Der Zeit-Impuls des Mantras 14 N ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 13 M
Und bin ich in den Sinneshöhen, So flammt in meinen Seelentiefen Aus Geistes Feuerwelten Der Götter Wahrheitswort: In Geistesgründen suche ahnend Dich geistverwandt zu finden. .… |
14 N
An Sinnesoffenbarung hingegeben Verlor ich Eigenwesens Trieb, Gedankentraum, er schien Betäubend mir das Selbst zu rauben, Doch weckend nahet schon Im Sinnenschein mir Weltendenken. .… |
15 O
Ich fühle wie verzaubert Im Weltenschein des Geistes Weben, Es hat in Sinnesdumpfheit Gehüllt mein Eigenwesen, Zu schenken mir die Kraft, Die ohnmächtig sich selbst zu geben Mein Ich in seinen Schranken ist. |
Der Zeitimpuls von 14 N: Bewusstsein zwischen Schlafen und Wachen
vorbereitet durch das Wachen in Sinneshöhen und Seelentiefen (13 M)
vollendet durch den Kraftgewinn, den die Hingabe an das Geistesweben ermöglicht — schlafend, in Sinnesdumpfheit (15 O)
14 N — das Mantra der Woche: Das Mantra 14 N nenne ich, wie das Mantra 39 n, einen Schwellenspruch, denn diese beiden Mantren sind füreinander sowohl Spiegel- als auch Gegenspruch. Indem sie nur untereinander verbunden sind, bilden sie eine Art Teilung im Seelenkalender-Jahreskreis. Da der Jahreskreis aus vier Mal 13 Mantren besteht, ist das Mantra 14 N das erste Mantra des zweiten des zweiten Viertels, das Mantra 39 n das letzte des dritten Viertels. Dadurch liegen die Schwellensprüche fast mittig im Jahreskreis und teilen das Jahr mit den beiden Halbjahren in Viertel.
Da das Mantra 14 N von Verlieren, Betäuben und Rauben spricht, ähnelt es den Krisensprüchen (7 G, 20 T 33 g, 46 u) bzw. kann als ein fünfter Krisenspruch betrachtet werden.
Das Kreuzigungsbild von Hans Suess von Kulmbach zeigt um den Gekreuzigten einen Rosenkranz mit fünf Kreuzmedaillons und zwischen diesen je zehn Rosen. Um den Gekreuzigten sind in vier Ebenen weitere Personen dargestellt. Ich denke, es sind Heilige, Märtyrer, Propheten, Evangelisten und ganz oben Maria mit dem Kind, der Vatergott, die Taube des Heiligen Geistes sowie Engel zu sehen. Die Seitenflügel stellen Szenen aus dem Marienleben dar, die von rechts nach links der ab- und aufsteigenden Bewegung im Jahreslauf entsprechen.

Tryptichon von Hans Suess von Kulmbach 1510
rechts: Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte, “Empfängnis” Marias von “oben”
mitte: Kreuzigung mit Rosenkranz mit fünf Kreuzmedaillons und Seelenkalender-Jahreskreis mit dem Mantra 14 N als fünftem Krisenspruch
links: die Eltern bringen Anna zur Erziehung in den Tempel von Jerusalem, sie steigt die Treppen hinauf
Je nach Jahreslauf-Darstellung liegt die Grenze, die die Schwellensprüche 14 N und 39 n bilden anders. In der Darstellung des Jahreslaufs als Kreis teilt ihre senkrecht stehende Verbindung den Jahreskreis in eine aufsteigende linke und eine absteigende rechte Hälft. In der Darstellung als Ei verläuft die Teilung waagerecht und teilt den Raum in einen oberen und unteren.

