Der Zeit-Impuls des Mantras 10 K ergießt sich dreifach

Ver­gan­gen­heit-Vor­bere­itung Gegen­wart-Geist-Impuls Zukun­ft-Vol­len­dung
9 i

Vergessend meine Willenseigen­heit

Erfül­let Wel­tenwärme Sommerkündend

Mir Geist und Seelenwesen;

Im Licht mich zu verlieren

Gebi­etet mir das Geistesschauen,

Und kraftvoll kün­det Ahnung mir:

Ver­liere dich, um dich zu find­en.

.10 K

Zu som­mer­lichen Höhen

Erhebt der Sonne leuch­t­end Wesen sich,

Es nimmt mein men­schlich Fühlen

In seine Raumesweit­en mit,

Erah­nend regt im Innern sich

Empfind­ung, dumpf mir kün­dend,

Erken­nen wirst du einst:

Dich fühlte jet­zt ein Gotteswesen.

11 L

Es ist in dieser Sonnenstunde

An dir, die weise Kunde zu erken­nen:

An Wel­tenschön­heit hingegeben,

In dir dich füh­lend zu durchleben:

Ver­lieren kann das Menschen-Ich

Und find­en sich im Welten-Ich.

 

Der Zeitim­puls von 10 K: die makrokos­mis­che, große Seele

repräsen­tiert durch den See­len­raum aus Wollen (9 I), Fühlen (10 K), Denken (11 L)

zeitlich vor­bere­it­et durch das Vergessen des Eigen­wil­lens im Mantra 9 I (großes i)

vol­len­det durch das Hören der Kunde im Mantra 11 L

Die Osterscholle und das göttliche Auge

Mit dem Mantra 10 K begin­nt das, was ich die Son­nen­zeit des Jahres nenne, die Zeit, in der die christlichen Feste mit einem bes­timmten Datum ver­bun­den sind. Das war in der mit der Woche 9 I (großes i) zu Ende gehen­den Zeit nicht so. Während der soge­nan­nten Oster­scholle vari­iert das Datum der Feste von Jahr zu Jahr, denn es bes­timmt sich durch den Abstand zum Oster­fest, das durch die Oster­regel immer neu fest­gelegt wird. Diese von fes­ten Dat­en rel­a­tiv unab­hängige Zeit begin­nt sicht­bar mit der Ascher­mittwochs-Woche sieben Wochen vor Ostern und endet mit der Fron­le­ich­nams-Woche neun Wochen nach Ostern. Da die Faschingszeit stets vor Ascher­mittwoch kul­miniert und sich diese Zeit deshalb eben­so nach dem kom­menden Oster­fest richtet, gehe ich auch hier von neun Wochen aus. Das bedeutet, dass 18 Wochen unter dem Ostere­in­fluss ste­hen. Diese Zeit nenne ich den “Mond im Jahr”, weil sie — als “Oster­scholle” in den Jahreskreis geze­ich­net — sich wie eine Mond­sichel ausnimmt.

Durch diese 18 Wochen der Oster­scholle wird — cum gra­no salis — eine Drit­telung im Jahreskreis bewirkt. Dadurch kann ein großes, gle­ich­seit­iges Dreieck im Jahreskreis erblickt wer­den, dessen Spitzen Anfang und Ende der Oster­scholle sowie die Hal­b­jahress­chwelle im Herb­st bilden. Dieses Dreieck kann als das Zeichen des geheimnisvollen göt­tlichen Auges betra­chtet wer­den. Das ausstrahlende Zen­trum des Jahreskreis­es, die geistige Sonne, entspricht dann dem göt­tlichen Auge im Dreieck.

Die Oster­scholle bildet die Grund­lage eines großen gle­ich­seit­i­gen Dreiecks im Jahreskreis — wodurch das Zen­trum des Kreis­es als göt­tlich­es Auge erscheint

Über dieses vor allem aus der Freimau­r­erei bekan­nte Sym­bol sagt Rudolf Stein­er mit ange­fügter Zeich­nung: „Das Auge ist das göt­tliche Kraftauge hin­ter aller vergänglichen Wesen­heit, ja noch hin­ter der siebengliedri­gen Men­schen­natur. Man erlangt davon eine Vorstel­lung, wenn man sich erin­nert an des Augusti­nus’ Worte:

«Der Men­sch sieht die Dinge, wie sie sind.
Sie sind, wie Gott sie sieht.»

Das men­schliche Sehen ist pas­siv, die Dinge müssen da sein, damit der Men­sch sie sehen könne. Gottes Schauen schafft im Hin­schauen die Dinge. Das Dreieck um das Auge ist

Geist­selb­st (Man­as)

Lebens­geist (Bud­hi)

Geis­tes­men­sch (Atma)

Die Strahlen sind das «Ich» — es scheint die obere Drei­heit durch das Ich in die unteren Glieder der Menschennatur.

