Der Zeit-Impuls des Mantras 5 E ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
4 D

Ich füh­le Wesen meines Wesens:

So spricht Empfindung,

Die in der son­ner­hell­ten Welt

Mit Licht­es­fluten sich vereint;

Sie will dem Denken

Zur Klarheit Wärme schenken

Und Men­sch und Welt

In Ein­heit fest verbinden.

5 E

Im Lichte das aus Geistestiefen

Im Raume frucht­bar webend

Der Göt­ter Schaf­fen offenbart:

In ihm erscheint der Seele Wesen

Geweit­et zu dem Wel­ten­sein

Und aufer­standen

Aus enger Selb­s­theit Innenmacht.

6 F

Es ist erstanden aus der Eigenheit

Mein Selb­st und find­et sich

Als Wel­tenof­fen­barung

In Zeit- und Raumeskräften;

Die Welt, sie zeigt mir überall

Als göt­tlich Urbild

Des eignen Abbilds Wahrheit.

Der Zeitim­puls von 5 E: Tran­szen­denz — das Ver­hält­nis von Men­sch und Welt bzw. Seele, Selb­st und Welt

vor­bere­it­et durch die Vere­ini­gung von Men­sch und Welt durch die Empfind­ung (4 D),

vol­len­det durch das erstandene Selb­st, das sich als Wel­tenof­fen­barung in Zeit und Raumeskräften erken­nt (6 F)

5 E — das Mantra der Woche: Das Mantra 5 E ist ein Licht­spruch und wie die anderen drei Licht­sprüche in der beschreiben­den drit­ten Per­son Sin­gu­lar ver­fasst. Die umgeben­den Mantren 4 D und 6 F weisen dage­gen Ich-Sprech­er auf. Im Mantra 4 D wech­selt die Darstel­lung nach der wörtlichen Rede der Empfind­ung zur neu­tralen Beschrei­bung, im Mantra 6 F reflek­tiert der Ich-Sprech­er durchgängig seine Situation.

Das Mantra 5 E begin­nt mit der Beschrei­bung der Tätigkeit des aus Geis­testiefen stam­menden Licht­es. Es webt frucht­bar im Raum und offen­bart dadurch das Schaf­fen der Göt­ter. Das Licht aus Geis­testiefen ist nach meinem Ver­ständ­nis die Leben­skraft, die alle Wesen erschafft, belebt und in ihnen auf­steigt, um von den niederen zu den höheren Lebe­we­sen zu immer klar­erem Bewusst­sein zu wer­den. Dieses Weben offen­bart das Schaf­fen der Göt­ter, denn es ist ihre Weisheit, die die Organ­is­men auf­bauen und sin­nvoll in das Gesamt­ge­füge der Natur einord­nen kann.

In diesem Licht erscheint das Wesen der Seele. Doch es erscheint nicht im Kör­p­er eingeschlossen, wie es der Men­sch meist empfind­et, son­dern geweit­et zum Wel­ten­sein. Die Seele erscheint groß wie die Welt. Durch diese Weitung ist sie aufer­standen aus der Enge, wo sie nur im Innern Macht, weil sie als Selb­s­theit der Welt getren­nt gegenüberstand.

In dem Licht, das alles Leben auf der Erde webt und frucht­bar ver­mehrt, erscheint die Seele und zwar nun ger­ade nicht verkör­pert, son­dern aufer­standen und zum Wel­ten­sein geweit­et. Die Seele ist Welt gewor­den. Doch ihr Welt-Sein ist nicht aus Stoff, son­dern aus Licht gewoben. Es ist das­selbe Licht, das auch das Schaf­fen der Göt­ter offen­bart. Wie kann man sich das vorstellen? Das aufer­standene Sein der Seele offen­bart zunächst, inwiefern der Men­sch sel­ber an sich gear­beit­et hat. Es offen­bart den Men­schen. Doch seine Daseins­be­din­gun­gen kann sich der Men­sch nicht selb­st erschaf­fen. Hier wirken und erschaf­fen die Göt­ter für ihn seine drei­gliedrige leib­liche Organ­i­sa­tion, den physis­chen Leib, den Äther­leib und den Astralleib.

