
Der Zeit-Impuls des Mantras 13 M ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 12 !
Der Welten Schönheitsglanz Er zwinget mich aus Seelentiefen Des Eigenlebens Götterkräfte Zum Weltenfluge zu entbinden; Mich selber zu verlassen, Vertrauend nur mich suchend In Weltenlicht und Weltenwärme. |
13 M
Und bin ich in den Sinneshöhen, So flammt in meinen Seelentiefen Aus Geistes Feuerwelten Der Götter Wahrheitswort: In Geistesgründen suche ahnend Dich geistverwandt zu finden. … |
14 N
An Sinnesoffenbarung hingegeben Verlor ich Eigenwesens Trieb, Gedankentraum, er schien Betäubend mir das Selbst zu rauben, Doch weckend nahet schon Im Sinnenschein mir Weltendenken. … |
Der Zeitimpuls von 13 M: Sinne und Sinn – Harmonie der Widersacher
vorbereitet durch die luziferisch zwingende Wirksamkeit des Welten Schönheitsglanzes — der Wahrnehmung (12 !)
vollendet durch die Überwindung der ahrimanischen Betäubung durch das weckende Weltendenken (14 N)
Was sind die Sinneshöhen?
Rudolf Steiner verwendete “Sinneshöhen” ausschließlich im Wochenspruch 13 M, weder in seinen Schriften noch Vorträgen kommt dieses Wort vor. Dadurch ist schwer zu sagen, was er darunter verstand — an welchem geistigen Ort sich also der Ich-Sprecher des Mantras 13 M befindet.
Mir scheint, dass Rudolf Steiner den folgenden Text sozusagen aus der Perspektive der Sinneshöhen schrieb. Marie Steiner veröffentlichte ihn unter der Überschrift: CREDO — DER EINZELNE UND DAS ALL (um 1886). Er war zu dieser Zeit also etwa 25 Jahre alt.
“Die Ideenwelt ist der Urquell und das Prinzip alles Seins. In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe. Das Sein, das sie mit ihrem Lichte nicht beleuchtete, wäre ein totes, wesenloses, das keinen Teil hätte an dem Leben des Weltganzen. Nur, was sein Dasein von der Idee herleitet, das bedeutet etwas am Schöpfungsbaume des Universums. Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst und mit sich selbst sich genügende Geist. Das Einzelne muss den Geist in sich haben, sonst fällt es ab, wie ein dürres Blatt von jenem Baume, und war umsonst da.
Der Mensch aber fühlt und erkennt als Einzelnes sich, wenn er zu seinem vollen Bewusstsein erwacht. Dabei aber hat er die Sehnsucht nach der Idee eingepflanzt. Diese Sehnsucht treibt ihn an, die Einzelheit zu überwinden und den Geist in sich aufleben zu lassen, dem Geiste gemäß zu sein. Alles, was selbstisch ist, was ihn zu diesem bestimmten, einzelnen Wesen macht, das muss der Mensch in sich aufheben, bei sich abstreifen, denn dieses ist es, was das Licht des Geistes verdunkelt. Was aus der Sinnlichkeit, aus Trieb, Begierde, Leidenschaft hervorgeht, das will nur dieses egoistische Individuum. Daher muss der Mensch dieses selbstische Wollen in sich abtöten, er muss stattdessen, was er als Einzelner will, das wollen, was der Geist, die Idee in ihm will. Lasse die Einzelheit dahinfahren und folge der Stimme der Idee in Dir, denn sie nur ist das Göttliche! Was man als Einzelner will, das ist am Umfange des Weltganzen ein wertloser, im Strom der Zeit verschwindender Punkt; was man «im Geiste» will, das ist im Zentrum, denn es lebt in uns das Zentrallicht des Universums auf; eine solche Tat unterliegt nicht der Zeit. Handelt man als Einzelner, dann schließt man sich aus der geschlossenen Kette des Weltwirkens aus, man sondert sich ab. Handelt man «im Geiste», dann lebt man sich hinein in das allgemeine Weltwirken. Ertötung aller Selbstheit, das ist die Grundlage für das höhere Leben. Denn wer die Selbstheit abtötet, der lebt ein ewiges Sein. Wir sind in dem Maße unsterblich, in welchem Maße wir in uns die Selbstheit ersterben lassen. Das an uns Sterbliche ist die Selbstheit. Dies ist der wahre Sinn des Ausspruches: «wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt». Das heißt, wer nicht die Selbstheit in sich aufhören lässt während der Zeit seines Lebens, der hat keinen Teil an dem allgemeinen Leben, das unsterblich ist, der ist nie dagewesen, hat kein wahrhaftes Sein gehabt.