Diese sind symbolisiert:

  1. durch den beleuchteten Teil der Wolken: der Astralleib
  2. durch den unbeleuchteten Teil der Wolken: der Ätherleib
  3. durch die darum­liegende Fin­ster­n­is: der physis­che Leib.“ (Lit.: GA 265, S. 371)

Das göt­tliche Auge (GA 265, S. 371, leicht bear­beit­et) im See­lenkalen­der

Der Men­sch als Mon­den- und Sonnenform

Rudolf Stein­er zeigt wieder­holt, dass der Men­sch aus der Sonnen‑, d.h. Kreis- bzw. Kugelform, und der Mon­den­form aufge­baut ist. „Wir kön­nen das­jenige, … auch so beze­ich­nen, wir kön­nen sagen: Betra­cht­en wir den ganzen, vollen Men­schen, wie er in der Welt vor uns ste­ht, zunächst als Glied­maßen­men­schen, so zeigt er sich als solch­er nach Geist, Seele und Leib. Betra­cht­en wir ihn als Brust­men­schen, so zeigt er sich uns als Seele und Leib.

Die große Kugel: Geist, Leib, Seele; die kleinere Kugel: Leib, Seele; die kle­in­ste Kugel [der Kopf]: bloß Leib.“ (GA 293, S. 137)

Im Nach­wort find­et sich die Ergänzung, dass die vier ger­aden Strahlen vier Abschnit­ten eines Kreis­es entsprechen mit unendlich großem Kreisum­fang und Radius.

An ander­er Stelle sagt Rudolf Stein­er über die Mon­den­form, dass sie wiederum zum vollen Kreis ergänzt wer­den muss: „Aber so kön­nen wir schon den Men­schen auf­fassen gewis­ser­maßen als Kugelform und als Mon­den­form. Das hat eine tief-inner­liche Berechtigung; …

Nun ist das Haupt des Men­schen ein wirk­lich­er Appa­rat zunächst für die geistige Betä­ti­gung. Für alles das­jenige, was der Men­sch auf­brin­gen kann an men­schlichen Gedanken, men­schlichen Empfind­un­gen ist das Haupt, der Kopf der Appa­rat. Aber wenn wir angewiesen wären auf das­jenige, was der Kopf als Appa­rat leis­ten kann im Denken, Empfind­en, wür­den wir niemals imstande sein, das Wesen des Men­schen wirk­lich zu ver­ste­hen. Wenn wir über­haupt angewiesen wären, nur den Kopf als Werkzeug unseres Geis­teslebens zu benützen, wür­den wir niemals imstande sein, zu uns wirk­lich Ich zu sagen. Denn, was ist dieser Kopf? Dieser Kopf ist in Wahrheit, so wie er uns in sein­er Kugelform ent­ge­gen­tritt, ein Abbild des ganzen Kos­mos, wie Ihnen der Kos­mos zunächst erscheint mit all seinen Ster­nen, Fixster­nen, Plan­eten und Kome­ten, sog­ar Mete­orsteinen die Unregelmäßigkeit­en spuken ja in manchen Köpfen. Der men­schliche Kopf ist ein Abbild des Makrokos­mos, ist ein Abbild der ganzen Welt. Und nur das Vorurteil unser­er Zeit … weiß nichts davon, daß die ganze Welt daran beteiligt ist, daß ein men­schlich­es Haupt zus­tande kommt.

Aber wenn dieses men­schliche Haupt nun durch die Vererbung, durch die Geburt auf die Erde ver­set­zt ist, so kann dieses men­schliche Haupt kein Appa­rat sein, um die Wesen­heit des Men­schen selb­st zu begreifen. Uns wird gewis­ser­maßen in unserem Haupte ein Appa­rat gegeben, der wie ein Extrakt der ganzen Welt ist, der aber nicht imstande ist, den Men­schen zu begreifen. Warum? Ja, aus dem Grunde, weil der Men­sch mehr ist als alles das­jenige, was wir sehen, denken kön­nen durch unsern Kopf. Heute sagen viele Leute, das men­schliche Erken­nen hätte Gren­zen, man könne nicht weit­er über diese Gren­zen hin­auskom­men. Das rührt aber nur davon her, weil diese Men­schen bloß die Weisheit des Kopfes gel­ten lassen wollen, und die Weisheit des Kopfes geht allerd­ings nicht über gewisse Gren­zen hin­aus. … Die griechis­chen Göt­ter sind aus der Weisheit des Kopfes her­vorge­gan­gen. Sie sind die oberen Göt­ter; sie sind daher nur Göt­ter für alles das­jenige, was der Kopf des Men­schen mit sein­er Weisheit umspan­nen kann.