Denke ich mir die Licht-Welt gewor­dene, aufer­standene Seele als Jahreskreis, so ist sie Eins gewor­den mit dem leuch­t­en­den, in den Umkreis ausstrahlen­den Zen­trum des Kreis­es. Doch das Fortschre­it­en der Zeit bewirkt nicht die Seele, auch nicht die aufer­standene; das bewirken die im Licht weben­den Götter.

4 D — die Vor­bere­itung: Im Mantra 4 D spricht die Empfind­ung. Sie äußert, dass sie das Wesen ihres Wesens fühlt. Nach­fol­gend wird gesagt, was die Empfind­ung tut und will. Hier­durch wird deut­lich, was für die Empfind­ung das Wesentliche ist, was ihr Wesen aus­macht. Sie vere­int sich mit Licht­es­fluten, während die Welt sonnen­er­hellt ist. Außer­dem will sie — diese lichtaffine Empfind­ung — dem Denken zu dessen Klarheit Wärme schenken sowie Men­sch und Welt zu ein­er Ein­heit verbinden, die fest zusam­men­hält. Die lichtaffine Empfind­ung ist also eine im Licht agierende, warme Kraft, die zusam­men­schweißt, was vorher getren­nt war.

Mit dem Sün­den­fall (1. Mose 2–3) wur­den Adam die Augen aufge­tan. Der Men­sch erlangte die grund­sät­zliche Fähigkeit, sich als Einzel­we­sen zu erleben, und der Welt wahrnehmend gegenüber zu treten. Doch das bed­ingt, sich getren­nt von der Welt zu erleben. Diese Tren­nung über­windet die Empfind­ung, indem sie das auf die physis­chen Sinneswahrnehmungen reagierende See­lenglied ist. Laut Rudolf Stein­er ragt sie über den physis­chen Leib hin­aus: “Aber die Gren­ze der Empfind­ungsseele fällt nicht mit der­jeni­gen des physis­chen Kör­pers zusam­men. Diese Seele ragt über den physis­chen Leib hin­aus. Man sieht daraus, daß sie sich mächtiger erweist, als er ist.” (GA 9, S. 39) Und indem die Empfind­ungsseele größer ist als der physis­che Leib, bildet sie etwas wie einen Über­gang von Welt und Men­sch, etwas wie der Kitt zwis­chen den bei­den Teilen. Gle­ichzeit­ig ist die Empfind­ungsseele an den Leib gebun­den. Rudolf Stein­er fährt fort: “Aber die Kraft, durch die ihr die Gren­ze geset­zt ist, geht von dem physis­chen Leibe aus.” (GA 9, S. 39)

Die Seele, die im Mantra 5 E zum Wel­ten­sein geweit­et ist, kann also nicht die Empfind­ungsseele sein — jeden­falls nicht, wenn die Weitung räum­lich gedacht wird.

Die zeitlichen Räume, die von der Empfind­ungsseele überspan­nt wer­den, sind dage­gen groß, denn sie spielt für das Erin­nern eine wichtige Rolle. Sie ist es, die nach Rudolf Stein­er die Erleb­nisse über den Augen­blick der Gegen­wart hin­aus bewahrt. “Für das «Ich» bedeuten Erin­nerung und Vergessen etwas dur­chaus Ähn­lich­es wie für den Astralleib Wachen und Schlaf. Wie der Schlaf die Sor­gen und Beküm­mernisse des Tages in ein Nichts ver­schwinden läßt, so bre­it­et Vergessen einen Schleier über die schlim­men Erfahrun­gen des Lebens und löscht dadurch einen Teil der Ver­gan­gen­heit aus. Und wie der Schlaf notwendig ist, damit die erschöpften Leben­skräfte neu gestärkt wer­den, so muß der Men­sch gewisse Teile sein­er Ver­gan­gen­heit aus der Erin­nerung ver­til­gen, wenn er neuen Erleb­nis­sen frei und unbe­fan­gen gegenüber­ste­hen soll. Aber ger­ade aus dem Vergessen erwächst ihm Stärkung für die Wahrnehmung des Neuen. … Wie würde der Men­sch schreiben, wenn beim jedes­ma­li­gen Anset­zen der Fed­er alle die Erleb­nisse in der Seele als Erin­nerung auf­stiegen, welche beim Schreiben­ler­nen durchgemacht wer­den mußten.

