Der Zeit-Impuls des Mantras 12 ! ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
11 L

Es ist in dieser Sonnenstunde

An dir, die weise Kunde zu erken­nen:

An Wel­tenschön­heit hingegeben,

In dir dich füh­lend zu durchleben:

Ver­lieren kann das Menschen-Ich

Und find­en sich im Welten-Ich.

12 !

Der Wel­ten Schönheitsglanz

Er zwinget mich aus See­len­tiefen

Des Eigen­lebens Götterkräfte

Zum Wel­tenfluge zu entbinden;

Mich sel­ber zu verlassen,

Ver­trauend nur mich suchend

In Wel­tenlicht und Weltenwärme.

13 M

Und bin ich in den Sin­neshöhen,

So flammt in meinen See­len­tiefen

Aus Geistes Feuer­wel­ten

Der Göt­ter Wahrheitswort:

In Geis­tes­grün­den suche ahnend

Dich geistver­wandt zu find­en.

Der Zeitim­puls von 12 !: Einweihung

(Das Mantra 12 ! hat keinen Buch­staben und das Aus­rufeze­ichen ist von mir hinzuge­fügt, um zu verdeut­lichen, dass der Buch­stabe nicht vergessen wurde.)

vor­bere­it­et durch die weise Kunde — die Belehrung (11 L)

vol­len­det durch das Wahrheitswort der Göt­ter — die Sprache des Schick­sals (13 M)

Liebe, Weisheit und Macht

Das The­ma dieser drei Mantren ist die Ein­wei­hung. Sie bein­hal­tet die Auseinan­der­set­zung mit den Widersachermächten.

“Gott ist reine, lautere Liebe, nicht höch­ste Weisheit, nicht höch­ste Macht. Gott hat behal­ten die Liebe, geteilt aber hat er die Macht und die Weisheit mit Luz­ifer und Ahri­man. Die Weisheit hat er geteilt mit Luz­ifer und mit Ahri­man die Macht, damit der Men­sch frei sei, damit der Men­sch unter dem Ein­fluß der Weisheit weit­er­schre­it­en könne.” (GA 143, S. 209)

Luz­ifer und Ahri­man ver­suchen üben den Men­schen Macht zu gewin­nen und zwar jew­eils am gegen­teili­gen Pol ihrer von Gott zugeteil­ten Kom­pe­tenz. Rudolf Stein­er sagt: “Es ist im Grunde genom­men der Men­sch so: ober­halb ist eine Welt, die kos­mis­ch­er Gedanke ist, unter­halb ist eine Welt, die kos­mis­ch­er Wille ist. Und immerzu ist der Men­sch der Angriff­spunkt für Luz­ifer von der Wil­lens­seite her und der Angriff­spunkt für Ahri­man auf der Gedanken­seite. Ahri­man möchte fortwährend den Men­schen ganz zum Kopfe machen. Luz­ifer möchte fortwährend dem Men­schen den Kopf abschla­gen, dass er gar nicht denken kann, dass alles auf dem Umwege durch das Herz in Wärme her­ausströmt, dass er ganz über­fließt von Wel­tenliebe und aus­fließt in die Welt als Wel­tenliebe, als ein kos­misch- schwärmerisches Wesen aus­fließt.” (GA 205, S. 125)

Ahri­man ver­sucht also im gedanklich zu erfassenden Weisheits­ge­bi­et, dem recht­mäßi­gen Gebi­et Luz­ifers, zu wirken und den Men­schen ganz zum Kopf zu machen, Luz­ifer wirkt aus dem Willen, dem Machtzen­trum des Men­schen, das Ahri­mans recht­mäßiger Bere­ich ist. Hier will Luz­ifer den Men­schen kopf­los machen, ihn zwar in Liebe, doch Form- und Weisheit­s­los aus­fließen lassen. Zwis­chen diesen Kräften muss der Men­sch die Mitte hal­ten. Das Mantra 12 ! ist umgeben vom Mantra 11 L, das durch seine weise Kunde, seine Belehrung den Kopf anspricht und vom Mantra 13 M, das durch sein flam­mendes Wahrheitswort aus den See­len­tiefen eine Sprache des Kör­pers und des Schick­sals ist. Würde der Men­sch nur der weisen Kunde lauschen, dro­hte ahri­man­is­che Ver­fes­ti­gung. Würde er nur dem flam­menden Wahrheitswort lauschen, dro­hte luz­iferisches Ver­fließen. Dem beu­gen die Mantren selb­st vor, indem das Mantra 11 L vom Ver­lieren des Men­schen-Ichs spricht (und dem Find­en im Wel­ten-Ich), das Mantra 12 ! vom Suchen und das Mantra 13 M vom ahnen­den Find­en der eige­nen Geistverwandtschaft.

