
Der Zeit-Impuls des Mantras 12 ! ergießt sich dreifach
| Vergangenheit-Vorbereitung | Gegenwart-Geist-Impuls | Zukunft-Vollendung |
| 11 L
Es ist in dieser Sonnenstunde An dir, die weise Kunde zu erkennen: An Weltenschönheit hingegeben, In dir dich fühlend zu durchleben: Verlieren kann das Menschen-Ich Und finden sich im Welten-Ich. … |
12 !
Der Welten Schönheitsglanz Er zwinget mich aus Seelentiefen Des Eigenlebens Götterkräfte Zum Weltenfluge zu entbinden; Mich selber zu verlassen, Vertrauend nur mich suchend In Weltenlicht und Weltenwärme. |
13 M
Und bin ich in den Sinneshöhen, So flammt in meinen Seelentiefen Aus Geistes Feuerwelten Der Götter Wahrheitswort: In Geistesgründen suche ahnend Dich geistverwandt zu finden. … |
Der Zeitimpuls von 12 !: Einweihung
(Das Mantra 12 ! hat keinen Buchstaben und das Ausrufezeichen ist von mir hinzugefügt, um zu verdeutlichen, dass der Buchstabe nicht vergessen wurde.)
vorbereitet durch die weise Kunde — die Belehrung (11 L)
vollendet durch das Wahrheitswort der Götter — die Sprache des Schicksals (13 M)
Liebe, Weisheit und Macht
Das Thema dieser drei Mantren ist die Einweihung. Sie beinhaltet die Auseinandersetzung mit den Widersachermächten.
“Gott ist reine, lautere Liebe, nicht höchste Weisheit, nicht höchste Macht. Gott hat behalten die Liebe, geteilt aber hat er die Macht und die Weisheit mit Luzifer und Ahriman. Die Weisheit hat er geteilt mit Luzifer und mit Ahriman die Macht, damit der Mensch frei sei, damit der Mensch unter dem Einfluß der Weisheit weiterschreiten könne.” (GA 143, S. 209)
Luzifer und Ahriman versuchen üben den Menschen Macht zu gewinnen und zwar jeweils am gegenteiligen Pol ihrer von Gott zugeteilten Kompetenz. Rudolf Steiner sagt: “Es ist im Grunde genommen der Mensch so: oberhalb ist eine Welt, die kosmischer Gedanke ist, unterhalb ist eine Welt, die kosmischer Wille ist. Und immerzu ist der Mensch der Angriffspunkt für Luzifer von der Willensseite her und der Angriffspunkt für Ahriman auf der Gedankenseite. Ahriman möchte fortwährend den Menschen ganz zum Kopfe machen. Luzifer möchte fortwährend dem Menschen den Kopf abschlagen, dass er gar nicht denken kann, dass alles auf dem Umwege durch das Herz in Wärme herausströmt, dass er ganz überfließt von Weltenliebe und ausfließt in die Welt als Weltenliebe, als ein kosmisch- schwärmerisches Wesen ausfließt.” (GA 205, S. 125)
Ahriman versucht also im gedanklich zu erfassenden Weisheitsgebiet, dem rechtmäßigen Gebiet Luzifers, zu wirken und den Menschen ganz zum Kopf zu machen, Luzifer wirkt aus dem Willen, dem Machtzentrum des Menschen, das Ahrimans rechtmäßiger Bereich ist. Hier will Luzifer den Menschen kopflos machen, ihn zwar in Liebe, doch Form- und Weisheitslos ausfließen lassen. Zwischen diesen Kräften muss der Mensch die Mitte halten. Das Mantra 12 ! ist umgeben vom Mantra 11 L, das durch seine weise Kunde, seine Belehrung den Kopf anspricht und vom Mantra 13 M, das durch sein flammendes Wahrheitswort aus den Seelentiefen eine Sprache des Körpers und des Schicksals ist. Würde der Mensch nur der weisen Kunde lauschen, drohte ahrimanische Verfestigung. Würde er nur dem flammenden Wahrheitswort lauschen, drohte luziferisches Verfließen. Dem beugen die Mantren selbst vor, indem das Mantra 11 L vom Verlieren des Menschen-Ichs spricht (und dem Finden im Welten-Ich), das Mantra 12 ! vom Suchen und das Mantra 13 M vom ahnenden Finden der eigenen Geistverwandtschaft.
