Der Zeit-Impuls des Mantras 15 O ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
14 N

An Sin­nesof­fen­barung hingegeben

Ver­lor ich Eigen­we­sens Trieb,

Gedanken­traum, er schien

Betäubend mir das Selb­st zu rauben,

Doch weck­end nahet schon

Im Sin­nen­schein mir Weltendenken.

.…

15 O

Ich füh­le wie verzaubert

Im Wel­tenschein des Geistes Weben,

Es hat in Sinnesdumpfheit

Gehüllt mein Eigenwesen,

Zu schenken mir die Kraft,

Die ohn­mächtig sich selb­st zu geben

Mein Ich in seinen Schranken ist.

16 P

Zu bergen Geistgeschenk im Innern,

Gebi­etet strenge mir mein Ahnen,

Dass reifend Gottesgaben

In See­len­grün­den fruchtend

Der Selb­stheit Früchte bringen.

.…

.…

Der Zeitim­puls von 15 O: Haben zwis­chen Ver­lust und Geschenk

- Kör­p­er haben durch das Weben des Geistes -

vor­bere­it­et, aus­gedacht, durch das Wel­tendenken, um dem dro­hen­den Selb­stver­lust zu begeg­nen (14 N)

vol­len­det durch das der Selb­s­theit Früchte brin­gende Geistgeschenk (16 P)

15 O — das Mantra der Woche: Der Ich-Sprech­er des Mantras 15 O fühlt wie verza­ubert das Weben des Geistes im Wel­tenschein. Dabei ist nicht klar, ob er selb­st oder das Geschaute wie verza­ubert erscheint. Fühlt er sich also in seinem Bewusst­sein wie verza­ubert, weil statt irdisch-ver­ste­hbar­er Wahrnehmungen geistige Gesichte vor sein­er Seele hin und her fluten? Oder erscheint dem Ich-Sprech­er der geistige Webprozess ein­er Verza­uberung ver­gle­ich­bar? Unter­liegt vielle­icht der Geist sel­ber durch das Weben ein­er Verza­uberung? Diese Fra­gen müssen offen­bleiben, denn obgle­ich die Zeilen leb­hafte innere Bilder weck­en, ver­schließen sie sich gle­ichzeit­ig der Verstandeslogik.

Vor dem inneren Blick erscheint ein vom Wel­tenschein, also von Licht durch­strahltes unscharf bleiben­des hin und her wehend-wogen­des Geist-Geschehen, das nach und nach zu kon­turi­ertem, man­nig­fach geformtem und sich fes­ti­gen­den Stoff führt. Der Geist wird sicht­bar, wie er den Geist-Wesen Kör­per­hüllen webt. Dabei lässt der Geist sein Weber­schif­fchen durch die Strahlen des Wel­tenscheins, die vielle­icht die Ket­tfä­den bilden, hin und her gleiten.

Nach­dem der Ich-Sprech­er diesem Weben eine Weile zugeschaut hat, stellt er fest, dass auch er als ein Eigen­we­sen eingewebt, einge­hüllt wurde — und zwar in Sin­nes­dumpfheit. Hat die umhül­lende Kör­per­lichkeit seinen Sin­nen die Klarheit genom­men, sie dumpf wer­den lassen? Oder war es vielmehr anders herum? Hat die Sin­nes­dumpfheit Verkör­pe­rung nach sich gezo­gen und den Men­schen als Eigen­we­sen erst her­vorge­bracht? Der Ich-Sprech­er beobachtet dif­feren­ziert und erscheint dem Leser keineswegs dumpf. Er weiß um die Begren­ztheit, ins­beson­dere um die des verkör­perten und dadurch von allen anderen Wesen getren­nten Eigen­we­sens, denn er erken­nt sich auch als ein solches.

