
Der Zeit-Impuls des Mantras 6 F ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 5 E
Im Lichte das aus Geistestiefen Im Raume fruchtbar webend Der Götter Schaffen offenbart: In ihm erscheint der Seele Wesen Geweitet zu dem Weltensein Und auferstanden Aus enger Selbstheit Innenmacht. |
6 F
Es ist erstanden aus der Eigenheit Mein Selbst und findet sich Als Weltenoffenbarung In Zeit- und Raumeskräften; Die Welt, sie zeigt mir überall Als göttlich Urbild Des eignen Abbilds Wahrheit. |
7 G
Mein Selbst, es drohet zu entfliehen, Vom Weltenlichte mächtig angezogen; Nun trete du mein Ahnen In deine Rechte kräftig ein, Ersetze mir des Denkens Macht, Dass in der Sinne Schein Sich selbst verlieren will. |
Der Zeitimpuls von 6 F: Das Selbst zwischen Enge und Flucht
vorbereitet durch den Lichtspruch (5 E), in dem das Wesen der Seele auferstanden erscheint
vollendet durch den Krisenspruch (7 G), indem zum gedanklich erfassten Selbst das Ahnen hinzutreten muss
Zwei Vorausschickungen
Die Einheit von Licht- Zwischen- und Krisenspruch
Die drei Mantren, die nun zu betrachten sind, heben sich von den vorhergehenden und auch den nachfolgenden ab. Ihre Zusammengehörigkeit bestimmt sich nicht nur dadurch, dass sie aufeinander folgen, sondern auch durch eine übergeordnete Struktur im Seelenkalender, deren Teil sie sind. Deshalb will ich zunächst auf die Besonderheiten dieser Dreiergruppe eingehen.
Das Mantra 6 F nenne ich einen Zwischenspruch, da es zwischen zwei herausgehobenen Mantren, einem Licht- und einem Krisenspruch liegt. Im Jahreskreis gibt es vier solcher Dreier-Gruppen. Bei näherer Betrachtung thematisiert jede dieser Gruppen ein anderes Element und dieses Element weist auf die ihm zugeordnete Ätherart: das Erd-Element auf den Lebensäther, das Wasser-Element auf den chemischen oder Klang- bzw. Ton-Äther, das Luft-Element auf den Licht-Äther und das Feuer-Element auf den Wärme Wärmeäther.
Rudolf Steiner ordnet diese Elemente unter Hinzufügung eines fünften, des Gedanken-Äthers, in einem Fünfstern an. Und er sagt, dass den menschlichen Körper Ätherströmungen in eben dieser Ordnung durchziehen. Allerdings entspricht die hier anzutreffende Anordnung der Ätherarten derjenigen, die im Seelenkalender-Jahreskreis vorhanden ist, nur unter zwei Bedingungen: zum einen erscheinen die Ätherarten in den Mantren nicht dort, von wo sie laut Rudolf Steiner ausgehen, sondern bei ihren fünf Zielen, wie sie in der folgenden Abbildung definiert sind; zum anderen muss das fünfte Element, der Gedankenäther, im Schwellenspruch 14 N (mit seinen Nachbarn) gesucht werden. Eben diesen im Seelenkalender sichtbar gewordenen Elemente-Fünfstern findet man auch in der asiatischen Fünf-Elemente Lehre, sofern das Element Holz als der Gedankenäther verstanden wird. Dieser Gedanken-Äther ist für mich das Bewusstsein.

Die Strömungen im Ätherleib von Rudolf Steiner und der asiatische Elemente-Fünfstern — in den Licht- Zwischen und Krisensprüchen
(Die Farbgebung innerhalb des Jahreskreises entspricht der asiatischen Tradition, außerhalb meiner Gepflogenheit.)