Nun tritt die Erin­nerung in ver­schiede­nen Stufen auf. Schon das ist die ein­fach­ste Form der Erin­nerung, wenn der Men­sch einen Gegen­stand wahrn­immt und er dann nach dem Abwen­den von dem Gegen­stande die Vorstel­lung von ihm wieder erweck­en kann. Diese Vorstel­lung hat der Men­sch sich gebildet, während er den Gegen­stand wahrgenom­men hat. Es hat sich da ein Vor­gang abge­spielt zwis­chen seinem astralis­chen Leibe und seinem Ich. Der Astralleib hat den äußeren Ein­druck von dem Gegen­stande bewußt gemacht. Doch würde das Wis­sen von dem Gegen­stande nur so lange dauern, als dieser gegen­wär­tig ist, wenn das Ich nicht das Wis­sen in sich aufnehmen und zu seinem Besitz­tume machen würde. Hier an diesem Punk­te schei­det die übersinnliche Anschau­ung das Leib­liche von dem Seel­is­chen. Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entste­hung des Wis­sens von einem gegen­wär­ti­gen Gegen­stande im Auge hat. Das­jenige aber, was dem Wis­sen Dauer gibt, beze­ich­net man als Seele. Man sieht aber zugle­ich aus dem Gesagten, wie eng ver­bun­den im Men­schen der Astralleib mit dem Teile der Seele ist, welch­er dem Wis­sen Dauer ver­lei­ht. Bei­de sind gewis­ser­maßen zu einem Gliede der men­schlichen Wesen­heit vere­inigt. Deshalb kann man auch diese Vere­ini­gung als Astralleib beze­ich­nen. Auch kann man, wenn man eine genaue Beze­ich­nung will, von dem Astralleib des Men­schen als dem See­len­leib sprechen, und von der Seele, insofern sie mit diesem vere­inigt ist, als der Empfind­ungsseele.” (Lit.: GA 13, S. 64, Her­vorhe­bun­gen A.F.)

Hier wird deut­lich, dass der Men­sch, das Ich, durch die Erfahrun­gen in Form von Erin­nerun­gen mit der Welt ver­bun­den ist — bewirkt durch die Empfind­ungsseele. Und mit dem Kar­magedanken im Hin­ter­grund lässt sich hinzufü­gen, dass diese Verbindung von Men­sch und Welt über den Tod hinausreicht.

Das Mantra 4 D schildert, dass die Empfind­ung im Licht tätig ist. Dafür vere­int sie sich in der son­ner­hell­ten Welt mit Licht­es­fluten. Möglicher­weise ist sie die unge­nan­nte Weberin des Mantras 5 E, die das Licht ver­webt, sodass das Schaf­fen der Göt­ter sich offen­bart. Bei dem Göt­ter­schaf­fen kön­nte es sich um die Ver­wirk­lichung der Schick­sals­ge­set­ze han­deln, die das Erleben des vorheri­gen Lebens mit dem jet­zi­gen verbinden.

6 F — die Vol­len­dung: Das Mantra 6 F spricht sehr ähn­liche The­men an wie das Mantra 5 E. Doch dieses Mantra ist aus der Per­spek­tive eines sein­er selb­st bewussten Ich-Sprech­ers geschrieben, das Mantra 5 E nicht. Ging es beim Mantra 5 E um das Wesen der Seele, geht es hier um das eigene Selb­st. Das Wesen der Seele (5 E) erscheint geweit­et zum Wel­tensein und aufer­standen aus der engen Innen­macht der Selb­s­theit. Das Selb­st des Ich-Sprech­ers (6 F) ist zuerst erstanden aus der Eigen­heit und dann find­et es sich als Wel­tenoffen­barung - und zwar zweifach: sowohl in den Zeit­enkräften, als auch in den Raumeskräften.

