
Der Zeit-Impuls des Mantras 5 E ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 4 D
Ich fühle Wesen meines Wesens: So spricht Empfindung, Die in der sonnerhellten Welt Mit Lichtesfluten sich vereint; Sie will dem Denken Zur Klarheit Wärme schenken Und Mensch und Welt In Einheit fest verbinden. |
5 E
Im Lichte das aus Geistestiefen Im Raume fruchtbar webend Der Götter Schaffen offenbart: In ihm erscheint der Seele Wesen Geweitet zu dem Weltensein Und auferstanden Aus enger Selbstheit Innenmacht. … |
6 F
Es ist erstanden aus der Eigenheit Mein Selbst und findet sich Als Weltenoffenbarung In Zeit- und Raumeskräften; Die Welt, sie zeigt mir überall Als göttlich Urbild Des eignen Abbilds Wahrheit. … |
Der Zeitimpuls von 5 E: Transzendenz — das Verhältnis von Mensch und Welt bzw. Seele, Selbst und Welt
vorbereitet durch die Vereinigung von Mensch und Welt durch die Empfindung (4 D),
vollendet durch das erstandene Selbst, das sich als Weltenoffenbarung in Zeit und Raumeskräften erkennt (6 F)
5 E — das Mantra der Woche: Das Mantra 5 E ist ein Lichtspruch und wie die anderen drei Lichtsprüche in der beschreibenden dritten Person Singular verfasst. Die umgebenden Mantren 4 D und 6 F weisen dagegen Ich-Sprecher auf. Im Mantra 4 D wechselt die Darstellung nach der wörtlichen Rede der Empfindung zur neutralen Beschreibung, im Mantra 6 F reflektiert der Ich-Sprecher durchgängig seine Situation.
Das Mantra 5 E beginnt mit der Beschreibung der Tätigkeit des aus Geistestiefen stammenden Lichtes. Es webt fruchtbar im Raum und offenbart dadurch das Schaffen der Götter. Das Licht aus Geistestiefen ist nach meinem Verständnis die Lebenskraft, die alle Wesen erschafft, belebt und in ihnen aufsteigt, um von den niederen zu den höheren Lebewesen zu immer klarerem Bewusstsein zu werden. Dieses Weben offenbart das Schaffen der Götter, denn es ist ihre Weisheit, die die Organismen aufbauen und sinnvoll in das Gesamtgefüge der Natur einordnen kann.
In diesem Licht erscheint das Wesen der Seele. Doch es erscheint nicht im Körper eingeschlossen, wie es der Mensch meist empfindet, sondern geweitet zum Weltensein. Die Seele erscheint groß wie die Welt. Durch diese Weitung ist sie auferstanden aus der Enge, wo sie nur im Innern Macht, weil sie als Selbstheit der Welt getrennt gegenüberstand.
In dem Licht, das alles Leben auf der Erde webt und fruchtbar vermehrt, erscheint die Seele und zwar nun gerade nicht verkörpert, sondern auferstanden und zum Weltensein geweitet. Die Seele ist Welt geworden. Doch ihr Welt-Sein ist nicht aus Stoff, sondern aus Licht gewoben. Es ist dasselbe Licht, das auch das Schaffen der Götter offenbart. Wie kann man sich das vorstellen? Das auferstandene Sein der Seele offenbart zunächst, inwiefern der Mensch selber an sich gearbeitet hat. Es offenbart den Menschen. Doch seine Daseinsbedingungen kann sich der Mensch nicht selbst erschaffen. Hier wirken und erschaffen die Götter für ihn seine dreigliedrige leibliche Organisation, den physischen Leib, den Ätherleib und den Astralleib.
Denke ich mir die Licht-Welt gewordene, auferstandene Seele als Jahreskreis, so ist sie Eins geworden mit dem leuchtenden, in den Umkreis ausstrahlenden Zentrum des Kreises. Doch das Fortschreiten der Zeit bewirkt nicht die Seele, auch nicht die auferstandene; das bewirken die im Licht webenden Götter.