Es gibt vier Sphären menschlicher Tätigkeit, in denen der Mensch sich voll hingibt an den Geist mit Ertötung alles Eigenlebens: die Erkenntnis, die Kunst, die Religion und die liebevolle Hingabe an eine Persönlichkeit im Geiste. Wer nicht wenigstens in einer dieser vier Sphären lebt, lebt überhaupt nicht. Erkenntnis ist Hingabe an das Universum in Gedanken, Kunst in der Anschauung, Religion im Gemüte, Liebe mit der Summe aller Geisteskräfte an etwas, was uns als ein für uns schätzenswertes Wesen des Weltganzen erscheint. Erkenntnis ist die geistigste, Liebe die schönste Form selbstloser Hingabe. Denn Liebe ist ein wahrhaftes Himmelslicht in dem Leben der Alltäglichkeit. Fromme, wahrhaft geistige Liebe veredelt unser Sein bis in seine innerste Faser, sie erhöht alles, was in uns lebt. Diese reine fromme Liebe verwandelt das ganze Seelenleben in ein anderes, das zum Weltgeiste Verwandtschaft hat. In diesem höchsten Sinne lieben, heißt den Hauch des Gotteslebens dahin tragen, wo zumeist nur der verabscheuungswürdigste Egoismus und die achtungslose Leidenschaft zu finden ist. Man muss etwas wissen von der Heiligkeit der Liebe, dann erst kann man von Frommsein sprechen.
Hat der Mensch sich durch eine der vier Sphären hindurch, aus der Einzelheit heraus, in das göttliche Leben der Idee eingelebt, dann hat er das erreicht, wozu der Strebenskeim in seiner Brust liegt: seine Vereinigung mit dem Geiste; und dies ist seine wahre Bestimmung. Wer aber im Geiste lebt, lebt frei. Denn er hat sich alles Untergeordneten entwunden. Nichts bezwingt ihn, als wovon er gerne den Zwang erleidet, denn er hat es als das Höchste erkannt.
Lasse die Wahrheit zum Leben werden; verliere Dich selbst, um Dich im Weltgeiste wiederzufinden!” (GA 40 S. 15ff)
Rudolf Steiner denkt und scheibt hier ganz aus dem, was er später die Sphäre der oberen Götter, die Götter des Zeus-Kreises genannt hat, die in Luft und Licht leben. Von diesen unterscheidet man die unteren, die chontischen Götter der Erdentiefen.
13 M — das Mantra der Woche: Mit dem Mantra 13 M schließt das erste Quartal des Seelenkalenders, dessen Darstellung ich mir hier mit dem Sommer-Halbjahr oben, dem Winter-Halbjahr unten vorstelle. Die Kreisbahn, die seit dem Mantra 40 o aufsteigend verlief, hat ihr Ziel erreicht, denn mit dem folgenden Mantra 14 N beginnt das zweite Quartal und die Kreisbahn fällt wieder. Die Mantren 13 M und 14 N stehen also ganz oben, am oberen Scheitelpunkt dieses Kreises. Höher hinauf geht es nach dem Mantra 13 M nicht. Und im Ausblick vom Mantra 14 N öffnet sich die tiefste Tiefe.
Zwischen den beiden Mantren 13 M und 14 N liegt die Grenze, die den Jahreskreis in eine rechte und eine linke Hälfte teilt. Diese Hälften nenne ich die Erd- und die Geistsphäre.

Zwei Drachen umschließen einen Kopf, dem das Leben zweifach entströmt — im Seelenkalender-Jahreskreis geteilt in Erd- und Geistsphäre
Säulenkapitell, Domkapelle zu Goslar, Ende 12. Jhd.
