
Der Zeit-Impuls des Mantras 8 H ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 7 G
Mein Selbst, es drohet zu entfliehen, Vom Weltenlichte mächtig angezogen; Nun trete du mein Ahnen In deine Rechte kräftig ein, Ersetze mir des Denkens Macht, Dass in der Sinne Schein Sich selbst verlieren will. … |
8 H
Es wächst der Sinne Macht Im Bunde mit der Götter Schaffen, Sie drückt des Denkens Kraft Zur Traumesdumpfheit mir herab, Wenn göttlich Wesen Sich meiner Seele einen will, Muss menschlich Denken Im Traumessein sich still bescheiden. |
9 i
Vergessend meine Willenseigenheit Erfüllet Weltenwärme Sommerkündend Mir Geist und Seelenwesen; Im Licht mich zu verlieren Gebietet mir das Geistesschauen, Und kraftvoll kündet Ahnung mir: Verliere dich, um dich zu finden. … |
Der Zeitimpuls von Pfingsten, 8 H: Heilige Vereinigung
vorbereitet durch Neuorientierung und Erhalt des Selbst (7 G)
vollendet durch Verlieren des alten Ich-Seins (9 I)
Der vierfache Bund mit Gott und das Pfingstfest
Das Mantra 8 H ist das Mantra der Pfingstwochen, da das Pfingstdatum durch den 50-tägigen Abstand zum Osterfest definiert wird, also dem ersten Tag der achten Woche. Es beruht auf dem ebenfalls am 50. Tag nach Passah gefeierten jüdischen Fest Schawout. Hier wird des Bundes gedacht, den Gott Jahve am Sinai bzw. Berg Horeb mit Moses schloss, stellvertretend für sein Volk. Da das Mantra 8 H (ebenso wie das spiegelnde Mantra 45 t) einen Bund erwähnt, will ich zunächst auf den Bund eingehen, den Jahve mit seinem Volk schloss.
Zeichen des Moses-Bundes sind die Gesetzestafeln mit den 10 Geboten und die Tora mit ihren zahlreichen Ge- und Verboten, die eingehalten werden mussten, damit Jahve gnädig war. Dieser Gottes-Bund ist bereits der dritte. Den ersten Bund schloss Gott mit Noah, den zweiten mit Abraham. Das Zeichen des ersten Bundes ist der Regenbogen, das des zweiten Bundes die Beschneidung.
Und auch einen vierten Bund gibt es. Es ist der Neue Bund, den Christus beim letzten Abendmahl am Gründonnerstag vor seiner Kreuzigung mit den Jüngern schloss. In den sogenannten Einsetzungsworten, von denen die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas sowie Paulus berichten, wird im Zusammenhang mit dem Kelch und dem Wein von diesem Neuen Bund gesprochen. Bei Lukas heißt es: “Und er nahm das Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reicht es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. Nehmt den Wein und verteilt ihn untereinander!” (Luk 22;19–20) Interessanterweise wird der Bund nur beim Wein, nicht aber beim Brot erwähnt. Das Brot wird dagegen als Träger des Gedächtnisses an Christus bezeichnet — also als Brücke zur Vergangenheit. Der Kelch mit dem Wein begründet den Neuen Bund — die Zukunft.
Michael Debus schreibt über die Bedeutung eines Bundes und speziell über den ersten Bund Gottes, den Noah-Bund folgendes: “<Bund> bedeutet hier: es herrschen überschaubare Beziehungen zwischen Gott und der Menschheit. Ein Bund hat immer die Form: Wenn du etwas Bestimmtes tust, dann werde ich in einer bestimmten Weise reagieren. So entsteht Verlässlichkeit. Bei Noah bedeutet es, dass die Unberechenbarkeit der äußeren Witterungsverhältnisse aus einer Art göttlicher Resignation heraus ein Ende hat: <Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; Denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was das lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht> (Genesis 8,21–22) Jahve kommt also zu dem Entschluss: wie immer die Menschen sich verhalten werden, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht werden nicht mehr ihren Rhythmus unterbrechen. Seither sind die Naturgesetze berechenbar, vorher waren sie unberechenbar waren gewissermaßen abhängig vom moralischen Verhalten der Menschen.