4 D — die Vorbereitung: Im Mantra 4 D spricht die Empfindung. Sie äußert, dass sie das Wesen ihres Wesens fühlt. Nachfolgend wird gesagt, was die Empfindung tut und will. Hierdurch wird deutlich, was für die Empfindung das Wesentliche ist, was ihr Wesen ausmacht. Sie vereint sich mit Lichtesfluten, während die Welt sonnenerhellt ist. Außerdem will sie — diese lichtaffine Empfindung — dem Denken zu dessen Klarheit Wärme schenken sowie Mensch und Welt zu einer Einheit verbinden, die fest zusammenhält. Die lichtaffine Empfindung ist also eine im Licht agierende, warme Kraft, die zusammenschweißt, was vorher getrennt war.
Mit dem Sündenfall (1. Mose 2–3) wurden Adam die Augen aufgetan. Der Mensch erlangte die grundsätzliche Fähigkeit, sich als Einzelwesen zu erleben, und der Welt wahrnehmend gegenüber zu treten. Doch das bedingt, sich getrennt von der Welt zu erleben. Diese Trennung überwindet die Empfindung, indem sie das auf die physischen Sinneswahrnehmungen reagierende Seelenglied ist. Laut Rudolf Steiner ragt sie über den physischen Leib hinaus: “Aber die Grenze der Empfindungsseele fällt nicht mit derjenigen des physischen Körpers zusammen. Diese Seele ragt über den physischen Leib hinaus. Man sieht daraus, daß sie sich mächtiger erweist, als er ist.” (GA 9, S. 39) Und indem die Empfindungsseele größer ist als der physische Leib, bildet sie etwas wie einen Übergang von Welt und Mensch, etwas wie der Kitt zwischen den beiden Teilen. Gleichzeitig ist die Empfindungsseele an den Leib gebunden. Rudolf Steiner fährt fort: “Aber die Kraft, durch die ihr die Grenze gesetzt ist, geht von dem physischen Leibe aus.” (GA 9, S. 39)
Die Seele, die im Mantra 5 E zum Weltensein geweitet ist, kann also nicht die Empfindungsseele sein — jedenfalls nicht, wenn die Weitung räumlich gedacht wird.
Die zeitlichen Räume, die von der Empfindungsseele überspannt werden, sind dagegen groß, denn sie spielt für das Erinnern eine wichtige Rolle. Sie ist es, die nach Rudolf Steiner die Erlebnisse über den Augenblick der Gegenwart hinaus bewahrt. “Für das «Ich» bedeuten Erinnerung und Vergessen etwas durchaus Ähnliches wie für den Astralleib Wachen und Schlaf. Wie der Schlaf die Sorgen und Bekümmernisse des Tages in ein Nichts verschwinden läßt, so breitet Vergessen einen Schleier über die schlimmen Erfahrungen des Lebens und löscht dadurch einen Teil der Vergangenheit aus. Und wie der Schlaf notwendig ist, damit die erschöpften Lebenskräfte neu gestärkt werden, so muß der Mensch gewisse Teile seiner Vergangenheit aus der Erinnerung vertilgen, wenn er neuen Erlebnissen frei und unbefangen gegenüberstehen soll. Aber gerade aus dem Vergessen erwächst ihm Stärkung für die Wahrnehmung des Neuen. … Wie würde der Mensch schreiben, wenn beim jedesmaligen Ansetzen der Feder alle die Erlebnisse in der Seele als Erinnerung aufstiegen, welche beim Schreibenlernen durchgemacht werden mußten.