12 ! — das Mantra der Woche: Das Mantra 12 ! ist das Mantra der Johanni-Woche, denn es trägt neben der Zahl 12 die Überschrift Johannes-Stimmung. Johanni, die Geburt Johannes des Täufers, wird am 24. Juni gefeiert, im Jahreskreis genau gegenüber der Heiligen Nacht am 24. Dezember, der Christgeburt. Das Sonnen-Solstitium, der Höchststand der Sonne, hält einige Tage fast unverändert an, sodass diese Tage wie ein Stillstand erscheinen. Erst mit Johanni beginnt die neue Bewegung, die Nacht beginnt zu wachsen, um schließlich zur Heiligen Nacht zu werden. Die Datums-Zahl dieser beiden Feiertage ist die 24. Unschwer ist in der 24 die Menge 2 X 12 zu erkennen — und darin die Einheit der 12 Tages- und 12 Nachtstunden – die übergeordnete Einheit von Licht und Dunkel. Solch ein Tag-Nacht Zyklus kann auch als eine große Welle betrachtet werden. Dann weist die 24 auf die Untrennbarkeit von Wellenberg und Wellental. Und plötzlich kann man sich mit diesem Festtag am großen Fluss stehen sehen, am großen Fluss der verfließenden Zeit – wie einst Johannes der Täufer am Jordan-Fluss.
In der Taufe am Jordan vollzog Johannes an den Menschen eine “kleine” Einweihung. Rudolf Steiner sagt: „Die Menschen wurden untergetaucht, und da wurde frei für einen Moment der Ätherleib. Durch die Jordantaufe konnte der Mensch die ganz besondere Wichtigkeit dieser welthistorischen Epoche empfinden“ (GA 124 S. 221). Johannes tauchte die Menschen also so lange unter Wasser, bis sie in Todesnähe kamen und sich die Verbindung von physischem Leib und Ätherleib lockerte. Dadurch bekamen sie eine Ahnung von der geistigen Welt jenseits der physischen, jenseits des Todes. Die damals praktizierte “große” Einweihung, war dagegen erst nach jahrelanger Schulung möglich und wurde durch einen dreieinhalbtägigen todähnlichen Einweihungsschlaf vollzogen. Über diese vorchristliche Einweihung sagt Rudolf Steiner: „Die Einzuweihenden müssen sich klarmachen, dass sie Übungen durchzumachen haben, die zuletzt dahin führen, das Todeserlebnis zu haben; der Mensch müsse innerhalb des Erdenseins erkennend durch den Tod durchgehen, damit er aus diesem Erkenntniserlebnis des Todes die andere Erkenntnis von seinem eigenen unsterblichen ewigen Wesen gewinne“ (GA 221 S. 40f).
Jedes Mantra kann als Einweihung erlebt werden, doch gilt dies für das Mantra 12 ! in besonderem Maße. Der Ich-Sprecher des Mantras 12 ! wird gezwungen — ganz so wie die Menschen bei der Jordantaufe unter Wasser gehalten wurden. Und auch heute geschieht Einweihung, indem eine höhere Macht wirkt und das kleine, irdische Ich des getrennten Bewusstseins machtvoll über die Grenze des Irdischen führt.
In keinem anderen Mantra des Seelenkalenders wird eine solche Macht ausgeübt. Doch was da so zwingend wirkt, das verwundert. Es ist der Schönheitsglanz der Welt. Die Wahrnehmungswelt zwingt den Ich-Sprecher, seine Götterkräfte, die während des individuellen Lebens in den Seelentiefen gebunden waren, zum Weltenflug zu entbinden. Dem Ich-Sprecher bleibt keine Wahl. Er muss sich selbst verlassen. Er muss seine alte Identität und alles was zu ihr gehörte aufgeben. Was ihm bleibt ist nur das Vertrauen, dass die Möglichkeit besteht, sich wiederzufinden — und zwar zweifach — in Weltenlicht und Weltenwärme.
