30 d

Es sprießen mir im Seelensonnenlicht

Des Denkens reife Früchte,

In Selb­st­be­wusst­seins Sicherheit

Ver­wan­delt alles Fühlen sich.

Empfind­en kann ich freudevoll

Des Herb­stes Geisterwachen:

Der Win­ter wird in mir

Den See­len­som­mer wecken.

Was verkündet mir das Mantra 30 d?

Das Mantra 30 d lässt mich eine wun­der­bare Stim­mung erleben! Der Ich-Sprech­er ist in ein­er Zauber­welt angekom­men! Reife Früchte sprießen, sie kom­men sozusagen schon reif zur Erschei­n­ung und benöti­gen ‑anders als son­st — keine lange Entwick­lungszeit. Die See­len­sonne erfüllt und durchtränkt alles mit Licht. Diese Stim­mung erin­nert mich an das Märchen von Frau Holle der Gebrüder Grimm. Nach­dem das Mäd­chen voller Verzwei­flung in den Brun­nen gesprun­gen ist, um die hineinge­fal­l­ene Spule zu holen, heißt es weit­er: “Es ver­lor die Besin­nung, und als es erwachte und wieder zu sich sel­ber kam, war es auf ein­er schö­nen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blu­men standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Back­ofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: <Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, son­st ver­brenn ich: ich bin schon längst aus­ge­back­en.> Da trat es herzu und holte mit dem Brotsch­ieber alles nacheinan­der her­aus. Danach ging es weit­er und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: <Ach, schüt­tel mich, schüt­tel mich, wir Äpfel sind alle miteinan­der reif.> Da schüt­telte es den Baum, daß die Äpfel fie­len, als reg­neten sie, und schüt­telte, bis kein­er mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusam­men­gelegt hat­te, ging es wieder weit­er. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guck­te eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hat­te, ward ihm angst, und es wollte fort­laufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: <Was fürcht­est du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du mußt nur acht­geben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig auf­schüt­telst, daß die Fed­ern fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.> Weil die Alte ihm so gut zus­prach, so faßte sich das Mäd­chen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst.”

In Frau Holle begeg­net uns die in allen Kul­turen und zu allen Zeit­en unter vie­len Namen verehrte Erd- und Unter­welts­göt­tin, die die Ver­stor­be­nen zu sich nimmt und die unge­bore­nen See­len hütet. Immer ist sie weib­lich. Als Hel ist sie in der nordis­chen Mytholo­gie bekan­nt und herrscht in der Unter­welt, wovon unser Wort Hölle kommt. Doch hier im Mantra und im Märchen wird uns eine ganz andere, paradiesis­che Land­schaft geschildert. Sie ähnelt Bericht­en von Men­schen mit Nah­toder­fahrun­gen. Mit dem vierten Mantra nach der Hal­b­jahress­chwelle sind wir auf dem Weg in die (eigene) Tiefe in ein­er neuen Sphäre angekom­men. Es ist die Welt der Seele und der Leben­skräfte, die als erste hin­ter dem nur materiellen, dem Sin­nen­schleier sicht­bar wird.

Im Märchen ist es die erste Auf­gabe des Mäd­chens, die fer­tig geback­e­nen Brote aus dem Ofen zu holen und danach die reifen Äpfel vom Baum zu schüt­teln und aufzuschicht­en. Im Mantra begeg­nen uns bei­de Aspek­te eben­so, jedoch in ent­ge­genge­set­zter Rei­hen­folge. Zunächst zum Märchen: Das Mäd­chen ern­tet die Ergeb­nisse ihres Erden­lebens: Brot und Äpfel. Das Brot ist Bild des Leibes und der durch den Leib ver­mit­tel­ten Wahrnehmungswelt. Es ist das durch jeden Sin­neskanal hin­aus in die Welt tas­tend füh­lende, aufnehmende weib­liche Prinzip des Seins. Der Apfel ist Bild der befruch­t­en­den, erneuern­den Erken­nt­nis, des schöpferisch denk­enden männlichen Prinzips. (In der Paradies­geschick­te des Alten Tes­ta­ments ist der Apfel Bild der Erken­nt­nis und Iduna hütet in der ger­man­is­chen Mytholo­gie die Äpfel der ewigen Jugend.) Das Brot, der Leib für das Leben in der Geist­welt, ist fer­tig geback­en, ist aus­ge­bildet. Die Äpfel, die Erken­nt­n­is­früchte des ver­gan­genen Erden­lebens, sind reif zur Ernte.