An der sogenannten Hartmannssäule der Domkapelle zu Goslar findet sich eine Kapitell-Darstellung aus dem 12. Jahrhundert, die keltische Einflüsse vermuten lässt. Hier ist ein Kopf mit geschlossenen Augen und geöffnetem Mund zu sehen, aus dem zwei Lebensströme fließen. Auf oder am Kopf sitzen zwei Drachen, die mit diesen Lebensströmen in Beziehung stehen. Der linke Drache hat ein geöffnetes Maul, er “spricht”, und sein Auge ist geschlossen. Der rechte Drache hat ein geschlossenes Maul und sein Auge ist geöffnet, er sieht. Zeigen sich in dieser Darstellung vielleicht die entgegengesetzten Qualitäten der Jahreskreis-Sphären, die dem Mittelpunkt — dem Kopf — entströmen und von den Drachen verkörpert werden? Zur aufsteigenden Jahreshälfte gehört die Kraft, die alles ins Dasein bringt, die alles aus dem “Wort” des Drachen erschafft. Zur absteigenden Jahreshälfte gehört die Kraft, die alles reifen und vergehen lässt — zu geistigem Licht und Bewusstsein transformiert. Die Hälse der Drachen sind verschlungen, wie um zu sagen, dass in der höchsten Höhe beide Kräfte sich vereinen. Tatsächlich spricht das Wahrheitswort im Mantra 13 M und im Mantra 14 N geht es um Sinnesoffenbarung und Weltendenken — um geistiges Schauen.
Das Mantra 13 M beginnt mit “Und”, als ob ein erstes Satzglied verloren gegangen wäre. Dadurch entsteht für die Sinneshöhen der Eindruck, dass sie nur durch einen langen Aufstieg mit viel Mühe erklommen werden können. Diese Anstrengung hat der Ich-Sprecher bereits auf sich genommen und ist nun angelangt auf dieser Höhe. Doch was sind die Sinneshöhen? Wann ist Wahrnehmung so mehrfach gesteigert, dass sie Sinnenshöhen genannt werden kann? Welche Wahrnehmungsgipfel könnten gemeint sein? Ich denke an drei Gipfel, drei Wahrnehmungsarten, die sich sozusagen über das Nebelmeer der auf das Physisch-Sinnliche beschränkten Wahrnehmung erheben: die Imagination, Inspiration und Intuition. Rudolf Steiner sagt: „Der Mensch gelangt zu einer Weisheit, durch die der Geist zunächst die Scheinhaftigkeit des sinnlichen Lebens durchschaut.“ (GA 8, S. 29, Hervorhebung A.F.). Dem Denken auf dieser Höhe muss die Klarheit der Bergwelt zu eigen sein. Rudolf Steiner beschreibt: „Diese Tätigkeit ist zugleich ein Denken, aber ein solches, das nicht in abstrakten Begriffen die sinnliche Anschauung begleitet, sondern das selbst sich steigert bis zur Anschaulichkeit, die im gewöhnlichen Leben nur in Sinnesbildern lebt.“ (GA 35, S. 107)
Wenn der Ich-Sprecher sich also in diesen Geisteszustand erhoben hat, wenn er in den Sinneshöhen weilt — was innere Vorbereitung erfordert — so beginnt nicht das geistige Forschen, sondern eine mahnende Stimme ertönt zunächst in den eigenen Seelentiefen. Diese Stimme stammt nicht aus der eigenen Seele, doch sie flammt hier auf. Sie stammt aus den Feuerwelten des Geistes und mahnt. Was sind die geistigen Feuerwelten? Rudolf Steiner beschreibt die künftige Inkarnation der Erde, den neuen Jupiter als eine feurige Welt. “Unseren Planeten, die Erde, nennen wir den Kosmos der Liebe, und den nächstfolgenden, den Jupiter, den Kosmos des Feuers. In dem vorangegangenen planetarischen Zustand, dem Mondenzustand, haben wir den Kosmos der Weisheit zu sehen.” (GA 89, S. 196, Hervorhebung A.F.) Und weiter sagt er, dass der Mensch auf dem neuen Jupiter “die Aufgabe haben [wird], das Manas-Element [Geistselbst] auf die Ebene von Budhi [Lebensgeist] herauf zu läutern. Alle diese gereinigten Karmagefühle werden dann zusammenfließen zu einer einzigen Macht, die zustreben wird dem Urgeist, der unseren Planeten durchströmt und durchflutet [dem Christus, bzw. dem Geist der Liebe, A.F.]. Alles, was der heutige Mensch fühlt, wird im nächsten Zustand in geläuterter Form wie Flammen zusammenströmen, und diese vielen einzelnen Flammen werden sich verbinden zu einem Gesamtfeuer. Und so nennt man diesen Planeten den Kosmos des Feuers, der gebildet wird aus den geläuterten Gefühlen der menschlichen Herzen, indem sie harmonisch ineinanderklingen.” (GA 89, S. 197)
Sich geistverwandt zu finden, wie die Götter mit ihrem Wahrheitswort fordern, bedeutet also, sich dem Geist der Liebe entsprechend selbst als Feuer, als geläuterte, leuchtende und wärmende Flamme zu finden.