… In den Mys­te­rien verehrten die Griechen außer den himm­lis­chen Göt­tern noch andere Göt­ter, die chthonis­chen Göt­ter. Und von dem­jeni­gen, der in die Mys­te­rien eingewei­ht wurde, sagte man mit Recht: Er lernt ken­nen die oberen und die unteren Göt­ter. — Die oberen Göt­ter, das waren diejeni­gen des Zeuskreis­es; aber sie haben nur Herrschaft über das­jenige, was vor den Sin­nen aus­ge­bre­it­et ist und was der Ver­stand begreifen kann. Der Men­sch ist mehr als dieses. Der Men­sch wurzelt mit sein­er Wesen­heit im Reiche der unteren Göt­ter, im Reiche der chthonis­chen Götter.

Aber man kommt nicht zurecht, wenn man nur das­jenige vom Men­schen ins Auge faßt, was ich schema­tisch hier aufgeze­ich­net habe. Wenn man das Wurzeln des Men­schen im Bere­iche der unteren Göt­ter ins Auge fassen will, dann muß man schon diese Zeich­nung ver­voll­ständi­gen und muß sie so machen: Man muß auch gewis­ser­maßen den nicht belichteten Mond einbeziehen.

Man muß, mit anderen Worten, den Kopf des Men­schen anders betra­cht­en als den übri­gen Organ­is­mus. Beim übri­gen Organ­is­mus muß man viel mehr ins Auge fassen das­jenige, was geistig ist, was übersinnlich, was unsicht­bar ist. Der Kopf des Men­schen ist äußer­lich, so wie er uns ent­ge­gen­tritt, gewis­ser­maßen eine Vol­lkom­men­heit. Alles, was geistig ist, hat sich ein Abbild geschaf­fen im Kopfe. Im übri­gen Men­schen ist das nicht der Fall. Der übrige Men­sch ist nur ein Frag­ment als physis­ch­er Men­sch, und man kommt nicht zurecht mit dem übri­gen Men­schen, wenn man dieses fleis­chige Frag­ment nimmt, das sicht­bar auf der Erde herumwandelt.

… Der Kopf ist der Appa­rat unser­er Weisheit; … Der Kopf entwick­elt sich rasch, der übrige Organ­is­mus langsam. Ver­hält­nis­mäßig ist der Kopf schon ganz aus­ge­bildet beim Kinde, entwick­elt sich viel weniger weit­er. Der übrige Organ­is­mus ist noch wenig aus­ge­bildet, macht langsam seine Sta­di­en durch. Das hängt zusam­men damit, daß wir in der Tat ein Dop­pel­men­sch auch im Leben sind. Nicht nur unser Skelett zeigt den Kopf und den übri­gen Men­schen, son­dern unser Leben zeigt selb­st diese Zwien­atur unseres Wesens: unser Kopf entwick­elt sich schnell, unser übriger Organ­is­mus entwick­elt sich langsam. Unser Kopf macht in unser­er Zeit unge­fähr schon bis zu unserem achtundzwanzig­sten oder siebe­nundzwanzig­sten Jahre seine Entwick­elung durch, der übrige Organ­is­mus braucht dazu das ganze Leben bis zum Tode. Erleben näm­lich kann man das­jenige, was der Kopf ver­hält­nis­mäßig in kurz­er Zeit sich aneignet, nur im ganzen Leben. Es hängt das mit vie­len Geheimnis­sen zusammen.