Nun tritt die Erinnerung in verschiedenen Stufen auf. Schon das ist die einfachste Form der Erinnerung, wenn der Mensch einen Gegenstand wahrnimmt und er dann nach dem Abwenden von dem Gegenstande die Vorstellung von ihm wieder erwecken kann. Diese Vorstellung hat der Mensch sich gebildet, während er den Gegenstand wahrgenommen hat. Es hat sich da ein Vorgang abgespielt zwischen seinem astralischen Leibe und seinem Ich. Der Astralleib hat den äußeren Eindruck von dem Gegenstande bewußt gemacht. Doch würde das Wissen von dem Gegenstande nur so lange dauern, als dieser gegenwärtig ist, wenn das Ich nicht das Wissen in sich aufnehmen und zu seinem Besitztume machen würde. Hier an diesem Punkte scheidet die übersinnliche Anschauung das Leibliche von dem Seelischen. Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entstehung des Wissens von einem gegenwärtigen Gegenstande im Auge hat. Dasjenige aber, was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet man als Seele. Man sieht aber zugleich aus dem Gesagten, wie eng verbunden im Menschen der Astralleib mit dem Teile der Seele ist, welcher dem Wissen Dauer verleiht. Beide sind gewissermaßen zu einem Gliede der menschlichen Wesenheit vereinigt. Deshalb kann man auch diese Vereinigung als Astralleib bezeichnen. Auch kann man, wenn man eine genaue Bezeichnung will, von dem Astralleib des Menschen als dem Seelenleib sprechen, und von der Seele, insofern sie mit diesem vereinigt ist, als der Empfindungsseele.” (Lit.: GA 13, S. 64, Hervorhebungen A.F.)
Hier wird deutlich, dass der Mensch, das Ich, durch die Erfahrungen in Form von Erinnerungen mit der Welt verbunden ist — bewirkt durch die Empfindungsseele. Und mit dem Karmagedanken im Hintergrund lässt sich hinzufügen, dass diese Verbindung von Mensch und Welt über den Tod hinausreicht.
Das Mantra 4 D schildert, dass die Empfindung im Licht tätig ist. Dafür vereint sie sich in der sonnerhellten Welt mit Lichtesfluten. Möglicherweise ist sie die ungenannte Weberin des Mantras 5 E, die das Licht verwebt, sodass das Schaffen der Götter sich offenbart. Bei dem Götterschaffen könnte es sich um die Verwirklichung der Schicksalsgesetze handeln, die das Erleben des vorherigen Lebens mit dem jetzigen verbinden.
6 F — die Vollendung: Das Mantra 6 F spricht sehr ähnliche Themen an wie das Mantra 5 E. Doch dieses Mantra ist aus der Perspektive eines seiner selbst bewussten Ich-Sprechers geschrieben, das Mantra 5 E nicht. Ging es beim Mantra 5 E um das Wesen der Seele, geht es hier um das eigene Selbst. Das Wesen der Seele (5 E) erscheint geweitet zum Weltensein und auferstanden aus der engen Innenmacht der Selbstheit. Das Selbst des Ich-Sprechers (6 F) ist zuerst erstanden aus der Eigenheit und dann findet es sich als Weltenoffenbarung - und zwar zweifach: sowohl in den Zeitenkräften, als auch in den Raumeskräften.
Fast spiegelbildlich sind diese beiden Mantren verschränkt. Was unbewusst für das Wesen der Seele (5 E) geschah, ihre Weitung zum Weltensein, bildete die Voraussetzung ihrer Auferstehung. Darauf kann das Selbst aufbauen. Im Mantra 6 F wird für das Selbst das Erstanden-sein aus der Eigenheit als Tatsache zuerst geschildert. Danach findet sich das Selbst als Weltenoffenbarung. Das Selbst (6 F) findet sich als Offenbarung, als zu verstehende Erscheinung, nicht als verändertes, geweitetes Sein, als Weltensein, wie das Seelenwesen (5 E).
Was im Mantra 5 E ein seins-verändernder Prozess war, ist im Mantra 6 F ein Akt der Bewusstwerdung. Da sie vom Selbst als Ich-Sprecher formuliert wird, handelt es sich um eine Erkenntnis, die dem wachen menschlichen Bewusstsein zugänglich ist.