Nun zum Mantra: Der geschilderte Prozess vol­lzieht sich im See­len­son­nen­licht, entsprechend dem Märchen, indem extra erwäh­nt wird, dass die Sonne scheint. Des Denkens reife Früchte lassen sich eigentlich nur als Äpfel vorstellen. Es sind unsere Lern­er­fahrun­gen, die Früchte unser­er Erken­nt­nis, die wir während des Erden­lebens erwirk­ten, die reifen, sich entwick­eln, die wir aber nicht ern­ten kön­nen. Die Voraus­set­zun­gen, die neuen Erken­nt­nisse im Leben frucht­bar zu machen, sind oft nicht oder nur zum Teil gegeben. Erst eine fol­gende Inkar­na­tion wird diese Möglichkeit­en schaf­fen. Beson­ders deut­lich wird dies durch Früchte, die durch eine zum Tod führende Krankheit reifen, oder in ein­er Inkar­na­tion mit behin­dertem Körper.

Nach diesen bild­haft imag­i­na­tiv­en Zeilen ändert sich der Sprach­duk­tus des Mantras. Es fol­gt eine knappe Sachaus­sage, eine nicht anzweifel­bare Infor­ma­tion: Alles Fühlen, ver­wan­delt sich in Sicher­heit, in die Sicher­heit des Selb­st­be­wusst­seins — des sicheren Bewusst­seins vom eige­nen Selb­st. Wie geht das denn? Gewöhn­lich wird das Fühlen als das Gegen­teil von Sicher­heit und Selb­st­be­wusst­sein erlebt. “Fühlen” zeigt sich als ewig wan­del­bar, fließend wie Wass­er und wird deshalb auch als unzu­ver­läs­sig, unvorherse­hbar und unsich­er erlebt. Schon die Frage nach dem gegen­wär­ti­gen Gefühl bewirkt, dass es sich verän­dert, zer­rin­nt. Dieses Fühlen ist nun zu ein­er Sicher­heit gewor­den, zu etwas fes­tem, auf das ich mich ver­lassen kann. Das Fühlen ist nun zur Sicher­heit meines Bewusst­seins von mir Selb­st gewor­den. Im irdis­chen Leib ver­mit­telt uns der Tastsinn die unun­ter­broch­ene Sicher­heit der eige­nen Exis­tenz. Auch alle anderen Sin­neser­fahrun­gen ver­mit­teln uns let­ztlich die Erfahrung, der Welt gegenüberzuste­hen als ein eigenes Wesen. Diese Möglichkeit ent­fällt nach dem Tod bzw. im Land der Seele, in dem wir uns mit dem Mantra befind­en. Ent­fällt die Physis, so bleibt das Fühlen ohne Wahrnehmungsmöglichkeit und muss sich wan­deln, soll das indi­vidu­elle Selb­st­be­wusst­sein erhal­ten bleiben. Diese Trans­for­ma­tion hat stattge­fun­den. Im Märchen von Frau Holle erkenne ich im Brot, dass in der Hitze der Emo­tio­nen geback­en wurde und nun fer­tig ist, diese Selb­st­be­wusst­seins Sicher­heit wieder. In der Umgangssprache ist das Bild des fer­ti­gen Brotes für ein gelun­ge­nes Pro­jekt erhal­ten geblieben. Wenn Zweifel daran beste­hen, fra­gen wir: “Bekommst du es geback­en?” und fra­gen damit nach dem Selb­st­be­wusst­sein der Person.

Entspringt die Aus­sage des zu Selb­st­be­wusst­seins Sicher­heit ver­wan­del­ten Füh­lens dem eige­nen Erleben, spricht daraus eine hohe Kom­pe­tenz der Selb­st­führung. Nur wer sich dem Leben stellt und gle­ichzeit­ig die in Bewe­gung kom­menden Gefüh­le im Gle­ichgewicht hält, kann von sich sagen, dass sein Fühlen zu Selb­st­be­wusst­seins Sicher­heit gewor­den ist. Es ist jemand, der mit bei­den Beinen auf dem Boden ste­ht und gel­ernt hat, sich zu meis­tern. Ein Men­sch wie dieser hat die Anerken­nung ander­er Men­schen nicht mehr nötig, um selb­st­be­wusst zu sein.