Rudolf Stein­er nen­nt einen Bewusst­sein­szu­s­tand, dem der Men­sch schon lange entwach­sen ist, der dem Min­er­al­re­ich entspricht, all­wis­send aber dumpf: “Die erste [Bewusst­seinsstufe] ist eine solche, bei welch­er sie alles wis­sen, aber mit unge­heur­er Dumpfheit. Nichts hat vor sich gehen kön­nen, das sie nicht wussten, aber dumpf. Dumpfes All­be­wusst­sein, tief­ste Trance. Wenn der Yogi nicht mehr mit dem Gehirn, son­dern mit dem Knochen­sys­tem wahrn­immt. Alles ste­ht in ihm still außer den chemis­chen Prozessen; es ist ein dumpfes All­be­wusst­sein, eine längst über­wun­dene Stufe; das, wenn es atavis­tisch her­vorgerufen wird, eine Art Gesicht unseres ganzen Uni­ver­sums bewirkt.” (GA 90a, S. 217f)

Ist im Mantra 15 O vielle­icht dieses tiefe Trance-Bewusst­sein beschrieben, indem der Ich-Sprech­er gle­ichzeit­ig all­wis­send und wie verza­ubert, d.h. geban­nt in die Verkör­pe­rung, erscheint?

Zumin­d­est ken­nt der Ich-Sprech­er das Ziel seines Einge­hüllt-Wer­dens in Sin­nes­dumpfheit und spricht es aus. Er sagt, dass diese Umhül­lung ihm Kraft schenkt, die sein Ich anders nicht gewin­nen kön­nte, denn das Ich ist ohn­mächtig und durch Schranken begren­zt. Das Ich ist also nicht allmächtig, son­dern durch mehrere Schranken in sein­er Willkür begren­zt. Ich denke mir, dass die umhül­lende Sin­nes­dumpfheit das Ich her­aus­fordert, die Dumpfheit zu über­winden und Sin­nesklarheit zu find­en. Und das Ergeb­nis dieser Anstren­gung ist dann der Kraft­gewinn, der anders nicht zu erre­ichen wäre.

In diesem Mantra geht es um Haben, einen Kör­p­er zu bekom­men, der ein Kraft-Geschenk ermöglicht.

14 N — die Vor­bere­itung: Die Mantren 15 O und 16 P sprechen von Schenken, bzw. vom Geist­geschenk. Hier geht es darum, etwas zu bekom­men. Das ist im Mantra 14 N ganz anders. Es begin­nt mit der Mit­teilung eines Ver­lustes. Der Ich-Sprech­er sagt, dass er den zum Eigen­we­sen gehören­den Trieb ver­loren hat. Um welchen Trieb han­delt es sich wohl? Ist es der jedem Wesen innewohnende Über­leben­strieb, oder ist es der Trieb, ein indi­vidu­elles, von allen anderen Wesen abge­gren­ztes ein­ma­liges Wesen, ein Eigen­we­sen zu sein? Dieser Eigen­we­sens Trieb ging dem Ich-Sprech­er ver­loren, als er an die Sin­nesof­fen­barung hingegeben war. Er war so Eins mit der Wahrnehmung, so außer­halb sein­er selb­st, dass er den Trieb, sich von der Umwelt und anderen Wesen zu unter­schei­den, also ein eigenes, indi­vidu­elles Wesen zu sein, vol­lkom­men ver­loren hatte.

Diese Hingabe an die Wahrnehmung geschieht laut Rudolf Stein­er ständig, denn der Men­sch schläft in die Wahrnehmung hinein. Doch schneller als er es sel­ber bemerken kann, wacht er im Denken wieder auf, wenn er den Begriff zur Wahrnehmung hinzufügt, das Gese­hene benen­nt. Doch im Mantra 14 N scheint diese irdis­che, taghelle Wach­heit nicht einzutreten, denn der Ich-Sprech­er schildert im Rück­blick, dass sein Denken traumver­haftet blieb, ihm wie ein Gedanken­traum dünk­te. Und das hat­te für sein Selb­st­be­wusst­sein Fol­gen. Der Gedanken­traum wirk­te betäubend und schien ihm das Selb­st zu rauben.