Die Schwellensprüche 14 N und 39 n in der Darstellung des Jahreslaufs als Kreis und als Ei
Rudolf Steiner sprach über die Säulen Jachim bzw. Jakim und Boas sowie der geheimnisvollen dritten Säule mehrmals im Zusammenhang mit der sogenannten Goldenen oder Kreuzesholz Legende, die im Mittelalter und dann besonders in Freimaurerkreisen tradiert wurde. Auf einem Notitzblatt von ihm (Archivnummer 6954) findet sich der folgende Text mit Zeichnung. Sie zeigt die Säulen Jachin (J) und Boas (B) zusammen mit der dritten Säule, die meist “Säule der Milde” (M) genannt wird:
“Adam hatte zwei Söhne Kain = den selbststrebenden Menschen
Abel = den auf Offenbarung bauenden
Abel fiel durch Kains Tat. Das Erbe des Abel fiel dem Seth zu. Seth gelangte bis zum Eingang des Paradieses. Dort wurde er durch den Cherub mit dem Flammenschwert
nicht
zurückgehalten. Dies ist das Symbol dafür, daß Seth der Stammvater der initiierten Priesterschaft war. Ihm gab nun der Cherub drei Samenkörner (den höheren Menschen = Atma — Budhi — Manas).
Nachdem Adam gestorben war, legte Seth nach Anweisung des Cherub die drei Körner in Adams Mund.
Der dreigeteilte Busch, der daraus hervorwuchs, hatte in sich die Flammenschrift Ehjeh — ascher — Ehjeh (Ich-bin-Ich).
Moses entnahm daraus den dreifachen Zweig, aus dem er seinen Stab formte. David pflanzte diesen Stab in die Erde auf dem Berge Zion. Salomon nahm daraus das Holz, aus dem er die Eingangspforte des Tempels so machte [Zeichnung].

Zeichnung Rudolf Steiners der drei Säulen Jachin, Boas und M., integriert in den Seelenkalender-Jahreslauf
Sommer-Halbjahr Jachin, Winter-Jahbjahr Boas
die Schwellensprüche 14 N und 39 n als der Querbalken M.
Durchgehen konnte da nur der Reine.
Die Leviten in ihrem Unverstand versenkten diese drei Stücke in den Teich Bethesda. Zur Zeit Christi legten die Juden das Holz als Balken über den Bach Kedron. Darüber schritt Christus nach seiner nächtlichen Gefangennahme am Ölberg. Und daraus wurde dann auch das Kreuz gezimmert.” (GA 265 S. 340f)
Über die Tempelsäulen bemerkt Rudolf Steiner an anderer Stelle: „… dass [diese Säulen Jakim und Boas] in den heutigen Geheimgesellschaften … nicht mehr in der richtigen Weise aufgestellt werden können, auch nicht mehr aufgestellt werden sollen, weil sich diese richtige Aufstellung eben bei der wirklichen innerlich erlebten Initiation erst zeigt. Außerdem kann man sie im Raume nicht so aufstellen, wie sie in Wirklichkeit eben sich aufgestellt zeigen, wenn der Mensch seinen Leib verlässt.“ (GA 187, S. 126)
Durch die beiden möglichen Darstellungen des Seelenkalender Jahres können die Schwellensprüche einmal senkrecht (im Kreis) zur Imagination des Moses Stabes oder des aufgerichteten Kreuzholzes führen, zum anderen waagerecht (im Ei) zu der in den Teich Bethesda versenkten Säulen bzw. zur Brücke über den Bach Kedron, die Christus auf dem Weg zum Ölberg vor seiner Gefangennahme überschritt.
Nun zum Mantra 14 N selber. Hier schildert eine bewusste Präsenz, der Ich-Sprecher, im Rückblick einen Prozess, in dem sein menschliches Bewusstsein zunächst eingeschränkt war. Der Ich-Sprecher schildert, wie er den Trieb verlor, ein Eigenwesen zu sein, weil er an die Sinnesoffenbarung hingegeben war.