Diese fünf Strömungen im Ätherleib beschreibt Rudolf Steiner folgendermaßen: “In der uns umgebenden Welt, überall auf der Erde sind wir stets von fünf Ätherströmungen umgeben. Die Ätherströmungen werden folgendermaßen im Sinne der Rosenkreuzer-Schulen bezeichnet: Erde-Äther, Wasser-Äther, Feuer-Äther, Luft-Äther und Gedanken-Äther. … So wie nun in der uns umgebenden Natur diese Ätherströmungen stets vorhanden sind, so sind auch im Menschen in einer ganz bestimmten Art und Weise diese Ätherströmungen in Tätigkeit, und zwar geht der Erde-Äther vom Kopfe aus zum rechten Fuß, von da aus der Wasser-Äther zur linken Hand, dann von der linken Hand aus der Feuer-Äther zur rechten Hand, von da aus der Luft-Äther zum linken Fuße, und von dort aus der Gedanken-Äther zum Kopfe zurück. Dadurch entsteht folgende Figur:

Dieses ist das Pentagramm der Okkultisten, das heilige Fünfeck, «das Zeichen des Menschen». Seine Spitze ist nach oben gerichtet, und es wird dadurch angedeutet, daß das Geistige aus der Höhe dem Menschen entgegenströmt.” (Lit.: GA 266a, S. 183f, Hervorhebung A.F.)
Rudolf Steiner zeichnete einen Menschen, der dem Betrachter gegenübersteht. Im Seelenkalender sind die Elemente dagegen so angeordnet, dass der Pentagramm-Mensch sein Rechts auf der rechten Seite des Betrachters hat, sein Links auf der linken, er also mit dem Betrachter in dieselbe Richtung schaut.
Ich veranschauliche diese Ätherarten im Seelenkalender-Jahreskreis als ausstrahlende Pfeile, da diese Kräfte im Ätherleib und deshalb im Innern des Menschen wirken und von dort ausstrahlen. Gleichzeitig sind sie Teil der Kräfte, die durch den Fortschritt der Zeit Mantra für Mantra in die Erdsphäre und damit in den Jahreskreis einstrahlen.
Die Mantren 5 E, 6 F und 7 G thematisieren jeweils von einem anderen Aspekt den chemischen- bzw. Ton-Äther (bzw. auch Klang- oder Wasser-Äther genannt), der sich im wässrigen Element darstellt.
Himmelfahrt
In der Woche 6 F liegt stets das Fest von Christi Himmelfahrt. Nach mittelalterlicher Vorstellung wurde der Auferstandene von der Wolkensphäre aufgenommen und so den Blicken der Jünger entzogen. In den 40 Tagen nach Ostern konnten die Jünger den Auferstandenen wahrnehmen, danach nicht mehr. Es ist zu erwarten, dass das Himmelfahrtsereignis im Mantra 6 F zu erkennen ist. Die Wolkensphäre, die Christus aufnahm, deutet auf den chemischen oder Ton-Äther, dessen Element das Wasser ist.
Rudolf Steiner gibt eine Erklärung für Christi Himmelfahrt, die überrascht. Diejenigen, die den Christus in sich aufgenommen haben und deshalb „… ihren Leib gerettet wissen, sie würden nun den Christus, als die in ihnen wirkende Wesenheit, die in ihnen auch leiblich wirkende Wesenheit, in sich tragen müssen. Und damit könnten die Menschen wieder nicht freie Wesen werden. … Wenn sie hätten gut werden wollen, dann hätten sie den Christus so in sich wirken lassen müssen, wie im Altertum der Vater gewirkt hatte in den Menschen, die nicht Initiierte waren. Damals sind die Menschen, indem das Ich in ihnen entwickelt wurde, frei geworden. Die Initiierten wurden freie Menschen in alten Zeiten, die anderen waren unfrei, weil der Vater unbewußt in ihnen lebte. Wären nun die Christen des Christus in sich bewußte Wesenheiten gewesen, dann hätten sie jederzeit, wenn sie hätten gut werden wollen, auslöschen müssen ihr Ich-Bewußtsein, um den Christus mit Auslöschung dieses Ich-Bewußtseins in sich zu erwecken. Nicht sie selber hätten gut sein können, sondern lediglich der Christus in ihnen hätte gut sein können.“ (GA 214, S. 67f, Hervorhebungen A.F.)