Das Wort “Gedanken­traum” ver­wen­dete Rudolf Stein­er nur noch ein­mal und zwar in einem Entwurf zum Mys­te­rien­dra­ma “Der Hüter der Schwelle”. Dort sagt MARIA: “Johannes, dir hat sich gezeigt, wie Erken­nt­nis, die im Men­schen­leibe sich errin­gen lässt, nur wesen­los­es Gewebe von Bildern ist, die dem Welt­geschehn recht ferne stehn. Wer sich dem Men­schen­wer­den wirk­sam wid­men will, muss zu den Mächt­en sich begeben, welche den Lauf der Dinge und auch die Kräfte der See­len lenken. Da schaut er, was allein wesen­haft ist, und Wis­sen wird ihm dann nur sein, was Erin­nerung an so Erlebtes ihm gewährt; nicht was er fern von allem Sein auf Erden als Gedanken­traum spin­nt.” (GA 44, S. 1) Mit Gedanken­traum ist also das Gegen­teil von echter, im Geiste wahrer Erken­nt­nis gemeint. Und diese Erken­nt­nis wird gewon­nen von Mächt­en, die den Lauf der Dinge – den Zeit­en­lauf – sowie die See­lenkräfte lenken, die also das Selb­st­be­wusst­sein mit her­vor­brin­gen. Das Selb­st schien nur ger­aubt, denn bere­its der Gedanken­traum entsprach wed­er der äußeren noch der inneren Wahrheit. Der Men­sch entwick­elt nach und nach sein Geist­selb­st. Ger­ade weil er es sel­ber auf­baut, indem er seinen Astralleib durch das Ich umwan­delt in dieses unsterbliche Wesens­glied, kann dieses geistige Selb­st dem Men­schen nicht ger­aubt wer­den. Es kann nur aus seinem “Blick” entschwinden, weil dem Men­schen die Möglichkeit fehlt, die lenk­enden äußeren und inneren Mächte zu kennen.

In dieser Sit­u­a­tion der träu­mend flu­ten­den, vom Ich nicht geführten Gedanken naht das Wel­tendenken im Sin­nen­schein, also durch die irdis­che Wahrnehmung der Real­ität. Es wirkt aufweck­end, den Gedanken­traum beendend.

Rudolf Stein­er sagt: “Was nun in ihm zur Innen­welt gewor­den ist in sein­er Seele, das ist der Aspekt der Umwelt, wie er sie empfind­et [der Gedanken­traum]. Dieser ste­ht gegenüber dem Aspekt der Wahrnehmungen, unter dem sich die Umwelt seinen Sin­nen zeigt.

Nun beste­ht die Welt aber noch unter einem andern Aspekt, unter dem Aspekt, wie sie wirk­lich ist. Es ist der eigentliche Aspekt des wahren Seins der Welt, wie sie in ihrem Inneren ist. Zu diesem Aspekt gelangt der Men­sch, wenn er den eingeschla­ge­nen Weg weit­er ver­fol­gt. Wenn aus klaren Sinneswahrnehmungen in ihm Empfind­un­gen ent­standen sind in seinem Inneren, wenn er diese Empfind­un­gen in har­monis­che Ord­nung und in schö­nen Rhyth­mus gebracht hat, dann tra­gen ihn diese Empfind­un­gen wieder hin­aus in die Welt. Sie schla­gen eine Brücke von sein­er Seele zur Welt, und während die Welt sich in ihn hineinereignet durch seine Sinne, so ergießt sich nun seine Seele in die Welt hinein durch das Denken über die Welt. Seine Empfind­un­gen gießt er hinein in den Gedanken, und sein Gedanke dringt ein in die Umwelt. So ist die Kette geschlossen zwis­chen Welt und Men­sch und zwis­chen Men­sch und Welt.

Die Welt ist draußen, die Empfind­ung im Inneren des Men­schen; der Gedanke ist in bei­den. Im Denken vere­inigt sich der Men­sch ganz mit der Welt. Denn das Wel­tendenken und sein Denken sind ein Ganzes. So wurzelt die Men­schheit mit ihren Wahrnehmungen im sinnlichen Dasein. So wächst sie, indem sie aus der Sin­nen­welt Ein­drücke empfängt und diese sich in der Seele zu Empfind­un­gen, zu Bildern ord­nen, sich rhyth­misieren und im seel­is­chen Leben sich umwan­deln. So erblüht sie, indem sie aus diesen Bildern und den Wahrnehmungen her­aus­li­est, her­ausempfind­et, her­aushört den Weltgedanken, der in jedem denk­enden Men­schen neue Blüten treibt.