Der nächst Schritt im Mantra ist das Empfind­en von Freude über das im Herb­st stat­tfind­ende Geis­terwachen. Was ist damit gemeint? Der Herb­st ist die Zeit des Ster­bens auf der Erde. Es ist die Zeit der Ein­wei­hung in die Todesmys­te­rien. Das Geis­terwachen kann ich als Ein­wei­hungser­leb­nis ver­ste­hen. Freude­voll kann ich empfind­en wie nach und nach, je mehr von mir die irdis­chen Bindun­gen wie welkes Laub abfall­en, ich als Geist erwache. Freude­voll, voller Freude, erfüllt von Freude, von Leichte statt irdis­ch­er Schwere ist dieser neue Zus­tand. Das Mantra spricht von Empfind­en, nicht vom Fühlen. Damit wird gesagt, dass es sich um ein Erleben der Empfind­ungsseele han­delt. Sie bildet mit dem Empfind­ungsleib sozusagen den Über­gang der kör­per­lichen Sin­neser­fahrung zum seel­is­chen Erleben der­sel­ben. Hier ist die Gren­ze, wo sich veg­e­ta­tives Kör­p­er-Leben wan­delt zum Licht des Bewusst­seins, zum Geist, der nun seel­isch erlebt. Erlebe ich den Herb­st mit den gel­ben, fal­l­en­den Blät­tern als Abwärts­be­we­gung, so steigt in der Seele eine Freude auf, die ich als Aufwärts­be­we­gung erlebe. Dieser Gegen­be­we­gung entspricht das Bild: Stirbt auf der Erde ein Men­sch, wird im Him­mel ein Engel geboren. Das ist des Herb­stes Geisterwachen.

Hier ste­ht im Mantra ein Dop­pelpunkt. Der Geist, der im Herb­st erwacht, wird nun genauer geschildert. Dieser Geist schaut in die Zukun­ft und schildert für das Außen- und Innen­er­leben eine kom­plett ent­ge­genge­set­zte Sit­u­a­tion. Der nach dem Herb­st fol­gende Win­ter wird in der Seele den Som­mer weck­en. Der Gegen­satz kön­nte nicht größer sein. Wenn draußen alles in Frost und Eis erstar­rt, begin­nt in der Seele der Som­mer, das üppige Wach­sen, Blühen und Fruchten.

Das Märchen erzählt eben­so vom Win­ter. Das Mäd­chen, dem es bei Frau Holle an nichts fehlen soll, muss die Bet­ten schüt­teln, damit es auf der Erde schneit. Früher wurde das Alter nicht nach Jahren, son­dern nach Som­mern gezählt. Der Win­ter wird einen neuen Zyk­lus der Seele weck­en, einen neuen See­len­som­mer. Das Mäd­chen geht am Schluss zurück auf die Erde, in eine neue Inkar­na­tion — beschenkt mit dem, was sie sich erar­beit­et hat. Auch im Mantra lässt sich die Schlus­saus­sage als Ankündi­gung eines neuen Wach­s­tum­szyk­lus der Seele lesen.

Rudolf Stein­er verbindet mit dem Win­ter-Hal­b­jahr das Denken, mit dem Som­mer-Hal­b­jahr die Wahrnehmung (Vor­wort zur Aus­gabe 1912/13). Das bedeutet, dass das Denken (der Win­ter) die Möglichkeit seel­is­ch­er Wahrnehmung (den See­len­som­mer) weck­en wird. Win­ter und Som­mer wer­den in diesem Mantra mit der Seele, dem See­len­som­mer in Verbindung gebracht. Anders der Herb­st: hier ist vom Geist die Rede. Der Geist erwacht durch den Herb­st-Prozess, sozusagen aus sich her­aus. Die Seele muss dage­gen geweckt wer­den. Ist der Geist durch das Ster­ben des Lebens im Herb­st aus der Verza­uberung in die Materie erwacht, betätigt er sich im näch­sten Schritt denk­end. Dann ist es Win­ter. Durch das Denken wirkt der Geist in mir weck­end, anre­gend auf die Seele. Sie wird nun begin­nen, vielgestaltige Bilder, Vorstel­lun­gen her­vorzubrin­gen, die sie anschaut, in denen und mit denen sie lebt. Dann herrscht in mir der Seelensommer.

Der Geist wird der Jahreszeit des Herb­stes zuge­hörig geschildert. So wie der Herb­st auf alle Men­schen wirkt, ist der Geist eine uni­ver­sale, makrokos­mis­che Kraft. Der See­len­som­mer wird dage­gen in mir geweckt. Hier geht es um einen indi­vidu­ellen Prozess im Mikrokos­mos mein­er Seele. Ver­mit­telt wird die Wirkung durch den Win­ter, das Denken. Wie der Herb­st ist der Win­ter, das Denken, eine über­ge­ord­nete Kraft. Gedanken, die ein­mal gefasst und geäußert wur­den, wirken der Möglichkeit nach in der ganzen Men­schheit. Aber nur in ein­er indi­vidu­ellen Seele kön­nen die Gedanken neues Er-Leben, einen neuen See­len­som­mer wecken.