Fast spiegel­bildlich sind diese bei­den Mantren ver­schränkt. Was unbe­wusst für das Wesen der Seele (5 E) geschah, ihre Weitung zum Wel­ten­sein, bildete die Voraus­set­zung ihrer Aufer­ste­hung. Darauf kann das Selb­st auf­bauen. Im Mantra 6 F wird für das Selb­st das Erstanden-sein aus der Eigen­heit als Tat­sache zuerst geschildert. Danach find­et sich das Selb­st als Wel­tenof­fen­barung. Das Selb­st (6 F) find­et sich als Offen­barung, als zu ver­ste­hende Erschei­n­ung, nicht als verän­dertes, geweit­etes Sein, als Wel­ten­sein, wie das See­len­we­sen (5 E).

Was im Mantra 5 E ein seins-verän­dern­der Prozess war, ist im Mantra 6 F ein Akt der Bewusst­wer­dung. Da sie vom Selb­st als Ich-Sprech­er for­muliert wird, han­delt es sich um eine Erken­nt­nis, die dem wachen men­schlichen Bewusst­sein zugänglich ist.

Was hat sich also vol­l­zo­gen, wenn das Selb­st aus der Eigen­heit erstanden ist? Sowohl Selb­stheit (5 E) als auch Eigenheit (6 F) enden auf ‑heit — eben­so wie Krankheit. Und zusam­men mit dem Verb “erstanden” kommt mir die Szene in den Sinn, in der Chris­tus am Teich Bethes­da zum Lah­men sagt: “Steh auf, Nimm dein Lager und geh!” (Joh. 5,8 — Über­set­zung Emil Bock) Rudolf Stein­er beschreibt, dass der Ein­wei­hungss­chüler ler­nen muss, seinen physis­chen Leib wie etwas außer­halb sein­er Wesen­heit zu tra­gen — wie der Geheilte sein Lager. Aus der Eigen­heit zu erste­hen kön­nte also bedeuten, sich aus der Iden­ti­fika­tion des Selb­st mit dem physis­chen Kör­p­er zu erheben und diesen wie sein Bett zu tra­gen. Rudolf Stein­er sagt: „Alle Men­schen sagen zu dem Leibe, den sie tra­gen: Ich. Dein Leib muss dir nicht wichtiger sein als irgen­dein ander­er Gegen­stand. Du musst deinen Leib als etwas Fremdes empfind­en“ (GA 97/5). Diese Hal­tung charak­ter­isiert eine bes­timmte Stufe der Ein­wei­hung, bei der der Men­sch lernt, „den Leib als etwas ganz Äußer­lich­es anzuse­hen, den Leib herumzu­tra­gen, wie wir son­st ein Instru­ment, einen Ham­mer oder ein anderes Werkzeug herum­tra­gen“ (GA 97/19).

Erst nach dieser Loslö­sung von der Iden­ti­fika­tion des Selb­st mit dem physis­chen Leib kann es sich neu find­en — als Wel­tenof­fen­barung. Zwei ver­schiedene Kräfte bilden die Grund­lage der neu gefun­de­nen Selb­sterken­nt­nis: die Zeit- und die Raumeskräfte. Für mich sind die Zeitkräfte die dreifache Erschei­n­ung der Zeit als Gegen­wär­tigkeit, lin­eare und zyk­lis­che Zeit, die durch Kom­bi­na­tion sieben Zeitkräfte bilden. Jakob Böhme nen­nt sie die sieben Quell­geis­ter Gottes (mehr dazu hier: https://www.stellamaris-seelenkalender.de/?page_id=2262).