Der Geis­tes­forsch­er erken­nt diese Dinge ins­beson­dere dann, wenn er ein­mal den Blick richtet auf einen Unglücks­fall. Es klingt wiederum para­dox, aber es entspricht der völ­li­gen Wahrheit. Denken Sie sich ein­mal, ein Men­sch wird erschla­gen, er geht durch einen Unglücks­fall zugrunde. Nehmen wir an, ein Men­sch wird in seinem dreißig­sten Jahre erschla­gen. Für die äußere physis­che Betra­ch­tung ist solch ein plöt­zlich­er Tod eine Art Zufall; aber es ist vor der geis­teswis­senschaftlichen Betra­ch­tung ein­fach lächer­lich, eine solche Sache als Zufall zu betra­cht­en. Denn in dem Momente, wo durch eine äußere Ver­an­las­sung, von außen her, ein Men­sch plöt­zlich in den Tod kommt, geht rasch unge­heuer viel mit ihm vor sich. Denken Sie sich, im gewöhn­lichen Zusam­men­hange der Dinge wäre dieser selbe Men­sch, der mit dreißig Jahren erschla­gen wor­den ist, vielle­icht siebzig, achtzig, neun­zig Jahre alt gewor­den. Da hätte er dadurch, daß er vom dreißig­sten bis neun­zig­sten Jahre noch gelebt hätte, langsam hin­tere­inan­der mancher­lei im Leben zugenom­men an Lebenser­fahrung. Das, was er so in sechzig Jahren durchgemacht hätte an Lebenser­fahrung, macht er, wenn er im dreißig­sten Jahre erschla­gen wird, kurz, vielle­icht in ein­er hal­ben Minute kön­nte es sein, durch. Die Zeitver­hält­nisse sind, wenn die geistige Welt in Betra­cht kommt, eben andere als sie uns hier im physis­chen Plan erscheinen. Ein rasch­er Tod, der durch äußere Ver­hält­nisse her­beige­führt wird — man muß die Sache ganz genau nehmen -, kann unter Umstän­den rasch die Erfahrung, die Erfahrung sage ich, die Lebensweisheit des ganzen Lebens durch­machen lassen, das noch hätte kom­men können.

Daran kann man studieren, wie das ist, was der Men­sch sein Leben hin­durch an Lebensweisheit, an Lebenser­fahrung sich aneignet. Und man kann daran studieren, wie sich ver­hält das­jenige, was der Kopf leis­ten kann mit sein­er kurzen Entwick­elung, gegenüber dem, was der übrige Men­sch leis­ten kann mit sein­er lan­gen Entwick­elung im sozialen Leben. Es ist wirk­lich so, daß der Men­sch während sein­er Jugendzeit gewisse Begriffe, gewisse Vorstel­lun­gen aufn­immt, die er lernt; aber er lernt sie eben da nur. Sie sind dann Kopfwis­sen. Das übrige Leben, das langsamer ver­läuft, ist dazu bes­timmt, das Kopfwis­sen umzuwan­deln allmäh­lich in Herzwis­sen — ich nenne jet­zt den andern Men­schen nicht den Kopf­men­schen, ich nenne ihn den Herzens­men­schen -, umzuwan­deln das Kopfwis­sen in Herzenswis­sen, in Wis­sen, an dem der ganze Men­sch beteiligt ist, nicht nur der Kopf.

Um das Kopfwis­sen in Herzenswis­sen umzuwan­deln, brauchen wir viel länger, als um uns das Kopfwis­sen anzueignen. Um uns das Kopfwis­sen anzueignen — wenn es schon ein ganz beson­ders gescheites Wis­sen ist, braucht man heute die Zeit bis in die Zwanziger­jahre hinein. Nicht wahr, dann wird man ein ganz gescheit­er Men­sch, akademisch ganz gescheit­er Men­sch, aber um dieses Wis­sen wirk­lich mit dem ganzen Men­schen zu vere­ini­gen, muß man beweglich bleiben sein Leben hin­durch. Und man braucht, um das Kopfwis­sen in Herzenswis­sen umzuwan­deln, eben um so viel länger, als man länger lebt als bis zum siebe­nundzwanzig­sten oder sech­sundzwanzig­sten Jahre. Insofern ist man auch als Men­sch eine Zwien­atur. Man eignet sich rasch das Kopfwis­sen an und kann es dann umwan­deln im Laufe des Lebens in Herzenswissen.

… Das bloße Weisheitswis­sen wird umge­wan­delt durch die aus dem Men­schen auf­steigende Herzenswärme oder Liebe. Weisheit wird im Men­schen von der Liebe befruchtet. …

Und das ist in der Tat ein tiefes, bedeut­sames Lebensgesetz. …

Weil die Men­schen die inner­liche Lebendigkeit sich nicht erhal­ten, da erkaltet ihr Herz; es strömt die Herzenswärme nicht nach dem Kopfe hin­auf, es befruchtet die Liebe, die aus dem übri­gen Organ­is­mus kommt, den Kopf nicht. Das Kopfwis­sen bleibt kalte The­o­rie. Aber es braucht nicht kalte The­o­rie zu bleiben, es kann alles Kopfwis­sen umge­wan­delt wer­den in Herzenswis­sen. Und das ist ger­ade die Auf­gabe der Zukun­ft, daß das Kopfwis­sen allmäh­lich in Herzenswis­sen umge­wan­delt wird. Da wird ein wirk­lich­es Wun­der geschehen, wenn das Kopfwis­sen in Herzenswis­sen umge­wan­delt wird.” (GA 180, 13. Vor­trag 12.1.1918)

Die Mon­den­form in der Zeich­nung von Rudolf Stein­er meint den men­schlichen Kör­p­er. Doch seine wahre geistige Gestalt ist eben­so ein Kreis bzw. eine Kugel, wie es der Kopf ist. Sie bildet sich, indem sich sein Leben mit dem Tod run­det. Betra­chte ich den Tageszyk­lus als den Kopf, erscheint der Jahreskreis mit der Oster­scholle als Körper.