Zum Beginn des Mantras entspricht die seelische Situation dem Abel-Menschen, dem an die Offenbarung der höheren Welt hingegebenen Menschen der Frühzeit, der sein Ich-Bewusstsein noch nicht ausgebildet hatte. Das Charakteristikum der vorchristlichen Einweihung war der Verlust des Ich-Bewusstseins, sagt Rudolf Steiner, weshalb der Einzuweihende in der geistigen Welt von bereits Eingeweihten geführt und dann auch wieder in das irdische Bewusstsein zurückgerufen werden musste.
Das Denken wurde damals nicht als menschliche Tätigkeit erlebt, wie es heute ganz selbstverständlich der Fall ist. Der Mensch nahm die Gedanken Gottes mit der Wahrnehmung auf und spiegelte sie lediglich in sich.
Der Ich-Sprecher schildert, wie der Gedankentraum betäubend wirkte und ihm das Selbst zu rauben schien. Er war also während er in seinem Denken weilte träumend. Er hatte kein Bewusstsein darüber, wie er aus der Wahrnehmung denkend ein Urteil, einen Begriff formte und nach und nach zu Gedankenketten ausbildete, die sein Weltbild formten. Es geschah unbewusst, ohne ichhafte Präsenz. Das Denken vollzog sich kindlich-assoziativ. Doch wenn keine Eigenaktivität wahrnehmbar ist, wird keine Selbstwirksamkeit erlebt, wodurch die Grundlage des Ich-Erlebens fehlt.
In nachchristlicher Zeit wurde das Denken immer mehr zur individuellen Seelenfähigkeit des Einzelnen und das Ergebnis menschliche Tat. Die Gedanken wurden zu persönlichen Gedanken. Dieser selbststrebende Kains-Mensch tötete in sich den vertrauensvoll staunend der Wahrnehmung hingegebenen Abel-Menschen. Er begann zu zweifeln. Die träumende Hingabe wurde als Betäubung wahrgenommen und er suchte sie loszuwerden, zu erwachen. Doch damit verfiel der Mensch immer mehr der irdischen Wahrnehmung, sie wurde zur einzigen Realität.
An dieser Stelle schildert das Mantra 14 N einen Ausweg. Dabei wechselt hier im Mantra Zeitform der Vergangenheit in diejenige Gegenwart. Dies wirkt wie eine Zukunftsverheißung für die heutige Zeit. Im Sinnenschein naht dem Ich-Sprecher weckend das Weltendenken. Der Sinnenschein spricht von einer neu gewonnenen Wachheit des Ich-Sprechers. Die Sinnesoffenbarung zu Beginn des Mantras wurde zum Sinnenschein. Der Sinnenschein vereint zwei gegensätzliche Bedeutungen. Zum einen wird dadurch die Wahrnehmung als unwirklicher Schein, als Welt der vergänglichen Maya, als zu hinterfragende bloße Erscheinung erkannt, zum anderen als Licht spendend, leuchtend und damit den Geist vermittelnd. Gerade in der Spannung dieser doppelten Realität, des bloß Sinnlichen und gleichzeitig geistig Durchscheinenden wirkt das sich dem Menschen nahende Weltendenken. Dieses Denken ist nicht menschliches Denken, es ist göttlich schöpferische Intelligenz. Sie naht sich dem Menschen und weckt ihn zu einer höheren Ebene der Realität auf, wenn er in der äußeren Wahrnehmung das geistige Gesetz erschauen kann, wie J.-W. von Goethe in der konkreten Pflanze die Urpflanze erblickte, wenn die Welt ihm zum Bild, zum Zeichen wird für den Geist. Im Weltendenken kann das hinter dem Logos stehende Denken, das hinter dem Weltenwort stehende schöpferische Prinzip gesehen werden — und damit der von Ewigkeit wirkende Christus. So erscheint der Sinnenschein durchleuchtet vom Göttlichen, der Sinnenschleier wird durchsichtig.