12 ! — das Mantra der Woche: Das Mantra 12 ! ist das Mantra der Johan­ni-Woche, denn es trägt neben der Zahl 12 die Über­schrift Johannes-Stim­mung. Johan­ni, die Geburt Johannes des Täufers, wird am 24. Juni gefeiert, im Jahreskreis genau gegenüber der Heili­gen Nacht am 24. Dezem­ber, der Christ­ge­burt. Das Son­nen-Sol­sti­tium, der Höch­st­stand der Sonne, hält einige Tage fast unverän­dert an, sodass diese Tage wie ein Still­stand erscheinen. Erst mit Johan­ni begin­nt die neue Bewe­gung, die Nacht begin­nt zu wach­sen, um schließlich zur Heili­gen Nacht zu wer­den. Die Datums-Zahl dieser bei­den Feiertage ist die 24. Unschw­er ist in der 24 die Menge 2 X 12 zu erken­nen — und darin die Ein­heit der 12 Tages- und 12 Nacht­stun­den – die über­ge­ord­nete Ein­heit von Licht und Dunkel. Solch ein Tag-Nacht Zyk­lus kann auch als eine große Welle betra­chtet wer­den. Dann weist die 24 auf die Untrennbarkeit von Wellen­berg und Wellen­tal. Und plöt­zlich kann man sich mit diesem Fest­tag am großen Fluss ste­hen sehen, am großen Fluss der ver­fließen­den Zeit – wie einst Johannes der Täufer am Jordan-Fluss.

In der Taufe am Jor­dan vol­l­zog Johannes an den Men­schen eine “kleine” Ein­wei­hung. Rudolf Stein­er sagt: „Die Men­schen wur­den unter­ge­taucht, und da wurde frei für einen Moment der Äther­leib. Durch die Jor­dan­taufe kon­nte der Men­sch die ganz beson­dere Wichtigkeit dieser welth­is­torischen Epoche empfind­en“ (GA 124 S. 221). Johannes tauchte die Men­schen also so lange unter Wass­er, bis sie in Todesnähe kamen und sich die Verbindung von physis­chem Leib und Äther­leib lock­erte. Dadurch beka­men sie eine Ahnung von der geisti­gen Welt jen­seits der physis­chen, jen­seits des Todes. Die damals prak­tizierte “große” Ein­wei­hung, war dage­gen erst nach jahre­langer Schu­lung möglich und wurde durch einen dreiein­halbtägi­gen todähn­lichen Ein­wei­hungss­chlaf vol­l­zo­gen. Über diese vorchristliche Ein­wei­hung sagt Rudolf Stein­er: „Die Einzuwei­hen­den müssen sich klar­ma­chen, dass sie Übun­gen durchzu­machen haben, die zulet­zt dahin führen, das Tode­ser­leb­nis zu haben; der Men­sch müsse inner­halb des Erden­seins erken­nend durch den Tod durchge­hen, damit er aus diesem Erken­nt­niser­leb­nis des Todes die andere Erken­nt­nis von seinem eige­nen unsterblichen ewigen Wesen gewinne“ (GA 221 S. 40f).

Jedes Mantra kann als Ein­wei­hung erlebt wer­den, doch gilt dies für das Mantra 12 ! in beson­derem Maße. Der Ich-Sprech­er des Mantras 12 ! wird gezwun­gen — ganz so wie die Men­schen bei der Jor­dan­taufe unter Wass­er gehal­ten wur­den. Und auch heute geschieht Ein­wei­hung, indem eine höhere Macht wirkt und das kleine, irdis­che Ich des getren­nten Bewusst­seins machtvoll über die Gren­ze des Irdis­chen führt.