Der “Monden”-Körper — ergänzt durch die Lebenser­fahrung — der Jahreskreis mit Osterscholle

Die Son­nen­zeit des Jahres entspricht dann der Ergänzung des mond­för­mig dargestell­ten Kör­p­er-Frag­ments und bedeutet das Sam­meln der Lebenser­fahrung während des ganzen Lebensweges. Das Ziel dieses großen Zyk­lus ist die Umwand­lung des Kopfwis­sens in erfahrenes Herzwis­sen. Beispiel­sweise muss die Ken­nt­nis, dass ein Jahr 52 Wochen zählt, in die Erfahrung von 52 qual­i­ta­tiv vol­lkom­men unter­schiedlich­er Wochen umge­wan­delt wer­den. Mir scheint, genau dafür hat Rudolf Stein­er den See­lenkalen­der geschaf­fen. Die als erste dargestellte Zeich­nung von Rudolf Stein­er (GA 293) weist die mit­tlere Kugel als Brust­men­schen aus und diese hat eben­so die Mon­den­form inte­gri­ert. Dieser Kugel weist er Leib und Seele zu.

10 K — das Mantra der Woche: Das Mantra 10 K ist das erste Mantra der Son­nen­zeit des Jahres. Auch wenn die Wochen ohne unser Zutun wech­seln und wir jedes Jahr, ob wir es wollen oder nicht, den Schritt von der Mon­den­zeit — der Oster­scholle — zur Son­nen­zeit machen, bedeutet dieser Schritt eine gewaltige Verän­derung. Es ist der Schritt von der getren­nten und selb­st­bes­timmten Per­sön­lichkeit zur Allver­bun­den­heit. Für das irdis­che Bewusst­sein zeigt sich dies durch den Wech­sel der kalen­darischen Modi von Feierta­gen, von den vari­ablen zu den gle­ich­bleiben­den. Zwar fol­gen auch die Feste der Osterzeit klaren Regeln und diese sind keineswegs vom einzel­nen Men­schen zu bee­in­flussen, doch kann im beweglichen Oster­dat­en ein Äquiv­a­lent zum Eigen­willen der Per­sön­lichkeit erlebt wer­den. Und dieser Eigen­wille musste für den Schritt in die Son­nen­zeit aufgegeben wer­den, denn nun gibt es für die Feste keine Vari­abil­ität mehr. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass eine größere Macht den Men­schen zu tra­gen begin­nt, ihn bes­timmt. Diese Macht ist die Sonne.

Das Mantra 10 K spricht von der Sonne und diese Sonne ist ein leuch­t­en­des Wesen. Sie erhebt sich zu som­mer­lichen Höhen. Ihre ganze Macht — und Kraft — kommt in der Erhöhung zum Aus­druck. Und das Son­nen­we­sen nimmt das men­schliche Fühlen des Ich-Sprech­ers mit in die von ihm in der Erhe­bung beherrscht­en Raumesweit­en. Die Weite ste­ht in “Raumesweit­en” in der Mehrzahl. Das weckt das Bild eines Raumes, der sich in immer neuen Wellen weit­er und weit­er ausweit­et — sich dehnt in immer neue Räume. Und deshalb sind die Raumesweit­en zwar als Raum, aber nicht als begren­zt anzusehen.

Das Mantra 10 K stellt das men­schliche Fühlen in den Mit­telpunkt und verbindet es mit der Sonne, denn das Son­nen­we­sen nimmt dieses Fühlen mit in die Höhe und Weite. In der Darstel­lung des drei­gliedri­gen See­len­raumes — dem Ei — gehört das Fühlen zum Son­nen­bere­ich, zum son­nen­gle­ich ausstrahlen­den Kreiszentrum.