Und diese Berechenbarkeit bringt Freiheit. … Auch der Bund Mose auf dem Sinai bringt Freiheit — durch das Gesetz: Wer das Gesetz befolgt, wird einen gnädigen Gott haben. Gott ist im Bereich des Gesetzes für den Menschen <berechenbar> und schenkt ihm dadurch einen Freiraum. Das ist letztlich der Inhalt des Alten Bundes.” (M. Debus, in: Kultus und Erkenntnis Hrsg. E. Meffert, S. 30f)
Schon der erste Bund mit Noah beinhaltete Gesetze. Im Talmud werden sieben Noachidische Gebote genannt:
- Verbot von Mord
- Verbot von Diebstahl
- Verbot von Götzenanbetung
- Verbot von Unzucht
- Verbot, blutiges Fleisch zu essen
- Verbot der Gotteslästerung
- Einführung von Gerichten zur Wahrung des Rechtsprinzips (Talmudtraktat Sanhedrin)
Die sechs ersten Gebote bestanden auch schon für die Menschen vor der großen Flut, doch beachteten sie diese nicht mehr. Das siebte Gebot kam erst danach hinzu. Diese sieben Gebote gelten nach jüdischer Auslegung für die ganze Menschheit, nicht nur für sie selbst.
Schaue ich diese drei Bündnisse zusammen, könnten sie auf die Dreigliedrigkeit des Jahreskreises als Ei verweisen.
Noah könnte zur Osterscholle gehören, denn die Siebenzahl verweist auf die sieben Wochentage und dadurch auf die lineare Zeit. Auch die Osterscholle hat Anfang und Ende und ist dadurch ihr Ausdruck. Auch kann sie als die Arche betrachtet werden, denn sie umfasst die Stufen der Leibwerdung und des Lebens auf der Erde. Jesus verwendet außerdem den Vergleich mit Noah, als er den Jüngern vom Kommen des Reiches und des Menschensohnes sprach: “Wie es zu Noahs Zeiten war, so wird es in den Zeiten sein, da der Menschensohn sich offenbart” (Luk 17,27) Und mit dem Regenbogen, dem Zeichen des Bundes, ist vielleicht ebenso die Osterscholle gemeint, denn damals hatte ihr konstituierendes Fest, die Auferstehung Christi noch nicht stattgefunden. Die Osterscholle war sozusagen noch flüchtig wie ein Regenbogen.
Abraham könnte zum Sonnenbereich des Jahres gehören. Auf seinen Enkel Jakob gehen die zwölf Stämme zurück, die stets als Hinweis auf den Tierkreis verstanden werden. Das Zeichen seines Bundes ist die Beschneidung. Ich will einen Versuch wagen, mich dem Verständnis der Beschneidung anzunähern. Wenn das Kind geboren wird, sterben seine Eihüllen, die ebenso wie sein Leib aus der Vereinigung von Ei und Samenzelle entstanden waren. Bis zur Geburt bilden diese Hüllen zusammen mit dem späteren Körper seinen Leib. Könnte die Vorhaut als Entsprechung zu diesen Eihüllen des Embryos betrachtet worden sein? Abrahams Aufgabe war es, das Gehirn-Denken in der Menschheit zu begründen, sodass sich die Verstandesseele nach und nach entwickeln kann und die Menschheit reif wird für das Erscheinen des Christus. Damit sich die Verstandesseele entwickeln kann, musste die mit dem Umkreis aufs engste verbundene Empfindungsseele zurückgedrängt werden. Die Vorhaut kann als Repräsentation des Umkreises verstanden werden und ihre Entfernung als Abtrennung davon. Die Beschneidung sollte vielleicht diese Entwicklung beschleunigen, um das erst der Verstandesseele mögliche Erfassen des eigenen Ichs in der Seele vorzubereiten.
Moses empfängt als Zeichen seines Bundes mit Gott die Gesetzestafeln der zehn Gebote und die Tora mit insgesamt 613 Ge- und Verboten. Fortan muss das jüdische Volk das “Joch der Tora” tragen. Die Ge- und Verbote gliedern sich in 365 Verbote und 248 Gebote. Die Anzahl der Verbote entspricht der Zahl der Tage in einem Kalenderjahr. Die äußere Zeit ist also das Verbotene, das böse, der “Umkreis”, der zu meiden ist. Die Zahl der Gebote sollte dementsprechend das Innere betreffen, das dadurch lernen soll, der Welt gegenüberzutreten. Und tatsächlich besteht die Zahl der Gebote aus der Zahl der Dualität in drei “Dimensionen”: 21, 22(4) und 23(8). Die Befolgung all dieser Ver- und Gebote, die zudem nicht immer sinnvoll erscheinen, regt das Denken stark an. Sein Ort ist der Stern-Bereich.