Sind die Götter, die hier ihr Wahrheitswort sprechen Erzengel? Diese nennt Rudolf Steiner Feuergeister. Und er sagt: “So wie nun der Mensch durch seine Sinnesempfindung auf Farben schaut, Töne hört, so schaut der Erzengel herunter auf die Welt, die das Ich als objektive Wahrheit umschließt, nur dass sich um dieses Ich noch etwas herumgruppiert von jenem Teile des Astralischen, das wir Menschen in uns als Verstandes- oder Gemütsseele kennen. Denken Sie sich diese Wesenheiten in eine Welt schauend, die nicht das Mineralische, Pflanzliche und Tierische erreicht. Denken Sie, dass dafür der Blick, der ein geistiger ist, auf ihr Weltbild hingerichtet ist und dass sie da Mittelpunkte wahrnehmen. Diese Mittelpunkte sind die menschlichen Iche, um die sich wieder etwas gruppiert, das wie eine Art Aura aussieht. Da haben Sie das Bild, wie das Erzengelwesen auf die Völkerpersönlichkeiten, die zu dem Erzengel gehören, die das Volk ausmachen, heruntersieht. Seine Welt besteht aus einem astralischen Wahrnehmungsfelde, in dem gewisse Zentren darin sind. Diese Zentren, diese Mittelpunkte sind die einzelnen menschlichen Persönlichkeiten, sind die einzelnen menschlichen Iche. Also gerade so, wie für uns Farben und Töne, Wärme und Kälte im Wahrnehmungsfelde liegen und für uns die bedeutsame Welt sind, so sind für die Erzengelwesen, für die Volksgeister wir selbst mit einem Teil unseres Innenlebens das Wahrnehmungsfeld, und wie wir in die Außenwelt hineingehen und diese bearbeiten und umgestalten zu Instrumenten, so sind wir diejenigen Objekte — insofern wir zu diesem oder jenem Volksgeist gehören -, welche zu dem Arbeitsfelde der Erzengel oder Volksgeister gehören.” (GA 346, S. 57ff)
Die Götter, die Feuergeister oder Erzengel stehen im Mantra 13 M vor der Schwelle zur geistigen Welt — denn das Mantra 14 N kann als diese Schwelle bezeichnet werden.
12 ! — die Vorbereitung: Das Mantra 12 ! weist keinen Buchstaben auf. (Das Ausrufezeichen habe ich ihm hinzugefügt, um zu verdeutlichen, dass der Buchstabe nicht vergessen wurde). Durch seine Überschrift “Johannes-Stimmung” ist es der Johanni-Woche zugehörig, der Woche, in der der 24. Juni liegt, der Gedenk-Tag des Geburtsfestes Johannes des Täufers.
In der russischen Kunst gibt es neben den bekannten Darstellungen der Taufe Jesu im Fluss Jordan zwei weitere Ikonen-Typen, die Johannes den Täufer zeigen. Das sind zum einen die Sophien-Ikone (siehe), zum anderen manche Lamm-Gottes-Ikonen. Diese beiden Ikonentypen umgeben das jeweilige zentrale Motiv mit Maria, der Mutter Jesu, und Johannes dem Täufer bzw. mit himmlischen Wesen. Das Lamm-Gottes wird jedoch nicht als Lamm dargestellt, sondern als ein kleiner, nackter Jesus, der in einem Kelch liegt. Über dem Kelch schwebt meist die Taube des Heiligen Geistes. Dieser Bildaufbau wurde häufiger gestickt als gemalt. Er findet sich auf das Tuch, das die Eucharistie-Substanzen für den Ostergottesdienst bedeckt. Die unten abgebildete Ikone ist durch weitere Bildelemente ergänzt.