Von Angelus Sile­sius stammt der Satz: „Setz dich in’n Mit­telpunkt, so siehst du all’s zugle­ich: was jet­zt und dann geschieht, hier und im Him­mel­re­ich.“ Sehr deut­lich kommt für mich darin zum Aus­druck, dass das Geheim­nis der zyk­lis­chen Zeit, des Zeit-Raums, in den man ein­treten kann, bekan­nt war. Rudolf Stein­er kom­men­tiert diesen Ausspruch (und weit­ere) so: “Die Höhe ist damit erstiegen, auf welch­er der Men­sch hin­auss­chre­it­et über sein indi­vidu­elles Ich und jeden Gegen­satz zwis­chen der Welt und sich aufhebt. Ein höheres Leben begin­nt für ihn. Wie der Tod des alten und eine Aufer­ste­hung im neuen Leben erscheint ihm das innere Erleb­nis, das ihn überkommt.” (GA 7, S. 96) Daran schließt er ein weit­eres Zitat von Angelus Sile­sius: «Wann du dich über dich erheb­st und läßt Gott wal­ten: so wird in deinem Geist die Him­melfahrt gehalten.»

Der Ich-Sprech­er im Mantra 10 K zeigt sich in diesem geisti­gen Raum, in dieser Höhe und Weite weniger Bewusst, als Angelus Sile­sius dies für das geistige Him­melfahrts-Erleb­nis voraus­set­zt. Im Ich-Sprech­er regt sich lediglich eine Empfind­ung, die eine Ahnung auf­steigen lässt. Die Ahnung kün­det dumpf, also kaum ins Bewusst­sein tre­tend und doch als eine eigene geistige Instanz. Sie spricht den Ich-Sprech­er als Du an und ver­heißt ihm Erken­nt­nis, die sich einst ein­stellen wird, also wenn die Zeit dafür reif ist. Und diese Erken­nt­nis wird dann sein, dass ihn, den Ich-Sprech­er, — das im Augen­blick gegen­wär­tige Bewusst­sein — jet­zt ein Gotteswe­sen fühlt. Und diese Erken­nt­nis scheint nicht im Augen­blick des Geschehens, son­dern nur rück­blick­end möglich zu sein.

Wie fühlt ein Gotteswe­sen den Men­schen? Gle­icht sein Fühlen vielle­icht einem Anblick­en? Ist hier möglicher­weise die Imag­i­na­tion des göt­tlichen Auges die richtige Vorstel­lung? Das bedeutet, dass mein ausstrahlen­des Bewusst­sein, was in seinem Ursprung ein füh­len­des Gewahr­sein ist und stets aus meinem Zen­trum strahlt, in jedem Jet­zt gefühlt, wahrgenom­men wird vom göt­tlichen Bewusst­sein. Auch das Gotteswe­sen strahlt sein Bewusst­sein vom Zen­trum aus und mit diesem Ausstrahlen, so denke ich mir, erschafft es den Zyk­lus dieses Zeitraumes — durch seine Gegen­wär­tigkeit, die gle­ichzeit­ig ein erschaf­fend­es Wahrnehmen ist.

9 I (großes i) - die Vor­bere­itung: Im Mantra 9 I ste­ht der Men­sch wie gesagt vor dem alles verän­dern­den Schritt in die Son­nen­zeit des Jahres. Die Woche 9 I ist die Fron­le­ich­nams-Woche, die let­zte Woche der Oster­scholle, denn Fron­le­ich­nam ist das let­zte Fest, dessen Datum durch den Abstand zum ver­gan­genen Oster­fest definiert wird.

Der Ich-Sprech­er im Mantra 9 I schildert, wie er seine Wil­len­seigen­heit im Begriff ist zu vergessen. Dieses Vergessen entspricht dem Schritt von der Mon­den- zur Son­nen­zeit des Jahres. Im fol­gen­den Gedicht wird diese See­len­si­t­u­a­tion mit anderen Worten und Bildern ausgedrückt.

Stell Dich der Luft
sei wie ein Narr
luftverwurzelt
und steh weit offen

Betrof­fen rück bis an
den Rand des
Unbeschreiblichen

und dann spring
Im Unausweichlichen
ist Halt

(Mein­ert Steensen)

Der Eigen­wille ist ver­bun­den mit der eige­nen Blutwärme. Wird der Eigen­wille vergessen, wie es das Mantra 9 I schildert, weicht offen­sichtlich auch die Eigen­wärme, denn nun erfüllt die Wel­tenwärme den Geist und das Wesen der Seele dieses Ich-Sprech­ers. Dieses Ereig­nis kün­det vom Som­mer. Mir scheint, dass der Som­mer das nach­todliche Leben bedeutet. Das Som­mer-Hal­b­jahr ste­ht für die Hingabe an die Wahrnehmungswelt, an das max­i­male Aus-sich-Her­aus­ge­hen und das bedeutet zu sterben.