Der Zwang des Welten Schönheitsglanzes geschieht bei jeder Wahrnehmung. Jedes Sinnesorgan des Menschen ist ein Tor und mit jeder Wahrnehmung verlässt der Mensch sein Inneres und geht aus sich heraus. So lange die Wahrnehmung währt, ohne dass das Denken sich einschaltet, so lange dauert der Weltenflug der Wahrnehmung. Im gewöhnlichen Bewusstsein setzt das Denken so schnell ein, kehrt der Mensch so schnell wieder in sich selbst zurück, dass er seinen Wahrnehmungs-Flug nicht bemerkt und auch keine Zeit hat, sich in der neuen Identität gebildet aus Weltenlicht und Weltenwärme wiederzufinden.
Soweit lässt sich das Mantra nachvollziehen. Doch was sind die Götterkräfte, die zum eigenen Leben gehören und bisher gebunden waren? Hier könnte es sich um die drei Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wollen handeln. Doch vielleicht muss noch eine Stufe tiefer angesetzt werden. Möglicherweise handelt es sich um eine Zweiheit von Kräften — um zwei Seelenschwingen, denn auch das Wiederfinden beruht auf einer Zweiheit: Weltenlicht und Weltenwärme. Die irdischen Götterkräfte könnten Wahrnehmung und Denken sein, die den Halbjahren des Seelenkalender-Jahreskreises zugeordneten Tätigkeiten der Seele. In der Wahrnehmung verhält sich die Seele hingebend-passiv, also weiblich, im Denken aktiv die Seele befruchtend, also männlich. Und durch das Pendeln der Seele zwischen Wahrnehmung und Denken — sozusagen an der Grenze — findet er sich als erkennender Erdenmensch.
In Russland gibt es seit dem 15. Jahrhundert den Bild-Typ der Sophien-Ikonen. Eine stets geflügelte, feurig-rot gesichtige Sophia, Gottes Weisheit, thront in der Mitte in einer fast immer kreisrunden Sphäre. Doch unter der göttlichen Weisheit, der Sophia, wird im orthodoxen Christentum nicht Maria-Sophia verstanden, sondern der Sohn Gottes. Die Weisheit ist sozusagen das noch unausgesprochene Logoswort. Die Ikone bezieht sich auf das Wort Salomos: „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, hat ihre sieben Säulen ausgehauen“ (Sprüche Salomos 9,1 ‑ELB). Auch Paulus nennt den Christus neben Gerechtigkeit, Heilung und Erlösung „Weisheit von Gott“ (1.Kor. 1,30 — Luth) und meint damit den göttlichen Sohn. Erst das durch die Weisheit gebaute Haus wird als die Gottesmutter verstanden, in dem das Wort Fleisch wurde. Die Ikone bezeugt die Erfüllung von Salomos genannter Prophezeiung.
Auf der rechten Seite der Sophia (vom Betrachter links) steht Maria, die Mutter Jesu mit dem ungeborenen Christus Emmanuel. Auf der linken Seite der Sophia steht Johannes der Täufer. Über der Sophia ist der segnende Christus zu sehen und darüber ein Altar mit dem Evangelium. Dadurch wird auf die Wiederkunft Christi verwiesen. Manchmal thront hier auch der Logos als ewiger Schöpfer, der hier noch über der Himmelssphäre mit stets sechs Engeln zu sehen ist. Immer wieder sind Maria und Johannes der Täufer mit Engelsflügeln dargestellt. Sie haben also einen solchen Grad an Vollkommenheit erreicht, dass sie die Engelstufe erreicht haben. Im Markusevangelium wird Johannes der Täufer durch das Wort des Jesaja tatsächlich als Engel bezeichnet: “Siehe, meinen Engel sende ich vor dir her; er soll dir den Weg bereiten.” (Mk 1;2 — Emil Bock) Außerdem gehören oft auch Sonne und Mond zum Bild und betonen die Verschiedenheit der rechten und linken Seite. (Auf dem Bild allerdings von mir ergänzt.)
Ganz ähnlich wie bei der Sophien-Ikone stehen Maria und Johannes unter dem Kreuz. Und zwar werden sie auf Kreuzigungsdarstellungen genauso angeordnet. Doch gibt es einen wichtigen Unterschied. Dem Tod Christi wohnen Maria und der Jünger Johannes bei, nicht der Täufer. Auf der Sophien-Ikone sind die beiden Menschen dargestellt, durch die der Gott Mensch wurde. Durch Maria wurde Jesus auf Erden geboren und durch Johannes zog der Christusgeist bei der Taufe in den Leib Jesu ein. Maria und Johannes der Täufer bezeugen also die Menschwerdung des Gottes. Sie geleiten ihn sozusagen zur Erde.