Und etwas später führt er aus, dass der Mensch erst frei werden konnte, indem er nicht den Christus in sich erlebt, sondern den Heiligen Geist: „Dazu war notwendig, daß der Christus als solcher vor der unmittelbaren Anschauung der Menschen verschwand, daß er zwar vereinigt blieb mit dem irdischen Dasein, aber vor dem unmittelbaren Anblick der Menschen verschwand. Auf ihn wurde anwendbar derjenige Ausdruck, der ja auch in den alten Initiationsstätten für so etwas üblich war: Wenn ein Wesen, das physisch sichtbar ist, das von den Menschen, die in der physischen Welt ihre Anschauung haben, seinem Dasein nach verfolgt werden kann, aufhört sichtbar zu sein, so sagt man, es habe seine Himmelfahrt gehalten. Es ist eben eingetreten in diejenigen Regionen, in denen die physische Sichtbarkeit nicht mehr stattfindet. So hat der Christus seine Himmelfahrt gehalten, so ist er unsichtbar geworden. Denn er hatte in einer gewissen Weise seine volle Sichtbarkeit behalten, wenn er den Menschen innegewohnt und das Ich ausgelöscht hätte, so daß diese nur hätten gut werden können dadurch, daß der Christus eigentlich in ihnen handelnd gewesen wäre.
Die Art und Weise, wie der Christus noch den Aposteln, den Jüngern auch nach seiner Auferstehung sichtbar war, diese Art und Weise verschwand: Der Christus hielt seine Himmelfahrt. Aber er sandte den Menschen diejenige göttliche Wesenheit, die nun nicht das Ich- Bewußtsein auslöscht, zu der man sich erhebt nicht im Anschauen, sondern gerade im unanschaulichen Geiste. Er sandte den Menschen den Heiligen Geist.
So ist eigentlich der Heilige Geist dasjenige, was von dem Christus gesandt werden sollte, damit der Mensch sein Ich-Bewußtsein behalten könne und der Christus dem Menschen unbewußt innewohnen kann. So daß der Mensch, wenn er nun im vollen Sinne des Wortes sich vor die Seele führt, was er eigentlich für ein Wesen ist, sagen muß: Wenn ich zurückblicke zu dem, was die alten Initiierten wußten, so sehe ich, daß in mir lebt das Vaterprinzip, welches den Kosmos erfüllt, welches in diesen alten Initiierten auftrat und bei ihnen das Ich entfaltete. Das ist dasjenige Prinzip, welches mit uns lebte, bevor wir heruntergestiegen sind in die physische Welt. — Durch das Innewohnen dieses Vaterprinzips erinnerten sich die alten Initiierten in vollständiger Klarheit an die Art und Weise, wie sie lebten, bevor sie heruntergestiegen waren in die physische Welt. Da suchten sie das Göttliche in dem Vorgeburtlichen, in dem Präexistenten: Ex deo nascimur.
Nach dem Mysterium von Golgatha hat für den Menschen nicht bleiben können: «Den Christus schaue ich», denn dann hätte er eben nicht gut werden können durch sich selber, dann hätte nur der Christus in ihm gut sein können. Es konnte nur über den Menschen kommen das: In Christo morimur. Sterben konnte er in den Christus; mit demjenigen, was Todesprinzip in ihm ist, konnte er den Christus vereinigen. Aber sein neues Bewußtsein konnte erweckt werden durch die Wesenheit, die der Christus ihm sandte, durch die Wesenheit des Heiligen Geistes: Per spiritum sanctum reviviscimus.“ (GA 214, S. 68ff, Hervorhebungen A.F.)
Das den Jüngern von der Auferstehung bis zu Christi Himmelfahrt geschenkte direkte Erleben des Auferstandenen musste also zugunsten seiner Entwicklung zu einem freien Wesen aufgegeben werden. Nun muss er sich die Gotteserfahrung durch die Kraft des Heiligen Geistes erringen, denn nur so kann er neben der Christuserfahrung sein Ich-Bewusstsein bewahren.
6 F — das Mantra der Woche: Das Mantra 6 F beginnt mit einer Feststellung des Ich-Sprechers und liest sich durchgängig als dessen Selbstreflektion. In diesem Mantra kommt das klare, wache Selbstbewusstsein eines Menschen zum Ausdruck, das nur durch einen langen Entwicklungsweg errungen werden kann.