Was hat sich also vollzogen, wenn das Selbst aus der Eigenheit erstanden ist? Sowohl Selbstheit (5 E) als auch Eigenheit (6 F) enden auf ‑heit — ebenso wie Krankheit. Und zusammen mit dem Verb “erstanden” kommt mir die Szene in den Sinn, in der Christus am Teich Bethesda zum Lahmen sagt: “Steh auf, Nimm dein Lager und geh!” (Joh. 5,8 — Übersetzung Emil Bock) Rudolf Steiner beschreibt, dass der Einweihungsschüler lernen muss, seinen physischen Leib wie etwas außerhalb seiner Wesenheit zu tragen — wie der Geheilte sein Lager. Aus der Eigenheit zu erstehen könnte also bedeuten, sich aus der Identifikation des Selbst mit dem physischen Körper zu erheben und diesen wie sein Bett zu tragen. Rudolf Steiner sagt: „Alle Menschen sagen zu dem Leibe, den sie tragen: Ich. Dein Leib muss dir nicht wichtiger sein als irgendein anderer Gegenstand. Du musst deinen Leib als etwas Fremdes empfinden“ (GA 97/5). Diese Haltung charakterisiert eine bestimmte Stufe der Einweihung, bei der der Mensch lernt, „den Leib als etwas ganz Äußerliches anzusehen, den Leib herumzutragen, wie wir sonst ein Instrument, einen Hammer oder ein anderes Werkzeug herumtragen“ (GA 97/19).
Erst nach dieser Loslösung von der Identifikation des Selbst mit dem physischen Leib kann es sich neu finden — als Weltenoffenbarung. Zwei verschiedene Kräfte bilden die Grundlage der neu gefundenen Selbsterkenntnis: die Zeit- und die Raumeskräfte. Für mich sind die Zeitkräfte die dreifache Erscheinung der Zeit als Gegenwärtigkeit, lineare und zyklische Zeit, die durch Kombination sieben Zeitkräfte bilden. Jakob Böhme nennt sie die sieben Quellgeister Gottes (mehr dazu hier: https://www.stellamaris-seelenkalender.de/?page_id=2262).
Die Raumeskräfte erkenne ich in den zwölf Tierkreiskräften, die in Gestalt der zwölf Weltanschauungen zwölf Perspektiven auf das Menschenwesen darstellen. Rudolf Steiner sagt: “Was ich so als die zwölf Hauptweltanschauungen hingestellt habe, das muß man kennen als etwas, was man wirklich so überschaut, daß man gleichsam immer die eine Weltanschauung neben die andere so kreisförmig hin stellt und sie ruhend betrachtet. Sie sind möglich; man muß sie kennen. Sie verhalten sich wirklich so, daß sie ein geistiges Abbild des uns ja wohlbekannten Tierkreises sind. Wie den Tierkreis scheinbar die Sonne durchläuft und wie andere Planeten scheinbar den Tierkreis durch laufen, so ist es der menschlichen Seele möglich, einen Geisteskreis zu durchlaufen, welcher zwölf Weltanschauungsbilder enthält.“ (Lit.: GA 151, S. 46f)
Diesem Selbst, das sich als Weltenoffenbarung in Zeit- und Raumeskräften findet, dem zeigt die Welt überall sein göttliches Urbild und dadurch die Wahrheit des eigenen Abbild-Seins.
Alle drei Sprüche sprechen von der Welt, bzw. vom Raum und vom Menschen. Was den Menschen betrifft, findet sich hier eine dreistufige Benennung: 4 D: Mensch, 5 E: Seele, 6 F: Selbst. Verstehe ich das Selbst als Geist — wie sonst könnte es sich als Weltenoffenbarung finden — dann entspricht diese Dreiheit Körper, Seele und Geist. Sorgt die Empfindung (4 D) für die Einheit von Mensch und Welt, steht das Selbst (6 F) der zweifachen Weltenoffenbarung erkennend gegenüber. Die Welt wird zum ungetrübten Spiegel.
Ein Wort von Viktor Frankel soll diese Betrachtungen abschließen:
Ein ganzer Mensch
ist ein Mensch,
der Berührung
mit seinem Urbild hat,
der sich impulsiert fühlt,
durch das, was er sich
aus seiner geistigen Herkunft
gebildet hat.