In dieser neuen Sit­u­a­tion herrscht die Wahrnehmung, sie gebi­etet in Gestalt des Geistess­chauens, dass sich der Ich-Sprech­er im Licht ver­lieren soll. Er soll seine bish­er beste­hende irdis­che Iden­tität im Licht auflösen. Und mit anderen Worten kün­det ihm die Ahnung, hier eine kraftvolle, sozusagen vitale Instanz, etwas ganz Ähn­lich­es. Der Ich-Sprech­er soll sich ver­lieren, um sich zu find­en. Mit Nach­druck wird er an eine Gren­ze geschoben, die im irdis­chen Leben nicht vorstell­bar ist, sie zu überschreiten.

Das Geistess­chauen gebi­etet, die Ahnung kün­det, doch tun muss es der Ich-Sprech­er sel­ber. Er muss die neue Sit­u­a­tion ergreifen, sie wollen, obwohl er seinen Eigen­willen doch ger­ade ver­gisst. Er muss bere­it sein, sich führen zu lassen.

Das Mantra the­ma­tisiert den Willen, die “irdis­chste” der See­len­fähigkeit­en, doch nicht so, wie der Men­sch auf der Erde seinen Willen als Eigen­willen erlebt, son­dern als Auf­forderung zur Koop­er­a­tion zum einen mit dem Geistess­chauen, zum anderen mit der Ahnung. Ver­ber­gen sich dahin­ter vielle­icht die geisti­gen Kor­re­late von Wahrnehmung und Denken?

11 L — die Vol­len­dung: Im Mantra 11 L spricht eine unge­nan­nte Instanz ein Du an und damit den voraus­ge­set­zten Ich-Sprech­er. Doch dessen Reak­tion erfährt der Leser nicht, denn das ganze Mantra ist eine einzige wörtliche Rede. Das Mantra liest sich deshalb wie ein Teil eines inneren Dialogs — eines inneren Denkprozess­es. Doch so wie der Wille im Mantra 9 I kein irdis­ch­er Wille mehr ist, so zeigt sich auch das Denken nicht mit der zweifel­nden Unsicher­heit behaftet, wie es im irdis­chen Leben erscheint. Das Bewusst­sein des Ich-Sprech­ers lauscht ein­er stren­gen, autoritär belehren­den Stimme, die mit göt­tlich­er Voll­macht zu sprechen scheint.

Es ist Son­nen­stunde. Eine nicht genan­nte Glocke läutet sozusagen die Mit­tagszeit ein. Und zu diesem Zeit­punkt ist es notwendig, dass der Ange­sproch­ene etwas erken­nt. Es ist an ihm — die Ver­ant­wor­tung liegt bei ihm — und es ist “kurz vor zwölf” dafür. Jet­zt muss er die weise Kunde erken­nen. Wer eine Kunde ken­nt, ist ein Kundi­ger. Der Ange­sproch­ene soll offen­sichtlich ein Ken­ner der Seele wer­den — und zwar der von der Wahrnehmung angeregten Seele. Während er an die Wel­tenschön­heit hingegeben ist, soll er sich gle­ichzeit­ig in sich sel­ber füh­lend durch­leben. Er soll sein Bewusst­sein max­i­mal aus­dehnen. Er soll sich der göt­tlich geschaf­fe­nen Wahrnehmungswelt, der Wel­tenschön­heit, hingeben und gle­ichzeit­ig in sich sel­ber das eigene Fühlen bewusst durch­leben. Damit soll er die Kunde erken­nen, dass das Erleben der irdis­chen Real­ität eine Schöp­fung des men­schlichen, urteilen­den Geistes ist, denn diese Real­ität beruht auf den vorgenomme­nen Bew­er­tun­gen der gemacht­en Wahrnehmungen. Der angere­dete Ich-Sprech­er soll Ken­nt­nis davon erlan­gen, was Vik­tor Fran­kl (1905 — 1997) in die Worte fasst: „Zwis­chen Reiz und Reak­tion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl, unsere Entwick­lung und unsere Frei­heit.“ Damit ist aus­ge­drückt, dass der Reiz, die Wahrnehmung vom Men­schen mit ein­er aus dem Innern, dem Denken kom­menden Reak­tion beant­wortet wird und diese Antwort ist nicht vorbes­timmt, son­dern vom Men­schen wählbar.