Der Ich-Sprecher konstatiert, das sein Selbst aus der Eigenheit erstanden ist. Das Selbst, das, wofür sich der Mensch hält, war in der Eigenheit wie “begraben”. Darunter verstehe ich die jedem Menschen geläufige Erfahrung, ein von allen anderen Wesen getrenntes Eigenwesen zu sein mit eigenem Körper, Leben und Bewusstsein. Die Wahrnehmung, Glied einer größeren Ganzheit zu sein, spielte dagegen eine untergeordnete Rolle. Aus dieser Gefangenschaft, der Eigenheit, ist das Selbst erstanden. Doch was ist das Selbst, wenn es nicht der eigene Körper ist?
Im Mantra heißt es direkt im Anschluss, das sich das Selbst findet — neu findet — und zwar als Weltenoffenbarung. Diese Offenbarung ist eine zweifache. Das Selbst findet sich als Offenbarung der Zeitkräfte und der Raumeskräfte.
Was ist also das Selbst? Rudolf Steiner erklärt: “Ich wollte zeigen, wie man allmählich dahin kommen kann, das, was in unserem Inneren lebt als astralischer Leib und Selbst, seiner wahren Gestalt nach, nicht in der Maja, zu erkennen; denn so wie der Mensch seinen astralischen Leib innerlich erlebt, so ist es nicht der wirkliche astralische Leib, so ist es der astralische Leib, wie er sich spiegelt im Ätherleib. Und was der Mensch sein Selbst nennt, ist nicht das wirkliche Ich, ist das Ich, wie es sich spiegelt im physischen Leib. Spiegelbilder seines Inneren erlebt der Mensch nur. Und wenn er unreif die Gestaltungen dieses eigenen inneren Astralleibes und Ichs erleben würde, so entstünden in ihm Zerstörungstriebe, so würde er ein aggressives Wesen, so entstünde in ihm die Lust zu schaden. … Und dadurch lernt man nur astralischen Leib und Ich in ihrer wirklichen Gestalt erkennen, daß man weiß: Man darf sie nur erkennen lernen, wenn man zugleich bejaht die Notwendigkeit, daß sie sich entwickeln und würdig und wert machen müssen, das zu sein, was sie sein sollen. Die innerste Natur des astralischen Leibes ist der Egoismus; das Ideal muß aber sein, Egoist sein zu dürfen, weil die Weltinteressen die eigenen Interessen werden. Das Ideal muß sein, in das andere Wesen untertauchen zu dürfen, weil der Wille vorliegt, in den anderen Wesen nicht sich zu suchen mit seinen Interessen, sondern das andere Wesen bedeutungsvoller zu finden, als man sich selber findet.” (Lit.: GA 145, S. 188, Hervorhebungen A.F.)
Das Selbst war vordem die Spiegelung des Ichs am physischen Leib. Doch nun, da das Selbst, wie das Mantra 6 F sagt, erstanden ist, spiegelt es sich nicht mehr am physischen Leib, sondern in der Offenbarung der Zeit- und Raumeskräfte.
In dieser Offenbarung erkenne ich die spiegelnde Eigenschaft des Wassers wieder, das der physische Ausdruck des chemischen- bzw. Klang-Äthers ist. Doch warum findet sich das Selbst in einer zweifachen “Abspiegelung”? In der Genesis wird vom zweiten Schöpfungstag gesagt, das die oberen Wasser von den unteren getrennt wurden. In dieser Trennung erkennt Rudolf Steiner den Klang-Äther wieder: “So haben wir gestern gesehen, wie der Wärmezustand sich wiederholt im Geiste der Elohim, die über den Wassern brüteten, wie sich das Licht wiederholt in dem Momente, der bezeichnet wird mit den Worten «Es werde Licht», dass sich der Zustand des Klangäthers wiederholt da, wo diese Klangätherkräfte einschlagen und das obere von dem Unteren trennen. Das wird dargestellt in der Schilderung, die gewöhnlich als der zweite Schöpfungstag bezeichnet wird.” (GA 122, S. 104f) Die Zeitkräfte kann ich als das obere Wasser betrachten, die Raumeskräfte als das untere. Die Zeit- und Raumeskräfte werden im Jahreskreis, in der Zeit als Raum, ansichtig — auch hier in zweifacher Erscheinung als Kreis und als Ei.