Die Raumeskräfte erkenne ich in den zwölf Tierkreiskräften, die in Gestalt der zwölf Weltan­schau­un­gen zwölf Per­spek­tiv­en auf das Men­schen­we­sen darstellen. Rudolf Stein­er sagt: “Was ich so als die zwölf Hauptweltan­schau­un­gen hingestellt habe, das muß man ken­nen als etwas, was man wirk­lich so über­schaut, daß man gle­ich­sam immer die eine Weltan­schau­ung neben die andere so kre­is­för­mig hin stellt und sie ruhend betra­chtet. Sie sind möglich; man muß sie ken­nen. Sie ver­hal­ten sich wirk­lich so, daß sie ein geistiges Abbild des uns ja wohlbekan­nten Tierkreis­es sind. Wie den Tierkreis schein­bar die Sonne durch­läuft und wie andere Plan­eten schein­bar den Tierkreis durch laufen, so ist es der men­schlichen Seele möglich, einen Geis­teskreis zu durch­laufen, welch­er zwölf Weltan­schau­ungs­bilder enthält.“ (Lit.: GA 151, S. 46f)

Diesem Selb­st, das sich als Wel­tenof­fen­barung in Zeit- und Raumeskräften find­et, dem zeigt die Welt über­all sein göt­tlich­es Urbild und dadurch die Wahrheit des eige­nen Abbild-Seins.

Alle drei Sprüche sprechen von der Welt, bzw. vom Raum und vom Men­schen. Was den Men­schen bet­rifft, find­et sich hier eine dreistu­fige Benen­nung: 4 D: Men­sch, 5 E: Seele, 6 F: Selb­st. Ver­ste­he ich das Selb­st als Geist — wie son­st kön­nte es sich als Wel­tenof­fen­barung find­en — dann entspricht diese Drei­heit Kör­p­er, Seele und Geist. Sorgt die Empfind­ung (4 D) für die Ein­heit von Men­sch und Welt, ste­ht das Selb­st (6 F) der zweifachen Wel­tenof­fen­barung erken­nend gegenüber. Die Welt wird zum ungetrübten Spiegel.

Ein Wort von Vik­tor Frankel soll diese Betra­ch­tun­gen abschließen:

Ein ganz­er Mensch
ist ein Mensch,
der Berührung
mit seinem Urbild hat,
der sich impulsiert fühlt,
durch das, was er sich
aus sein­er geisti­gen Herkunft
gebildet hat.

(Vik­tor Frankl)

Drei Ergänzungen

Das jüdische Omer-Zählen

Begin­nend mit Pes­sach wer­den im Juden­tum 50 Tage bis Sha­wout, dem Wochen­fest gezählt. Das entspricht der Zeitspanne von Ostern bis Pfin­g­sten. Diese Zäh­lung wird Omer-Zählen genan­nt. Omer bedeutet die erste Garbe der neuen Ernte, die feier­lich geschnit­ten und geopfert wurde. Diese Zeit gilt als Zeit der inneren Heilung und schrit­tweisen Kor­rek­tur nach dem an Pes­sach gedacht­en Auszug aus Ägypten. Nach kab­bal­is­tis­ch­er Tra­di­tion bedeutet dieser Auszug die Über­win­dung des Egos. Danach müssen Schritte innere Neuaus­rich­tung und Stärkung bis zum Emp­fang der Tho­ra, des göt­tlichen Licht­es an Scha­wout, vol­l­zo­gen wer­den. Das innere Wach­s­tum wird begleit­et durch das Omer-Zählen. Seit tal­mud­is­ch­er Zeit ist diese Phase wegen der Ermor­dung der Schüler von Rab­bi Aki­ba eine Trauerzeit, die nur durch den 33. Tag, genan­nt Lag BaOmer, unter­brochen wird. Dies ist ein freudi­ger Tag, ein inner­er Wen­depunkt in der Verbindung zu Gott, an dem im Gegen­satz zu den anderen Tagen Hochzeit­en gefeiert wer­den können.

Lege ich die Tage von Ostern bis Pfin­g­sten zu Grunde, ist der 33. Tag der Don­ner­stag der Licht­spruch-Woche 5 E und damit genau eine Woche vor Him­melfahrt, das stets am 40. Tag nach Ostern gefeiert wird.