In keinem anderen Mantra des See­lenkalen­ders wird eine solche Macht aus­geübt. Doch was da so zwin­gend wirkt, das ver­wun­dert. Es ist der Schön­heits­glanz der Welt. Die Wahrnehmungswelt zwingt den Ich-Sprech­er, seine Göt­terkräfte, die während des indi­vidu­ellen Lebens in den See­len­tiefen gebun­den waren, zum Wel­tenflug zu ent­binden. Dem Ich-Sprech­er bleibt keine Wahl. Er muss sich selb­st ver­lassen. Er muss seine alte Iden­tität und alles was zu ihr gehörte aufgeben. Was ihm bleibt ist nur das Ver­trauen, dass die Möglichkeit beste­ht, sich wiederzufind­en — und zwar zweifach — in Wel­tenlicht und Weltenwärme.

Der Zwang des Wel­ten Schön­heits­glanzes geschieht bei jed­er Wahrnehmung. Jedes Sin­nesor­gan des Men­schen ist ein Tor und mit jed­er Wahrnehmung ver­lässt der Men­sch sein Inneres und geht aus sich her­aus. So lange die Wahrnehmung währt, ohne dass das Denken sich ein­schal­tet, so lange dauert der Wel­tenflug der Wahrnehmung. Im gewöhn­lichen Bewusst­sein set­zt das Denken so schnell ein, kehrt der Men­sch so schnell wieder in sich selb­st zurück, dass er seinen Wahrnehmungs-Flug nicht bemerkt und auch keine Zeit hat, sich in der neuen Iden­tität gebildet aus Wel­tenlicht und Wel­tenwärme wiederzufinden.

Soweit lässt sich das Mantra nachvol­lziehen. Doch was sind die Göt­terkräfte, die zum eige­nen Leben gehören und bish­er gebun­den waren? Hier kön­nte es sich um die drei See­len­fähigkeit­en Denken, Fühlen und Wollen han­deln. Doch vielle­icht muss noch eine Stufe tiefer ange­set­zt wer­den. Möglicher­weise han­delt es sich um eine Zwei­heit von Kräften — um zwei See­len­schwin­gen, denn auch das Wiederfind­en beruht auf ein­er Zwei­heit: Wel­tenlicht und Wel­tenwärme. Die irdis­chen Göt­terkräfte kön­nten Wahrnehmung und Denken sein, die den Hal­b­jahren des See­lenkalen­der-Jahreskreis­es zuge­ord­neten Tätigkeit­en der Seele. In der Wahrnehmung ver­hält sich die Seele hingebend-pas­siv, also weib­lich, im Denken aktiv die Seele befruch­t­end, also männlich. Und durch das Pen­deln der Seele zwis­chen Wahrnehmung und Denken — sozusagen an der Gren­ze — find­et er sich als erken­nen­der Erdenmensch.

In Rus­s­land gibt es seit dem 15. Jahrhun­dert den Bild-Typ der Sophien-Iko­nen. Eine stets geflügelte, feurig-rot gesichtige Sophia, Gottes Weisheit, thront in der Mitte in ein­er fast immer kreis­run­den Sphäre. Doch unter der göt­tlichen Weisheit, der Sophia, wird im ortho­dox­en Chris­ten­tum nicht Maria-Sophia ver­standen, son­dern der Sohn Gottes. Die Weisheit ist sozusagen das noch unaus­ge­sproch­ene Logos­wort. Die Ikone bezieht sich auf das Wort Salo­mos: „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, hat ihre sieben Säulen aus­ge­hauen“ (Sprüche Salo­mos 9,1 ‑ELB). Auch Paulus nen­nt den Chris­tus neben Gerechtigkeit, Heilung und Erlö­sung „Weisheit von Gott“ (1.Kor. 1,30 — Luth) und meint damit den göt­tlichen Sohn. Erst das durch die Weisheit gebaute Haus wird als die Gottes­mut­ter ver­standen, in dem das Wort Fleisch wurde. Die Ikone bezeugt die Erfül­lung von Salo­mos genan­nter Prophezeiung.