Lamm-Gottes-Ikone, Russland 19. Jahrhundert
Sowohl Maria als auch Johannes sind als Geistwesen mit Engelsflügeln dargestellt. Verstehe ich sie als Ausdruck der Halbjahre, so kann die Osterscholle als der Kelch betrachtet werden. Der über der Osterscholle liegende Mittelpunkt des Jahreskreises erscheint so als Jesus im Kelch — als das sich verstrahlende, sich opfernde Zentrum, als die geistige Sonne. Rudolf Steiner sagt: “Das Christus-Prinzip, auch Budhi oder Chrestos genannt, ist die von geistiger Sonnenglut durchströmte Liebe, die Gedanken zu Kräften macht.” (GA 68a, S. 135f) Damit diese Kraft, die Rudolf Steiner auch als Gnade bezeichnet, in den Menschen einströmen kann, muss der Mensch zunächst ein Gefäß bilden. Dieses Gefäß ist Manas, das Geistselbst, der gereinigte Astralleib. Maria und Johannes der Täufer stehen hier als die weiblich und männlich differenzierten Vertreter dieses Geistselbst — als das Zusammenspiel in der Seele von Wahrnehmung und Denken. Und auch die drei Ebenen bzw. Seelenfähigkeiten, die zur Darstellung des Jahreslaufs als Ei — als Seelenraum — gehören, sind zu erkennen durch Vertreter der höchsten Engelhierarchie. Unter dem Kelch ist das Symbol der Throne, der Geister des Willens zu sehen, die geflügelten Räder. Hinter Maria und Johannes dem Täufer ist jeweils ein rötliches Engelwesen, ein Seraph, dargestellt. Dies sind die Geister der All-Liebe, also der höchsten Stufe des Fühlens. Ganz oben, rechts und links neben der Taube des Heiligen Geistes sind zwei menschliche Engel zu sehen. Sie könnten dort die Cherubim vertreten, deren Symbole außen im Viergetier dargestellt sind, die Geister der Harmonien. Rudolf Steiner vergleicht sie einmal mit sehr weisen alten Männern.
Weitere Darstellungen dieses Ikonentyps zeigen, dass die Ausrichtung des Jesus im Kelch sowohl in der einen, als auch in der anderen Richtung als zutreffend empfunden wurde.


Lamm Gottes Ikonen, üblich vom 16. bis 19. Jahrhundert
Der Bildtyp zeigt damit den gereinigten, zum Kelch, zu Manas gewordenen Seelenraum, der bereit ist Budhi, den Lebensgeist, den Christus aufzunehmen. Rudolf Steiner sagt: “Zwei Dinge … mussten zusammenkommen, um Budhi wirklich wirkend werden zu lassen: erstens, die Menschen mussten als Träger der bisherigen Entwicklung nun ein aus Manas gebildetes Organ für Budhi haben. Sie mussten durstig sein nach Budhi, durstig, über den Verstand hinauszukommen. Gehirnentwickelung endet ohne Zusammenhang mit den höheren Gliedern immer in einer Sackgasse, sie kommt über manasische Entwicklung, über astrale Dinge nicht hinaus.” (GA 94, S. 249f)
Das Mantra 12 ! kann so gelesen werden, dass es lehrt, wie der Mensch über Manas, seinen Verstand, hinauskommt. Er muss lernen zu fliegen, denn der Verstand versucht beständig, sich an die irdische Wahrnehmung zu klammern. Zu diesem Weltenflug zwingt ihn der Welten Schönheitsglanz.
Glanz ist abstrahlendes, reflektiertes Licht. Rudolf Steiner spricht z.B. vom Glanz der Farben als Ausdruck für Geistiges: „Wir kommen dazu, die drei Glanzfarben so zu empfinden, dass wir das Rot als den Glanz des Lebendigen, das Blau als den Glanz des Seelischen und das Gelb als den Glanz des Geistigen empfinden.“ (GA276/8) In einem Entwurf zum dritten Mysteriendrama charakterisiert Rudolf Steiner mit dem Schönheitsglanz Luzifer. Thomasius spricht Luzifer mit folgenden Worten an, ohne ihn zu erkennen:
“Erhabner Herrscher im Schönheitsglanz,
Der du erstrahlst in einer Würde,
Die im Sonnenauge offenbart
Der Welten allertiefste Gründe
Und zu deiner Offenbarung nichts bedarfst
Als nur deines eignen Willens Wesen …” (GA 44, S. 1, Hervorhebung A.F.)
Kurz darauf lässt Rudolf Steiner Luzifer sich selbst als “des starken Weltenfürsten Freier Sohn” beschreiben. Luzifer ist also der “Welt” zugehörig. Der “Welten Schönheitsglanz” kann demnach als Wirkung Luzifers, sogar als seine Erscheinung verstanden werden, als dasjenige, was die zwingende Kraft begründet. Doch im Mantra 12 ! ist seine Kraft nicht schädlich, sondern zum Weltenflug notwendig. Sie entbindet, sie befreit Kräfte, die in den Seelentiefen zuvor gebunden waren. Es handelt sich um Götterkräfte des Eigenlebens.