Schon im Alten Testament steht, dass ein weiterer, ein Neuer Bund zu erwarten war. Der Prophet Jeremia verkündete kurz vor dem Babylonischen Exil ca. 600 v. Chr.: “Siehe, es werden Tage kommen, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten zu führen, den Bund, den sie gebrochen haben… Sondern das wird der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen werde nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, so will ich ihr Gott sein… denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.” — Jeremia 31,31–34 (Lutherbibel 2017)
Das Haus Juda meint den Stamm des vierten Sohnes von Erzvater Jakob, die Königslinie. Das Haus Israel meint die Gemeinschaft der elf anderen Stämme, zu denen auch der Stamm Levi, der Priesterstamm gehörte.
Der Neue Bund steht wie erwähnt mit dem Kelch und dem Blut in Beziehung. Ging es beim Alten Bund um eine neue Beziehung des Menschen zum Raum, so geht es beim Neuen Bund um eine neue Beziehung zur Zeit. Die Viergliedrigkeit der Messe beinhaltet das Mysterium der Anwesenheit Gottes in Brot und Wein — sozusagen in einem kleinen, viergliedrigen Jahreskreis. Im ersten und letzten Teil, beim Evangelium und der Kommunion ist der Mensch der Empfangende, der “Wahrnehmende”, weshalb diese Teile dem Sommer-Halbjahr entsprechen. Die beiden mittleren Teile, Opferung und Wandlung beschreiben innere Prozesse, Wendungen der Denkbewegung, weshalb sie dem Winter-Halbjahr entsprechen.

Der Alte und der Neue Bund dargestellt in Ei und Kreis
Der Alte Bund wird das Gesetz genannt. Dem Gesetz entspricht nach meiner Einsicht die zyklische Zeit. Sie folgt Gesetzen wie dem ewigen Wechsel der Jahreszeiten, dem Gang der Sonne durch den Tierkreis. Der Neue Bund entspricht gagegen der linearen Zeit, in der jeder Moment einzigartig, unwiederholbar und frei von jedem Gesetz ist. Die lineare Zeit kann ich als mächtiger betrachten als die zyklische Zeit. Die lineare Zeit ist die Grundlage ewiger Entwicklung. Sie ist die Kraft, die die Zyklen erschafft, indem sie sich zu Zeiträumen rundet und dadurch immer neue Zeit-Körper erschafft. Oder anders herum ausgedrückt ist sie es, die die Zyklen zur Spirale, zur Raumzeit, linearisiert, und dadurch “entwickelt”.
Im Alten Bund ging es darum, den alten Zyklus, den alten Zeit-Raum zu verlassen, aus dem Zeit-Leib der alten Gruppenseele der Menschheit herauszutreten in das lineare Geschehen der Entwicklung. Das Vorherrschen der zyklischen Zeit im Bewusstsein der irdischen Menschheit musste abgelöst werden von der linearen Zeit, die heute die selbstverständliche Grundlage des Lebensgefühls ist. Mit Noah trat der Mensch ein in den linearen Zeitstrom. Mit Abraham opferte er versinnbildlicht durch die Beschneidung die physische Verbundenheit mit dem Umfeld, sodass sein Bewusstsein sich vom Erleben der Einheit zur Dualität wandelte. Moses gab diesem ganz neu auf sich selbst gründenden individuellen Bewusstsein die nun notwendig gewordene Stütze durch Gesetze. Sie mussten die früher selbstverständlich empfundene und intuitiv geregelte Beziehung des Einzelnen zur Gemeinschaft nun von außen ordnen. Durch das Gesetz, durch seine Übertretung begann sich ein Bewusstsein für Sünde und Schuld zu entwickeln als Voraussetzung für ein im Herzen, im Inneren begründetes individuelles moralisches Bewusstsein. Wie Jeremias sagt, soll das neue Gesetz in das Herz geschrieben werden.
Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer ausführlich über das Gesetz und den Glauben. Er macht deutlich, dass das Gesetz dem irdischen Leben gilt, der Glaube und damit der Neue Bund jedoch dem Leben nach dem Tod. Der Glaube und der Neue Bund beruhen also auf einem Vorgriff auf die Zeit in der geistigen Welt. Schon auf Erden nach den Gesetzen der geistigen Welt leben zu dürfen, das ist Gnade. Paulus schreibt: “Sind wir mit Christus gestorben, so lässt uns unser Glaube auch an seinem Leben [als Auferstandener] teilhaben.” (Röm. 6;8 — Emil Bock) Und kurz darauf: “So sollt ihr fortan auch von euch selbst denken: Erlebt euch als gestorben, was die Sünde anbelangt, aber als lebendig durch den Anteil, den ihr durch Jesus Christus habt an Gottes Leben. So soll denn die Sünde in eurem sterblichen Leibe nicht mehr das Herrschende sein; sie soll euch nicht mehr nötigen, euren Begierden zu folgen. Stellt eure Glieder nicht mehr der Sünde zur Verfügung als Werkzeug zur Verfälschung des Seins. Stellt euch vielmehr als solche, die durch den Tod zum Leben durchgedrungen sind, in den Dienst Gottes, und macht eure Glieder vor ihm zu Werkzeugen und Waffen des wahren Seins. Nicht mehr sei die Sünde euer Gebieter. Ihr steht nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.” (Röm. 6;11–14 — Emil Bock)
Zwei Menschen — Hildegard von Bingen (1098 — 1179) und Viktor Hugo (1802 — 1885) will ich zum Abschluss zu Wort kommen lässen, wie sie das Wirken des Geistes erlebt haben.
Sequenz an den Heiligen Geist
Alles durchdringst du,
die Höhen – die Tiefen
und jeglichen Abgrund.
Du bauest und bindest alles.
Durch dich träufeln die Wolken,
regt ihre Schwingen die Luft.
Durch dich birgt Wasser das harte Gestein,
sprudeln die Quellen
und sprosst aus der Erde frisches Grün.
Du auch führest den Geist.
Ins Weite dringt deine Botschaft.
Du webest Weisheit durch ihn
und mit der Weisheit die Freude.
(Hildegard von Bingen)
Mit Pfingsten ist also das Leben unter dem Neuen Bund, dem gnadevollen Gesetz des Geistes verbunden. Hildegard von Bingen erlebt diesen Geist in der Natur und in der weisheitsvoll webenden, alles erschaffenden Zeit. Für Viktor Hugo liegt die größte Kraft in der Synchronizität von menschlichem Geist und wirksamer Zeit. Der ihm zugeschriebene Ausspruch lautet: “Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.” Ich könnte auch sagen: nichts auf der Welt ist machtvoller, als die vom Heiligen Geist inspirierte und getragene Idee.
8 H — das Mantra der Pfingst-Woche: Das Mantra beginnt mit einer Feststellung. Erst im zweiten Teil des Satzes wird deutlich, dass diese Feststellung von einem Ich-Sprecher getroffen wird, dass also von Anfang an eine wache, beobachtende Instanz anwesend ist. Der Ich-Sprecher stellt fest, dass die Macht der Sinne wächst, dass die Macht der Wahrnehmung über sein Bewusstsein im Vergleich zu der des Denkens zunimmt. Diese Macht drückt die innere Aktivität des Denkens, die Kraft des Denkens und damit auch die Bewusstheit im Denkakt herab. Dadurch wird aus dem wachen Tagesbewusstsein ein dumpfes Traumbewusstsein. Dieser Prozess, der dem Einschlafen vergleichbar ist, steht in gesetzmäßigem Zusammenhang mit dem Schaffen der Götter, denn die Götter haben mit den Sinnen einen Bund geschlossen — die Sinne sind verbunden mit dem Schaffen der Götter. Der Ich-Sprecher erkennt, dass nicht er wirksam ist in seinen Sinnen, sondern Götter. Durch die Wahrnehmung begegnet der Mensch der Außenwelt, der Welt, die nicht er ist. Und hier wirken die Götter. Es sind die Götter, die bestimmen, was und wie der Mensch wahrnimmt. Der Mensch muss im Wahrnehmungsvorgang sich zurücknehmen und eine größere Macht, als er es ist, in sich zur Wirksamkeit kommen lassen — die Götter. Rudolf Steiner sagt, der Mensch schläft in die Wahrnehmung hinein. Er vergisst sich im Wahrnehmungsvorgang und wird eins mit dem Wahrgenommenen. Er verschmilzt z.B. mit dem Bild, das ihm das Auge zeigt, wie er auch im Traum Eins ist mit dem Geschehen. Erst wenn der Mensch den Begriff zur Wahrnehmung hinzufügt, erwacht er zum urteilenden, abwägenden, distanzierten Tagesbewusstsein.