Die Men­schen wurzeln alle in dem einen Boden der physis­chen Sin­nen- und Gestal­tenwelt. Es ist dieselbe Welt für alle, der­selbe Boden, aus dem alle her­auswach­sen [die Sin­nesof­fen­barung]. Und jede einzelne Men­schenin­di­vid­u­al­ität saugt her­aus aus dem gemein­samen Boden Kräfte zu ihrer beson­deren Ent­fal­tung. Viele und ver­schiedene geart­ete Stämme sind die einzel­nen Men­schenin­di­vid­u­al­itäten, die aus dem einen Boden her­vorwach­sen und, jede in ihrem See­len­leben, die aus dem einen Boden aufgenomme­nen Kräfte in ihrer beson­deren Eige­nart ver­ar­beit­en. Aber droben zur Blüte gelan­gend, in der Welt des Gedankens, bilden alle ein großes Ganzes, ein wun­der­bares wogen­des Blüten­meer, jede Blüte eine Wider­spiegelung des großen einen Wel­tendenkens, und eine die andere ergänzend, sich ein­fü­gend als Glied in die ganze Kette, als Juwel in eine Kro­ne von Juwe­len, als Welle in ein Gedankenweltenmeer.

Unten ein Ganzes: die physis­che Welt. Oben ein Ganzes: die Geis­teswelt. Dazwis­chen Umwand­lung des Unteren in das Obere in vie­len Indi­vid­u­al­itäten: die Seelenwelt.

Ein Spiegel­bild der Geis­teswelt ist die physis­che Welt draußen in ihrer Ein­heitlichkeit. Ein Spiegel­bild der Geis­teswelt ist die See­len­welt des Men­schen in ihrer Man­nig­faltigkeit. Die ganze große Welt draußen wird in jed­er Men­schenseele eine beson­dere kleine Welt, und wird, aus allen Men­schensee­len im Gedanken her­aus­tre­tend, wieder ein großes Ganzes. So geht der Weg vom Kos­mos durch den Mikrokos­mos hin­durch, um als neuer, ver­vol­lkomm­neter Kos­mos aus den gesamten Mikrokos­men her­vorzuge­hen.” (GA 97, S. 277–278, Her­vorhe­bun­gen und Ergänzun­gen A.F.)

So lässt sich sagen, dass in der Hingabe an die Sin­nesof­fen­barung, an die physis­che Welt, der Men­sch mit seinem Boden ver­schmilzt, der für alle der Gle­iche ist, weshalb der Trieb, ein Eigen­we­sen zu sein ver­loren geht. Im Gedanken­traum lebt der Men­sch in der indi­vidu­ellen See­len­welt. Dieser Traum wirkt betäubend und raubt das Selb­st als Geist­selb­st, weil das All­t­ags-Ego-Selb­st keine Wahrheit hat. Wacht der Men­sch jedoch in das alle Men­schen vere­ini­gende Wel­tendenken auf und erschafft mit ihnen den neuen Kos­mos, so lebt er als schöpferisches, geistiges Selbst.

16 P — die Vol­len­dung: Der Ich-Sprech­er des Mantras 16 P „packt das Geist­geschenk nicht aus“. Er sagt nicht, worum genau es sich han­delt, noch von wem das Geschenk stammt. Doch es muss sich um ein großes, ein wichtiges Geschenk han­deln, denn sein Ahnen mah­nt ihn streng, das Geist­geschenk im Innern zu bergen.

Worum han­delt es sich hier? Ist das Geist­geschenk geschenk­ter Geist, oder stammt es vom Geist? Ist es die dem Men­schen geschenk­te Fähigkeit, sein Leben zu Bewusst­sein und schließlich zu Selb­st­be­wusst­sein zu wan­deln? Ist es die Möglichkeit, geis­tes­ge­gen­wär­tig zu wer­den, das Jet­zt bewusst zu ergreifen? Oder sind es all die dem Men­schen geschenk­ten Sinneswahrnehmungen, anhand der­er er erst sein Bewusst­sein von sich als eigen­ständi­gem Wesen entwick­eln, das Selb­st vom Nicht-Selb­st abgren­zen kann?