Das Fenster der Weisheit und der Spiegel der rätselhaften Schau — Erkenntnismöglichkeiten der Engel und des Menschen nach Alanus ab Insulis

Alanus ab Insulis (um 1120 — 1202) spricht von einem „Fen­ster der Weisheit“, durch das die Engel schauen und von einem „Spiegel der rät­sel­haften Schau“, in den Men­schen blick­en. Die Engel erblick­en also durch das Fen­ster die Welt direkt, der Men­sch schaut im Spiegel sich selb­st. Er muss durch die Selb­sterken­nt­nis zu Wel­terken­nt­nis kommen.

Der Engel ist ein Zeichen, der Men­sch ein Bild Gottes. Alanus erk­lärt: „Dich, Gott, preisen in den Höhen die Engel. O wun­der­bare Erhaben­heit der Göt­tlichkeit, die die Engel in den Höhen preisen, die Men­schen auf der Erde beken­nen; die die unbe­seel­ten Dinge verkündi­gen, die Könige anbeten. Diese Erhaben­heit erken­nen die Engel im Begriff (species), die Men­schen sehnen sich nach ihr in ihrer Hoff­nung (spes); die Engel schauen sie in dem Fen­ster (spec­u­lar); ihrer Weisheit, die Men­schen sehen sie im Spiegel (specu­lum) der rät­sel­haften Schau. Engel sind Bürg­er, wir Ver­ban­nte; sie sind ein Zeichen Gottes, wir ein Bild.

Es beste­ht näm­lich ein Unter­schied zwis­chen einem Zeichen Gottes, einem Abbild, einem Bild und einem Kennze­ichen. Das Abbild des Vater­gottes ist der Sohn, insofern er ihn in allem abbildet; denn er ist mit dem Vater gle­ich, gle­ichewig und wesens­gle­ich. Der Engel dage­gen ist ein Zeichen Gottes, insofern er ihn in einigem abbildet; denn in vielem ist der Engel Gott ähn­lich, jedoch nicht in allem. Deshalb heißt es von Luz­ifer im Hin­blick auf seinen Stand vor dem Fall: <Du [warst] das Zeichen der Ähn­lichkeit Gottes> (Ezechiel 28,12). Dage­gen ist der Sohn das Abbild des Vaters auf­grund der Wesen­sein­heit, der Engel aber ein Zeichen im Sinne ein­er Nachah­mung. Schließlich wird der Men­sch als Bild Gottes wie ein Nach­bild beze­ich­net, weil er nicht so deut­lich wie der Engel Gott ähn­lich ist. Und alles Geschaf­fene wird Kennze­ichen Gottes genan­nt, weil es durch sein Wesen, seine Ord­nung und durch seine Schön­heit Gott verkündigt“ (Wolf-Ulrich Klünker, Alanus ab Insulis, 1993, S. 49, 51).

Der Spiegel, Magie, Mythos, Geschichte

Der Spiegel diente in ver­schiede­nen alten Kul­turen magis­chen Zweck­en. So wurde die Kraft des ägyp­tis­chen Son­nen- und Schöpfer­gottes Re im Spiegel einge­fan­gen, eben­so im Shin­to­is­mus, wo der Spiegel als <Selb­st> der Son­nengöt­tin galt. Der Name der mexikanis­chen Lebens­göt­tin Taz­catlipo­ka bedeutet <glänzen­der Spiegel> und Tez­catlipoca, Gott der Nacht und der Materie bei den Tolteken und Azteken wurde <rauchende Spiegel> genan­nt. Er blickt damit in die Herzen und die Zukun­ft. Auch Dionysos führte einen Spiegel mit und die kyk­ladis­chen Mar­morschalen dien­ten wahrschein­lich als Wasserspiegel.

Im Fol­gen­den gebe ich einen (gekürzten) Artikels von Eri­ka Zeise wieder, der 1986 in der Zeitschrift “Die Chris­tenge­mein­schaft” erschienen ist.

