Rück­blick einen Prozess, in dem sein men­schlich­es Bewusst­sein zunächst eingeschränkt war. Der Ich-Sprech­er schildert, wie er den Trieb ver­lor, ein Eigen­we­sen zu sein, weil er an die Sin­nesof­fen­barung hingegeben war.

Zum Beginn des Mantras entspricht die seel­is­che Sit­u­a­tion dem Abel-Men­schen, dem an die Offen­barung der höheren Welt hingegebe­nen Men­schen der Frühzeit, der sein Ich-Bewusst­sein noch nicht aus­ge­bildet hat­te. Das Charak­ter­is­tikum der vorchristlichen Ein­wei­hung war der Ver­lust des Ich-Bewusst­seins, sagt Rudolf Stein­er, weshalb der Einzuwei­hende in der geisti­gen Welt von bere­its Eingewei­ht­en geführt und dann auch wieder in das irdis­che Bewusst­sein zurück­gerufen wer­den musste.

Das Denken wurde damals nicht als men­schliche Tätigkeit erlebt, wie es heute ganz selb­stver­ständlich der Fall ist. Der Men­sch nahm die Gedanken Gottes mit der Wahrnehmung auf und spiegelte sie lediglich in sich.

Der Ich-Sprech­er schildert, wie der Gedanken­traum betäubend wirk­te und ihm das Selb­st zu rauben schien. Er war also während er in seinem Denken weilte träu­mend. Er hat­te kein Bewusst­sein darüber, wie er aus der Wahrnehmung denk­end ein Urteil, einen Begriff formte und nach und nach zu Gedanken­ket­ten aus­bildete, die sein Welt­bild formten. Es geschah unbe­wusst, ohne ich­hafte Präsenz. Das Denken vol­l­zog sich kindlich-assozia­tiv. Doch wenn keine Eige­nak­tiv­ität wahrnehm­bar ist, wird keine Selb­st­wirk­samkeit erlebt, wodurch die Grund­lage des Ich-Erlebens fehlt.

In nachchristlich­er Zeit wurde das Denken immer mehr zur indi­vidu­ellen See­len­fähigkeit des Einzel­nen und das Ergeb­nis men­schliche Tat. Die Gedanken wur­den zu per­sön­lichen Gedanken. Dieser selb­st­strebende Kains-Men­sch tötete in sich den ver­trauensvoll staunend der Wahrnehmung hingegebe­nen Abel-Men­schen. Er begann zu zweifeln. Die träu­mende Hingabe wurde als Betäubung wahrgenom­men und er suchte sie loszuw­er­den, zu erwachen. Doch damit ver­fiel der Men­sch immer mehr der irdis­chen Wahrnehmung, sie wurde zur einzi­gen Realität.

An dieser Stelle schildert das Mantra 14 N einen Ausweg. Dabei wech­selt hier im Mantra Zeit­form der Ver­gan­gen­heit in diejenige Gegen­wart. Dies wirkt wie eine Zukun­ftsver­heißung für die heutige Zeit. Im Sin­nen­schein naht dem Ich-Sprech­er weck­end das Wel­tendenken. Der Sin­nen­schein spricht von ein­er neu gewonnenen Wach­heit des Ich-Sprech­ers. Die Sin­nesof­fen­barung zu Beginn des Mantras wurde zum Sin­nen­schein. Der Sin­nen­schein vere­int zwei gegen­sät­zliche Bedeu­tun­gen. Zum einen wird dadurch die Wahrnehmung als unwirk­lich­er Schein, als Welt der vergänglichen Maya, als zu hin­ter­fra­gende bloße Erschei­n­ung erkan­nt, zum anderen als Licht spendend, leuch­t­end und damit den Geist ver­mit­tel­nd. Ger­ade in der Span­nung dieser dop­pel­ten Real­ität, des bloß Sinnlichen und gle­ichzeit­ig geistig Durch­scheinen­den wirkt das sich dem Men­schen nahende Wel­tendenken. Dieses Denken ist nicht men­schlich­es Denken, es ist göt­tlich schöpferische Intel­li­genz. Sie naht sich dem Men­schen und weckt ihn zu ein­er höheren Ebene der Real­ität auf, wenn er in der äußeren Wahrnehmung das geistige Gesetz erschauen kann, wie J.-W. von Goethe in der konkreten Pflanze die Urpflanze erblick­te, wenn die Welt ihm zum Bild, zum Zeichen wird für den Geist. Im Wel­tendenken kann das hin­ter dem Logos ste­hende Denken, das hin­ter dem Wel­tenwort ste­hende schöpferische Prinzip gese­hen wer­den — und damit der von Ewigkeit wirk­ende Chris­tus. So erscheint der Sin­nen­schein durch­leuchtet vom Göt­tlichen, der Sin­nen­schleier wird durchsichtig.