13 M — die Vorbereitung: Der Ich-Sprecher des Mantras 13 M befindet sich in den Sinneshöhen. Doch wie kann man zum einen auf mehreren Höhen gleichzeitig und zum anderen in statt auf den Höhen sein? Das kann nur bedeuten, dass es sich um geistige Höhen, um eine innerliche Erhebung in einen besonderen Geisteszustand handelt. Auf die dazu notwendige Vorbereitung verweist das “Und”, mit dem das Mantra startet.
Rudolf Steiner beschreibt bereits die Reihe der zwölf Sinne als einen Aufstieg, angefangen bei den vier Körpersinnen (Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn) über die vier Umwelt-Sinne (Geruchssinn, Geschmackssinn, Sehsinn, Wärmesinn) zu den vier geistigen Sinnen (Gehörsinn, Laut- oder Wortsinn, Gedankensinn, Ichsinn). Erst recht ist die Entwicklung geistiger Wahrnehmungen ein Aufstieg: “Sie wissen, wenn der Mensch aufsteigt von der gewöhnlichen Sinneserkenntnis zur höheren Erkenntnis, kann er es dadurch tun, dass er mit seinem Geistig–Seelischen aus seinem physischen Leib heraustritt. Dann treten die höheren Arten des Erkennens auf: Imagination, Inspiration, Intuition.” (GA 199, S. 49) Diese drei geistigen Wahrnehmungsweisen können als drei Sinneshöhen verstanden werden.
Auch im folgenden Zitat spricht Rudolf Steiner von einem Aufstieg und verdeutlicht damit außerdem den geschichtlichen Wandlungsprozess naturhaft imaginativer — also wahrnehmender — Geistbegegnung zu einer gedankengetragenen Extase: “Nur waren die hebräischen Weisen so, dass sie dasjenige, was in ihrem Inneren aufstieg, im Konkreten noch sahen, dass sie darin ein Mannigfaltiges, ein Unterschiedliches sahen. Was sie da als innere Wirklichkeit schauten, das war bei Philo schon zum Symbol degeneriert, das war dann im Neuplatonismus völlig abstrakt geworden. Und wenn es auch etwas Erhabenes, etwas Großartiges hat, sich in die Weltentrücktheit des Plotin, des Jamblichus zu versetzen, so bedeutet das doch auf der anderen Seite, dass in diesem Verzücktsein, in dieser Ekstase, im rein abstrakten Übersinnlichen die Naturordnung, die ganze Naturanschauung verlorengeht.” (GA 325, S. 130)
Auch im Mantra 13 M öffnet sich mit dem Aufstieg gleichzeitig die Seelentiefe. Die Gefahr, die Rudolf Steiner durch das immer abstrakter werden der Gedanken schildert, findet sich im Mantra gewandelt zur prüfend-warnenden Stimme aus geistigen Feuerwelten. Das Wahrheitswort der Götter mahnt Geistverwandtschaft an. Wenn der Mensch bestehen will auf dieser Höhe, wenn er durch die drei Geistsinne wahrnehmen will, muss er selber aus dem Geist zu leben gelernt haben, muss er ein Geistgeborener geworden sein.
Diese Geistverwandtschaft zu erringen war das Ziel aller Mysterien. Ahnend wurde die Verbindung zum Ursprung alles Seins, dem ewig im Geiste Seienden, in dem alle Lebens- Bewegungs- und Formkräfte ruhen, zum göttlichen Vater gesucht. Doch immer unerreichbarer, immer unbekannter wurde dieser Ursprung in vorchristlicher Zeit. Die Verzauberung des Urgrunds wurde undurchdringlich. In dieser Situation weist Christus die Menschen auf den Vater hin. Doch es ist die Aufgabe jedes Menschen, die Kräfte in sich zu wecken, um diesen Urgrund zu finden, zu offenbaren und dadurch aus der Verzauberung zu erlösen. Karl Friedrich Althoff schreibt: “Die Liebe des Vaters hat sich schweigend in die Welt ergossen — bis in das Todesgrab der Materie hinein. Und der in die Erkenntnis Eingeweihte der Mysterien wusste: Dieser <Unbekannte Gott> lebt nun so im Menschen, dass er in den Tiefen der Seele erfahren werden kann. Der Mensch muss diese Erkenntnis schaffend in sich erlösen. Die Seele wird dann zur Mutter, die das verzauberte Göttliche in sich als Spross des verborgenen Göttlichen empfangen kann, als <Sohn>, in welchem der Verborgene offenbar wird.” (Das Vater Unser, S. 57f) Diese Sohnschaft ist die Geistverwandtschaft, die zu erringen das feurige Wahrheitswort der Götter mahnt.