Vielle­icht ist es dies alles zusam­men: das Jet­zt mit der Fülle an Erleb­nis­sen, die im Bewusst­sein, in Gegen­wär­tigkeit, im Herzen gebor­gen wer­den und im Laufe des Lebens die Biogra­phie bilden — das Selb­st dieses Lebens.

Das Jet­zt als ausstrahlen­des Bewusst­seinslicht hat für mich einen gold­e­nen Glanz. Diesen Glanz des Jet­zt finde ich im fol­gen­den Gedicht wieder, das sozusagen das Geist­geschenk auszu­pack­en versucht.

Einen anderen Glanz

Einen anderen Glanz hat die Sonne

Einen anderen Glanz hat der Mond

Einen anderen Glanz haben die Sterne

Was in dir klein ist, wird groß sein

Was in dir voll Angst ist, wird mutig sein

Lebendig wird sein, was jet­zt in dir tot ist

Um dich wird Liebe sein – auch dann

Was ver­knotet ist, wird sich lösen

Was müde ist und ver­wun­det, hat Kraft

Einen anderen Glanz haben die Fische

Einen anderen Glanz haben die Vögel

Einen anderen Glanz hat deine zerzauste Seele

So auch die Auferstehung.

Tag ist in der Nacht.

Fin­ster­n­is ist nicht fin­ster bei dir.

Einen anderen Glanz hat das Jetzt.

Einen anderen Glanz hat das Dann.

Einen anderen Glanz hat das Dazwischen.

Nimm. Iss. Trink.

Sprich nur ein Wort. Oder zwei.

Bist du es? Frage ich in die Nacht hinein.

Ich bin es.

Öffne dein Herz.

Ich bin da.

(Bir­git Mat­tausch aus: „Der andere Advent“ 2022/23)

Der Fluss der Zeit und mit ihm die Leben­skraft strömt durch jedes Lebe­we­sen. In der Gegen­wär­tigkeit erhebt sich der Men­sch über diesen Strom. Sich des eige­nen wahrnehmenden Bewusst­seins bewusst wer­den zu kön­nen, Gegen­wär­tig wer­den zu kön­nen und erin­ner­bare Erleb­nisse zu haben, ist Geist­geschenk. Was mehr oder weniger bewusst aufgenom­men wurde, was in der Seele gebor­gen wurde, kann reifen und Erfahrungs-Früchte her­vor­brin­gen. Und Früchte tra­gen Samen in sich, die zum Neube­ginn bes­timmt sind.

Die Früchte, um die es im Mantra 16 P geht, sind sicher­lich nicht die irdisch-nüt­zlichen Erken­nt­nisse, die ja auch durch wache Beobach­tung zusam­men mit klugem Denken gewon­nen wer­den. Es geht auch ver­mut­lich nicht um die schö­nen Lebenserin­nerun­gen, die meine Per­sona sam­meln möchte. Es muss um etwas viel geheimnisvolleres gehen, denn es ist nicht die Nüt­zlichkeit, son­dern das Ahnen, das dem Ich-Sprech­er streng gebi­etet, das Geist­geschenk im Innern zu bergen. Doch welche Auf­gabe es dort hat, wird nur ver­schlüs­selt aus­ge­drückt. Das Geist­geschenk wird in einen Zusam­men­hang gebracht mit den reifend­en Gottes­gaben. Doch es wird eben­so wie beim Geist­geschenk nicht gesagt, um welche göt­tlichen Gaben es sich handelt.

Rudolf Stein­er spricht immer wieder von zwei Gaben, die der Men­sch emp­fan­gen hat. Die eine ist mit dem Sün­den­fall verknüpft. Es ist die Gabe der Frei­heit, die Gabe der Unter­schei­dung von Gut und Böse, Schön und Hässlich, Wahr und Falsch. Die andere Gabe ist mit dem Mys­teri­um von Gol­gatha ver­bun­den. Sie schenkt dem Men­schen den Keim, das Göt­tliche in sich aufzunehmen und mit sich zu vere­inen, um dadurch in fern­er Zukun­ft den Tod über­winden zu kön­nen. Das ist die Gabe der Liebe (GA 155/6). Die Gabe der Frei­heit macht den Men­schen zu einem indi­vidu­ellen, selb­ständi­gen Wesen, die Gabe der Liebe vere­int ihn wieder mit seinem Ursprung. Bei­de Gaben sind Auf­gaben. Sie müssen stetig weit­er reifen durch das Erlebte, das Geist­geschenk. Die Gottes­gaben sollen in der Seele fruch­t­end wirken. Sie sollen Früchte her­vor­brin­gen für die Selb­s­theit. Das Selb­st wird sie „ern­ten“.