Maria und Johannes der Täufer sind irdische Menschen, und doch tragen sie auf diesen Ikonen immer wieder Flügel. Dadurch sind sie als himmlische Wesen, als Engel dargestellt. Könnten in ihnen die Götterkräfte des menschlichen Lebens darstellt sein, die der Mensch zum Weltenflug entbinden muss? Diese Kräfte müssen es ja sein, die dem Menschen Flügel verleihen zum Weltenflug. Über Johannes den Täufer sagt der Christus selber: “Ja, ich sage euch: Von allen Menschen, die je geboren wurden, ist keiner bedeutender als Johannes. Trotzdem ist selbst der Geringste in Gottes Reich größer als er.” (Luk 7;28 — HFA) Johannes ist also der geistig größte Mensch. Er ist schon am meisten Licht geworden, am umfassendsten erleuchtet. Maria, die Gottesgebärerin, ist der Inbegriff der umhüllenden Liebe. Sie ist dementsprechend die “größte Frau”, die kraftvollste Wärme. Licht, also auch Weltenlicht, sagt Rudolf Steiner, ist die erstorbene vorzeitige Welt, während in der Wärme die Zukunft aufgeht, die Zukunft geboren wird.
In der Wahrnehmung ist die Seele Maria. Sie baut dem in der Welt wirkenden, die Welt erschaffenden Weltenwort ein Haus, indem das Erschaffene wahrnehmend nach innen genommen wird. Im Denken ist die Seele männlich. Sie ist aufgerufen zu erkennen und zu bezeugen, wenn sich ein göttlicher Funke, die Weisheit Gottes, in sie herabsenkt und eine Idee aufleuchtet, die nicht aus dem eigenen Denken stammt. Wahrnehmend vereinigt sich die Seele mit der Welt, umfängt sie mit warmer “sommerlicher” Liebe, im Denken distanziert sich die Seele in winterlicher, kristallin-klarer Erkenntnis.
Die kreisrunde Sphäre um die Sophia verstehe ich als Jahreskreis. Zunächst hatte ich die Orientierung des Eis (mit der Osterscholle unten) gewählt, weil ich die Sophia für weiblich hielt. Doch auch jetzt bleibe ich bei dieser Orientierung, da es bei Maria und Johannes dem Täufer um die Inkarnation des Christus geht, sein Geboren-Werden auf Erden, also um einen Prozess, der durch die weibliche Menschennatur möglich ist. So steht Maria für die Wahrnehmung, das Sommer-Halbjahr, Johannes für das Denken, das Winter-Halbjahr.

Sophien-Ikone, mit Maria und Johannes dem Täufer, Russland mit Jahreskreis (bearbeitet), Nowgoroder Bild-Typ
Könnte es also sein, dass sich der Mensch, wenn er den Weltenflug gewagt hat, sein Menschen-Ich verlassen hat und sich in Weltenlicht und Weltenwärme, im Welten-Ich gefunden hat, dass er dann sein Ich als göttliches Wesen in Gestalt der Sophia, Gottes Weisheit und Logoskraft, findet — bezeugt von seiner Marien-Kraft und seiner Täufer-Kraft?
Das “Haus”, das sich die Weisheit baut, wie Salomon sagt, erkenne ich als Jahreskreis, als die zyklische Zeit. Aus seinem Zentrum strahlt die schaffende Weisheit, das Weltenwort lichtvoll aus, Strahl für Strahl — Wort für Wort, wirksam in der linearen Zeit. Das Kreiszentrum, sein Mittelpunkt ist darüber hinaus noch etwas anderes. Es ist die Gegenwärtigkeit des Wesens selber. Begegnung in Gegenwärtigkeit bedeutet Einswerdung.