13 M — die Vor­bere­itung: Der Ich-Sprech­er des Mantras 13 M befind­et sich in den Sin­neshöhen. Doch wie kann man zum einen auf mehreren Höhen gle­ichzeit­ig und zum anderen in statt auf den Höhen sein? Das kann nur bedeuten, dass es sich um geistige Höhen, um eine inner­liche Erhe­bung in einen beson­deren Geis­teszu­s­tand han­delt. Auf die dazu notwendi­ge Vor­bere­itung ver­weist das “Und”, mit dem das Mantra startet.

Rudolf Stein­er beschreibt bere­its die Rei­he der zwölf Sinne als einen Auf­stieg, ange­fan­gen bei den vier Kör­persin­nen (Tastsinn, Lebenssinn, Eigen­be­we­gungssinn, Gle­ichgewichtssinn) über die vier Umwelt-Sinne (Geruchssinn, Geschmackssinn, Sehsinn, Wärmesinn) zu den vier geisti­gen Sin­nen (Gehörsinn, Laut- oder Wortsinn, Gedankensinn, Ichsinn). Erst recht ist die Entwick­lung geistiger Wahrnehmungen ein Auf­stieg: “Sie wis­sen, wenn der Men­sch auf­steigt von der gewöhn­lichen Sin­neserken­nt­nis zur höheren Erken­nt­nis, kann er es dadurch tun, dass er mit seinem Geistig–Seelischen aus seinem physis­chen Leib her­aus­tritt. Dann treten die höheren Arten des Erken­nens auf: Imag­i­na­tion, Inspi­ra­tion, Intu­ition.” (GA 199, S. 49) Diese drei geisti­gen Wahrnehmungsweisen kön­nen als drei Sin­neshöhen ver­standen werden.
Auch im fol­gen­den Zitat spricht Rudolf Stein­er von einem Auf­stieg und verdeut­licht damit außer­dem den geschichtlichen Wand­lung­sprozess naturhaft imag­i­na­tiv­er — also wahrnehmender — Geist­begeg­nung zu ein­er gedankenge­tra­ge­nen Extase: “Nur waren die hebräis­chen Weisen so, dass sie das­jenige, was in ihrem Inneren auf­stieg, im Konkreten noch sahen, dass sie darin ein Man­nig­faltiges, ein Unter­schiedlich­es sahen. Was sie da als innere Wirk­lichkeit schaut­en, das war bei Phi­lo schon zum Sym­bol degener­iert, das war dann im Neu­pla­ton­is­mus völ­lig abstrakt gewor­den. Und wenn es auch etwas Erhabenes, etwas Großar­tiges hat, sich in die Wel­tentrück­theit des Plotin, des Jam­blichus zu ver­set­zen, so bedeutet das doch auf der anderen Seite, dass in diesem Verzück­t­sein, in dieser Ekstase, im rein abstrak­ten Übersinnlichen die Natur­ord­nung, die ganze Nat­u­ran­schau­ung ver­lorenge­ht.” (GA 325, S. 130)

Auch im Mantra 13 M öffnet sich mit dem Auf­stieg gle­ichzeit­ig die See­len­tiefe. Die Gefahr, die Rudolf Stein­er durch das immer abstrak­ter wer­den der Gedanken schildert, find­et sich im Mantra gewan­delt zur prüfend-war­nen­den Stimme aus geisti­gen Feuer­wel­ten. Das Wahrheitswort der Göt­ter mah­nt Geistver­wandtschaft an. Wenn der Men­sch beste­hen will auf dieser Höhe, wenn er durch die drei Geistsinne wahrnehmen will, muss er sel­ber aus dem Geist zu leben gel­ernt haben, muss er ein Geist­ge­boren­er gewor­den sein.

Diese Geistver­wandtschaft zu errin­gen war das Ziel aller Mys­te­rien. Ahnend wurde die Verbindung zum Ursprung alles Seins, dem ewig im Geiste Seien­den, in dem alle Lebens- Bewe­gungs- und Formkräfte ruhen, zum göt­tlichen Vater gesucht. Doch immer unerr­e­ich­bar­er, immer unbekan­nter wurde dieser Ursprung in vorchristlich­er Zeit. Die Verza­uberung des Urgrunds wurde undurch­dringlich. In dieser Sit­u­a­tion weist Chris­tus die Men­schen auf den Vater hin. Doch es ist die Auf­gabe jedes Men­schen, die Kräfte in sich zu weck­en, um diesen Urgrund zu find­en, zu offen­baren und dadurch aus der Verza­uberung zu erlösen. Karl Friedrich Althoff schreibt: “Die Liebe des Vaters hat sich schweigend in die Welt ergossen — bis in das Todes­grab der Materie hinein. Und der in die Erken­nt­nis Eingewei­hte der Mys­te­rien wusste: Dieser <Unbekan­nte Gott> lebt nun so im Men­schen, dass er in den Tiefen der Seele erfahren wer­den kann. Der Men­sch muss diese Erken­nt­nis schaf­fend in sich erlösen. Die Seele wird dann zur Mut­ter, die das verza­uberte Göt­tliche in sich als Spross des ver­bor­ge­nen Göt­tlichen emp­fan­gen kann, als <Sohn>, in welchem der Ver­bor­gene offen­bar wird.” (Das Vater Unser, S. 57f) Diese Sohn­schaft ist die Geistver­wandtschaft, die zu errin­gen das feurige Wahrheitswort der Göt­ter mahnt.