Das Mantra sagt also vere­in­facht: der Men­sch nimmt das Geist­geschenk auf, es wirkt in der Seele reifend auf die Gottes­gaben und diese brin­gen dadurch Früchte her­vor, die der Selb­s­theit zugutekommen.

Rudolf Stein­er spricht im Zusam­men­hang mit der Philoso­phie Her­ak­l­its (um 520 v. Chr. —  ca. 460 v. Chr.) und den griechis­chen Mys­te­rien­wahrheit­en über das men­schliche Bewusst­sein und über das, was im Bewusst­sein auf­taucht, inner­lich ver­ar­beit­et und neu her­vorge­bracht wird. Da er hier das Bewusst­sein als weib­lich, als den Raum der Ver­wand­lung ver­ste­ht, denke ich es mir als die See­len­gründe im Mantra 16 P. Den Inhalt des Bewusst­seins ver­ste­ht er als männlich. Dieser Inhalt kann als das Geist­geschenk betra­chtet wer­den. „Wenn wir unseren inneren Bewusst­sein­szu­s­tand betra­cht­en, so haben wir immer zweier­lei vor uns. Zuerst haben wir zu betra­cht­en den Inhalt dessen, was in uns lebt; und dann haben wir das Augen­merk zu richt­en auf das­jenige, was den Inhalt in sich aufn­immt. Mit anderen Worten: Wir haben zu unter­schei­den das [männlich] Geistige, das von uns aufgenom­men und immer auf höher­er Stufe wiederge­boren wird, und die [weib­liche] Kraft, die hin­ter dieser Tätigkeit des Gebärens und Wiederge­bärens ste­ht. Wir haben die [männliche] Geistigkeit auf der einen Seite und das [weib­liche] Bewusst­sein auf der anderen Seite. Wir haben zu unter­schei­den die Welt und die Sinne, die diese Welt erfassen, und dann die im Geiste wiederge­bore­nen Sinne und das Bewusst­sein sel­ber. Das Bewusst­sein sel­ber und das, was auf der höch­sten Stufe des Bewusst­seins ste­ht, ist das­selbe, was gese­hen wird. Auf der höch­sten Stufe sind sie ein und das­selbe. Wir haben immer diese zwei Kräfte, diese zwei Poten­zen zu unter­schei­den. Das­jenige, was den Inhalt bildet, was erfüllt das Bewusst­sein, und das­jenige, in das dieser Inhalt unter­tauchen muss und durch das er eben wiederge­boren wird.

Für diesen inneren Vor­gang, für diese Spal­tung des Geis­teslebens in zwei Poten­zen hat auch die griechis­che Göt­ter­welt eine Per­son­ifika­tion, einen klaren Aus­druck. Wir müssten son­st ver­wun­dert sein, warum diese griechis­che Göt­ter­welt neben den Gott immer die Göt­tin stellt … Das Weib … ist das Bewusst­sein[,] das eigentlich Treibende, es ist das, was die ver­schiede­nen aufeinan­der­fol­gen­den Zustände her­vor­ruft. Nun wer­den wir auch begreifen, warum das tief­ste Geheim­nis, das Sym­bol des tief­sten Geheimniss­es, welch­es den in die Mys­te­rien Eingewei­ht­en geboten wurde, sich als der Men­sch darstellt. Das ist nichts anderes als die höch­ste Entwick­lungsstufe des Bewusst­seins. Dann hat er dieses «Erkenne dich selb­st» für sich beant­wortet. … Und dieser Men­sch, der ihm da ent­ge­gen­tritt, ist nicht mehr zweigeschlechtig, son­dern eingeschlechtig. Es ist ger­adeso wie mit dem Inhalt des Bewusst­seins und dem Bewusst­sein, das sich ihm immer als zweigeschlechtig ent­ge­gengestellt hat. Wie dieses sich dann als eingeschlechtig darstellt, so stellt sich dann im Bewusst­sein auch keine Son­derung mehr dar, son­dern es ist so, um es mit den Worten des Meis­ter Eck­hart auszu­drück­en, dass das, was sieht und gese­hen wird, ein und das­selbe ist. Das Urwe­sen sieht sich selb­st. Es hat nur noch mit sich selb­st zu tun. Darin stellt sich die höch­ste Lösung des Wel­trät­sels dar als ein Wesen, das männlich und weib­lich zu gle­ich­er Zeit ist.“ (GA 87 ohne Sei­t­e­nangaben, Her­vorhe­bun­gen A.F.)