Auf der recht­en Seite der Sophia (vom Betra­chter links) ste­ht Maria, die Mut­ter Jesu mit dem unge­bore­nen Chris­tus Emmanuel. Auf der linken Seite der Sophia ste­ht Johannes der Täufer. Über der Sophia ist der seg­nende Chris­tus zu sehen und darüber ein Altar mit dem Evan­geli­um. Dadurch wird auf die Wiederkun­ft Christi ver­wiesen. Manch­mal thront hier auch der Logos als ewiger Schöpfer, der hier noch über der Him­melssphäre mit stets sechs Engeln zu sehen ist. Immer wieder sind Maria und Johannes der Täufer mit Engels­flügeln dargestellt. Sie haben also einen solchen Grad an Vol­lkom­men­heit erre­icht, dass sie die Engel­stufe erre­icht haben. Im Marku­se­van­geli­um wird Johannes der Täufer durch das Wort des Jesa­ja tat­säch­lich als Engel beze­ich­net: “Siehe, meinen Engel sende ich vor dir her; er soll dir den Weg bere­it­en.” (Mk 1;2 — Emil Bock) Außer­dem gehören oft auch Sonne und Mond zum Bild und beto­nen die Ver­schieden­heit der recht­en und linken Seite. (Auf dem Bild allerd­ings von mir ergänzt.)

Ganz ähn­lich wie bei der Sophien-Ikone ste­hen Maria und Johannes unter dem Kreuz. Und zwar wer­den sie auf Kreuzi­gungs­darstel­lun­gen genau­so ange­ord­net. Doch gibt es einen wichti­gen Unter­schied. Dem Tod Christi wohnen Maria und der Jünger Johannes bei, nicht der Täufer.  Auf der Sophien-Ikone sind die bei­den Men­schen dargestellt, durch die der Gott Men­sch wurde. Durch Maria wurde Jesus auf Erden geboren und durch Johannes zog der Chris­tus­geist bei der Taufe in den Leib Jesu ein. Maria und Johannes der Täufer bezeu­gen also die Men­schw­er­dung des Gottes. Sie geleit­en ihn sozusagen zur Erde.

Maria und Johannes der Täufer sind irdis­che Men­schen, und doch tra­gen sie auf diesen Iko­nen immer wieder Flügel. Dadurch sind sie als himm­lis­che Wesen, als Engel dargestellt. Kön­nten in ihnen die Göt­terkräfte des men­schlichen Lebens darstellt sein, die der Men­sch zum Wel­tenflug ent­binden muss? Diese Kräfte müssen es ja sein, die dem Men­schen Flügel ver­lei­hen zum Wel­tenflug. Über Johannes den Täufer sagt der Chris­tus sel­ber: “Ja, ich sage euch: Von allen Men­schen, die je geboren wur­den, ist kein­er bedeu­ten­der als Johannes. Trotz­dem ist selb­st der Ger­ing­ste in Gottes Reich größer als er.” (Luk 7;28 — HFA) Johannes ist also der geistig größte Men­sch. Er ist schon am meis­ten Licht gewor­den, am umfassend­sten erleuchtet. Maria, die Gottes­ge­bärerin, ist der Inbe­griff der umhül­len­den Liebe. Sie ist dementsprechend die “größte Frau”, die kraftvoll­ste Wärme. Licht, also auch Wel­tenlicht, sagt Rudolf Stein­er, ist die erstor­bene vorzeit­ige Welt, während in der Wärme die Zukun­ft aufge­ht, die Zukun­ft geboren wird.