15 O — die Vol­len­dung: Auch das Mantra 15 O ist aus der Per­spek­tive ein­er wachen, beobach­t­en­den Instanz geschrieben. Für den Ich-Sprech­er scheint die Sin­nes­dumpfheit nicht zuzutr­e­f­fen, die er sel­ber beschreibt. Diese Dumpfheit der Sinne, ihre man­gel­nde Wach­heit bzw. Schläfrigkeit wird durch das Weben des Geistes her­vorgerufen. Wie verza­ubert fühlt der Ich-Sprech­er im Wel­tenschein dieses Weben. Im Wel­tenschein, in der Sphäre des geisti­gen Licht­es, das im Begriff ist, Leben, Stoff und Kör­p­er zu wer­den ist der Ich-Sprech­er füh­lend wahrnehmungs­fähig. Nach Rudolf Stein­er ist Materie tat­säch­lich Licht: “Und auf die Frage: Was ist das für eine Grund­ma­terie unseres Erden­da­seins? — antwortet die Geis­teswis­senschaft: jede Materie auf der Erde ist kon­den­siertes Licht! Es gibt nichts im materiellen Dasein, was etwas anderes wäre als in irgen­dein­er Form verdichtetes Licht.” (GA 120, S. 192) Der Ich-Sprech­er fühlt das wal­lende, webende, gestal­tend und umgestal­tende Licht. Er nimmt die Ver­wand­lung von Licht in Materie wie eine Verza­uberung wahr.

Dieses Geschehen ist dem Schlaf ver­gle­ich­bar. Auch hier find­en die Auf­bau- und Regen­er­a­tionsprozesse bei her­abgedämftem Bewusst­sein statt. “Man lernt erken­nen, was der Schlaf ist, und wie der Men­sch jedes­mal mit dem Ein­schlafen in bezug auf seine geistig-seel­is­che Wesen­heit aus der leib­lich-physis­chen Wesen­heit her­aus­ge­ht, … nur dass der Men­sch, wenn er beim Schlafe aus der Leib­lichkeit her­aus ist, für das nor­male Leben der Seele nicht erstarkt genug ist, um das Bewusst­sein zu erhal­ten. Im nor­malen Leben ist der Men­sch nur fähig, sein Bewusst­sein zu erhal­ten, wenn er mit dem geistig-seel­is­chen Wesen unter­taucht in die physis­che Leib­lichkeit und diese ihm, wie in einem Spiegel, sein seel­is­ches Erleben zurück­wirft. Er kann dieses Erleben nur wie in einem Reflex­bilde in seinem seel­is­chen Bewusst­sein haben. Es ist so, wie wenn der Men­sch sein Bewusst­sein nur dadurch haben kön­nte, dass er gle­ich­sam an Spiegeln vor­beigin­ge und, indem er in die Spiegel schaut, zum Erspüren, zum Erfühlen sein­er selb­st käme. … Der Leib macht die Seele stark genug, dass sie sich wahrnehmen kann; ist sie aber außer­halb des Leibes, dann ist sie nicht stark genug, um von sich zu wis­sen. Wenn der Men­sch gle­ich­sam zum Erspüren, zum Erfühlen und Erleben seines selb­ständi­gen geistig-seel­is­chen Erlebens kommt, dann weiß er, wie hin­ter dem Spiegel des gewöhn­lichen Bewusst­seins das ist, was er in Wirk­lichkeit ist; dann begin­nt er zu wis­sen, nicht nur als Phrase, son­dern durch unmit­tel­bares Erleben, dass er vom Ein­schlafen bis zum Aufwachen in sein­er realen geistig-seel­is­chen Wesen­heit drin­nen ist und in ihr das erlebt, wovon er sich im nor­malen men­schlichen Erleben nur kein Bewusst­sein ver­schaf­fen kann.” (GA 63, S. 125f)

Im Mantra wird aus­ge­sprochen, dass die Sin­nes­dumpfheit den Men­schen als Eigen­we­sen bet­rifft, als Indi­vidu­um, das sich getren­nt fühlt von der Welt. Die Sin­nes­dumpfheit bedeutet gemäß obigem Zitat, dass der Men­sch nicht bemerkt, dass der Kör­p­er nur sein Spiegelungsap­pa­rat ist und nicht iden­tisch mit ihm sel­ber. Beze­ich­nen­der­weise sagt er dort, dass der Leib die Seele stark macht zur Eigenwahrnehmung.