Dieser Bewusstseinszustand ist von der göttlichen Welt gewollt, denn nur so kann sich ein göttliches Wesen mit dem Menschen einen. Solange der Mensch selber denkend wach ist und sein Bewusstsein mit sich selbst ausfüllt, kann kein göttliches Wesen darin eintreten. Das geht nur, wenn das Denken still und bescheiden im Zustand des Traumesseins — im Bilderbewusstsein verharrt. Geistbegegnung kann im irdischen Bewusstsein nicht stattfinden, im imaginativen Bewusstsein schon.
Ein psalmartiger Gesang, der in Qumram von den Essenern gesungen wurde, preist Adonai, “meinen Herrn” und gibt einen Eindruck der imaginativen Gottesschau, die durch den Gottesbund möglich ist.
Ich preise dich, Adonai,
denn du hast erleuchtet mein Angesicht
für deinen Bund.
Ich suche dich,
und wie die Morgenröte,
zu vollkommener Erleuchtung,
bist du erschienen mir …
(IQH 4;5ff, Übersetzung E. Weymann in: E. Weymann, Zepter und Stern S. 25)
Da auch das spiegelnde Mantra 45 t einen Bund erwähnt, will ich auf dieses Mantra einen Blick werfen und fragen, ob in den beiden Mantren der Alte und der Neue Bund anklingen.
Im Mantra 45 t gibt es keinen Ich-Sprecher. Hier heißt es, dass sich die Gedankenmacht festigt im Bunde mit der Geistgeburt, wodurch die Sinnesreize zu ihrer vollen Klarheit aufgehellt werden. Die Geistgeburt wirkt sich aus, sie geschieht nicht. Im weiteren Verlauf geht es um die Seele und was geschehen muss, wenn sie sich mit dem Weltenwerden einen will. Es geht also um Inkarnation, um Seelengeburt. In diesem Fall muss Sinnesoffenbarung das Licht des Denkens empfangen. Die Geistgeburt als das Göttliche im Menschen hat einen Bund geschlossen mit der Gedankenmacht, der menschlichen Seite. Hier vermute ich, dass dieser Bund dem Alten Bund entspricht. Da der Neue Bund von Christus dezidiert mit dem Wein in Zusammenhang gebracht wird, könnte der Alte Bund mit dem Brot in Beziehung stehen — und zwar mit dem Brot des Lebens. Dieser Ausdruck ist laut Rudolf Steiner die Bezeichnung des Lebensgeistes, des Christus als Schöpfer-Gott. Und das zu erschaffende menschliche Leben steht stets unter dem Gesetz des Karmas — unter dem Gesetz des Alten Bundes.
Im Mantra 8 H ist ein Ich-Sprecher anwesend. Seine stille Präsenz beschreibt die Bedingungen, die gegeben sein müssen, wenn ein Gott, ein göttliches Wesen, sich der eigenen Seele einen will. Freiwillig, gnadevoll, kann diese Vereinigung geschehen, so Gott will. Und wenn dies geschieht, vollzieht sich der Neue Bund.