Im Mantra 10 K, im Sonnenwesen, konnte die Erlebnisqualität der Imagination erkannt werden, im Mantra 11 L, in der wörtlichen Rede die Inspiration. So fragt es sich, ob im Mantra 12 ! die Stufe der Intuition erreicht ist. Rudolf Steiner sagt über einen Menschen im dritten Grad der Einweihung: „Er ist aufgegangen in das Welten-Ich. Er spricht aus diesem Welten-Ich selbst heraus. Er darf den tief innersten Namen eines jeglichen Dinges zu diesem Dinge sagen.“ (GA 53, S. 272, Hervorhebung A.F.). Und außerdem nimmt dieser Mensch „die Geister der Persönlichkeit [die Archai] wahr, die Geister, die überall als Grundlage der Welten-Iche verborgen liegen“ (GA 90b, S. 245, Hervorhebung A.F.).
Von Philo von Alexandrien, einem jüdischen Philosophen und Theologen (ca. 15 bis 10 v. Chr. — bis nach 40 n. Chr.) ist eine Schilderung seiner Einweihung erhalten, in der er einen “Weltenflug” erlebte. Rudolf Steiner sagt über ihn: “Das ist die Schilderung eines Erkenntnisweges, die so gehalten ist, daß man sieht, der diesen Weg geht, ist sich bewußt, daß, wenn der Logos in ihm lebendig wird, er mit dem Göttlichen zusammenfließt. Klar kommt das auch noch in den Worten [von Philo] zum Ausdruck: «Wenn der Geist, von der Liebe ergriffen, in das Heiligste seinen Flug nimmt, freudigen Schwunges, gottbeflügelt, so vergißt er alles andere und sich selbst, er ist nur von dem erfüllt und an den geschmiegt, dessen Trabant und Diener er ist, und dem er die heiligste und keuscheste Tugend als Rauchopfer darbringt.» — Es gibt für Philo nur zwei Wege. Entweder man folgt dem Sinnlichen, dem, was Wahrnehmung und Verstand bieten, dann beschränkt man sich auf die eigene Persönlichkeit, man entzieht sich dem Kosmos; oder aber man wird sich der kosmischen Allkraft bewußt; dann erlebt man innerhalb der Persönlichkeit das Ewige.” (GA 8, S. 45f)
11 L — die Vorbereitung: Das Mantra 11 L ist eine große Belehrung. Wer hier zu dem mit “Du” angesprochenen Hörer spricht, bleibt im Dunkeln. Das Mantra kann als das vor jeder Einweihung notwendige Studium, als die Vorbereitung zur Einweihung, betrachtet werden. Erkennt der mit Du angesprochene die weise Kunde zur rechten Zeit — in der Sonnenstunde — so ist er bereit, eingeweiht zu werden. Und eine Übung bekommt der Angesprochene aufgetragen: er soll sich an die Weltenschönheit hingeben und währeddessen sich in sich fühlend durchleben.
Die Weltenschönheit ist die Schönheit der irdisch sichtbaren Welt, die Schönheit der Blumen, der Sterne, der Sonne im Auf- und Untergang usw . Im Mantra 12 ! steigert sich diese Schönheit zum Welten Schönheitsglanz. Und erst der Glanz, also das Abstrahlen der Schönheit zwingt den Ich-Sprecher zum Weltenflug. Erst wenn die Schönheit eine solche Vollkommenheit erreicht, dass sie im übertragenen Sinne glatt poliert und glänzend ist, sodass sie das einfallende Licht reflektieren kann, dann wirkt sie zwingend. Im Mantra 11 L soll der Ich-Sprecher sich an die Weltenschönheit hingeben. Hier kommt es vermutlich darauf an, den Ausdruck der Welt aus vollem Herzen zu bejahen, denn jede Kritik wirkt distanzierend und fügt der Schönheit im übertragenen Sinne einen Kratzer zu, der ihren Glanz herabsetzt und ihre Macht zum Weltenflug zu zwingen, mindert.
Gleichzeitig mit der Hingabe an die Weltenschönheit, an die Außenwelt, soll der Ich-Sprecher sich in sich selber fühlend durchleben. Er soll alle Ecken und Winkel seines Inneren fühlen — sich möglichst umfassend kennenlernen, denn nur was ihm von sich selber im Bewusstsein ist, wird er auf den Weltenflug mitnehmen können.