Der Ausdruck “Des Eigenlebens Götterkräfte” erscheint wie ein Widerspruch, denn Götterkräfte sind übermenschliche, außermenschlich gedachte Kräfte und eben gerade keine eigenen, dem individuellen Leben angehörenden Kräfte. Diesen Widerspruch löst Rudolf Steiner, indem er sagt, dass der Mensch „einen Durchgangspunkt für Götterkräfte [bildet, dass er] […] gewissermaßen der Platz [ist] […], an dem sich Hierarchien begegnen, damit sie im Weltenall zusammenwirken können.“ (GA 199/11) Und um welche göttlichen Kräfte könnte es sich handeln, die vom Welten Schönheitsglanz gezwungenermaßen aus den Seelentiefen entbunden werden und zum Weltenflug führen? Da der Glanz Luzifers Wirken verrät, will ich ergänzen, was Ahriman wenig später in selbigem Mysteriendrama über seine Arbeit sagt:
“So wälz ich denn im ewigen Lauf
Des Menschenlebens Feuerräder
Den steilen Abhang hinan.
…
Doch wie oft ich auch nun schon
Das Werk begonnen und vollendet glaubte,
Es ward stets andres nicht
Als Anfang eines neuen Schaffens.” (GA 44, S. 1, Hervorhebung A.F.)
Der Glanz, das Ausstrahlende, Gerade und das Runde, Zyklische, Umschließende sind möglicherweise die Götterkräfte, die zum Weltenflug entbunden werden: die Kraft der linearen und der zyklischen Zeit. Dies sind übermenschliche Kräfte, Götterkräfte, die dem Menschen das Leben ermöglichen. Dem Menschen gehört vom Leben mit der Zeit allein die Gegenwärtigkeit. Das Gewohnte muss der Mensch beim Weltenflug hinter sich lassen. Er muss sich selber verlassen, das fest gefügte Sein, in dem das Gerade und das Zyklische gesetzmäßig zusammenwirken, aufgeben. Das Gerade wirkt im Nerven-Sinnessystem, das Zyklische im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. In beiden Systemen wirken Götterkräfte, die dem Menschen das Leben auf der Erde ermöglichen.
In obigem Monolog spricht Ahriman etwas später von seinem Ziel:
“Wenn in EINER Menschenseele nur,
Titanenwerk, durch mich verrichtet,
Ein Fünklein nur entfacht,
Das dort dann weiter flammen kann.
So groß mein Werk auch ist,
Dies Fünklein braucht es,
Wenn es zum Ziele kommen soll.” (GA 44, S. 1, Hervorhebung A.F.)
Dann fährt Ahriman fort, dass bisher das Fünklein immer wieder erlosch, weil die Menschen Furcht empfanden vor der Welt, die Ahriman gefesselt hält, mithin vor der Geistwelt.
Mit dem Fünklein, das Ahriman und Luzifer im Menschen bewirken wollen, scheint mir auf das dritte Bild der Zeit gedeutet zu sein, auf die Gegenwärtigkeit, das fühlende Gewahrsein. Diese Bewusstseinslicht muss immer wieder erlöschen, denn nicht das Eigenlicht soll im Menschen leuchten, sondern mehr und mehr das Licht der Christussonne, so wie Rudolf Steiner Paulus öfter zitiert: “Nicht ich, sondern der Christus in mir.”
Auf dem Weltenflug bleibt dem Menschen nur das Vertrauen, dass der Mensch sich suchen kann — und zwar in Weltenlicht und Weltenwärme. Die Qualität des Geraden, Linearen kann in den Strahlen des Weltenlichts wiedergefunden werden, die Qualität des zyklisch Drehenden in der Weltenwärme.
Vielleicht lässt sich so mitvollziehen, was der Ich-Sprecher des Mantras 12 ! in dessen Gedanken-Verlauf erlebt, was für ihn zur Wahrnehmung wird. Sowohl das den Prozess auslösende Moment, also der “Welten Schönheitsglanz”, als auch das Ziel, sich in Weltenlicht und Weltenwärme zu finden, sind Wahrnehmungen. Dieses Mantra handelt von der Wahrnehmung.
14 N — die Vollendung: Das Mantra 14 N nenne ich ebenso wie das Mantra 39 n einen Schwellenspruch. Das beruht auf der Tatsache, dass diese beiden Mantren sowohl Spiegel- als auch Gegenspruch füreinander sind, d.h. sie weisen die für Spiegelsprüche charakteristischen grammatischen Entsprechungen auf und tragen außerdem den gleichen Buchstaben, das N bzw. n in der Überschrift, wodurch sie als Gegensprüche ausgewiesen sind.

Das Mantra 14 N, der Fühlspruch, mit dem zugehörigen Spiegel- und Gegenspruch 39 n.