Der Ange­sproch­ene soll erken­nen, dass er das, was er bish­er für seine Iden­tität, für sein Ich hielt, dass er dieses im Urteilen, im Denken erfasste Men­schen-Ich ver­lieren kann. Und dass dies ihm ermöglicht, sich im Wel­ten-Ich zu find­en. Rudolf Stein­er sagt über diesen Sachver­halt: “Man muß schon sein Erden-Ich ver­lieren, um sein wirk­lich­es wahres Ich in der Anschau­ung zu bekom­men. Und der­jenige, der nicht diese Hingabe entwick­eln würde, der kann eben an dieses wahre Ich nicht her­ankom­men. Man möchte sagen: Das wahre Ich will nicht gesucht sein, wenn es erscheinen soll, wenn es sich offen­baren soll; und es ver­birgt sich, wenn es gesucht wird. Denn es wird nur in der Liebe gefun­den. Und Liebe ist Hingabe des eige­nen Wesens an das fremde Wesen. Daher muß das wahre Ich wie ein fremdes Wesen gefun­den wer­den.“ (GA 84, S. 142)

Das Mantra schildert eine Möglichkeit. Und diese Möglichkeit hängt offen­sichtlich mit der Erken­nt­n­is­fähigkeit des Men­schen zusam­men — ob er zur recht­en Stunde die weise Kunde erken­nt. Das Wel­ten-Ich ist laut Rudolf Stein­er der Chris­tus und dieser will vom Men­schen erkan­nt wer­den. „Chris­tus ist das Wel­ten-Ich, das Wel­tenleben. Das hat sicht­bar unter den Men­schen gelebt.“ (GA 91, S. 58) Seit dem kann der Men­sch sich find­en im Wel­ten-Ich und sein eigenes Bewusst­sein bewahren, obwohl er sein irdis­ches Men­schen-Ich an der Schwelle zur geisti­gen Welt ver­lieren muss.

In den Mantren 9 I, 10 K und 11 L erkenne ich eine große, über die drei Mantren aus­ge­bre­it­ete, makrokos­mis­che Seele. Jedes Mantra the­ma­tisiert eine See­len­fähigkeit­en und deren Auf­gabe in der geisti­gen Welt.

Das Mantra 9 I han­delt vom Willen, es ste­ht dort, wo sich der Impuls der großen Seele vor­bere­it­et und das Mantra begin­nt in der Ver­laufs­form der Gegen­wart (Vergessend …). Das Mantra 11 L, welch­es das Denken behan­delt, das hier als Erken­nen der Kunde umschrieben wird, ste­ht dort, wo sich der Impuls vol­len­det und es begin­nt mit abgeschlossen­er Gegen­wart (Es ist …). Den Höhep­unkt dieses Impuls­es, seine Gegen­wart, bildet das Mantra 10 K. Es spricht vom Fühlen in der schlicht­en, beschreiben­den Gegenwart.

Sowohl der Wille als auch das Denken müssen ihr Selb­st- bzw. Ich-Erleben ver­lieren und neu find­en. Allein das Fühlen erlebt die direk­te Begeg­nung mit dem Göt­tlichen. Das Gotteswe­sen nimmt das men­schliche Fühlen in die Raumesweit­en mit und fühlt den Men­schen. Der Men­sch erlebt dadurch eine Weitung seines Füh­lens in kos­misch-göt­tliche Dimen­sio­nen, wodurch er für das Gotteswe­sen wahrnehm­bar wird. Für das Gotteswe­sen kann vielle­icht kom­ple­men­tär-entsprechend eine konzen­tri­erende, in das Men­schen­we­sen einziehende Bewe­gung als Entsprechung angenom­men wer­den, sodass der Men­sch später, einst, das ihn füh­lende Gotteswe­sen erkennt.

In allen drei Mantren fällt die Vari­a­tion eines Wortes auf: “kün­den” — “kün­dend” — “Kunde”. Im Mantra 9 I kün­det die Ahnung und weist auf die Zukun­ft, die wie von außen auf den Men­schen zukommt. Im Mantra 10 K regt die Empfind­ung sich im Innern und kün­det dumpf, vor­be­wusst. Sie kündigt eine noch nicht ins Bewusst­sein getretene Erken­nt­nis an. Und im Mantra 11 L ist es die weise Kunde, die erkan­nt wer­den soll. Was Kunde, also bewusstes Wis­sen wer­den soll, wird zunächst wie von außen durch die Ahnung dem Men­schen mit­geteilt. Dann ringt sich diese Erken­nt­nis als eigene Ein­sicht aus dem Innern ins Bewusst­sein hin­auf, kündigt sich nur dumpf an, um schließlich als weise Kund vom tag­wachen Bewusst­sein erkan­nt zu wer­den. Die im Mantra 9 I kün­dende Ahnung scheint mir zum Kopf, zum Ver­stand zu sprechen. Die dumpf kün­dende Empfind­ung (10 K), die sich im Innern regt, ist die erlebte Lebenser­fahrung, die noch dabei ist, Herzwis­sen zu wer­den. Erken­nt der Ich-Sprech­er die weise Kunde (11 L), ist das Herzwis­sen aufgestiegen und bewusst geworden.