Das Mantra fährt fort, dass die Welt dem Ich-Sprecher, in den Zeit- und den Raumeskräften, im oberen und unteren “Wasser” sein göttliches Urbild gespiegelt zeigt. So erkennt dieser Ich-Sprecher sein eigenes Abbild-Sein im Anblick der zweifachen göttlichen Urbild-Offenbarung — und damit dessen Wahrheit.
Das Bild des Menschen in diesen beiden Offenbarungen zu erkennen bedeutet für mich, die Kräfte des Heiligen Geistes zu erringen, um den Christus auch in den Himmeln, nach seiner Himmelfahrt wahrnehmen zu können. Das Mantra 6 F mit seinem Ich-Sprecher legt Zeugnis davon ab, dass dies möglich ist, ohne das Ich-Bewusstsein zu verlieren.
5 E — die Vorbereitung: Das Mantra 5 E ist als eine Beschreibung von Sachverhalten verfasst, eine selbstbewusste Instanz, einen Ich-Sprecher, gibt es nicht. Dadurch handelt es sich hier um Prozesse, die nicht in das Tagesbewusstsein reichen und gewöhnlich nicht vom Menschen reflektiert werden können. Mit diesem Mantra befinden wir uns also im Nachtbereich der Seele.
Im Mantra 5 E kommt das Licht aus Geistestiefen, wie auch im Mantra 31 e. Dieses Licht erkenne ich als die sich zu Bewusstsein wandelnde Lebenskraft. Und dieses Licht webt fruchtbar, hervorbringend im Raum — es ist wirksam. Und in diesem Licht offenbart sich zweierlei: das ist zum einen das Schaffen der Götter, zum anderen das Wesen der Seele. Doch die Seele erscheint nicht inkarniert in einem Körper, sondern geweitet zum Weltensein. Sie ist auferstanden aus der Enge der Selbstheit Innenmacht. Die Seele ist nicht mehr gefangen im Körper und nur inneres Leben. Sie ist Welt geworden. Die Dualität, das Gegenüberstehen von Mensch und Welt ist überwunden. Die Weltensein gewordene Seele hat in die Einheit mit allem Sein zurückgefunden.
Das Licht aus Geistestiefen gleicht der aus der Tiefe sprudelnden Quelle — deren Wasser der Erde Fruchtbarkeit schenkt und dem Leben erlaubt sich zu entfalten. Und den Göttern erlaub dieses Licht, sich in der Lebensentfaltung schaffend zu offenbaren. Ihre Schöpfertätigkeit kann als der chemische Äther, als das Binden und Lösen der Stoffe in den Prozessen des Werdens und Vergehens beschrieben werden. Dieser Äther wird auch der Ton- oder Klang-Äther genannt und seine Tätigkeit wurde in der Weltenharmonie erlauscht.
Rudolf Steiner beschreibt diese Ätherart, hier Klang-Äther genannt, im Zusammenhang mit der Schöpfungsgeschichte. Er sagt, dass bevor z.B. das Licht wahrgenommen werden kann von einem Wesen, dieses Wesen vorher im Licht gewirkt haben muss, mit ihm vereint gewesen sein muss, ohne ihm wahrnehmend gegenübertreten zu könne. Als die in der Genesis beschriebene Schöpfung einsetzte, war die Warhnembarkeit des Lichtes für die Elohim gegeben, des Tones jedoch noch nicht: “Wir müssen also erwarten, dass das, was für das Licht während der alten Mondenentwickelung vorhanden war, während der Erdenentwickelung für das Klangätherische vorhanden ist. Mit anderen Worten, es geht während der Erdenentwickelung mit dem Klangäther so, wie es während der Mondenentwickelung mit dem Lichtäther ging. — Das würde bedingen, dass für die Elohim das, was wir geistig klanghaft nennen, nicht in solcher Weise rückstrahlend wahrzunehmen ist wie das Lichthafte. Wenn also die Genesis uns andeuten wollte, dass die Entwickelung vorschreitet von der Wirksamkeit des Lichtätherischen zu der des Klangätherischen, dann müsste sie uns etwa sagen: «Und die Elohim sahen im