Das Einge­hüllt­sein hat das Ziel, dem Men­schen Kraft zu schenken, die er aus sich her­aus — genauer durch sein Ich — nicht gewin­nen kön­nte. Das Ich ist ohn­mächtig, ohne Macht, denn diesem Ich sind Schranken gesetzt.

Was meint Rudolf Stein­er mit diesen Schranken? Beze­ich­nen sie die Gren­zen, die der Men­sch sich sel­ber steckt? “Das Reden von Erken­nt­nis­gren­zen ist der let­zte Rest des men­schlichen Ego­is­mus, aber es ist die Gel­tend­machung eines recht ver­steck­ten Ego­is­mus, dann wird eigentlich erst der große Impuls da sein, die Gren­zen der Natur­wis­senschaft in Bezug auf das Geistige als nicht mehr unüber­stei­glich zu betra­cht­en. Denn das Über­steigen dieser Gren­zen bedeutet ja dann nichts anderes mehr als das Abw­er­fen der let­zten unbe­merk­ten und damit umso hart­näck­iger ver­focht­e­nen, men­schlichen ego­is­tis­chen Kräfte.” (GA 80b, 493)

Beim Mantra 13 M wer­den wir auf die Sohn­schaft, die Ver­wandtschaft mit dem Geist, let­ztlich dem Vater­gott ver­wiesen. Im Mantra 15 O kann dage­gen das ein­hül­lende, ja für­sor­glich-verkör­pernde müt­ter­liche Prinzip erkan­nt wer­den. Der Men­sch ist hier noch kraft­los, noch “klein” und bedarf der Für­sorge durch die große Mut­ter Materie. Lateinisch mater (Mut­ter) und mate­ria (Stoff, Materie) gehen auf dieselbe indoger­man­is­che Wurzel zurück. Mate­ria beze­ich­nete ursprünglich das Holz des Baum­stammes, aus dem jeden Früh­ling die Blät­ter gle­ich Kindern her­vorwach­sen und das dem Men­sch als Bau­ma­te­r­i­al dient. Beze­ich­nen­der­weise war Joseph, der Vater Jesu Zimmermann.

Zwis­chen diesen Mantren der größten Wach­heit auf den Sin­nen­shöhen (13 M), — voll­ständig aus dem physis­chen Leib her­aus­ge­treten — und des Verkör­pert- und Einge­hüllt-Wer­dens in Sin­nes­dumpfheit (15 O) mit dem Ziel, notwendi­ge Kraft zu gewin­nen, ste­ht das Mantra 14 N, das Mantra der Schwelle. In diesem Mantra naht das Wel­tendenken weck­end. Der im Mantra 13 M aus dem Leib her­aus­ge­tretene Ich-Sprech­er wird vor der Unbe­wuss­theit bewahrt durch das Wel­tenden­den, das ihn weckt und “trägt”. Jeden­falls schließe ich dies aus fol­gen­dem Zitat: „Hat der imag­i­na­tiv Erken­nende diejenige Umwelt abgestreift, in der er mit sein­er Sin­nesor­gan­i­sa­tion lebt, so tritt in das Erleben eine Organ­i­sa­tion ein, von der das Denken so getra­gen ist wie das sinnliche Bild-Wahrnehmen durch die Sinnesorganisation.

Und jet­zt weiß sich der Men­sch durch diese Denk-Organ­i­sa­tion mit der kos­mis­chen Ster­nen-Umge­bung so in Zusam­men­hang, wie er sich vorher durch die Sinnes-Organ­i­sa­tion mit der Erden-Umge­bung in Zusam­men­hang gewusst hat. Er erken­nt sich als kos­mis­ches Wesen. Die Gedanken sind nicht mehr Schat­ten­bilder; sie sind von Wirk­lichkeit durchtränkt wie die Sin­nes­bilder in der sinnlichen Wahrnehmung.“ (GA 26, S. 233, Her­vorhe­bung A.F.) Und diese Organ­i­sa­tion ist nach meinem Dafürhal­ten der See­lenkalen­der, Aus­druck der in der Zeit schöpferischen Intel­li­genz des Uni­ver­sums — des Weltendenkens.