In der Wahrnehmung ist die Seele Maria. Sie baut dem in der Welt wirk­enden, die Welt erschaf­fend­en Wel­tenwort ein Haus, indem das Erschaf­fene wahrnehmend nach innen genom­men wird. Im Denken ist die Seele männlich. Sie ist aufgerufen zu erken­nen und zu bezeu­gen, wenn sich ein göt­tlich­er Funke, die Weisheit Gottes, in sie her­ab­senkt und eine Idee aufleuchtet, die nicht aus dem eige­nen Denken stammt. Wahrnehmend vere­inigt sich die Seele mit der Welt, umfängt sie mit warmer “som­mer­lich­er” Liebe, im Denken dis­tanziert sich die Seele in win­ter­lich­er, kristallin-klar­er Erkenntnis.

Die kreis­runde Sphäre um die Sophia ver­ste­he ich als Jahreskreis. Zunächst hat­te ich die Ori­en­tierung des Eis (mit der Oster­scholle unten) gewählt, weil ich die Sophia für weib­lich hielt. Doch auch jet­zt bleibe ich bei dieser Ori­en­tierung, da es bei Maria und Johannes dem Täufer um die Inkar­na­tion des Chris­tus geht, sein Geboren-Wer­den auf Erden, also um einen Prozess, der durch die weib­liche Men­schen­natur möglich ist. So ste­ht Maria für die Wahrnehmung, das Som­mer-Hal­b­jahr, Johannes für das Denken, das Winter-Halbjahr.

Sophien-Ikone, mit Maria und Johannes dem Täufer, Rus­s­land mit Jahreskreis (bear­beit­et), Now­goroder Bild-Typ

Kön­nte es also sein, dass sich der Men­sch, wenn er den Wel­tenflug gewagt hat, sein Men­schen-Ich ver­lassen hat und sich in Wel­tenlicht und Wel­tenwärme, im Wel­ten-Ich gefun­den hat, dass er dann sein Ich als göt­tlich­es Wesen in Gestalt der Sophia, Gottes Weisheit und Logoskraft, find­et — bezeugt von sein­er Marien-Kraft und sein­er Täufer-Kraft?

Das “Haus”, das sich die Weisheit baut, wie Salomon sagt, erkenne ich als Jahreskreis, als die zyk­lis­che Zeit. Aus seinem Zen­trum strahlt die schaf­fende Weisheit, das Wel­tenwort lichtvoll aus, Strahl für Strahl — Wort für Wort, wirk­sam in der lin­earen Zeit. Das Kreiszen­trum, sein Mit­telpunkt ist darüber hin­aus noch etwas anderes. Es ist die Gegen­wär­tigkeit des Wesens sel­ber. Begeg­nung in Gegen­wär­tigkeit bedeutet Einswerdung.

Im Mantra 10 K, im Son­nen­we­sen, kon­nte die Erleb­nisqual­ität der Imag­i­na­tion erkan­nt wer­den, im Mantra 11 L, in der wörtlichen Rede die Inspi­ra­tion. So fragt es sich, ob im Mantra 12 ! die Stufe der Intu­ition erre­icht ist. Rudolf Stein­er sagt über einen Men­schen im drit­ten Grad der Ein­wei­hung: „Er ist aufge­gan­gen in das Wel­ten-Ich. Er spricht aus diesem Wel­ten-Ich selb­st her­aus. Er darf den tief inner­sten Namen eines jeglichen Dinges zu diesem Dinge sagen.“ (GA 53, S. 272, Her­vorhe­bung A.F.). Und außer­dem nimmt dieser Men­sch „die Geis­ter der Per­sön­lichkeit [die Archai] wahr, die Geis­ter, die über­all als Grund­lage der Wel­ten-Iche ver­bor­gen liegen“ (GA 90b, S. 245, Her­vorhe­bung A.F.).