Erdenwerden das Licht und sahen, dass es schön ist» -, aber nun dürfte sie nicht in derselben Weise fortfahren: «Und die Elohim nahmen wahr während dieser Phase das Klangätherische», sondern sie müsste sagen: «Sie lebten und webten in diesem.» Dann dürfte auch nicht vom sogenannten zweiten Schöpfungstage gesagt werden, dass die Elohim wahrnahmen jene Erregung, die die Stoffe nach oben und unten abteilt. Da dürfte von dieser Arbeit der Elohim nicht gesagt werden zum Beispiel: sie nehmen sie wahr, sondern da müsste in der Genesis dieses Wort vom Wahrnehmen und Schönsein ausgelassen sein. Dann würde es dem entsprechen, was wir durch die Geisteswissenschaft konstatieren können. Also es müsste der Seher, der die Genesis geschrieben hat, am zweiten Schöpfungstag den Satz auslassen «Und die Elohim sahen… .»” (GA 22, S. 140) Und genau diese Erwartung findet Rudolf Steiner im Schöpfungsbericht des zweiten Schöpfungstages bestätigt, in dem die Wasser getrennt wurden, wie zum Mantra 6 F angeführt.
Und wie kann das Erscheinen des Wesens der Seele in diesem Licht vorgestellt werden, obwohl doch kein Ich-Sprecher in diesem Mantra anwesend ist? Rudolf Steiner beschreibt, dass der Klang-Äther seine Wirksamkeit entfaltet während wir schlafen. “Was durchdringt nun während des Schlafes unseren astralischen Leib? Wenn wir außerhalb unseres physischen Leibes sind in der Nacht, dann ist unser astralischer Leib durchlebt und durchwebt von den Sphärenharmonien, von dem, was sonst sich nur im Äther, im Klangäther verbreiten kann. Wie etwa auf einer Metallplatte, die mit einem gewissen Staub bestreut worden ist, die Schwingungen, die die Luft durchpulsen, wenn man die Platte mit einem Violinbogen streicht, auch innerhalb dieses Staubes fortpulsieren und die bekannten Chladnischen Klangfiguren erzeugen, so durchzittern und durchpulsen den Menschen während der Nacht die Sphärenharmonien und bringen wieder in Ordnung, was der Mensch während des Tages mit den äußeren Sinneswahrnehmungen in Unordnung gebracht hat. Und was den Lebensäther [dem Erd-Äther, A.F.] durchwebt und durchlebt, das durchpulst uns auch während des Schlafzustandes, nur hat der Mensch keine Wahrnehmung für dieses innerliche Leben seiner Hüllen, wenn er vom physischen und Ätherleibe getrennt ist. Im normalen Zustande besitzt der Mensch nur ein Wahrnehmen, wenn er wieder untertaucht in den physischen Leib und Ätherleib und die äußeren Organe des Ätherleibes zum Denken und die äußeren Organe des physischen Leibes zum sinnlichen Wahrnehmen benutzt.” (GA 123, S. 59)
So stelle ich mir vor, dass das Wesen der Seele im Licht aus Geistestiefen erscheint wie eine Chladnische Klangfigur. Und weil dieser hervorbringende Ton Teil der Weltenharmonie ist, ist auch die Seele geweitet zum Weltensein. Und nur, weil Nacht für Nacht der Ätherleib vom chemischen bzw. Ton- oder Klang-Äther (und dem Lebensäther) nach der Weltenharmonie geordnet wird — wie es im Mantra 5 E beschrieben wird — kann am Tage das Ich sich als Selbst erkennen und als Weltenoffenbarung finden, wie es im Mantra 6 F beschrieben wird.
7 G — die Vollendung: Das Mantra 7 G ist ein Krisenspruch. Wie in allen Krisensprüchen ist hier ein Ich-Sprecher, der in einem Selbstgespräch seine Situation reflektiert. Er benennt die Gefahr und kennt auch die Lösung. Nur im Krisenspruch 46 u gibt es ebenfalls eine Lösung, die aufgerufen werden kann, in den Krisensprüchen 20 T und 33 G nicht.