„Spiegel ermöglicht­en, dem Volks­glauben nach, nicht nur Aus­blicke in räum­liche, son­dern auch in zeitliche Fer­nen. Sie haben okkulte Kräfte, man sieht mit ihnen in die Zukun­ft. Weit ver­bre­it­et war die Furcht, das Bild im Spiegel, wenn auch nur im Traum, künde den Tod an. Noch bis heute glauben Melane­si­er, Zulus, und die Nach­fahren der Atzteken, der­jenige sterbe, der sein Bild im Spiegel erblickt, und sie ver­bi­eten deshalb kleinen Kindern und schwan­geren Frauen, in den Wasser­spiegel zu schauen. Bis heute wer­den auch bei uns noch nach einem Todes­fall die Spiegel ver­hängt oder nach der Wand gekehrt, damit der Geist der Ver­stor­be­nen nicht das Spiegel­bild der Leben­den und damit dessen Seele mit­nehmen kann. Denn das Spiegel­bild wurde, als magis­ches Geis­ter­bild, als Offen­barung aus ein­er anderen Welt, mit der Seele gle­ichge­set­zt. Das melane­sis­che Wort für Spiegel ist gle­ichbe­deu­tend mit <Seele>. Im Hin­du-Bud­dhis­mus gibt es Darstel­lun­gen von Yama, dem Her­rn des Toten­re­ichs, der zum Gericht einen Spiegel des Kar­mas für seinen Urteilsspruch benutzt. … Die Geschichte des Spiegels, der Bewusst­sein fördert und gle­ichzeit­ig gleißner­isch ver­führt, der sehend und auch blind machen kann, … seit dem Mit­te­lal­ter [umfasst die Bedeu­tung des Spiegels] den Bere­ich der Moral. So kon­nte der Spiegel das Sinnbild des Lasters, der Ver­schwen­dung eben­so sein wie das Sym­bol der Weisheit. … Das Auge wurde immer als Spiegel der Seele ange­se­hen. Aristo­phanes nan­nte es <der Son­nen­scheibe Wider­spiel>. Plotin äußert sich im 1. Buch der Ennead­en: <Niemals würde das Auge die Sonne sehen, wenn es nicht son­nen­haft wäre>, was Goethe zu den Versen veranlasste:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,

Die Sonne kön­nt es nie erblicken;

Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,

Wie kön­nt´ uns Göt­tlich­es entzücken?

Aber im Auge spiegelt sich auch der näch­ste Men­sch, die Mut­ter, der Liebende. Die Pupille heißt ja <Püp­pchen> wegen dieser Spiegelung. … Denn hin­ter der Spiegelung im anderen ste­ht als Bild die Spiegelung des Men­schen im Auge Gottes. Der Mys­tik­er Jakob Böhme schreibt über das Auge als Spiegel der Seele, es sei <ein Mod­ell des ersten Spiegels, welch­er Gott selb­st ist, der Ewigkeit Auge, das macht und ist ein Spiegel: Gottes Wun­der­auge, da von Ewigkeit ist alles Wer­den darin­nen gese­hen worden>.

… Und Goethe nimmt in sein­er Far­ben­lehre einen Gedanken Leonar­dos auf, der emp­fiehlt, ein Licht zwis­chen zwei Spiegel zu stellen, um die Unendlichkeit zu ahnen:

Spiegel hüben, Spiegel drüben,

Dop­pel­stel­lung auserlesen.

Und dazwis­chen ruht im Trüben

Als Kristall das Menschenwesen.

… Aus dem gesamten Bere­ich des Spiegels, ange­siedelt zwis­chen Materie und Geist, hebt uns Paulus im 1. Korinther, Kap. 13, Vers 12, mit den Worten her­aus: <Denn jet­zt sehen wir in einem Spiegel nur undeut­liche Bilder, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jet­zt ist mein Erken­nen nur Stück­w­erk; dann aber werde ich ganz erken­nen, wie auch ich ganz erkan­nt wor­den bin>.” (Eri­ka Zeise, in der Zeitschrift: Die Chris­tenge­mein­schaft, April 1986)