Nun wird dem Ich-Sprecher verkündet, dass der Mensch sein Menschen-Ich verlieren kann um sich stattdessen im Welten-Ich zu finden. Dies, so sagt Rudolf Steiner, ist eine Stufe auf dem Einweihungsweg: „Dann geht dem Schüler auf der Zusammenfluss des Ich mit dem großen Welten-Ich. Und nun muss er lernen, zu dem kleinen Ich zu sagen: Ich bin nicht Du“ (GA 93, S. 107, Hervorhebung A.F.). Der Mensch muss also lernen, sein irdisches Ich als Du anzusprechen, während er selber mit dem Welten-Ich eins ist.
Vor diesem Hintergrund beantwortet sich die Frage, wer im Mantra 11 L zum Menschen spricht nochmals neu. Es ist das mit dem Welten-Ich zusammengeflossene Wesen des Menschen, der Ich-Sprecher selbst, der sein eigenes Menschen-Ich mit Du anspricht und belehrt.
13 M — die Vollendung: Das Mantra 13 M beginnt mit <Und>; die letzte Zeile des Mantras 11 L beginnt ebenso mit <Und>. Dadurch schließen diese beiden Mantren aneinander an. War das Mantra 11 L eine Belehrung “von oben herab”, die den Verstand, den Kopf, ansprach, so wird in diesem Mantra der Ich-Sprecher aus seinen eigenen Seelentiefen angesprochen. Doch was hier flammend spricht, stammt nicht aus der Seele, sondern aus den Feuerwelten des Geistes. Die Feuerwelten könnten das Reich der Erzengel sein, denn Erzengel werden Geister des Feuers oder des Feuernebels und ebenso auch Götter genannt. Um diese Geistwesen wahrnehmen zu können, muss der Mensch die Stufe der Inspiration erreicht haben, er muss ihre Botschaft hören können.
Der Ich-sprecher, zu dem das Wahrheitswort der Götter gesprochen wird, befindet sich in den Sinneshöhen. Ist er dort durch den im Mantra 12 ! erzwungenen Weltenflug gelandet? Beginnt das Mantra deshalb so abrupt mit “Und”, setzt sozusagen in der Mitte ein, weil der Ich-Sprecher nach dem Flug erst hier wieder zu Bewusstsein kommt? Und ist mit den Sinneshöhen die höchstentwickelte menschliche Wahrnehmung gemeint, die höheren Sinne eingeschlossen?
In dieser höchsten Höhe der Wahrnehmung, in der sich der höchste Sinn erschließt, flammt in den eigenen Seelentiefen das Wahrheitswort der Götter. Die Götter geben dem Ich-Sprecher einen Auftrag. Oder vielleicht ist es richtiger zu sagen, dass sie ihm die Bedingung mitteilen, die er zu erfüllen streben muss, wenn er in den Geistesgründen weilen will. Die Geistesgründe sind sicherlich die geistigen Welten, vielleicht die Paradieslandschaft mit sanften Hügeln und verschwiegenen Tälern, den Gründen. In diesem Wort liegt jedoch auch darin, dass die geistige Welt der Grund ist, dass die physische existiert, dass sie die Begründende ist. Wenn sich der Ich-Sprecher also in der Welt der geistigen Ursachen bewegt, muss er wenigstens versuchen, dieser Welt zu entsprechen. Er muss versuchen, sich geistverwandt zu finden. Sich aus dem Geist geboren zu erkennen, das geht für den Menschen nur ahnungsweise, denn er ist noch auf dem Weg, ein geistiges Wesen zu werden.
Das Wahrheitswort der Götter prüft den Menschen, ob er den Weltenflug im Mantra 12 !, die Einweihung, gemeistert hat, ob er nun vom Geist und nicht mehr von der Erde abstammt. Das flammende göttliche Wahrheitswort fragt den Menschen, ob er dem Geist ähnlich geworden ist, ihm verwandt ist. Bildlich gesprochen soll der Mensch im Mantra 13 M mit Feuer getauft werden, doch dafür muss er sein geistiges Wesen wenigstens ahnend gefunden haben.
Und was geschieht wohl mit dem, der sich nicht geistverwandt finden kann? Verzehren ihn dann die Flammen aus den geistigen Feuerwelten?