Von Phi­lo von Alexan­drien, einem jüdis­chen Philosophen und The­olo­gen (ca. 15 bis 10 v. Chr. — bis nach 40 n. Chr.) ist eine Schilderung sein­er Ein­wei­hung erhal­ten, in der er einen “Wel­tenflug” erlebte. Rudolf Stein­er sagt über ihn: “Das ist die Schilderung eines Erken­nt­nisweges, die so gehal­ten ist, daß man sieht, der diesen Weg geht, ist sich bewußt, daß, wenn der Logos in ihm lebendig wird, er mit dem Göt­tlichen zusam­men­fließt. Klar kommt das auch noch in den Worten [von Phi­lo] zum Aus­druck: «Wenn der Geist, von der Liebe ergrif­f­en, in das Heilig­ste seinen Flug nimmt, freudi­gen Schwunges, got­tbe­flügelt, so vergißt er alles andere und sich selb­st, er ist nur von dem erfüllt und an den geschmiegt, dessen Tra­bant und Diener er ist, und dem er die heilig­ste und keuscheste Tugend als Rau­chopfer dar­bringt.» — Es gibt für Phi­lo nur zwei Wege. Entwed­er man fol­gt dem Sinnlichen, dem, was Wahrnehmung und Ver­stand bieten, dann beschränkt man sich auf die eigene Per­sön­lichkeit, man entzieht sich dem Kos­mos; oder aber man wird sich der kos­mis­chen Allkraft bewußt; dann erlebt man inner­halb der Per­sön­lichkeit das Ewige.” (GA 8, S. 45f)

11 L — die Vor­bere­itung: Das Mantra 11 L ist eine große Belehrung. Wer hier zu dem mit “Du” ange­sproch­enen Hör­er spricht, bleibt im Dunkeln. Das Mantra kann als das vor jed­er Ein­wei­hung notwendi­ge Studi­um, als die Vor­bere­itung zur Ein­wei­hung, betra­chtet wer­den. Erken­nt der mit Du ange­sproch­ene die weise Kunde zur recht­en Zeit — in der Son­nen­stunde — so ist er bere­it, eingewei­ht zu wer­den. Und eine Übung bekommt der Ange­sproch­ene aufge­tra­gen: er soll sich an die Wel­tenschön­heit hingeben und währed­dessen sich in sich füh­lend durchleben.

Die Wel­tenschön­heit ist die Schön­heit der irdisch sicht­baren Welt, die Schön­heit der Blu­men, der Sterne, der Sonne im Auf- und Unter­gang usw . Im Mantra 12 ! steigert sich diese Schön­heit zum Wel­ten Schön­heits­glanz. Und erst der Glanz, also das Abstrahlen der Schön­heit zwingt den Ich-Sprech­er zum Wel­tenflug. Erst wenn die Schön­heit eine solche Vol­lkom­men­heit erre­icht, dass sie im über­tra­ge­nen Sinne glatt poliert und glänzend ist, sodass sie das ein­fal­l­ende Licht reflek­tieren kann, dann wirkt sie zwin­gend. Im Mantra 11 L soll der Ich-Sprech­er sich an die Wel­tenschön­heit hingeben. Hier kommt es ver­mut­lich darauf an, den Aus­druck der Welt aus vollem Herzen zu beja­hen, denn jede Kri­tik wirkt dis­tanzierend und fügt der Schön­heit im über­tra­ge­nen Sinne einen Kratzer zu, der ihren Glanz her­ab­set­zt und ihre Macht zum Wel­tenflug zu zwin­gen, mindert.

Gle­ichzeit­ig mit der Hingabe an die Wel­tenschön­heit, an die Außen­welt, soll der Ich-Sprech­er sich in sich sel­ber füh­lend durch­leben. Er soll alle Eck­en und Winkel seines Inneren fühlen — sich möglichst umfassend ken­nen­ler­nen, denn nur was ihm von sich sel­ber im Bewusst­sein ist, wird er auf den Wel­tenflug mit­nehmen können.

Nun wird dem Ich-Sprech­er verkün­det, dass der Men­sch sein Men­schen-Ich ver­lieren kann um sich stattdessen im Wel­ten-Ich zu find­en. Dies, so sagt Rudolf Stein­er, ist eine Stufe auf dem Ein­wei­hungsweg: „Dann geht dem Schüler auf der Zusam­men­fluss des Ich mit dem großen Wel­ten-Ich. Und nun muss er ler­nen, zu dem kleinen Ich zu sagen: Ich bin nicht Du“ (GA 93, S. 107, Her­vorhe­bung A.F.). Der Men­sch muss also ler­nen, sein irdis­ches Ich als Du anzus­prechen, während er sel­ber mit dem Wel­ten-Ich eins ist.