(Viktor Frankl)
Drei Ergänzungen
Das jüdische Omer-Zählen
Beginnend mit Pessach werden im Judentum 50 Tage bis Shawout, dem Wochenfest gezählt. Das entspricht der Zeitspanne von Ostern bis Pfingsten. Diese Zählung wird Omer-Zählen genannt. Omer bedeutet die erste Garbe der neuen Ernte, die feierlich geschnitten und geopfert wurde. Diese Zeit gilt als Zeit der inneren Heilung und schrittweisen Korrektur nach dem an Pessach gedachten Auszug aus Ägypten. Nach kabbalistischer Tradition bedeutet dieser Auszug die Überwindung des Egos. Danach müssen Schritte innere Neuausrichtung und Stärkung bis zum Empfang der Thora, des göttlichen Lichtes an Schawout, vollzogen werden. Das innere Wachstum wird begleitet durch das Omer-Zählen. Seit talmudischer Zeit ist diese Phase wegen der Ermordung der Schüler von Rabbi Akiba eine Trauerzeit, die nur durch den 33. Tag, genannt Lag BaOmer, unterbrochen wird. Dies ist ein freudiger Tag, ein innerer Wendepunkt in der Verbindung zu Gott, an dem im Gegensatz zu den anderen Tagen Hochzeiten gefeiert werden können.
Lege ich die Tage von Ostern bis Pfingsten zu Grunde, ist der 33. Tag der Donnerstag der Lichtspruch-Woche 5 E und damit genau eine Woche vor Himmelfahrt, das stets am 40. Tag nach Ostern gefeiert wird.
Das Fenster der Weisheit und der Spiegel der rätselhaften Schau — Erkenntnismöglichkeiten der Engel und des Menschen nach Alanus ab Insulis
Alanus ab Insulis (um 1120 — 1202) spricht von einem „Fenster der Weisheit“, durch das die Engel schauen und von einem „Spiegel der rätselhaften Schau“, in den Menschen blicken. Die Engel erblicken also durch das Fenster die Welt direkt, der Mensch schaut im Spiegel sich selbst. Er muss durch die Selbsterkenntnis zu Welterkenntnis kommen.
Der Engel ist ein Zeichen, der Mensch ein Bild Gottes. Alanus erklärt: „Dich, Gott, preisen in den Höhen die Engel. O wunderbare Erhabenheit der Göttlichkeit, die die Engel in den Höhen preisen, die Menschen auf der Erde bekennen; die die unbeseelten Dinge verkündigen, die Könige anbeten. Diese Erhabenheit erkennen die Engel im Begriff (species), die Menschen sehnen sich nach ihr in ihrer Hoffnung (spes); die Engel schauen sie in dem Fenster (specular); ihrer Weisheit, die Menschen sehen sie im Spiegel (speculum) der rätselhaften Schau. Engel sind Bürger, wir Verbannte; sie sind ein Zeichen Gottes, wir ein Bild.
Es besteht nämlich ein Unterschied zwischen einem Zeichen Gottes, einem Abbild, einem Bild und einem Kennzeichen. Das Abbild des Vatergottes ist der Sohn, insofern er ihn in allem abbildet; denn er ist mit dem Vater gleich, gleichewig und wesensgleich. Der Engel dagegen ist ein Zeichen Gottes, insofern er ihn in einigem abbildet; denn in vielem ist der Engel Gott ähnlich, jedoch nicht in allem. Deshalb heißt es von Luzifer im Hinblick auf seinen Stand vor dem Fall: <Du [warst] das Zeichen der Ähnlichkeit Gottes> (Ezechiel 28,12). Dagegen ist der Sohn das Abbild des Vaters aufgrund der Wesenseinheit, der Engel aber ein Zeichen im Sinne einer Nachahmung. Schließlich wird der Mensch als Bild Gottes wie ein Nachbild bezeichnet, weil er nicht so deutlich wie der Engel Gott ähnlich ist. Und alles Geschaffene wird Kennzeichen Gottes genannt, weil es durch sein Wesen, seine Ordnung und durch seine Schönheit Gott verkündigt“ (Wolf-Ulrich Klünker, Alanus ab Insulis, 1993, S. 49, 51).