7 G — die Vorbereitung: Das Mantra 7 G ist ein Krisenspruch und markiert einen Umschwung. Der Ich-Sprecher bemerkt, dass sein Selbst zu entfliehen droht, denn es wird vom Weltenlicht mächtig angesogen. Grundlage dieses Problems ist offensichtlich das Denken, das sich selbst zu verlieren droht durch den Sinnesschein. Die Sinneswelt kann vom irdischen Denken nicht mehr durchschaut werden, die hinter ihr stehenden geistigen Kräfte nicht mehr erkannt werden. Das Denken verfängt sich in der Maya, im Schleier der sinnlichen Trugwelt. Hier ist keine geistige Wahrheit zu finden, wenn die Sinneswelt für die Realität genommen wird und nicht als Offenbarung, als Bild für das hinter ihr stehende Geistige. Diese imaginative Grundlage der Erkenntnis braucht der Mensch, wenn er in der geistigen Welt bewusst bleiben, ein Selbst bleiben will. Und nur als selbstbewusstes Selbst kann er dann anderen geistigen Wesen begegnen. Sein Selbst entflieht, wenn sein Denken nicht gelernt hat aus der Vielzahl der Eindrücke den einenden Sinn, die geistige Idee, das “Selbst” des Wahrgenommenen zu erkennen. Doch das geistig Wesenhafte ist dem Denken nicht direkt zugänglich. Zum Denken muss die Ahnung hinzutreten. Durch die geahnte Wesensbegegnung löst sich aus der äußeren Wahrnehmung das imaginative Bild, dass den einenden Sinn, die geistige Idee ausdrückt.
Rudolf Steiner spricht hier zwar nicht von Ahnung, sondern von Vermuten, doch scheint es mir um die gleiche seelische Aktivität zu gehen: „Wer trivial denkt – und die heutige Welt ist nur allzu geneigt, trivial zu denken -, der wird uns leicht der Schwärmerei und Unklarheit bezichtigen. Aber wir Theosophen wissen, was die drei Worte bedeuten, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums, in welchen das Christentum noch zu den tiefsten Religionen der Welt gehörte, häufig genannt wurden: Wahrnehmen, Denken, Vermuten. – Diese drei Worte wurden nebeneinander genannt. Dass das Vermuten neben dem Wahrnehmen und Denken genannt wurde, das zeigt uns, dass die Menschen in Bezug auf die Erkenntnis nicht so unbescheiden waren wie heute. Ja, unbescheiden sind heute die Menschen in Bezug auf die Erkenntnis, unbescheiden deshalb, weil sie ablehnend sind gegenüber allem, was ihre Sinne und ihr Verstand nicht begreifen. (Beispiel der begrenzten Schnecken-Erkenntnis) … Was mein Verstand nicht wahrnehmen und nicht begreifen kann, das gibt es nicht in dieser Welt. – Zwei Dinge, Wahrnehmen und Denken, sind es, die uns in der Welt Schönheit, Größe und Zahl vermitteln. Aber es gibt noch ein drittes, das uns immer bescheiden sein lässt, das uns strebend sein lässt, das uns immer tiefer hineinführt in die Welt: das ist das Vermuten, das Vermuten, das es noch etwas geben könnte als das, was wir wissen. [er stellt einen Bezug zur begrenzten Wahrnehmung einer Schnecke her] … Deshalb hat man dem Wahrnehmen und dem Denken das Vermuten hinzugefügt, das Vermuten, dass, wenn wir uns weiterentwickeln, uns höhere Sinnesorgane aufgehen werden, die uns das aufschließen, was uns für gewöhnlich verschlossen ist in der Welt. So unterscheidet sich die Gesinnung des Theosophen von der des gewöhnlichen Wissenschaftlers dadurch, dass er sich entwickeln will, dass er ehrlich und rechtschaffen an die Entwicklung seiner Fähigkeiten glaubt und sich bemüht, an sich selbst zu arbeiten. … an sich zu arbeiten, damit uns höhere Organe aufgehen, damit wir in die Lage kommen, in dem, was uns umgibt, Bedeutungsvolles, Wichtiges wahrzunehmen. Das muss immer mehr und mehr abendländische Gesinnung werden, wenn die abendländische Menschheit nicht ganz in der materialistischen Strömung aufgehen will. Wenn diese theosophische Gesinnung sich immer mehr und mehr verbreitet, dann wird man einsehen, dass alles dasjenige, was äußere physische Tatsachen und Erscheinungen sind, die Folgen, die Wirkungen tieferliegender Ursachen sind, die in der astralen Welt oder in noch höheren Welten liegen. Gewöhnlich ist die abendländische Wissenschaft damit zufrieden, den Körper in allen seinen Bestandteilen zu erforschen. Aber die theosophische Gesinnung fragt: Hat dieser Körper sich selbst zusammengefügt? Wo könnte der Grund dafür sein? Können wir glauben, dass die Kräfte draußen in der Natur das Bedürfnis fühlen, sich zum Menschen zusammenzufügen? Nein. Wer in der höheren Welt zu sehen vermag, der weiß, dass der Mensch, bevor er im physischen Organismus lebt, vor seiner Geburt in einem astralen Dasein lebte. So wahr wir vor unserem physischen Dasein, vor unserer Geburt, ein astrales Dasein hatten, so wahr haben wir ein astrales Dasein auch nach unserer Geburt, und dieses reicht weiter als unser physischer Körper“ (GA 88, 28.10.1903).