Vor diesem Hin­ter­grund beant­wortet sich die Frage, wer im Mantra 11 L zum Men­schen spricht nochmals neu. Es ist das mit dem Wel­ten-Ich zusam­menge­flossene Wesen des Men­schen, der Ich-Sprech­er selb­st, der sein eigenes Men­schen-Ich mit Du anspricht und belehrt.

13 M — die Vol­len­dung: Das Mantra 13 M begin­nt mit <Und>; die let­zte Zeile des Mantras 11 L begin­nt eben­so mit <Und>. Dadurch schließen diese bei­den Mantren aneinan­der an. War das Mantra 11 L eine Belehrung “von oben herab”, die den Ver­stand, den Kopf, ansprach, so wird in diesem Mantra der Ich-Sprech­er aus seinen eige­nen See­len­tiefen ange­sprochen. Doch was hier flam­mend spricht, stammt nicht aus der Seele, son­dern aus den Feuer­wel­ten des Geistes.  Die Feuer­wel­ten kön­nten das Reich der Erzen­gel sein, denn Erzen­gel wer­den Geis­ter des Feuers oder des Feuernebels und eben­so auch Göt­ter genan­nt. Um diese Geist­we­sen wahrnehmen zu kön­nen, muss der Men­sch die Stufe der Inspi­ra­tion erre­icht haben, er muss ihre Botschaft hören können.

Der Ich-sprech­er, zu dem das Wahrheitswort der Göt­ter gesprochen wird, befind­et sich in den Sin­neshöhen. Ist er dort durch den im Mantra 12 ! erzwun­genen Wel­tenflug gelandet? Begin­nt das Mantra deshalb so abrupt mit “Und”, set­zt sozusagen in der Mitte ein, weil der Ich-Sprech­er nach dem Flug erst hier wieder zu Bewusst­sein kommt? Und ist mit den Sin­neshöhen die höch­sten­twick­elte men­schliche Wahrnehmung gemeint, die höheren Sinne eingeschlossen?

In dieser höch­sten Höhe der Wahrnehmung, in der sich der höch­ste Sinn erschließt, flammt in den eige­nen See­len­tiefen das Wahrheitswort der Göt­ter. Die Göt­ter geben dem Ich-Sprech­er einen Auf­trag. Oder vielle­icht ist es richtiger zu sagen, dass sie ihm die Bedin­gung mit­teilen, die er zu erfüllen streben muss, wenn er in den Geis­tes­grün­den weilen will. Die Geis­tes­gründe sind sicher­lich die geisti­gen Wel­ten, vielle­icht die Paradies­land­schaft mit san­ften Hügeln und ver­schwiege­nen Tälern, den Grün­den. In diesem Wort liegt jedoch auch darin, dass die geistige Welt der Grund ist, dass die physis­che existiert, dass sie die Begrün­dende ist. Wenn sich der Ich-Sprech­er also in der Welt der geisti­gen Ursachen bewegt, muss er wenig­stens ver­suchen, dieser Welt zu entsprechen. Er muss ver­suchen, sich geistver­wandt zu find­en. Sich aus dem Geist geboren zu erken­nen, das geht für den Men­schen nur ahnungsweise, denn er ist noch auf dem Weg, ein geistiges Wesen zu werden.

Das Wahrheitswort der Göt­ter prüft den Men­schen, ob er den Wel­tenflug im Mantra 12 !, die Ein­wei­hung, gemeis­tert hat, ob er nun vom Geist und nicht mehr von der Erde abstammt. Das flam­mende göt­tliche Wahrheitswort fragt den Men­schen, ob er dem Geist ähn­lich gewor­den ist, ihm ver­wandt ist. Bildlich gesprochen soll der Men­sch im Mantra 13 M mit Feuer getauft wer­den, doch dafür muss er sein geistiges Wesen wenig­stens ahnend gefun­den haben.

Und was geschieht wohl mit dem, der sich nicht geistver­wandt find­en kann? Verzehren ihn dann die Flam­men aus den geisti­gen Feuerwelten?