15 O — die Vollendung: Auch das Mantra 15 O ist aus der Perspektive einer wachen, beobachtenden Instanz geschrieben. Für den Ich-Sprecher scheint die Sinnesdumpfheit nicht zuzutreffen, die er selber beschreibt. Diese Dumpfheit der Sinne, ihre mangelnde Wachheit bzw. Schläfrigkeit wird durch das Weben des Geistes hervorgerufen. Wie verzaubert fühlt der Ich-Sprecher im Weltenschein dieses Weben. Im Weltenschein, in der Sphäre des geistigen Lichtes, das im Begriff ist, Leben, Stoff und Körper zu werden ist der Ich-Sprecher fühlend wahrnehmungsfähig. Nach Rudolf Steiner ist Materie tatsächlich Licht: “Und auf die Frage: Was ist das für eine Grundmaterie unseres Erdendaseins? — antwortet die Geisteswissenschaft: jede Materie auf der Erde ist kondensiertes Licht! Es gibt nichts im materiellen Dasein, was etwas anderes wäre als in irgendeiner Form verdichtetes Licht.” (GA 120, S. 192) Der Ich-Sprecher fühlt das wallende, webende, gestaltend und umgestaltende Licht. Er nimmt die Verwandlung von Licht in Materie wie eine Verzauberung wahr.
Dieses Geschehen ist dem Schlaf vergleichbar. Auch hier finden die Aufbau- und Regenerationsprozesse bei herabgedämftem Bewusstsein statt. “Man lernt erkennen, was der Schlaf ist, und wie der Mensch jedesmal mit dem Einschlafen in bezug auf seine geistig-seelische Wesenheit aus der leiblich-physischen Wesenheit herausgeht, … nur dass der Mensch, wenn er beim Schlafe aus der Leiblichkeit heraus ist, für das normale Leben der Seele nicht erstarkt genug ist, um das Bewusstsein zu erhalten. Im normalen Leben ist der Mensch nur fähig, sein Bewusstsein zu erhalten, wenn er mit dem geistig-seelischen Wesen untertaucht in die physische Leiblichkeit und diese ihm, wie in einem Spiegel, sein seelisches Erleben zurückwirft. Er kann dieses Erleben nur wie in einem Reflexbilde in seinem seelischen Bewusstsein haben. Es ist so, wie wenn der Mensch sein Bewusstsein nur dadurch haben könnte, dass er gleichsam an Spiegeln vorbeiginge und, indem er in die Spiegel schaut, zum Erspüren, zum Erfühlen seiner selbst käme. … Der Leib macht die Seele stark genug, dass sie sich wahrnehmen kann; ist sie aber außerhalb des Leibes, dann ist sie nicht stark genug, um von sich zu wissen. Wenn der Mensch gleichsam zum Erspüren, zum Erfühlen und Erleben seines selbständigen geistig-seelischen Erlebens kommt, dann weiß er, wie hinter dem Spiegel des gewöhnlichen Bewusstseins das ist, was er in Wirklichkeit ist; dann beginnt er zu wissen, nicht nur als Phrase, sondern durch unmittelbares Erleben, dass er vom Einschlafen bis zum Aufwachen in seiner realen geistig-seelischen Wesenheit drinnen ist und in ihr das erlebt, wovon er sich im normalen menschlichen Erleben nur kein Bewusstsein verschaffen kann.” (GA 63, S. 125f)
Im Mantra wird ausgesprochen, dass die Sinnesdumpfheit den Menschen als Eigenwesen betrifft, als Individuum, das sich getrennt fühlt von der Welt. Die Sinnesdumpfheit bedeutet gemäß obigem Zitat, dass der Mensch nicht bemerkt, dass der Körper nur sein Spiegelungsapparat ist und nicht identisch mit ihm selber. Bezeichnenderweise sagt er dort, dass der Leib die Seele stark macht zur Eigenwahrnehmung.