Durch diesen Umstand hebt sich das Mantra 14 N von den anderen Mantren ab. Dadurch ist das Mantra 13 M von zwei herausgehobenen Mantren umgeben, vom Mantra 12 !, das keinen Buchstaben hat und vom Mantra 14 N, indem Spiegel- und Gegenspruch deckungsgleich sind. Zwischen diesem Zuwenig (fehlender Buchstabe und deshalb fehlender Gegenspruch) und Zuviel (Spiegel- und Gegenspruch vereint in einem Mantra) steht das Mantra 13 M — aufgerufen, das Gleichgewicht zu halten. Alle drei Mantren weisen einen Ich-Sprecher auf. Es gibt also jeweils eine Instanz, die den dort geschilderten Prozess mit Bewusstsein begleitet.
Das Mantra 14 N nimmt sich aus wie ein fünfter Krisenspruch, denn der Gedankentraum wirkt betäubend auf das Selbst, er scheint es zu rauben. Und wie bei den Krisensprüchen der Osterscholle (46 u, 7 G), gibt es eine rettende Kraft. Diese ist im Mantra 14 N das Weltendenken, das dem Ich-Sprecher naht und ihn aus der Betäubung weckt.
Welche seelische Situation beschreibt dies Mantra? Der Ich-Sprecher ist an die Sinnesoffenbarung hingegeben — nicht an die Sinneswahrnehmung, sondern an deren Offenbarung. Im Hineinschlafen in die Wahrnehmung teilt sich ihr geistiger Gehalt dem Ich-Sprecher mit, offenbart sich ihm. Er versteht intuitiv ohne selber zu denken. Die Wahrnehmung belehrt ihn, doch dafür verliert er sich selbst. Die stille Präsenz, der Ich-Sprecher, bemerkt, dass ihm der Trieb, ein Eigenwesen zu sein, verloren gegangen ist. Er ist träumend eins geworden mit der Wahrnehmung. Es gelingt ihm nicht, im Denken zu erwachen. Das Denken bleibt Traum, Gedankentraum. Und der Gedankentraum wirkt betäubend.
Rudolf Steiner schildert, dass es eine Notwendigkeit der Betäubung gibt. Um dies nachzuvollziehen, muss ich etwas ausholen. Rudolf Steiner sagt: “Man kann eigentlich, wenn es sich um die Interessen des Astralleibes handelt, nur nach zwei Richtungen hin abirren. Diese zwei Richtungen sind die Richtung nach dem Amfortas und, bevor Amfortas zur völligen Erlösung kommt, nach dem Parzival.” (GA 145, S. 124) Amfortas, so führt er weiter aus, hat zu viele persönliche Begierden und Wünsche, die er mit Machtmitteln verfolgt. Er verbindet mit dem gesunden Egoismus des Astralleibs Eigeninteresse. Dies bewirkt seine Verwundung. Parzifal fragt bekanntermaßen nicht, als er das erste Mal auf der Gralsburg ist. Er hat nicht genügend Weltinteresse und Erkenntniskraft, er ist zu naiv und belässt es beim Schauen. Er kann sich also nicht ausreichend der Wahrnehmung gegenüberstellen, d.h. die gesunde egoistische Kraft des Astralleibs ist zu schwach.