Im Mantra 7 G besteht die Gefahr darin, dass das Selbst droht zu entfliehen. Wenn der Ich-Sprecher in seinem wachen Tagesbewusstsein nicht mehr weiß, wer er ist, ihm sein Selbst entflieht, wie das bei Demenz oder anderen schweren psychiatrischen Krankheiten der Fall sein kann, dann ist das ein ernsthaftes Problem. Hervorgerufen wird diese Bedrohung, so sagt das Mantra, durch das Weltenlicht, denn dieses Weltenlicht zieht das Selbst mächtig an.
Was ist das Weltenlicht und warum bedroht es das Erleben, ein Selbst zu sein? Das Mantra 6 F beschrieb die hellsichtige Erkenntnis des Selbst als zweifache Weltenoffenbarung. Doch kommt es beim Eintritt in die geistige Welt, beim hellsichtigen Schauen, zu einem Problem, wenn der Mensch sein Bewusstsein von sich selbst verliert — sein Selbst oder Ich-Gefühl. Rudolf Steiner sagt: “Wenn in der richtig entwickelten menschlichen Geistes-Schau das Erwachen in der übersinnlichen Welt eintritt, so bleibt die Erinnerung an die Erlebnisse der Seele in der Sinneswelt vorhanden. Diese Erinnerung muß vorhanden bleiben, sonst wären in dem hellsichtigen Bewußtsein wohl die anderen Wesenheiten und Vorgänge vorhanden, nicht aber die eigene Wesenheit. Man hätte dann kein Wissen von sich; man lebte nicht selbst geistig; es lebten in der Seele die anderen Wesenheiten und Vorgänge. Man wird, dies bedenkend, begreiflich finden, daß die richtig entwickelte Hellsichtigkeit einen großen Wert legen muß auf die Ausbildung des starken «Ich-Gefühls».” (Lit.: GA 17, S. 57f)
Das Weltenlicht im Mantra 7 G könnte also das Äther-Licht sein, das den Menschen in die Geistsphäre zieht, für die er jedoch das auf der Erde errungene Bewusstsein seiner selbst braucht, um dort zu bestehen. Weiter sagt Rudolf Steiner: “Das starke «Ich-Gefühl» ist nicht durch den ätherischen Leib als solchen vorhanden, sondern durch die Seele, welche sich in dem physisch-sinnlichen Leib erlebt. Bringt es die Seele nicht von ihrem Erleben in der Sinneswelt in den hellsichtigen Zustand hinein mit, so wird sich ihr zeigen, daß sie für das Erleben in der elementarischen Welt nicht zureichend gerüstet ist.” (Lit.: GA 17, S. 57ff)
Wenn die Seele ohne starkes Selbst, ohne Ich-Gefühl in die geistige Welt eintritt, entflieht ihr das Selbst. Und was dann droht, schildert Rudolf Steiner folgendermaßen: “Die Erfahrungen des schauend werdenden Bewußtseins zeigen in bezug auf das Vorgesagte ganz besondere Eigentümlichkeiten. Während das Ich-Gefühl — das aber für das Erleben in den übersinnlichen Welten notwendig ist — leicht sich abdämpft, oft sich wie ein schwacher, verlöschender Erinnerungsgedanke verhält, werden Gefühle des Hasses, der Lieblosigkeit, werden unsittliche Triebe zu starken Seelenerlebnissen gerade nach dem Eintritte in die übersinnliche Welt; sie stellen sich vor die Seele wie lebendig gewordene Vorwürfe hin, werden gräßlich wirkende Bilder. …
Ein übermäßig entwickeltes Ich-Gefühl in der Sinneswelt wirkt der Sittlichkeit entgegen. Ein Ich-Gefühl, welches zu schwach entwickelt ist, bewirkt, daß die Seele, die tatsächlich von den Stürmen der elementarischen Sympathien und Antipathien umkraftet ist, der inneren Sicherheit und Geschlossenheit entbehrt. Diese können nur vorhanden sein, wenn in den ätherischen Leib, der dem gewöhnlichen Leben unbewußt bleibt, ein genügend starkes Ich-Gefühl von dem sinnlich- physischen Erleben aus hineinwirkt.” (Lit.: GA 17, S. 57ff)
Das ist es also, was dem Mensche droht. Der Ich-Sprecher im Mantra 7 G ruft deshalb sein Ahnen auf, damit diese Kraft sich Geltung verschafft, in ihre Rechte eintritt. Sie soll das Denken ersetzen, denn dem entfliehenden Selbst, dem nicht zu bewahrenden Ich-Gefühl, liegt ein Denken zugrunde, dass sich im Schein der Sinne selbst verliert. Mit diesem Denken ist sicherlich das materialistische Denken gemeint, das sich in immer kleinere Details vergräbt und dabei das Wesentliche aus den Augen verliert.