Der Ich-Sprecher ruft also sein Ahnen auf, damit es als die dritte Kraft zur Wahrnehmung der Sinneswelt und zum Denken hinzutritt. Damit bereitet er sich vor, in der Traumes Dumpfheitauf, die im Mantra 8 H auftritt, trotzdem als bewusstes Selbst, als Ich-Sprecher, anwesend sein zu können. Denn nur dann kann er die gnadevolle Vereinigung des Gottes mit seiner Seele wach bezeugen.
9 I (großes i) — die Vollendung: Das Mantra 9 I ist das Mantra der Fronleichnams-Woche, des letzten christlichen Festes, dessen Datum variabel ist, weil es durch den Abstand zum vergangenen Osterfest definiert ist. Deshalb endet mit der Woche 9 I die Osterscholle, die an das variabel Osterdatum gebundene Zeit im Jahr. Wie eine Mondsichel liegt sie im Jahreskreis und kann mal mehr in das Sommer-Halbjahr schwingen, mal mehr in das Winter-Halbjahr. Es ist eine Zeitspanne (von zweimal 9 Wochen, da der Osterimpuls sich ebenso lange vorbereitet, wie er nachwirkt) die sozusagen ein Eigenleben entwickelt im Verhältnis zur Herrschaft der Sonne, die sich im Datum ausdrückt. Nur selten muss an dieser Stelle im Jahr nicht angepasst werden, die Mantren also gedehnt oder gestaucht werden, damit das Johannie‑, Michaeli- und Weihe-Nachts-Mantra auch mit den Wochen zusammenfallen, in denen die entsprechenden Feste ihrem Datum gemäß stattfinden. Es ist ein Schritt, der von der Woche 9 I zur Woche 10 K vollzogen werden muss und von der “Mondenzeit” in die “Sonnenzeit” des Jahres führt. Auch wenn dieser Schritt im gewöhnlichen Bewusstsein verschlafen wird, weil es so aussieht, als ob einfach eine weitere Woche beginnt, bedeutet er einen gewaltigen Umschwung. Der “Herrschaftsbereich” des Mondes wird verlassen und das “Reich der Sonne” wird betreten. Dies entspricht nach meiner Erkenntnis dem Übergang vom Leben im physischen Körper zum Leben nach dem Tode in der Geistwelt. Das Mantra 9 I schildert die Innensicht des Sterbeprozesses. Dieses Lebensgefühl des Ungewissen, das jetzt kommt, ist dem Mantra anzumerken.
Wie in den vorhergehenden beiden Mantren gibt es auch hier einen Ich-Sprecher, eine bewusste Instanz, die wahrnimmt, was geschieht. Der Ich-Sprecher schildert im Mantra 9 I zunächst die Situation, dann teilt er mit, was das Geistesschauen ihm gebietet und die Ahnung ihm kündet.