Im folgenden Vortrag spricht Rudolf Steiner im Zusammenhang mit dem Hüter der Schwelle und der ersten sich darbietenden Imagination, der Paradiesimagination, über die Betäubung. “Wer diese Paradiesimagination wirklich erlebt, wer sie also als eine Errungenschaft des höheren Erlebens vor sich haben kann, der fühlt sich mitten drinnenstehend in einem inneren Seelenwogen, … und fühlt, wie er gewissermaßen nach den zwei … Richtungen abirren kann [der Amfortas- und der Parzival-Richtung]. …
Je mehr man in die Nähe kommt, je deutlicher diese Paradieses-Imagination zu sehen ist, desto mehr Stärke gewinnen diese Kräfte, die einen zu den persönlichen Interessen herunterziehen, und das, was sie an einem bewirken, das ist: sie löschen einem immer mehr und mehr diese Paradieses-Imagination aus, oder besser gesagt, sie lassen sie gar nicht richtig entstehen, man wird wie betäubt. Was man da mitschleppt an persönlichen Interessen, Affekten, Gefühlen und Empfindungen und so weiter, das sind ebenso viele Hunderte und aber Hunderte von magnetischen Kräften, wie sie auf der anderen Seite Betäubungsmittel sind. Und dann, wenn man versucht, seine Selbsterziehung so weit zu bringen, daß man den astralischen Leib sozusagen immer mehr in Wahrheit betrachtet — man ist ja, wenn man diese Paradieses-Imagination hat, außerhalb seines physischen und ätherischen Leibes, also man ist in seinem astralischen Leib und Ich —, wenn man erfaßt hat die Natur und den Charakter des Astralleibes, dann weiß man: der ist der Egoist. Und der ist nur gerechtfertigt an dieser Stelle, die man da durch Selbsterziehung erlangt hat, wenn er in seine egoistischen Interessen nicht das Persönliche zu seinem Wesen macht, das dann mit den hundert und aber hundert Kräften kommt, sondern wenn er immer mehr die ganz allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen zu den seinigen machen kann.” (GA 145, S. 136f) Und etwas später sagt Rudolf Steiner, wodurch es zu dieser Betäubung kommt: “Der physische Leib und der Ätherleib betäuben den Menschen so weit, daß der Wunsch in ihm, den anderen zu töten [den Egoismus in aller Krassheit auszuleben], nicht Tatsache wird.” (GA 145, S. 146)
Mit dem Mantra 14 N stehen wir auf der Schwelle. Die egoistischen Wünsche und Leidenschaften, die in der Seele aufsteigen im Zusammenhang mit dem irdischen Leben — dem Äther- und physischen Leib — sind möglicherweise im Gedankentraum verborgen, denn dieser wirkt betäubend und scheint das Selbst zu rauben, die egoistischen Bestrebungen also abzudämpfen. Im Vortrag kommt Rudolf Steiner dann auf die notwendige Erfahrung frostiger Einsamkeit zu sprechen, als Ausgleich und Gegenmittel für die “heißen”, egoistischen Leidenschaften.
Auch im Mantra gibt es eine Gegenkraft. Nicht als Offenbarung, sondern im Sinnenschein, in der realen, physischen Wahrnehmung naht sich dem Menschen das Weltendenken. Das Weltendenken weckt möglicherweise aus dem Gedankentraum durch frostige Einsamkeit, durch einen kalten, naturwissenschaftlichen Blick, der die nackten Tatsachen, die Strukturen sieht. Nun wird es auf den Menschen ankommen, ob er wie der gereifte Parzifal selber denken, ob er fragen kann.
Doch das Weltendenken ist mehr. Rudolf Steiner beschreibt, dass die Elohim seit dem Beginn der Erdenentwicklung ihr Ich dem Menschen mehr und mehr hinopferten, sodass er ein Ich-Wesen werden konnte. “Sie behalten für sich dann als ihr niederstes Glied Manas, das Geistselbst, die flutende Weisheit der Welt. Die umgibt uns als das niederste Glied der Geister der Form [der Elohim]. In diesem Weisheitsleben der Geister der Form leben, weben und sind wir“ (GA 266a, S. 350) Diese flutende Weisheit könnte mit dem Weltendenken gemeint sein. Das bedeutet, dass die Geistselbst-Kraft der Elohim dem Menschen im Weltendenken entgegenkommt und ihn aus seiner Betäubung weckt.
Zeigte das Mantra 12 ! durch den Welten Schönheitsglanz Luzifers Wirken, so das Mantra 14 N durch die drohende, jedoch entwicklungsmäßig notwendige Betäubung (der Paradiesimagination) Ahrimans Tätigkeit. Das Gleichgewicht zwischen diesen Kräften muss der Mensch finden.
Zwei ergänzende Beobachtungen zu allen drei Mantren seien hinzugefügt. Es ist auffällig, dass in allen drei Mantren das Wort “Welt” als Wortteil oder einzelnes Wort vorkommt. Je zwei dieser Welt-Worte zeigen thematische Gemeinsamkeiten: die “Weltenwärme” (12 !) scheint mit den “Feuerwelten” (13 M) zusammen zu hängen, das “Weltenlicht” (12 !) mit dem “Weltendenken” (14 N) und der “Welten Schönheitsglanz” (12) führt zum “Weltenflug” (12 ). Zwischen diesen “Welt”-Worten könnte sich ein geistiger Raum aufspannen, denn auch die höhere Wahrnehmung braucht “Welt”, braucht Umraum.
Eine weitere Besonderheit aller drei Mantren ist die Verlaufsform, die jeweils in der vorletzten Zeile auftritt: 12 !: “vertrauend” und “suchend” – 13 M: “ahnend” – 14 N: “weckend”. Sind damit vier in Gegenwärtigkeit zu vollziehende Schritte zur wachen geistigen Erkenntnis benannt?