Das Ahnen lässt offen. Das Denken will feststellen, definieren und abgrenzen will. Ahnen öffnet den Raum und lauscht in Sphären, die dem Denken dunkel und verschlossen bleiben. Durch die Ahnen, die verstorbenen Vorfahren ist das Ahnen untrennbar mit der geistigen Welt verbunden und kann dorthin führen. In der geistigen Welt, wenn kein physischer Körper für die Abspiegelung des Ichs zur Verfügung steht, beruht das Ich-Gefühl auf der Erinnerung an diesen Leib. Möglicherweise übernimmt das Ahnen im Vorblick auf den Tod und den Eintritt in die geistige Welt dieselbe Aufgabe wie danach die Erinnerung.
In der Zusammenschau der drei Mantren wird deutlich, dass sie alle vom Selbst und seinem Zusammenhang mit Welt-Aspekten sprechen. Im Mantra 5 E ist das Wesen der Seele aus der engen Selbstheit Innenmacht auferstanden, indem es zum Weltensein geweitet erscheint. Im Mantra 6 F findet sich das Selbst als Weltenoffenbarung, nachdem es aus der Eigenheit erstanden ist. Im Mantra 7 G droht das Selbst zu entfliehen, weil es vom Weltenlicht mächtig angezogen wird.
Erscheint das Selbst im Mantra 5 E noch als zu überwindende, beengende Innenmacht, als Selbstheit, das heißt in seinem negativen, im Körper sozusagen gefangenen Aspekt, so wird es im Mantra 6 F gerade als dasjenige benannt, das sich wiederfindet nachdem die Eigenheit überwunden ist. Doch schon im Mantra 7 G droht dieses Selbst zu entfliehen, denn das Denken kann es nicht halten — das Ahnen wohl schon. Hält das Selbst im Mantra 6 F seine Himmelfahrt, droht es im Mantra 7 G dem Denken auch schon wieder zu entfliehen.
Das entgegengesetzte Extrem ist das Ego, der alleinige Selbstbezug, die Enge der Selbstheit Innenmacht (5 E). Den Gleichgewichtszustand zeigt der Spruch 6 F. Das Selbst ist erstanden aus der Eigenheit und findet sich auf zweifache Weise. Die Welt bleibt Gegenüber, sie zeigt das göttliche Urbild, dessen wahres Abbild das Selbst ist, zweifach — aus zwei Perspektiven. Das Selbst findet sich als Offenbarung der Zeitkräfte und als Offenbarung der Raumkräfte. Die Gefahr der Raumkräfte für das Selbst ist die Enge und Begrenztheit des Egos, der Selbstheit Innenmacht (5 E). Die Gefahr der Zeitkräfte ist das Entfliehen des Selbst, so wie jeder Gegenwartsmoment entflieht, verrinnt (7 G).
Die Welt als Gegenüber, als Urbild der Seele und des Selbst zeigt eine bedeutende Metamorphose: Weltensein (5 E) Weltenoffenbarung (6 F) Weltenlicht (7 G). Im Weltensein ist der Vatergott ahnbar, in der Weltenoffenbarung der Sohnesgott und im Weltenlicht der Heilige Geist. Der göttliche Vater und der Sohn wirken ohne menschliches Zutun auf gute Art und Weise. Doch für das Wirken des hinaufsaugenden Weltenlichtes muss der Mensch erst genügend Kraft gesammelt haben, um sein Selbst auch in der geistigen Welt bewahren zu können. Erst dann kann der Heilige Geist nicht drohend, sondern heilend wirken.