Das Eingehülltsein hat das Ziel, dem Menschen Kraft zu schenken, die er aus sich heraus — genauer durch sein Ich — nicht gewinnen könnte. Das Ich ist ohnmächtig, ohne Macht, denn diesem Ich sind Schranken gesetzt.
Was meint Rudolf Steiner mit diesen Schranken? Bezeichnen sie die Grenzen, die der Mensch sich selber steckt? “Das Reden von Erkenntnisgrenzen ist der letzte Rest des menschlichen Egoismus, aber es ist die Geltendmachung eines recht versteckten Egoismus, dann wird eigentlich erst der große Impuls da sein, die Grenzen der Naturwissenschaft in Bezug auf das Geistige als nicht mehr unübersteiglich zu betrachten. Denn das Übersteigen dieser Grenzen bedeutet ja dann nichts anderes mehr als das Abwerfen der letzten unbemerkten und damit umso hartnäckiger verfochtenen, menschlichen egoistischen Kräfte.” (GA 80b, 493)
Beim Mantra 13 M werden wir auf die Sohnschaft, die Verwandtschaft mit dem Geist, letztlich dem Vatergott verwiesen. Im Mantra 15 O kann dagegen das einhüllende, ja fürsorglich-verkörpernde mütterliche Prinzip erkannt werden. Der Mensch ist hier noch kraftlos, noch “klein” und bedarf der Fürsorge durch die große Mutter Materie. Lateinisch mater (Mutter) und materia (Stoff, Materie) gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel zurück. Materia bezeichnete ursprünglich das Holz des Baumstammes, aus dem jeden Frühling die Blätter gleich Kindern hervorwachsen und das dem Mensch als Baumaterial dient. Bezeichnenderweise war Joseph, der Vater Jesu Zimmermann.
Zwischen diesen Mantren der größten Wachheit auf den Sinnenshöhen (13 M), — vollständig aus dem physischen Leib herausgetreten — und des Verkörpert- und Eingehüllt-Werdens in Sinnesdumpfheit (15 O) mit dem Ziel, notwendige Kraft zu gewinnen, steht das Mantra 14 N, das Mantra der Schwelle. In diesem Mantra naht das Weltendenken weckend. Der im Mantra 13 M aus dem Leib herausgetretene Ich-Sprecher wird vor der Unbewusstheit bewahrt durch das Weltendenden, das ihn weckt und “trägt”. Jedenfalls schließe ich dies aus folgendem Zitat: „Hat der imaginativ Erkennende diejenige Umwelt abgestreift, in der er mit seiner Sinnesorganisation lebt, so tritt in das Erleben eine Organisation ein, von der das Denken so getragen ist wie das sinnliche Bild-Wahrnehmen durch die Sinnesorganisation.
Und jetzt weiß sich der Mensch durch diese Denk-Organisation mit der kosmischen Sternen-Umgebung so in Zusammenhang, wie er sich vorher durch die Sinnes-Organisation mit der Erden-Umgebung in Zusammenhang gewusst hat. Er erkennt sich als kosmisches Wesen. Die Gedanken sind nicht mehr Schattenbilder; sie sind von Wirklichkeit durchtränkt wie die Sinnesbilder in der sinnlichen Wahrnehmung.“ (GA 26, S. 233, Hervorhebung A.F.) Und diese Organisation ist nach meinem Dafürhalten der Seelenkalender, Ausdruck der in der Zeit schöpferischen Intelligenz des Universums — des Weltendenkens.