Der Spiegel, Magie, Mythos, Geschichte
Der Spiegel diente in verschiedenen alten Kulturen magischen Zwecken. So wurde die Kraft des ägyptischen Sonnen- und Schöpfergottes Re im Spiegel eingefangen, ebenso im Shintoismus, wo der Spiegel als <Selbst> der Sonnengöttin galt. Der Name der mexikanischen Lebensgöttin Tazcatlipoka bedeutet <glänzender Spiegel> und Tezcatlipoca, Gott der Nacht und der Materie bei den Tolteken und Azteken wurde <rauchende Spiegel> genannt. Er blickt damit in die Herzen und die Zukunft. Auch Dionysos führte einen Spiegel mit und die kykladischen Marmorschalen dienten wahrscheinlich als Wasserspiegel.
Im Folgenden gebe ich einen (gekürzten) Artikels von Erika Zeise wieder, der 1986 in der Zeitschrift “Die Christengemeinschaft” erschienen ist.
„Spiegel ermöglichten, dem Volksglauben nach, nicht nur Ausblicke in räumliche, sondern auch in zeitliche Fernen. Sie haben okkulte Kräfte, man sieht mit ihnen in die Zukunft. Weit verbreitet war die Furcht, das Bild im Spiegel, wenn auch nur im Traum, künde den Tod an. Noch bis heute glauben Melanesier, Zulus, und die Nachfahren der Atzteken, derjenige sterbe, der sein Bild im Spiegel erblickt, und sie verbieten deshalb kleinen Kindern und schwangeren Frauen, in den Wasserspiegel zu schauen. Bis heute werden auch bei uns noch nach einem Todesfall die Spiegel verhängt oder nach der Wand gekehrt, damit der Geist der Verstorbenen nicht das Spiegelbild der Lebenden und damit dessen Seele mitnehmen kann. Denn das Spiegelbild wurde, als magisches Geisterbild, als Offenbarung aus einer anderen Welt, mit der Seele gleichgesetzt. Das melanesische Wort für Spiegel ist gleichbedeutend mit <Seele>. Im Hindu-Buddhismus gibt es Darstellungen von Yama, dem Herrn des Totenreichs, der zum Gericht einen Spiegel des Karmas für seinen Urteilsspruch benutzt. … Die Geschichte des Spiegels, der Bewusstsein fördert und gleichzeitig gleißnerisch verführt, der sehend und auch blind machen kann, … seit dem Mittelalter [umfasst die Bedeutung des Spiegels] den Bereich der Moral. So konnte der Spiegel das Sinnbild des Lasters, der Verschwendung ebenso sein wie das Symbol der Weisheit. … Das Auge wurde immer als Spiegel der Seele angesehen. Aristophanes nannte es <der Sonnenscheibe Widerspiel>. Plotin äußert sich im 1. Buch der Enneaden: <Niemals würde das Auge die Sonne sehen, wenn es nicht sonnenhaft wäre>, was Goethe zu den Versen veranlasste:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt´ uns Göttliches entzücken?
Aber im Auge spiegelt sich auch der nächste Mensch, die Mutter, der Liebende. Die Pupille heißt ja <Püppchen> wegen dieser Spiegelung. … Denn hinter der Spiegelung im anderen steht als Bild die Spiegelung des Menschen im Auge Gottes. Der Mystiker Jakob Böhme schreibt über das Auge als Spiegel der Seele, es sei <ein Modell des ersten Spiegels, welcher Gott selbst ist, der Ewigkeit Auge, das macht und ist ein Spiegel: Gottes Wunderauge, da von Ewigkeit ist alles Werden darinnen gesehen worden>.
… Und Goethe nimmt in seiner Farbenlehre einen Gedanken Leonardos auf, der empfiehlt, ein Licht zwischen zwei Spiegel zu stellen, um die Unendlichkeit zu ahnen:
Spiegel hüben, Spiegel drüben,
Doppelstellung auserlesen.
Und dazwischen ruht im Trüben
Als Kristall das Menschenwesen.
… Aus dem gesamten Bereich des Spiegels, angesiedelt zwischen Materie und Geist, hebt uns Paulus im 1. Korinther, Kap. 13, Vers 12, mit den Worten heraus: <Denn jetzt sehen wir in einem Spiegel nur undeutliche Bilder, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen nur Stückwerk; dann aber werde ich ganz erkennen, wie auch ich ganz erkannt worden bin>.” (Erika Zeise, in der Zeitschrift: Die Christengemeinschaft, April 1986)