Ich denke, in vorchristlich­er Zeit stand mit dem Isis-Kult das Gebären, das Her­vor­brin­gen von Vorstel­lun­gen als wiederge­boren­er Wahrnehmung im Vorder­grund. In nachchristlich­er Zeit kommt es mehr auf das Erken­nen, das geist­gemäße Durch­schauen von dem an, was aufgenom­men und im Innern gebor­gen wurde. Bild dieses Prozess­es ist nicht die Mut­ter mit dem Kind, son­dern die Pieta mit dem Gekreuzigten im See­len­schoß. In ihr kann ich die Vere­ini­gung des Männlichen mit dem Weib­lichen erblick­en. Gemein­sam stellen sie das Urwe­sen dar, das sich sel­ber sieht, wie Rudolf Stein­er es beschreibt. Die Mut­ter mit dem Kind stellt zwei Indi­vid­u­al­itäten dar, die Pieta nur eine, denn der Sohn ist gestor­ben. In der Pieta kann die Seele ein Selb­st sein und gle­ichzeit­ig vere­inigt sein mit dem Erken­nt­nis­in­halt, der wahrnehm­baren Umwelt. Sie blickt an, was aus ihr her­vorge­gan­gen ist, ohne dass es sich als selb­ständi­ges Sein ihr gegenüber­stellt. Dieses Erken­nen reift in der Seele die Früchte des unsterblichen Seins.

Die Mantren 14 N und 16 P sprechen vom Selb­st bzw. von der Selb­s­theit, das Mantra 15 O vom Ich. Das Ich ist also umgeben von zwei Aspek­ten des Selb­st. Das Selb­st ist laut Rudolf Stein­er eine Spiegelung des Ichs an der Physis. Das Geist­selb­st kann vielle­icht als eine Spiegelung des Ichs an der geisti­gen Welt betra­chtet wer­den. Doch diese geistige Welt muss vom Men­schen zunächst durch das gemein­schaftlich-objek­tive Wel­tendenken erkan­nt und dadurch von innen neu erschaf­fen wer­den. So find­et sich im Mantra 14 N mit dem Wel­tendenken der Plan, das Web­muster, damit im Mantra 15 O durch das Weben des Geistes die angemessene physis­che Grund­lage für den näch­sten Entwick­lungss­chritt geschaf­fen wird – die benötigte Ich-Kraft gewon­nen wer­den kann. Und im Mantra 16 P wird das Leben gelebt, die alle Men­schen vere­inende Wahrnehmung, das Geist­geschenk, verin­ner­licht und zu Frücht­en umgear­beit­et, die, wenn ich wei­t­er­denke, wiederum wach­sen und blühen kön­nen, also Blüten des Wel­tendenkens her­vor­brin­gen können.

Als über­greifend­es The­ma verbindet die drei Mantren das Haben bzw. Nicht-Haben. Der Ver­lust bzw. Man­gel wird im Mantra 14 N mit dem Ver­lieren und Rauben the­ma­tisiert, das Bekom­men mit der zu schenk­enden Kraft im Mantra 15 O und mit dem Geist­geschenk im Mantra 16 P. Dieses Haben bildet die Grund­lage der Entwick­lungs­fähigkeit des Menschen.