Der Ich-Sprecher nimmt wahr, dass ein Veränderungsprozess stattfindet. Die Willenseigenheit ist im Begriff, von ihm vergessen zu werden. Die Bedingungen seines Lebens verändern sich gerade in der Weise, dass die Willenseigenheit unwichtig wird. Sie ist dabei vergessen zu werden. Das Erleben, ein Eigenwesen zu sein mit eigener Lebenskraft und deshalb auch mit dem Willen, dieses Leben zu bewahren, es unbedingt zu wollen — also ein Eigenwesen mit Lebenswille zu sein — dieses Erleben verdämmert gerade im Bewusstsein. Der Kampf ums Überleben wird aufgegeben, die Willenseigenheit vergessen — denn der Körper stirbt. Gleichzeitig erfüllt den Geist und das Seelenwesen des Ich-Sprechers Weltenwärme. Diese Aussage bestätigt die Annahme, dass hier der Tod beschrieben wird, denn es ist nur vom Geist und Seelenwesen die Rede, nicht von einem Körper, der ja die Dreiheit von Körper, Seele, Geist erst komplett macht. Und auch die Weltenwärme, die den Geist und das Seelenwesen erfüllt, ist keine individuelle Eigenwärme, sondern etwas Umfassendes, Allgemeines. Die Weltenwärme kündet dem Ich-Sprecher vom Sommer. Die Weltenwärme kündet von einer kommenden Zeit, in der der Geist und das Seelenwesen sich ganz dem Sommer, der Wahrnehmung hingeben werden. Das bedeutet, ganz Eins zu werden mit der Welt, die in diesem Falle eine geistige ist. Deshalb gebietet das Geistesschauen dem Ich-Sprecher, sich wahrnehmend im Licht zu verlieren, mit dem Licht zu verschmelzen. Und nun kündigt sich noch ein weiterer Schritt an. Die Ahnung kündet dem Ich-Sprecher, auch den letzten Rest der alten Identität aufzugeben. Die Ahnung kündet kraftvoll. Sie ist keine zarte Stimme, die leicht überhört werden kann. In dieser Situation spricht sie kraftvoll und gibt dem Ich-Sprecher den Auftrag, sich zu verlieren, um sich (neu) zu finden. Wie der Vogel Phönix soll er sich ins Feuer stürzen, sich von Weltenwärme durchdringen lassen und Eins werden mit dem Licht, um in Zukunft neu daraus hervorzugehen, sich erst wirklich zu finden.
Im Mantra 7 G musste die Gefahr des Selbstverlustes abgewendet werden, im Mantra 9 I muss der Ich-Sprecher sich selbst verlieren, um sich zu finden. Dazwischen steht das Pfingstmantra 8 H und macht die vollständige Transformation von 9 I erst möglich durch die gnadevolle Vereinigung des göttlichen Wesens mit der Seele. Um diesen Gott in der Seele zu finden, muss der Ich-Sprecher verlieren, was er vorher als Mensch war. Oder anders gesagt, erst der Neue Bund ermöglicht es dem Menschen, nach dem Tod verbunden zu sein mit den höheren Lebenskräften, den Auferstehungskräften.
Diese drei Mantren beschreiben einen Prozess, einen Weg, der sich auch durch die drei Zeitqualitäten in den Mantren zeigt. Im Mantra 7 G wird der Ich-Sprecher mit der Gefahr des saugenden Weltenlichtes konfrontiert. Diese Gefahr hat sich in der davorliegenden Zeit aufgebaut. Im Mantra 9 I wird eine Anweisung für die Zukunft gegeben. Das Pfingstmantra 8 H ist dagegen ganz aus dem Gegenwarts-Erleben geschrieben.
Den Neuen Bund erlebe ich mit der linearen Zeit verbunden. Die Spitze des Zeitstrahls, die Gegenwart, beinhaltet in jedem Moment die Möglichkeit, dass sich durch den von der Zukunft ausgehenden Zeitstrom das göttliche Wesen mit der Seele vereinigt. Von Buddha ist folgender Ausspruch überliefert: “Der Weg liegt nicht im Himmel. Der Weg liegt im Herzen.” Die äußere Zeit verstehe ich als Weg im Himmel, doch die Zeit, die den Menschen betrifft, ist die im Herzen erlebte. Deshalb liegt der Weg im Herzen. Und das Herz steht immer an dieser Grenze von Sein und Werden. Hier an dieser Spitze des Zeitstrahls muss sich das Selbst halten können. Es darf sich nicht voreilig von der Spitze in die noch nicht anwesende Zukunft stürzen — entsprechend wie Christus auf der Tempelzinne stehend dem Versucher widerstehen musste. Die Welt des zukünftigen Seins ist die Geistwelt, der Sonnenbereich. Bevor sie betreten werden kann, ist eine vollständige Transformation notwendig, wie sie das Mantra 9 I schildert.
